Sie antwortete nicht, so gern sie wollte. _Duur_ lag auf seinen Knien vor
ihr; sie starrte ihn mit schwimmenden Augen an, und neigte ihre Stirn gegen
die seine.
Ihre linke Hand ruhte auf seiner Schulter, die rechte hielt er fest in die
seinige geschlossen; Er wartete einer Antwort entgegen und sie kam nicht.
Seine Lippen berührten ihre Wangen -- er küßte -- und fühlte einen leisen
Gegenkus. --
_Amor_ siegte und schwang sich lächelnd über das liebende Paar empor; er
sah eine Prinzessin in den Armen eines Grafen liegen, und das
wollustathmende Mädchen und der liebeglühende Jüngling kannten keinen Rang,
keinen Unterschied.
Gefühllosen Seelen würd ich mit dem Ausmahlen dieser glüklichen Situazion
Langeweile erregen, und denen, die glüklich geliebt haben, oder noch
lieben, rathe ich, um mir Raum zu ersparen, ähnliche Szenen die sie selber
empfanden, dieser unterzuschieben.
Es wurde später. Berauscht an allen ihren Sinnen merkten sie nicht den
Anzug der Mitternachtsstunde; nur das Ohngefähr einer dem Mond
vorübergleitenden Regenwolke, die plözlich daraus entstehende allgemeine
Düsternheit scheuchte die _Prinzessin_ in ihrem Liebestaumel auf.
_Florentin_ war indeß Meister von dem Strumpfbande geworden, welches
_Louise_ noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie verlangte es zurük,
_Duur_ aber versagte es schmeichelnd; er bat es sich als ein theures
Angedenken dieses Abends aus, oder wünschte es mit eignen Händen selber dem
schönen Knie umwinden zu dürfen, dem es zugehörte.
»Behalten Sie es denn, sagte sie, bis ich Ihnen eine Stunde bestimme, in
welcher ich Ihnen auch das _leztere_ erlauben werde.«
Und sie schieden auseinander.
Sechstes Kapitel.
Ein sonderbares Phänomen.
Eine Woche verstrich nach der andern, ohne daß die _Prinzessin_ die seelige
Stunde angab, nach welcher _Florentin_ izt seufzte. Inzwischen konnte sie
ihre Liebe dem Hofe wenig verbergen; jedes Fest, in dem der _Graf_
mangelte, war für sie ennuiant; nur seine Gegenwart erhöhte ihren Reiz,
ihre Lebhaftigkeit, ihre fröhliche Laune.
Am Herzoglichen Hofe hielt sich um diese Zeit Prinz _Moriz_ auf, ein
appanagirter Herr, der ehemals einer kriegführenden Macht im Felde gedient
hatte.
Sein Aeusseres entsprach dem Innern vollkommen. Denken Sie sich, meine
Leser, einen langen hagern Mann, der in den Zeiten des Faustrechts höchst
wahrscheinlich eine glänzende Epoche gemacht haben würde. Er hatte grosse
graue Augen, die sich gewöhnlich so majestätisch von der Seite wälzten, daß
man Geld dafür gegeben hätte, die Majestät der Augen nie gesehn zu haben.
Sein Gesicht war braun und von starken, groben Zügen; seine Nase bei den
Augenwinkeln tief eingebogen; seine Stirn klein, und von einigen Büscheln
schwarzer Haare überschattet. Seine Stimme rauh und herrisch.
Er hatte eine geraume Zeit in Italien gelebt und sein Karakter einen
merklichen Anstrich von dem der Italiäner gewonnen. Er war tükkisch, und
verschlagen. Sanfter Empfindungen war seine Seele selten gewohnt; einen
vollen Pokal und ein Freudenmädchen nannte er die Seeligkeiten des
Friedens.
Und eben dieser Mann spielte am hiesigen Hofe den Liebhaber der _Prinzeßin
Louise_, aber, wie es sich leicht ahnden läßt, äußerst unglüklich.
Der Kredit des _Grafen von Duur_ bei der _Prinzessin_ blieb ihm nicht
unbekannt; ein einziger Blik, welchen sie nachläßig von der Seite auf jenen
warf, war genug _Morizens_ Argwohn zu entzünden, ein unbedeutendes Lächeln
genug, seine Eifersucht in Flammen zu sezzen.
