war an einem Mittwoch -- Vormittagsstunde. Wir packten gerade die in
der Schreibstunde benutzten Hefte fort, ich steckte noch hinter meinem
aufgeklappten Pultdeckel, als sich die Thüre der Schulstube öffnete. Vor
uns stand unser neuer Lehrer. Er war gar nicht sommersprossig, sein
Haar war gar nicht borstig. Aufs modischste gekleidet, aufs sorglichste
gescheitelt stand er vor uns -- das junge bartlose Gesicht mit den ernst
blickenden, graubraunen Augen uns grüßend zugekehrt. Es wäre unmöglich,
die Aufregung zu schildern, in die sein Erscheinen uns, die Klasse, mich
und -- ich sah es mit einigem Staunen -- die sonst so kühle Fanny Dayson
versetzte. Wenn ich jemals die vornehme Ruhe dieser unserer ältesten
Mitschülerin bewundert hatte, wenn mich ihre Reserve je entzückt hatte
-- an diesem Morgen war mir die Gemessenheit mit der sie Antwort gab, die
Sicherheit, mit der sie sich verneigte, aufs Empfindlichste zuwider, um so
mehr als ich gewahrte, daß Herr Page -- so hieß der neue Lehrer -- sie
mehrfach angeblickt und sie, deren Äußeres etwas Gleichgiltiges hatte,
die Augen -- Fanny hatte seltsame schläfrige Augen -- unter langen Wimpern
hervor auf ihn gerichtet hielt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Mädchen
liebte oder haßte. Gewiß ist, daß mich ihre Kühle verletzte und ihre
Überlegenheit reizte -- gewiß ist weiter, daß ich, nicht ohne Trotz
gestand ich mir's, unter ihrem Einfluß stand. Diesem Einfluß dankt' ich
es -- das sah ich jetzt -- daß ich die Liebesbezeugungen Tommies gering
geschätzt und diesem Einfluß dankte ich es ferner, daß ich -- ihrem
Beispiele folgend -- den neuen Lehrer mit ganz eigenen Gefühlen ansah.
Wenn er die reservierte Fanny interessierte, so war das grund für mich,
ihn anzubeten. Ich war es nicht gewohnt, lange unbeachtet zu bleiben -- ich
steckte noch immer hinter meinem aufgeklappten Pulte und sah's mit heißen
Wangen, wie der Lehrer Fanny angeblickt -- mein Herz begann zu klopfen --
die trotzige Unbändigkeit des Wesens ließ mich die Folgen einer Missethat
nicht übersehen -- ich schlug mit einem lauten »Klaps« mein Pult zu --
warf den Wulst störrischen blonden Gekräusels, der mir mähnenartig in
die Stirne hing, zurück, und der Augenblick war da. Die Blicke des jungen
Gottes begegneten den meinen, ein halb überlegenes, halb belustigtes
Lächeln ging über seine Lippen, meine Schläfen begannen ein wildes
Hämmern, meine Wangen glühten -- vergessen war Fanny -- Daisy Rimpel --
Tommie -- alles -- -- ich liebte! Es war zum lachen und doch ist es etwas
Rührendes um so ein junges Lieben. Ich wurde, Sie dürfen es mir glauben,
ein wahrhaft vornehmes Geschöpf in dem Zeitabschnitt dieser, meiner ersten
Liebe, und es ist schade um die enttäuschende Katastrophe -- -- aber ich
greife vor.
Der Gegenstand meiner Anbetung bevorzugte mich sichtlich -- die gehässige
Haltung der Mitschülerinnen -- die grimmigen Blicke Tommies, bewiesen dies
zur Genüge. Ich durchlebte alle Wonnen, die der Anbetungsdienst eingiebt
und alle Schmerzen, die er fordert. Ich war eifersüchtig. Zwischen
meinem Idol und Fanny bestand eine gewisse Reserve, die zu den von mir mit
Argusaugen bewachten Blicken beider nicht im Einklang stand. Fanny war eine
vorzügliche Schülerin, sie war tadellos von Benehmen, und ihr Äußeres!
