Frl. v. Gülden. (lesend) »Es war einmal eine Zeit, wo ich sehr glüklich
war; es war einmal eine Zeit, wo mir alle Menschen Heilige, diese Welt ein
himmlisches Gefilde, dieses Leben ein schöner Morgentraum schien! -- Es ist
süß, sich noch an vergangnen, glüklichen Tagen zu weiden, seelige Szenen in
das treue Gedächtniß heimzurufen. O, kommt zurük ihr heiligen Stunden
meiner Kindheit und umgaukelt meine kranke Seele mit euern bunten Farben!
lebt auf ihr frohen Augenblikke, die ich an den Ufern eines Baches
verträumte, und ihr verwelkten Jasminlauben blüht auf, die ich einst für
mich und den Geliebten hinpflanzte! -- Ihr seid verwelkt; ich welke mit
euch hin. Dieses Leben ist mir noch eine einsame Zelle, worin ich vergangne
Freuden beweinen muß.«
»Du trauerst, mein Liebling, und seufzest aus der Ferne zu mir herüber? --
Kettengeklirr wekt Dich aus dem mitternächtlichen Schlummer? -- O, am Tage
des großen Weltgerichts wird Deine Unschuld ohne Schleier offenbar werden;
schöne Stunden blühen für uns in einer bessern Welt! Harre bis dahin und
dulde; hier verweinte Thränen werden dereinst Rosen in Deinem Kranze. --
Lächle, lächle! mag die furchtbarste Stunde Dir erscheinen, sie wird Dich
nicht schaudern machen; denn Unschuld wandelt ja heiter über sinkende
Welten; die schwarze Gefahr geht liebkosend ihr vorüber; in schauerlichen
Mitternächten ist sie sich selber ein leuchtendes Gestirn!« -- --
Pr. Louise. (gähnend) Höre auf, höre auf, wenn Du mich wachend haben
willst. -- Mein Gott wohin denken denn unsre heutigen Büchermacher; ist es
doch, als kämen sie alle aus dem Bildervollen Morgenlande gewandert. Willst
Du lesen, Auguste, so komm zu mir; ich gebe Dir die _Gedichte im Geschmak
des Grecourt_. Weißt Du nichts Neues?
Frl. v. Gülden. Wenig, und vielleicht etwas unangenehmes für Sie.
Pr. Louise. (sinnend) Unangenehm? doch nichts vom Grafen _Duur_?
Frl. v. Gülden. Eben von ihm.
Pr. Louise. (ängstlicher) Nun was ists?
Frl. v. Gülden. Daß er -- erklärter Bräutigam -- des Fräuleins von _Hello_
ist.
Pr. Louise. (ausgelassen lachend) Ha, ha, ha! wer band Dir das Märchen auf?
Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, kein Märchen.
Pr. Louise. Wahrheit? -- lustig, liebes Mädchen, so ist es noch besser!
Frl. v. Gülden. (erstaunend) Wenn ich fragen darf, wie so?
Pr. Louise. Du, Sonderbare, wie könnte der Graf die ekelhafte Puppe lieben?
Heurathen wird er sie, doch ohne Liebe; diese bleibt mir übrig! -- Freue
Dich!
Frl. v. Gülden. Sie sind Ihres Sieges so gewis über ihn?
Pr. Louise. Du fragst sehr beleidigend?
Frl. v. Gülden. (seufzend) Verzeihen Sie?
Pr. Louise. Warum seufzest Du? -- meinst Du vielleicht daß ich zürne? nicht
doch, wie könnt ich das? komm, küsse mich!
Frl. v. Gülden. (sie küssend) O, Prinzessin!
Fünftes Kapitel.
Das Strumpfband.
Es war an einem schönen Sommerabend, als die ganze herzogliche Familie in
dem Schlosgarten offne Tafel hielt. Unter den anwesenden Hofleuten befand
sich, wie man leicht erwartet, auch der Graf _v. Duur_, und das _Fräulein
von Gülden_ mit ihrer Gebieterin.
Der _Graf_ war ungemein heiter; eine liebliche Ahndung umschwebte ihn; er
wandelte bald einsam unter den hohen, finstergewölbten Linden, durch welche
das Licht der Abendröthe zitterte, bald nekte er die Damen.
Es wurde später; die hohe Gesellschaft entfernte sich, der Herzog sowohl,
als seine Frau Mutter, und der Schwarm von Räthen, Kammerherrn, und
Hofdamen. Nur _Florentin_ blieb, und wußte nicht warum? er fühlte sich
seeliger, als je, und wußte nicht warum? -- --
Sinnend ging er durch die Alleen, an den Kanälen umher, unter den duftenden
Orangerien; oder er bestieg die Terrassen, verweilte bei den Fontainen,
oder besuchte das Chor der im Mondglanz schimmernden Marmorstatuen. Und
überall, wo er ging, wo er stand, umschwebte seine Seele ein süsser Name,
ein süsses Bild, welches beides er um kein Fürstenthum gern verloren hätte.
