Louise. Weswegen nicht? -- -- Nicht wahr, es ist ein göttlicher Abend?
Graf. Ein göttlicher Abend! -- es ist angenehm so in der Stille dieser
einsamen Schlosgegend seinen Gedanken einen freiern Flug zu erlauben; sich
aus einer Welt, die doch manches, -- manches Bittre in sich faßt, mit
Adlers-Flügeln emporzuheben und seine Seele in glüklichen Träumen zu
erquikken.
Louise. Verzeihn Sie also, wenn ich Sie unschuldiger Weise darin störte.
Ich weis es, es ist süs _allein_ zu schwärmen, aber _gesellschaftlich_ mit
einer harmonirenden Seele diese geistigen Ausflüge zu wagen, ist zehnfach
süsser. Ich bedaure Sie, Graf, daß Ihnen heut die Gesellschafterin fehlt,
wohl gar durch mich.
Graf. Mir fehlt, und durch _Sie_? Ich bitte um Verzeihung, sie hat mir
_nie_ gefehlt und heut just am _wenigsten_.
Louise. Es ist wahr, wie könnte sie jemals fehlen, da eben _sie_
gewöhnlich, vielleicht auch bei Ihnen, den ganzen Himmel ausmacht, zu dem
sich die empfindsamen Werthers hinanschwärmen.
Graf. (etwas bedeutend) Halten Sie mich für solch einen _Werther_?
Louise. Ihre _Lotte_ wenigstens ist mir nicht unbekannt.
Graf. Meine _Lotte_? Sie scherzen.
Louise. (sanft) Scherzen? nein doch, ich bin sehr ernsthaft, oder es wäre
denn, daß die _ganze Stadt_ scherzte.
Graf. (verwundert) Die ganze Stadt?
Louise. Was hilft hier allen Läugnen? kurz gestehen Sie nur:
Der Liebe süsses Bildnis
Umschwebt uns im Elysium,
Umschwebt uns in der Wildnis.
Graf. Ich bitte um Aufschlus dieser ewigen Räthsel?
Louise. Wie Sie sich doch verstellen können! -- nu, der Aufschlus sei eine
Gratulation zu Ihrer, ich hoffe sehr baldigen, Vermählung mit dem schönen
Fräulein _v. Hello_.
Graf. Dem Fräulein _v. Hello_? Ihr Spott ist bitter. Wenigstens hab ichs
nie gewagt meinen Stolz zu dem Besiz dieses Fräuleins hinanschwindeln zu
lassen.
Louise. Vielleicht sind Sie ein Freund der _platonischen_ Liebe.
Graf. Ohne der Tochter eines Geheimerathspräsidenten wehe zu thun, kann ich
betheuren, niemals eine Liebe mit ihr geträumt zu haben.
Louise. Sie werden zu ernsthaft. Ich will glauben daß mich ein falsches
Gerücht getäuscht habe; will es, wenn Sie es fodern, mir sogar einbilden,
daß Sie ein erklärter Feind der Damen sind. -- --
Graf. Vielleicht wäre lezteres allenthalben möglich, nur aber unmöglich an
einem Hofe, an welchem eine Prinzessin _Louise_ glänzt.
Louise. Schade daß die Prinzessin _Louise_ den geliebtern Namen einer
_Unbekannten_ verkappen muß!
Graf. Die mir gewiß eben so unbekannt, als Ihnen, ist.
Louise. Meine, vielleicht nur durch den Rang erhobne, Wenigkeit wäre in der
Residenz also nur die _Einzige_?
Graf. (ihren Arm dichter umschliessend) Nur die Einzige!
Louise. Wahrhaftig, Graf, sie treiben Ihre Galanterie auf Unkosten der
ganzen Damenwelt zu weit. -- Sie haben doch wahrscheinlich schon geliebt?
Graf. O, der Name _Liebe_ begreift viel in sich! doch so ganz geliebt, was
sich _lieben_ nennen läßt, noch nicht.
Louise. Sie bürden meiner Leichtgläubigkeit zu viel auf. -- Und Sie kommen
hieher an den Hof, wollen hier noch keinen Gegenstand Ihres Gefühls
gefunden haben -- nennen mich noch als den einzigen -- --
Graf. Der von allen -- -- allen geliebet wird.
Louise. Das Wort Liebe, faßt viel in sich, bedenken Sie ihr Gesagtes wohl!
Graf. Vielleicht wäre: _angebetet_ besser gesprochen.
Louise. (indem sie um sich her sieht) Aber, _Graf_, wohin haben Sie mich
geführt? Mir graut in dieser Wildniß, lassen Sie uns nach dem Schlosse
zurükgehn.
In der That waren beide jezt in einem zum Schloßgarten gehörigen Wäldchen,
das allein für die Schwärmereien der Liebe oder Andacht da hingepflanzt zu
sein schien.
Vor ihren Füßen dehnte sich ein kleines Thal; dessen Anhöhen von allen
Seiten mit hohen und niedern Gebüschen bedekt waren. Zur rechten hob sich
im Schimmer des Mondes eine Eremitage, auf deren mit Tannenreisern
bestreutem Giebel ein Kreuz glänzte.
Eichen, Fichten und Eschen sumsten im Abendwinde feierlich ihre eintönige
Melodie; eine Nachtigall hüpfte im nahen Hollunderbusche von Zweig zu Zweig
und sang den Gesang der Liebe.