-- es war unleugbar, daß der Anflug von dunklem Flaum, der einem jeden
andern Gesichte einen unreinlichen Anstrich gegeben hätte, ihrem gelblich
blassen Teint einen besondern Reiz verlieh. Ich war eifersüchtig! -- Ich
bewachte mit neidischen Blicken die Geberden des Lehrers -- ich haschte
mit selbstquälerischer Lust nach einem jeden kleinen Zeichen eines
Einvernehmens -- und schämte mich, wenn ich bei ruhigem Sinnen nichts
Verräterisches fand. Fanny war gütiger gegen mich als sonst, so gütig,
daß ich begann, mein böses Mißtrauen zu verlieren, als ein kleines
Ereignis mich von Neuem in die alte Erregung brachte. Es war nach einer
Freipause. Die große Glocke hatte die Stunde bereits eingeleitet -- die
Kinder kamen in eiligen Gruppen vom Hofe in die Schulstube gerannt und
nahmen ihre Plätze ein. Fanny fehlte. Ich rückte schon ungeduldig auf
meinem Platze umher, meine Blicke flogen vom Lehrerpult, an dem auch _er_
noch nicht erschienen war, zur Thüre und meine Hände wühlten unruhig in
den Griffelkasten herum, da -- trat Tommie auf mich zu.
»Sie können beide noch nicht heraufkommen,« flüsterte er mit
nichtswürdigem Augenzwinkern, »er hat sich die Hand beschädigt, und sie
verbindet sie ihm mit ihrem Taschentuch.« Ich fuhr in die Höhe. Das Blut
strömte mir in die Schläfen.
»Beschädigt!« schrie ich, »und sie -- sie« -- selbst wußte ich nicht,
ob mein Mitgefühl oder meine eifersüchtige Wut größer war. Tommie stand
lächelnd, höhnisch lächelnd vor mir. Ich fühlte, daß ich ihn haßte.
»'s ist eine Lüge!« rief ich, am ganzen Leibe zitternd, und mit
erhobener Rechten zielte ich auf die einst geliebten blauen Augen los.
»Keine Lüge!« knurrte er, den Kopf wie eine Dogge gesenkt, die Blicke
lauernd schadenfroh aufwärts gerichtet, »sie standen versteckt an der
Flurthür und plauderten -- und der Wind schlug die Thüre auf seine Hand,
und sie nahm sie so« --
Tommies anschauliche Geste raubte mir den Rest meiner Fassung. »Fort von
mir!« befahl ich -- selbst nun mit unterdrückter Stimme -- und im selben
Augenblick wurde die Klassenthüre geöffnet. Fanny trat ein, hinter ihr --
ein wenig blaß aber schön wie ein Apoll -- die Hand, die wundervolle Hand
in einer weißen Schlinge -- kam er. Ich brauchte ihn nur zu sehen, und
mein Mitleid verdrängte jedes andere Empfinden. Er war verwundet, er
litt und -- ich liebte ihn. Über das Geschichtsbuch gebeugt, fielen meine
Thränen auf das Blatt herab und verwischten vor meinen Augen den weiten
Druck. Er stand vor seinem Pulte. Mit der Linken führte er das Blei, mit
dem er die eingehändigten Abschriftseiten durchstrich und zeichnete. Wenn
er mit leis' verzogenem Munde innehielt und mit der guten Hand im Schmerz
die kranke faßte, durchfuhr mich's wie ein Stoß. Von neuem lebte die
fatale Eifersucht in meinem Herzen auf. Ihr Tuch lag um die Wunde -- es
war ihr weißes Linnen, das er sanft berührte. Sie saß so ruhig da -- die
selbstbewußte Samariterin, deren Tuch so weiß war -- so abscheulich weiß
und sein -- ich zog verlegen an dem meinen. Es sah beschämend aus. Ich
stopfte -- ohne Kommentare -- das gefleckte arg zerknitterte Häufchen
einst rein gewesener grober Leinwand mit Hast in sein Versteck zurück
und ließ mein nasses Angesicht nur tiefer sinken. Was hatten sie sich
plaudernd auf den Flur zu stellen, er und sie? Weshalb blieb sie vor uns so
reserviert, wenn sie im Flur mit ihm so viel zu plaudern hatte? Vor meinen
Augen schwirrte es. Die krummgezogenen Finger kritzelten unleserliches Zeug
ins Heft und strichen durch und fingen wieder vorne an, und immer wieder
fielen meine Thränen auf das Heft. O -- ich war tief unglücklich. Da trat
er auf mich zu.