-- Er liebte, liebte vielleicht glüklich; die ernste Vernunft wagte es
freilich wider diese Empfindung zu streiten, aber blieb gegen ihren Zauber
zu schwach.
_Florentin_ liebte die schöne Schwester seines Herzogs, die Prinzeßin
_Louise_.
»Wehe Dir, Florentin!« rief oft sein _Genius_ ihm ins Ohr: »Deine Liebe
wird schreklich enden. Warum schwindelst Du vermessen über Stand und Würden
hinweg? Wie manches Mädchen, gleich schön, wie _Louise_, und ganz zur Liebe
gebaut, wie sie, Dir im Range gleich, öfnet ihre Arme Dir entgegen? --
Warum wählst Du von allen Wegen den Gefahrvollsten? -- Dein Herabsturz wird
eben so schreklich sein, als Dein Emporsteigen dir izt schmeichelhaft ist!«
_Florentin_ hörte die Stimme des warnenden Geniusses; aber der dazwischen
tönende Name _Louisens_ füllte Ohr und Seele und lies für alles übrige
keinen Raum. Jedes im Abendwinde zitternde Laub schien ihn zu lispeln;
jeder Strahl des Mondes ihn auf die rinnende Welle mit Goldschrift zu
mahlen; jedes Blumenbeet absichtlich in einem _L._ die schönsten Blumen
blühen zu lassen.
Nein, nein, es ist nicht die Willkühr des Menschen in der Liebe, sondern
die Hand des Verhängnisses, welche gewaltsam die Fäden unsers Schiksals
zerreisst und an einander knüpft, und Seelen Seelen entgegenführt. Wer kann
dem Fatum widerstehen, und besonders wenn dasselbe uns in so weiche Fesseln
schlingt! -- -- Spreche doch keiner vom freien Willen; wer ist wohl frei in
der Wahl eines zu liebenden Gegenstandes und frei, wenn er liebt, der
süssen Leidenschaft zu entsagen?
_Florentin_, Dein schwarzer Dämon ruft Dir das Wehe! zu, ich spreche: Heil
Dir, der Du izt in angenehme Träumerein verstrikt, die ganze Seeligkeit des
Lebens fühlst, und in banger Wollust Freuden ahndest, welche die Freuden
des Himmels begränzen. -- Deinen trüben Stunden kannst Du doch nicht
entrinnen!
Es war neun Uhr vorüber, und der Abend viel zu schön, als daß die rasche,
feurige _Louise_ sich schon in ihr Kabinet hätte einkerkern sollen.
Ueberdies erfuhr sie durch ein Ohngefähr, daß der _Graf von Duur_ im
Schlosgarten geblieben sei, wo man ihn noch vor einer Viertelstunde gesehen
haben wollte. Dieser Zufall hatte mächtigern Reiz, als alle übrige
Lokkungen des schwülen Sommerabends. Einsam war sie; der Flügel des
Palasts, den sie bewohnte, sties an den Garten, -- nichts war hier also ein
Hindernis um ungestört dahin fliegen zu können; und eine sonst unbescholtne
Person _ihres_ Ranges ist über niedrigen Verdacht erhaben.
In einem leichten Nachtgewande, eine Enveloppe um sich geworfen, ging sie
hinaus;
Und wie ein Paradies, in rätselhafter Helle,
Lag ihren Blikken izt der Garten ausgespannt;
Ein süsser, wonnesamer Blütenregen
Schlug ihr im Zug der Abendluft entgegen.
Rings säuselts feierlich. Der Bäume schwarzes Grün
Lies sich auf Zefyrs Schwingen wiegen;
Von keinem Fus berührt, krümme sich in schönen Zügen
Der breite, sandge Pfad durch Hekken von Jasmin.
Von ferne murmelte, mit Golde überflogen,
Der prächtigen Fontainen halber Bogen,
Und in der Luft zerflos ein süsser Hall
Der einsam flötenden Nachtigall.
Schüchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden
gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die _Prinzessin_ in dies
angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den
_Geliebten_ zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald
entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder
der andre Gedanke sie lenkte. Bald wünschte sie von ihm erblikt zu werden;
es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch
Winkelzüge, oder grade Wege sich Dir nähert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht
hast. Weicht er aus, so -- -- doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es
thäte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt;
dann spiele Dich ihm von ohngefähr in den Weg, daß er unmöglich entkommen
kann. -- Allein wird er nicht argwöhnen, daß -- Du ihn aufgesucht habest?
wird er nicht daraus schliessen, daß Du ihn liebest? -- Pfui! doch mag ers
immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem
erwiedert! --
Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs
Helle schlich, störte sie mit einemmahle ein sehr geringfügiger Umstand in
ihren verliebten Betrachtungen -- ein _Strumpfband_.
