Pr. Moriz. Fort! fort! der Teufel soll auf jeden Verräther und auf die
fürchterlichen Correspondenten fahren! fort, fort! -- --
_Florentin_ ahndete nichts von dieser Seite und blieb ruhig; allein seine
ganze Heiterkeit war verschwunden; düster und ernsthaft ging er vor sich
umher, verschlossen in seinen Zimmern lag er und sann er nach Rettung, aber
vergebens.
»Zum Richtplaz! -- zum Richtplaz! wohl denn, ich bin ein Mensch; der Tod
ist einmal mein gewisses Ziel; -- ich gehe!«
So sprach er oft bei sich, und fühlte in jeder Nerve kühne
Entschlossenheit. Nur ein Gedanke war fähig ihn um diese schauerliche Ruhe
des Geistes zu bringen, der Gedanke an seinen _Onkel_ und seine gute
_Schwester_. --
Zuweilen wieder dämmerte ihm der Hofnung liebliches Morgenroth durch die
Finsternis; _Holder_ lebte ja noch, und _Holder_ könnte vielleicht helfen.
Aber haben nicht _Holder_ und die, welche in seinem Namen schrieben, ihre
Pflicht erfüllt? warnten sie nicht oft genug, und, ach! nur zu spät? -- Wer
ist denn der Sonderling _Holder_, daß er retten dürfte? ein gemeiner
Unterthan des Herzogs, der für seine Cur an dem kranken Fürsten theuer
genug bezahlt worden ist! ein Flüchtling, ein Abentheurer, der in der Welt
umherschwärmt, und nun es sich belieben läßt aus Italien wieder nach
Deutschland zu wandern. -- Allein sein Karakter ist doch so edel, so schön!
wird er nicht alles für den verurtheilten Freund _wagen_? -- wagen? und was
denn? was liesse ein erbitterter Fürst wider sich wagen? O es ist alles
umsonst, und _Florentin_ in jedem Falle der baldige Gegenstand der Rache
eines beleidigten, tief beleidigten _Landesherrn_.
Indeß verzagte der _Unglükliche_ nicht ganz. Flucht hätte ihn vielleicht
vor dem Zorn des Richters sichern können, aber fliehn wollte _Graf Duur_
nicht. »Besser ein _beklagter Unglüklicher_ sein, rief er seiner Seele zu,
als ein _glüklicher_ Bösewicht!« --
_Badner_ trat zu ihm herein und grüßte freundlich. Noch nie sah der _Graf_
diesen Alten so vergnügt; es fiel ihm auf, und er fragte.
_Badner_ lächelte und winkte bedeutend mit dem Kopf, zog dann ein Gläschen
hervor, sezte es auf den Tisch vor seinem Herrn, zählte funfzig Louisdor's
daneben und schrieb in die Schreibtafel: »Das Gifttränklein für Sie, und
die Funfzig für mich.«
_Florentin_ starrte ihn verwundert an. _Badner_ lächelte und schrieb
weitet:
»So will es _Prinz Moriz_, aber _Badner_ wills anders.«
Hierauf öfnete der Alte das Fenster, zerschmetterte das Glas an das
Strassenpflaster, und strich das Geld triumfirend ein.
»Schikken Sie das Blutgeld an das Armenhaus, und bleiben Sie mir gut!«
schrieb er auf das Pergament.
_Florentin_ drükte gerührt seines treuen _Dieners_ Hand. »Ich danke dir,«
sagte er: »ich danke dir für deine Ergebenheit; bezahlen kann ich solche
biedre That nicht. Indessen hättest du _Morizens_ Befehl immerhin ausführen
können, ich würde dir auch gedankt haben, und du hättest mir vielleicht
gütlicher gethan.« --
_Badner_ schien sich verwundern.
»Nein, lieber Alter, verwundre dich nicht! Dein Herr ist unglüklich. In
einem Monate hast Du vielleicht mehr erfahren!«
Achtes Kapitel.
Eine Episode.
Es war des Morgens um vier Uhr, als _Pr. Moriz_ auf der Straße von vier
starken, verkleideten Kerlen angehalten wurde. Er kam so eben aus den Armen
der Signora _Biondina_, welche ihrem Galan eine seelige Nacht geschaffen
hatte.
»Hör' Er, Freund,« sagte einer von den Verkleideten, indem er den _Prinzen_
beim Arm faßte: »Er nimmts uns wohl nicht übel, daß wir so dreist sind, mit
ihm ein Paar Worte zu plaudern.«
Ein Andrer. Freilich, wir haben lange auf Ihn warten müssen.