»Nun Kleine -- will es nicht gehen?« Ich fuhr zusammen. Meine Hände
zitterten. Er beugte sich und sah auf mich herab. Fort war der heftige
Schmerz, den ich gefühlt -- fort auch -- meine mühsam bewährte
Tapferkeit. Wie goldiger Sonnenschein durchflutete es mein Inneres --
ich warf aufschluchzend meinen Kopf auf meine Arme nieder und fühlte, am
ganzen Körper erbebend, die Hand -- die angebetete -- auf meinem Haar;
dann ertönte grell die Schulhausglocke. Die Stunde war zu Ende.
Die Welt war plötzlich schön geworden. Von jenem Tage an vertraute
ich Fanny Dayson all meinen Liebesschmerz -- haßte ich Tommie, der den
Verräter spielte -- liebte ich mehr denn je -- den Lehrer, der mich
verzog, und als das Schreckliche geschah -- fiel es vernichtend auf mein
liebendes Gemüt. Mr. Page ward plötzlich entlassen. Wieso -- warum
-- woher -- darüber herrschte unverbrüchliches Schweigen. Wie eine
Todesbotschaft traf uns die Vermeldung seines bevorstehenden Scheidens,
und wir wehrten uns redlich dagegen. Leider vergebens. Eine Petition
mit Namensunterschrift sämtlicher Schulkinder wird vom Direktor mit
Nichtachtung beiseite gelegt. Trauermienen -- zu allen Stunden an den Tag
gelegt -- erfuhren die schärfste Rüge. Die Wochen gingen zu Ende, der
Tag des Abschieds war da. Wie eine Versammlung leidtragender Vereinsglieder
umzingelten wir Mädchen den geliebten Erzieher. Fanny fehlte an jenem
Tage. Der Tisch des Lehrers prangte von Feldblümchen und schöngebundenen
Rosenbouquets -- kleine Andenken und Liebesgaben aus enthusiastischen
Kinderhänden. Die Abschiedsrede des Mannes hatte die Klasse in Thränen
überfließen lassen. Wohl zehnmal machte er abschiednehmend unter ihr die
Runde, wohl zehnmal hatten ausgestreckte tintebekleckste Hände den Ausgang
an der Thüre gesperrt.
Ich stand -- ein nie genug zu preisender Glückszufall hatte mich mit einem
denkwürdig reinlichen Taschentuch versehen -- dicht an des Lehrers Tisch
und schluchzte still in meine Hände hinein. Als der entscheidende Moment
seines Abschieds wirklich gekommen war, und er mit einigen Schritten an
mir vorüber wollte -- überkam's mich plötzlich wie eine bange Ahnung
bevorstehenden tiefen Schmerzes. Ich sollte ihn verlieren, ihn, den ich
liebte, den ich immer lieben würde -- -- ehe ich mir dessen selbst
bewußt wurde -- hatte ich mich auf ihn gestürzt. Mit meinen Händen
krallte ich mich an seinen Arm, während meine glühenden Wangen von Naß
überströmt an den Zweireihknöpfen seines Rockes umherwühlten. Mit
welchen Mitteln weicher Zuredungskunst es ihm gelang, mich zu beruhigen
-- ich weiß es nicht, gewiß ist, daß wir alle der in ein graues kurzes
Jaquet gekleideten elastischen Gestalt die Treppe hinab das Geleit gaben,
dem Scheidenden in herzzerreißender Weise unser »=Farewell Mr. Page=«
nachschluchzend.