Der _Graf_ und die _Prinzessin_ standen still, beide einander gegenüber,
Auge in Auge gesenkt, Hand in Hand geschlossen. -- Sie verstanden sich. Der
_Graf_ fühlte _Louisens_ Liebe in dem sanften Druk ihrer Hände, welche halb
die seinigen einschlossen; ein leiser, kaum gewagter Gegendruk verrieth an
_Louisen_ Gegenliebe. Sie sprachen nicht; ihre Blikke waren getreuere
Dollmetscher ihrer Empfindungen. -- _Florentins_ Odem flog immer schneller;
sein Herz schlug heftiger; es wurde ihm alles zu eng. _Louisens_ Busen
stieg und sank, von der süßen Leidenschaft empört, welche sekundenweis
durch Einsamkeit und Anschaun des schönen geliebten Jünglings wuchs.
Ein halbunterdrükter Seufzer entschlüpfte ihr; sie lehnte sich vertraulich
an den Grafen und sprach mit lispelnder Stimme, indem sie mit unnennbarer
Anmuth zu ihm heraufsah: »ich bin ermüdet!« _Duur_ breitete ein seidnes
Taschentuch über ein benachbartes Bänkchen und nöthigte sie zum
Niedersizzen. Die Banke, durch Alter und mannigfach Witterung vermorscht,
war nur halb zum Gesäß tauglich, und ließ dem _Graf_ keinen Platz übrig. Er
sezte sich also auf die Erde zu _Louisens_ Füßen nieder, ergrif ihre Hand
und ließ die seine auf ihrem Schooße ruhen.
»So saß ja wohl _Hamlet_, hub sie lächelnd nach einer Weile an, neben
_Ophelien_?«
»»Eben damals, erwiederte _Duur_, eben damals als er sagte: hier ist ein
Magnet der stärker zieht. -- Oh, daß ich nicht _Hamlet_ bin, oder was er
war!««
»Warum?«
»»Ihnen statt dieser Bank einen Thron anbieten zu dürfen.««
»Wahrhaftig, die galanteste Naivetät, welche mir je vorgekommen ist. Aber
wie wenn ich, zufrieden mit der Bank, den Thron ausschlüge?«
»So wäre auch ein königlicher Thron für Sie nicht belohnend; der Kaiser mag
es mir daher in Gnaden vergeben, wenn ich _seinen_ Thron Ihnen feil biete.«
»Graf, Graf, warum sind Sie so verschwenderisch mit Königreichen, und warum
erlauben Sie mir nicht das schmale Plätzchen dieses Bänkchens? Macht denn
Titelpracht und Goldglanz seelig? Das sollten Sie doch wissen, wenigstens
von mir nicht glauben. Sehn Sie, diesen schönen Abend, die reinen
Empfindungen welche in mir die lieblichste Stimmung der Seele
hervorbrachten, und diesen Siz, vor welchem sich mir die reizendsten
Naturszenen entfalteten, würd' ich um den Namen einer Königin nicht
vertauschen.«
»Wie glüklich Sie sein müssen mit solch einem Herzen! und wie glüklich wär
ich, wenn ich mir schmeicheln dürfte, auch ein Etwas zu Ihrer Zufriedenheit
beigetragen zu haben. -- _Darf_ ich hoffen?«
»Vielleicht!«
Unter diesem Gespräche hatte _Duur Louisens_ Hand in die seinen
geschlossen; er drükte sie oft an seine Lippen, und die _Prinzessin_
duldete es.
»Könnte Sie der vorige Wunsch nicht glüklich machen, so würd' ichs wagen
ihn umzukehren: wären Sie doch minder erhaben, wenigstens mit gleicher!
ach, dürfte ich die _Durchlaucht_ mit dem süssern Namen _Louise_
verwechseln!«
»Ein Wunsch der mir schon der Neuheit willen gefällt. Ich weis nicht ob er
mich glüklicher machen würde; wäre es indessen bei Ihnen der Fall, so kann
ich ihn Ihnen leicht gewähren. Nennen Sie mich immerhin da Louise_,_ wo uns
kein fremdes Ohr belauscht.«
Florentin. (schwärmerisch zu ihr hinanblikkend) _Louise_, o _Louise_,
_Louise_!
Louise. (lächelnd) Ein sonderbarer Geschmak der sein Vergnügen in der
Ausrufung eines leeren Namens findet.
Florentin. O nicht wahr, Sie sind _nur_ _Louise_; nicht mehr, nicht _jezt_
die Schwester eines _Herzogs_ -- nur allein, die sanfte, liebenswürdige
_Louise_ sind Sie?
Louise. (den Blik von der Seite wendend) Nun ja, ich will es ja sein!
Florentin. Hören Sie izt, schöne _Louise_, ein Bekenntnis, welches die
Fürstin, die herzogliche Schwester nicht wissen darf -- ich verehre die
Prinzessin mehr, als einer ihrer Unterthanen, aber -- _Louisen_ --
_Louisen_ _liebe_ ich. --
Louise. (die Hand zurükziehend) Graf!
Florentin. (sie wiedernehmend) O, _Louise_, hat es die _Prinzessin_ gehört,
was ich _Ihnen_ nur sagte.
Louise. Graf!