Prinz. (einen Schritt zurüktretend) Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?
Verkleideter. Wer wir sind? das kann man Ihm nachher sagen. Was wir wollen?
eine Bestellung wollen wir an Mann bringen.
Prinz. Warum fallt Ihr mich auf der Strasse an?
Verkleideter. Bewahre Gott, _anfallen_! Banditen fallen Leute an.
Ein Andrer. Hör Er, wer Er ist, wissen wir nicht, aber daß Er beim Prinzen
_Moriz_ in Diensten steht, das wissen wir.
Prinz. (horchend) So ists; nun weiter? Ein Dritter. Wenn ich nicht irre; so
ist Er der Sekretair Flimmer.
Prinz. Ihr habts errathen.
Verkleideter. Grüss' Er seinen Herrn von uns unbekannter Weise.
Prinz. Soll gern geschehn, wenn ihm anders mit Eurem Grus gedient sein
wird.
Verkleideter. Gedient oder nicht gedient; das ist einerlei.
Prinz. Nur zur Sache, Schurken.
Verkleideter. Sehr Verbunden. Vors erste rathen wir ihm wieder zu erzählen
was ihm geschehen ist.
In dem Augenblik stürzten die vier _Bravo's_ auf ihn zu. Ehe sich der Prinz
besinnen konnte, ward sein Mund verknebelt, jeder seiner Arme von einem
Kerl gehalten, sein Couteau de Chasse aus der Scheide gezogen und ihm auf
die Brust gesezt.
Der Prinz strengte umsonst alle Kräfte an, sich loßzureissen, er war
ohnmächtiger, als ein Kind, und die _Kerls_ lachten. Der, welcher ihm den
Stahl auf die Brust hielt, fing an zu reden.
»_Prinz_!« sagte er: »wir kennen Euch wohl, nur zu wohl. Ihr habt dem
unglükseeligen _Grafen von Duur_ einen Gifttrunk zugeschikt; er hat ihn am
gestrigen Abend in einem Glase Brunnenwasser hinuntergeschlürft, und ihr
seid also sein Mörder. Ihr seid gewarnt von unbekannten Fingern, aber Ihr
habt gespottet, und in den Händen der Verspotteten seid Ihr jezt! -- Was
erwartet Ihr von denen, welche nach dem Rechte richten, und vor deren Stuhl
Titel und Bettlergewand keinen Unterschied machen?« -- --
Eine lange, schrekliche Pause erfolgte. Der _Prinz_ starrte den
fürchterlichen Mann an, der die Todesworte so kalt hinsprach, und
schauderte. Rings umher herrschte nächtliche Stille; die Sterne funkelten
traurig durch die Lüfte, und der Mond ging hinter einem Wolkengebirg unter.
»Blutsünden,« fuhr der _Mann_ fort, vor dem jezt ein _Prinz_ zittern mußte:
»Blutsünden können nur mit Blut wieder abgewaschen werden!« -- --
Der _Prinz_ versuchte eine Bewegung und stöhnte ängstlich.
»Jedoch wisset, daß Euch diese Schandthat vergeben ist. Vergeben ganz und
gar, ohne alle Rüge und Ahndung, sobald Ihr binnen _dreizehn_ Tagen ausser
den Gränzen dieses Herzogthums seid, mit Eurem ganzen Gefolge. _Eine
Stunde_ Verzug ist Euch gefährlicher, als dem Grafen das Giftfläschgen! --
Und nun _Prinz_ vergeßt bei jedem Plan der Bosheit nicht dieser Nacht zu
gedenken; vergesst nicht, daß es in der Welt auch Augen giebt, die ins
Verborgne eindringen. -- Gehabt Euch wohl!«
In dem Moment warf man ihm ein Pflaster über das Gesicht, ließ ihn loß und
verschwand.
_Moriz_ riß das Pflaster ab; entknebelte sich; sah mit funkelnden Augen
umher, und begab sich fluchend nach seinem Pallast.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Holder erscheint wieder.
Ruhig wohnten der alte brave _Onkel_ und seine reizende Nichte _Friedrike
von Duur_ auf ihrem Landschlosse, indessen der arme _Florentin_,
hingeworfen in den großen Strom der Welt, auf ihren Wogen umhergewirbelt
wurde. Sie wußten nichts von dem unseeligen Geschik desselben, sie wähnten
ihn glüklicher, als sich, und ach, wie gern hätte _Florentin_ seine
glänzende Rolle mit der Rolle des unbedeutendsten Landjunkers vertauscht!