Mit ernsten Mienen standen die übrigen Lehrer des Instituts an den
Ausgangsthüren ihrer Klassen. Die gemessene Art, mit der sie unserem
Abgott ihr »Leben Sie wohl!« sagten, war für uns -- für mich geradezu
empörend. Von Mitgefühl überwältigt, trabte ich -- im Gefolge der
ganzen Klasse -- neben dem Manne her, immer von neuem das klagende »=Oh,
Mr. Page! Farewell, Mr. Page!=« in die Sonne hinausweinend.
Die Straße, in der wir uns trennen mußten, war erreicht. Weiße Tücher,
von Thränen feucht, flatterten dem Idol Abschied winkend nach. Gebrochen,
schmerzgelähmt -- gramerfüllt kam ich nach Hause. Was hatte das Leben nun
noch frohes für mich? Die Dämmerstunde war gekommen. Ich hatte mir eine
jede einzelne Zärtlichkeitsäußerung meines Helden vor die Erinnerung
gerufen -- ich hatte in meinem Schmerz gewühlt, bis zur Unerträglichkeit.
Mein Herz schrie nach Mitteilung. Ich mußte von ihm sprechen, seinen Namen
nennen, nennen hören -- mußte klagen und mich trösten lassen. Aber wo --
wer? Ah -- ein Gedanke. Fanny. Sie hatte in der Schule gefehlt. Sicherlich
war sie krank. Das war eine Ausrede, als ich -- ein Tuch über den Kopf
schlingend -- im Dämmerlichte an den Häusern entlang schlich, bis ich das
Eckhaus erreichte, dessen Vorgarten zu durchschreiten war, um an die kleine
Pforte zu gelangen, die zur Freitreppe führte. Die Gartenthür stand offen
und ich trat ein. Unter den halb gesenkten Jalousien des Wohnzimmers
zu ebener Erde leuchtete eine niedergeschraubte Lampe über den
frischgeworfenen Kiesweg. War Fanny drinnen? Schlief sie vielleicht? Diese
Gedanken jagten mir durch den Kopf, als ich zögernden Fußes über den
Weg schritt. Plötzlich hörte ich Stimmen. Flüsternde Stimmen. Ich stand
still, um zu lauschen. Sie kamen über den Zaun, der den Garten von der
freien Wiese trennte. Ich stand im Nu auf den Stufen der Freitreppe. Von
dort übersah ich den Zaun. Die Wiese lag im Dunkel. Stimmen drangen zu
mir herüber und mein Auge -- an die Dunkelheit rasch gewöhnt -- erblickte
zwei Gestalten. Warum ich -- mit ahnungsvollem Herzen -- hinüberstarrte,
wußte ich nicht. Was ich sah, machte mich schwindelig, was ich hörte
raubte mir das Bewußtsein. An einen Baumstamm gelehnt stand -- mein
Idol -- bei ihm, die weißen Hände auf seiner Brust gefaltet -- den Kopf
zurückgeworfen -- Fanny -- meine heimtückische Rivalin. Ich hörte ihre
Worte.
»Wer hat uns verraten?« fragte sie.
»Ich weiß es nicht,« flüsterte er.
»Und die Briefe?« sagte wieder sie.
»Ich habe sie« -- er.
»Und du mußt fort?« Die Schamlose duzte ihn.
»Muß wohl,« seufzte das verräterische Idol, »aber ich sehe dich
wieder!«
»O mein Gott!« stöhnte sie, und dann war es still und der Mond drängte
sich durch die Zweige des Baumes, dessen Laub sie deckte, und ich sah --
sah's mit wilder Qual, wie er den angebetenen Kopf neigte und sie küßte.
»Die Kleine?« hört ich sie fragen, »hat sie getobt?« Wie ein
Messerstich durchfuhr es mein Herz bei seiner lächelnden Antwort.
»Wie eine Katze -- das wilde kleine Geschöpf -- es that mir fast leid!«
Sie lachten beide. Der Mond war nun voll durch die Wolken gedrungen. Sein
Silberlicht durchkreuzte die vom Winde leicht bewegten Zweige. Ich sah's
noch, wie er den kleinen Reif vom Finger zog, um ihn an ihre Hand zu
stecken, wie er sich beugte, um die kleine Hand zu küssen. -- »Braut«
sagte er leise und in meinem Innern ward es plötzlich totenstill.