Plötzlich verwandelte sich der rauhe, wilde _Moriz_ in einen Sanftmüthigen,
Herablassenden. Er suchte die nähere Bekanntschaft des Grafen, liebkosete
ihn, machte ihm fürstliche Geschenke, gab allen seinen Bitten Gehör, seinen
Plänen und Rathschlägen Beifall.
_Florentin_ fand sich durch _Morizens_ Gnade geehrt, er suchte mit warmen
Herzen der Huld dieses Prinzen werth zu werden; ja, er verweigerte es sogar
nicht, um _Morizen_ ganz gefällig zu leben, sich unterweilen mit demselben
ein Räuschchen zu trinken.
_Moriz_ hatte nicht umsonst diese auffallende Metamorphose mit sich
vorgenommen, war nicht umsonst wider seine Natur zuvorkommend, schmeichelnd
gegen den Grafen geworden; er suchte gewisse Absichten durchzusezzen,
welche noch jedermann unbekannt waren; suchte besonders bei einem
Saufgelage vors erste _Florentinen_ um gewisse Geheimnisse zu bringen, um
welche nur dieser allein und die Prinzeßin _Louise_ wußten.
Das lezte schlug fehl. _Florentins_ Weinrausch war zänkisch und
verwegenartig; Der _Prinz_ mußte demnach andre Mittel ersinnen den schönen
Nebenbuhler sich durch sich selbst verrathen zu machen. Eine fürchterliche
Gefahr schwebte über _Duurs_ Haupt; er sah sie nicht, sondern taumelte aus
einem Arm der Freude in den andern.
Sein _guter Dämon_ zeigte sich ihm abermahls; er warnte und warnte zum
andernmahle vergebens.
_Florentin_ ging nämlich eines Abends aus dem Schauspielhause nach seiner
Wohnung zurük, als ihm in einer schmalen, menschenleeren Gasse ein Kerl in
den Weg trat.
»Sind Sie der Graf _von Duur_?«
Ich bins. Was ists?
»Im Namen des bekannten _Ludwig Holder_ diesen Zettel an Sie.«
_Florentin_ nahm das Papier und in dem Augenblik war der _Ueberbringer_
verschwunden.
Der _Graf_ stand bestürzt da, das Billet unbeweglich in der Hand haltend.
Der Name _Holders_ betäubte ihn mit Freude und Schrek; er wollte den
_Briefträger_ zurükrufen, dieser aber war schon längst entwischt.
Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit
zitternden Händen und las mit dem größten Erstaunen folgende Zeilen.
»Graf!«
»Im Namen des Euch wohlbekannten _Ludwig Holders von Sorbenburg_ erinnern
wir Euch. -- Hütet Euch vor den Nachstellungen des _Prinzen Moriz_ noch
mehr vor der Liebschaft mit einer wollüstigen Prinzeßin! Im Namen _Ludwig
Holders von Sorbenburg_«
_Florentin_ las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in
Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen
Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner quälenden,
ängstlichen Verwirrung zu entreissen.
Bald fiel er darauf, daß sich _Holder_ wo nicht in der Residenz, doch gewis
in der Nähe derselben aufhalten müsse; aber dieser Einfall hatte zu viel
Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.
Und doch im Namen des _wohlbekannten_ _Ludwig Holders_! -- Vielleicht hatte
jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den _Grafen_ zu
erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist _Holders_ _Namen_,
sondern in dem _Mitwissen_ um eine Liebe, welche _Florentin_ selber als das
heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen
Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz _Morizens_ Nachstellungen! -- Hier war
für ihn eben so viel Licht, als Nacht.
Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein könnte, aber
errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der _Graf_ zu Bette; sorgenvoll stand
er am folgenden Tage wieder auf.
Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort
zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich führte; er unterlies
nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in
der Hofnung, daß sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen
würde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.
Die Zeit verwischte endlich all die ängstlichen, wenn auch wohlthätigen
Besorgnisse aus _Florentins_ Seele; er war nach kurzem wieder derselbe
Heitre, Harmlose, Liebende; nur, daß er _Morizen_, troz aller wiederholten
Liebkosungen desselben, zu fürchten anfing.
Der _Prinz_ beobachtete diese Veränderung des _Grafen_ mit schlauem Auge
und änderte diesemnach auch manches in seinen Plänen.
Siebentes Kapitel.
Eine Schäferstunde.