-- Wie gerne hätte er der Schmeicheleien des Hofs entbehrt, für die
zärtlichern Schmeicheleien seiner _Schwester_; wie gern hätte er den Kuß
einen _Herzogs_ mit dem väterlichen Kuße seines _Onkels_ verwechselt!
Allein jezt war alles zu spät; jeder Rüktritt Unmöglichkeit. Nur _einmal_
wünschte er noch die Fluren zu sehn, in welchen er den Traum der Kindheit
geträumt hatte; nur noch einmal die angenehmen Wildnisse zu durchirren, in
deren heiliger Dämmerung er oft begeistert in die Zukunft hinausstarrte,
und sich von tausend Zungen als den Wohlthäter des Vaterlands ausgerufen
hörte; nur einmal noch in der Mitte seiner Verwandten ehmalige Freuden
wieder zu fühlen.
Sein Wunsch wurde ihm eher gewährt, als ers glaubte. Er kam ein Brief vom
_Onkel_, welcher ihn ersuchte, _übermorgen_ in sein Schlos einzutreffen;
beileibe aber nicht _später_. Der Brief des guten Alten hatte so viel
Geheimnisvolles an sich, daß _Florentins_ Neugier nicht ungereizt bleiben
konnte. Er ging zum _Herzog_ und bat ihn um Erlaubniß seinen _Onkel_
besuchen zu dürfen.
Der _Fürst_ war ausserordentlich gnädig.
»Wenn eher darf ich denn hoffen Sie wieder bei uns zu sehn?«
Sobald es Ew. Durchlaucht befehlen.
»Befehlen? Pfui, _Graf_, Sie wissen, daß wir uns einander nicht befehlen.
Also, wenn darf ich Ihre Rükkunft hoffen?«
»Vierzehn Tage wenigstens würd ich mir ausbitten.«
»_Vierzehn Tage?_ nun ja; aber ich bitte Sie, auch nicht eine Minute
länger.«
Wenn Sie wollen, so unterlass' ich die Reise gänzlich.
»Nein, nein! das dürfen Sie auch nicht. Ihr Onkel und Ihr Fräulein
Schwester würden mir böse werden. Nur vierzehn Tage! die durchleben sich
leicht.«
Haben Sie noch einige Befehle!
»Vor ihrer Wiederkunft erfahren Sie nichts, allein nachher desto mehr. Ich
habe einen vortreflichen Anschlag, bei dessen Ausführung Sie mir
schlechterdings beistehn müssen. -- O Graf, Sie haben mich auf eine
vortrefliche Bahn geführt; reden dereinst die Jahrbücher der Welt auch
nicht von mir, als dem _Eroberer_, dem _Heiligen_, vergißt man mich auch,
weil ich keine auffallende Thaten that: so belohnt mich doch jezt schon die
Freude meines Volks.«
Nein, Theuerster; _Vater des Vaterlandes_ wird die Nachwelt Sie nennen, ein
Beiname, der unendlich schmeichelhafter klingt, als der Name des _Grossen_,
des _Weltüberwinders_.
»Ich thue auf den einen, so wie auf den andern Verzicht. Eine Thräne von
der Dankbarkeit geweint, ist belohnender, als aller Weihrauch von der
Nachwelt. Und nennt man mich: so nenne man auch Sie. Denn Sie haben
gleichen Antheil an der Vervollkommnerung meiner Unterthanen. -- Graf, noch
eins, warum seh' ich Sie seit einigen Tagen so ernst, so schwermüthig?«
Mich, gnädigster Herr?
»Nun ja; Ihr Lächeln dünkt mich so erzwungen, Ihre Freude so erborgt. Was
ist ihnen? sagen Sie mirs. So wahr ich Herzog bin, und so weit sich meine
Gewalt strekt, helf' ich ihnen! Ich mag kein trauriges Gesicht sehn, am
wenigstens von Ihnen.«
Verzeihn Sie, vielleicht ists Laune, vielleicht die Annäherung einer
Krankheit, vielleicht -- --
»Man hat Ihnen doch nicht einen Streich gespielt, wie dem Prinzen _Moriz_?«
Ich wüßte nicht welchen?
»Der Prinz wie Sie wissen, wird uns in kurzem verlassen, und zwar, weil er
in Gefahr steht umgebracht zu werden.«
Umgebracht zu werden?
»Ja, ja; so sagt ers selber. Vor einigen Abenden ist er von vier verlarvten
Kerln angehalten worden, die ihn um seine Börse plündern wollten.