Schweigend -- heimlich, wie ich gekommen -- schlich ich mich wieder davon.
In dem hohen Grase auf der andern verborgenen Seite der Wiese -- lag ich
bis zu später Stunde hingeworfen -- das Gesicht zur Erde gekehrt, und
weinte -- weinte schmerzzerrissen -- leidenschaftlich erzitternd, meine
erste Enttäuschung -- in die feuchten Gräser hinein, unter dem Glanze des
stillfahrenden Mondes, in der tiefdunklen Einsamkeit der Nacht.
Das Lied.
Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf
eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs
äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die
Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne
fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine
Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit
der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt
den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.
Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher
schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem
tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den
Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.
Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen
von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht
Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der
Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu
ihr herabdrang:
»Jinnie oh Jinnie!«
»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem
Aufblick nach der Richtung der gelben Locken -- dann nahm sie mit einem
besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete
es sorglich in die Kissen des Wagens.
»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb
vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort
zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast
setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre
Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden
Krauskopf zu.
»Neddie Thompson -- wen rufst du denn?«
Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her
balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter
hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der
unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn
der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und
ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.
»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig
geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen
mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben --
das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der
zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau
Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.
»Hat man je so etwas« -- murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem
sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie
streng.
»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige
Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern
des Wagens leises Wimmern.
»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das
Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da
drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang
anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen
klar machen -- das wollt' ich. Sei doch mal still du -- Neddie Thompson
-- _such' doch_ deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem
Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby
eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes
ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht,
wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich
nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das
Stumpfnäschen -- darüber der gelbe Lockenwulst -- aus dem Rahmen
desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu
bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich
unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte,
durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und
mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und
unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm
auf das unbedeckte Köpfchen fielen -- seinen Weg geradeaus nahm und um die
scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben
zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten,
nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des
Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.
Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses
wieder einschlug -- das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich
herschiebend -- gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen
Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem
Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.
»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte
Hausmädchen, das -- ihrer Pflichten eingedenk -- die Vorkommnisse
der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und
zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«
»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch -- etwas Neugier, etwas Angst im
Ton.
»Gestürzt nicht. Verschwunden -- verloren -- fort. Sie suchen ihn
überall!«
»=Gracious Goodness!= (»Herr des Himmels!«) welch ein Junge! Wo mag er
nur sein!«
Ja -- wo mochte er sein? Die trostlos versammelten Nachbarn sprachen einer
dem andern den Satz nach und blickten mit der allen müßigen Gaffern
eigenen Albernheit die Häuser zuerst, dann die Bäume und endlich sich
gegenseitig mitleidsvoll an.
Frau Terris verlor unter ihnen die Geduld. Ohne weiter auf die immer
größer werdende Menschenzahl zu achten, faßte sie behutsam die Räder
des Kinderwagens und bedeutete dem redseligen Dienstmädchen, ein gleiches
auf der Rückseite zu thun.
»Tragen Sie sie leise hinauf,« befahl sie -- »ich gehe zu Thompsons
hinüber, um zu hören!«
Frau Terris hörte bei den Thompsons wenig, aber das Wenige genügte, um
sie einigermaßen zu verstimmen. Frau Thompson fiel von einer Ohnmacht in
die andere, während Thompson Gatte mit Hilfe der willigen Nachbarn die
nahegelegenen Straßen absuchte. Die Dienerschaft allein vermochte es, der
energischen Frau Terris schluchzend Rede und Antwort zu stehen.