Es war spät des Abends; das _Fräulein von Gülden_ sas noch einsam auf ihrem
Zimmer in düstre Schwermuth vergraben und las. -- Des kleinen _Gustafs_
Bildnis lag vor ihr, sie sah es oft mit nassen Augen an und las weiter:
»Unsre Seelen liebten sich. _Seelenschönheit_ verwischt nicht der
Thränenschleier des Grams; welkt nicht in den Händen der Jahre, stirbt
nicht auf Todtenbaaren mit der verwesenden Hülle. Ewig ist ihre Schönheit
und ewig ihre Liebe. Des Lebens Strauch verduftet bald und welkt, aber mit
dem Leben verblühen noch nicht die Hofnungen unsrer Liebe. -- --
Vorangegangen bist Du, o wäre ich mit Dir! -- Hand in Hand mit Dir zum
Tode; Leiche an Leiche mit Dir zum Grabe, Verklärung neben Verklärung
dereinst am Tage des Weltgerichts!«
»Oh!« rief das _Fräulein_ schluchzend aus, indem sie sich von ihrem Stuhle
erhob: »es ist zuviel! -- _Gustaf_! _Gustaf_ und _Florentin v. Duur_! ich
habe euch geliebt, und unglüklich geliebt! -- Ich bin doch nicht so _sehr_
häslich, mein Spiegel müßte mir denn schmeicheln, meine Freunde müßten
lügen, -- und doch bin ich unglüklich und Liebe wird mir nicht mit Liebe
vergolten. Armes Mädchen, wohl Dir, wenn Du unter der Erde ruhst, wo kein
Harm Deinen Frieden stört, wo keine Thränen über Deine Wangen herabbrennen,
wo Du vergessen von allen liegst, und Du alle und alles vergessen hast, wo
Du den, welchen Du Dir zur Liebe auserwähltest, nicht Deiner Nebenbuhlerin
zuführen darfst!«
Jezt störte sie das Klingeln der _Prinzessin_, sie troknete ihre Augen und
ging mit verstellter Heiterkeit zu _Louisen_.
»Aber sag mir, liebes Mädchen,« rief ihr diese beim Eintritt in das Zimmer
entgegen; »Du siehst ja immer blässer und kränklicher? -- Was ist Dir? Ich
habe Dich zu meiner geheimsten Vertrauten gemacht, erwiedre mir Gleiches
mit Gleichem!«
Frl. v. Gülden. Sie quälen sich mit vergeblichen Sorgen, theure Prinzeßin;
mir ist wohl, sehr wohl. Vielleicht daß eine kleine Unpäslichkeit -- --
Louise. O die wandelt bald vorüber. -- Wieviel ist die Uhr?
Frl. v. Gülden. Auf dem Schlage eins; es liegt alles im Schlosse in dem
festesten Schlummer.
Louise. Desto besser! herrlich! -- Tummle Dich liebe, beste, einzige
_Auguste_; _Duur_ kann nicht mehr lange verzögern, er mus gleich da sein.
-- Hurtig geh, und besonders sieh von unten nach meinen Fenstern, ob das
Licht durch die herabgelassnen Gardinen sichtbar wird. -- -- Verriegle das
Pförtchen nachher wohl!
Das _Fräulein_ ging und harrte des Glüklichen an einer abseitsgelegnen
Thür. Es verging eine Viertelstunde, ehe er erschien, und tausend
schwermüthige Gedanken durchkreuzten indes ihre Seele.
Im Thurm der Schloskirche schlug es endlich ein Uhr, und von fernen her
wankte eine Gestalt, immer näher und näher.
»Er ists!« sagte das _unglükliche Mädchen_ bei sich selber und zitterte.
»Er ists! -- o daß er nie gekommen wäre! Doch nein, _Louise_ würde
unglüklich sein, und ich vielleicht nicht glüklich! -- -- Mag er doch
kommen, ich will leiden und dulden!«
_Florentin_ schlich im Mondschatten, an den Mauern entlang, näherte sich
der Pforte, sah die weisse weibliche Gestalt, hielt sie für die
_Prinzessin_ selber und flog an ihren Busen.
Beide wagten es nicht zu reden; er bestürmte sie mit Küssen, sie bebte in
seinen Armen, wagte kaum den leisen Gegenkus, sondern strebte zurük, und
offenbarte ihm die Täuschung.
Er erschrak, bat um Verzeihung; aber sie lächelte unter Thränen, führte
ihn, indem sie zitternd seine Hand faßte, durch verschiedne dunkle Gänge
und verschiedne Treppen hinauf zum Gemach der _Prinzessin_.