Dieses unbedeutende Stükchen in der Damenkleidung, welches schon so manche
wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten
englischen Orden gab, wurde _Louisens_ schönem Kniee treulos, löste sich
mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf
von seinem Dienste abspenstig, so daß beide ganz unbemerkt, und sanft, als
möglich, über die niedlichste Wade hinabschlüpften, bis zum Knöchel hin.
Das _liebeathmende Mädchen_ ahndete diese kleine Verrätherei so wenig, daß
sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr
flatterte bald um die entkleidete Schönheit, und ein hervorragender Zweig
der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhüllte
Wade einer schönen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte
durch seine kühle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.
Sie sezte ohne Zaudern den Fuß auf eine dabei stehende Rasenbanke, schürzte
das seidne Rökchen in die Höhe und war so eben im Begrif die kleine
Unordnung wieder herzustellen, als -- o weh! der _Graf_ unverhoft aus einem
mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie
versteinert, stehen blieb.
_Louise_ war eben so bestürzt, als der _Graf_, und war eben so wenig
vermögend ihre Attitüde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu
verändern, als der _Graf_ seine Augen von dem schönen, seltnen Schauspiel,
von der weissen, sanftgeründeten Wade, von dem entblößten Knie, u. s. w. u.
s. w. wenden konnte.
In allen Fällen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem
jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknüpft, sobald
wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte
Wendung zu geben weiß. Allein ob der _Graf_, welcher sich und die
Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum
besten nahm, laß ich unentschieden. Er lag nämlich nach einigen
Augenblikken zu _Louisens_ Füßen und -- bat um Verzeihung sie überrascht zu
haben.
Mögten alle Damen so tolerant sein, als hier es _die unsrige_ war. Es ist
doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Füßen,
mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen -- folglich mag es ihm
verziehen sein. --
Sie zupfte den Rok etwas tiefer hinab und sagte lächelnd: »Sie haben Ursach
um Vergebung zu bitten!«
Liebe macht kühn, und das _Halbdunkel_ der Nacht verwegen. Er drükte einen
brennenden Kus der Dankbarkeit auf ihre Hand, welche sie, absichtlich ober
nicht, wegzog, so daß seine Lippen auf dem Orte ruhten, welchen Band und
Strumpf unbedekt gelassen hatten.
»Erlauben Sie mir doch nur das Band umzubinden!« sagte sie in einem Ton,
der gar nicht böse klang; allein der verzauberte _Florentin_ gehorchte
diesmal nicht, denn alle seine Sinne waren auf den Gegenstand seiner Küsse
hingezogen.
»Sie werden mich aufbringen, _Graf_!« sagte sie nach einer langen Pause, in
welcher sie wohlgefällig auf den schönen Liebetrunkenen hinabgesehen hatte;
»Sie werden mich aufbringen und ich mich über Sie beschweren.« -- -- Diese
Worte flossen schon viel schneller und klangen schon zorniger, obgleich
noch immer die Stimme viel Bittendes hatte.
Schnell und besonnen sprang der _Graf_ auf, stammelte einige
Entschuldigungen und entfernte sich schüchtern indem er wieder in den
Seitenweg zurükging.
_Louise_ sah ihn nicht so bald verschwinden, als sie auf sich selbst böse
ward, weil sie besorgte zu hart gesprochen zu haben. Sich selbst
vergessend, das verhaste Knieband noch in der Hand, eilte sie zum Eingang
des Nebenweges und rief ihn halblaut nach: »Kommen Sie doch her, _Graf_!«
Nie gehorchte _Florentin_ lieber, als izt.
»Ich hoffe Sie werden die Achtung, die sie auch dem geringsten Frauenzimmer
schuldig sind, nicht vergessen und weder Wort noch Wink von der vergangnen
Szene fallen lassen. Daß Sie Ihre Bescheidenheit vergassen, vergeb ich
Ihnen.«
Er konnte nichts hierauf erwiedern, als eine stumme, ehrfurchtsvolle
Verbeugung.
»Geben Sie mir doch Ihren Arm!«
Er gab ihn. Die Hofnung regte sich wieder in ihm und lies ihn Muth fassen;
doch wagte ers nicht sobald ein Wörtchen zu sprechen. Neben einer zürnenden
Geliebten gehn, wie so quälend und doch wie so angenehm!
Beide wandelten, versunken in bangen Gefühlen der Liebe, schweigend durch
die hin und wieder vom Mondschein durchbrochne Dämmerung der Alleen; beide
schmachteten so lange nach diesem Augenblik, und izt entfloh er ungenüzt;
beide wünschten sich ihrer Seele Geheimnisse zu entfalten und vermogten es
kaum ein schaales Wetter Gespräch anzuknüpfen.
Louise. (leisen Tones) Ich hätte Recht auf Sie zu zürnen -- aber -- izt,
glaub ich gar, sind Sie mir böse?
Graf. (ängstlich stotternd) Ich Ew. Durchlaucht böse sein?
Louise. Warum gehn Sie so stumm neben mir?