»Hier,« sagte sie mit gebrochner Stimme: »treten Sie hinein. --«
Er ging. Sie eilte auf ihr Zimmer, warf sich lautweinend auf das Lager und
klagte.
»O _Duur_!« -- »O _Louise_!« riefen sich die Liebenden entgegen und
stürzten einander in die Arme.
Nie war _Louise_ schöner gewesen, als in diesem Augenblik; und nie war ein
Frauenzimmer reizender zu den Freuden der Liebe geschaffen, als sie. Ihren
schlanken Wuchs, ihren schöngeformten Busen wußte sie durch die Magie der
geschmakvollsten Bekleidung doppelt schöner zu bilden.
Ihr lichtbraunes Haar, angenehm derangirt, flos in lieblicher Verworrenheit
über den schönen Hals und die schmalen Achseln herüber. Den Busen wußte sie
schlau hinter den nachlässig umgeworfnen Flor, so zu verstellen, daß seine
Schönheiten mehr verrathen, als verberget wurden. Um ihren Leib schmiegte
sich ein leichtes, tafentnes Korsettchen;
Nie wird die Bildnerin Natur
Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen,
Als diesen Leib. Sein reizender Contour
Flos wellenhaft, dem feinsten Auge nur
Bemerklich, zwischen dem genauen
Und überflüßigen, so weich, so lieblich hin;
Schwer wars dem kältsten Josefssinn
Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!
Das leichte, flüchtige Rökchen wogte bei jeder Bewegung auf, oder schmiegte
sich so dicht und ungefaltet an, daß man ohne Fleis die glatteste Ründung
der Schenkel errathen konnte.
So jung, so schön, so ganz aus Liebeszunder
Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?
Wo sah man je so frische Wangen blühn,
Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?
Dicht in einander verschlungen, der Geist, aufgelöst im reinsten Entzükken,
hingen sie sprachlos um sich.
»O Gott!« sagte _Florentin_: »daß ich je so seelig werden konnte -- ich
hätte es nie geträumt! Louise, _Louise_ _liebt mich_!«
»Sprich leiser, Brausender!« erwiederte sie mit einem unnachahmlich süssem
Ton: »Ja, _Louise_ liebt Dich! -- und Du -- --«
»Ob ich Dich liebe? Einzige, ob ich Dich liebe?«
Er antwortete mit Küssen, und zog sie neben sich auf einen Sofa nieder.
Florentin. O dies Strumpfband, (indem er es hervorzieht) sei mir eine
ewige, heilige Reliquie!
Louise. Dein Recht daran ist izt verfallen. Ich fodre es zurük.
Florentin. Nein, ich kann es nicht wiedergeben.
Louise. Wie leicht könnte unsre Liebe dadurch verrathen werden! eben das
Band, das uns zusammenführte, würde uns auch wieder trennen.
Florentin. Trennen?
Louise. Gesezt es verlöre sich aus Deinen Händen. Mein Name ist darin
gestikt, und mehrern bekannt; denn das Fräulein _v. Gülden_ ist die Weberin
desselben, sie zeigte es schon vorher vielen Freundinnen, ehe sie mirs zum
Geschenk brachte.
Florentin. Ich will es unter drei Schlössern verwahren!
Louise. Dein eigner Stolz würde die drei Schlösser wieder zerbrechen, was
vielleicht keine Gewalt des Diebes vermögte. Oh, ich weis es, wie sehr es
euch, ihr jungen süssen Herrchen, küzzelt, mit den Trophäen zu prahlen, um
die ihr die armen, besiegten Weiber geplündert habt. -- Und Dir, lieber
Graf, würde ich es kaum verdenken, wenn Du endlich der Versuchung
unterlägest; denn eine Prinzeßin besiegt zu haben, ist zu schmeichelhaft.
Florentin. (ernsthafter) Und so verkennt mich _Louise_ selber?
Louise. Ich lasse nicht ab. Ich verlange es zurük; es sei unter welchen
Bedingungen es wolle, ich verlange es zurük. -- Willst Du daß ich Dir
tausend freiwillige Küsse dafür gebe?
Florentin. (sie sanft an sich drükkend.) O, _Louise_, die erhalt' ich
umsonst!
Louise. Fodre.
Florentin. Wohl, ich gebe es. Aber darf ich es selber um seine Stelle
binden?
Louise. (schamhaft zurükstrebend.) Beileibe!