»Jinnie war entlassen worden -- Jinnie das schwarze Kindermädchen. War zu
spielerisch -- machte keine Arbeit mehr ordentlich. Missus hatte recht
und Neddie -- der süße Engel -- Kinder seien ja alle gleich -- und die
Jinnie, das raffinierte Ding, geberdete sich so toll, kein Wunder, daß der
»süße Engel« Neddie anfing zu weinen und sich an sie hängte, so daß
»Missus« ihn nach oben trug. Missus habe beim Einkochen aufgepaßt, sie
hätten Quittengelee gemacht, und während sie in der Küche beschäftigt
waren -- hätte der süße Engel -- der herzige Engel --
»Ob ihm denn niemand begegnet sei?«
»Ja -- der alte Gärtner von der Bahnhofsecke. Er habe den Kleinen
angehalten -- das »süße Kind« habe mit dem Kopfe vorwärts gedeutet und
immer gesagt: »Such' meine Jinnie -- such' meine Jinnie!«
»Und der gräßliche Mensch habe ihn gehen lassen?« Stummes
Kopfschütteln -- erneuetes Schluchzen -- weiter erfuhr Frau Terris
nichts, und was sie gehört, ließ sie etwas von ihrem vielgepriesenen
Selbstvertrauen einbüßen.
»'s ist keine Kleinigkeit,« erzählte sie später dem heimgekehrten
männlichen Terris; »wenn ich bedenke, daß ich es war, der den
abscheulichen Jungen ausschimpfte, daß ich es war, der ihm sagte, er solle
das Frauenzimmer suchen, anstatt sich -- hörst du mich auch, mein lieber
Terris?«
Es machte Terris einige Schwierigkeiten zu hören, wenn seine Frau, wie das
hier der Fall war, so auffällig beim Decken des Tisches mit den Tellern
klapperte, und er, nebenbei gesagt, hinter dem Zeitungsblatt versteckt, die
Kurse studierte; trotzdem hob er mit einem vorwurfsvollen Blick den Kopf
und versicherte, daß er mit dem größten Interesse aufpasse, und aufs
Lebhafteste gespannt sei -- der Schluß des Satzes verlor sich in erneuetem
Tellergeklapper.
»Es ging mich vielleicht nichts an, wirst Du sagen,« sprach Frau Terris
mit erzwungen gleichmütigem Tone weiter, »wenn der Junge da herunter
lamentiert, aber wenn man mit Mühe und Not sein eigenes Baby in den Schlaf
gekriegt -- Mary Ann ist seit zwei Tagen schwer einzuschläfern -- und man
will sie ein Stückchen auf und ab fahren, und so ein Junge maltraitiert
einen mit seinem Singsang -- da kann es dem besten Menschen passieren, daß
man einmal derb die Meinung sagt und --«
Das Klappern der Teller hatte allmälig nachgelassen -- die Stimme der
ehrenwerten kleinen Frau ward allmälig unsicherer und Herr Terris fuhr
nicht ohne Schrecken zusammen, als sich seine Gattin ohne alle Vorbereitung
mit der ihr eigenen Heftigkeit plötzlich neben ihm niederwarf, ihr Gesicht
an seiner Schulter barg und erst weinerlich, dann heftig schluchzend
weitersprach:
»Wenn ich ihm auch gesagt habe, daß er seine dumme Jennie suchen sollte
-- dann brauchte er doch nicht -- wenn ich bedenke, daß unsere Mary Ann
eines Tages auf und davon -- -- oh Talbot, ich hätte es ihm nicht so zu
sagen brauchen -- hätt' ich?« Herr Terris hatte alle Ursache, sich zu
schämen. Er hatte nicht einen Augenblick zugehört und befand sich in
der unbehaglichen Lage, trösten zu sollen, ohne zu ahnen, um was es sich
handelte. Der Erregung der Frau war es zuzuschreiben, daß es ihm gelang.
»Was kann ich in der Sache thun?« fragte er im Bewußtsein, daß nur
eine _Handlung_ ihm in den Augen seiner Martha Gunst verleihen würde, und
wirklich blickte dieselbe dankerfüllt zu ihm auf.
»Du wirst gleich nach Tisch gehen und den abscheulichen Jungen suchen
helfen, mein guter Talbot, nicht wahr?«
Der »gute Talbot« erfuhr zum Glück im Hinausgehen vom Hausmädchen, um
welchen »abscheulichen Jungen« es sich eigentlich handelte.
Das Kind war fort. Der Tag verging -- der zweite kam -- das Kind blieb
fort. Die Nachbarn bestätigten es mit Trauermienen und bedauerndem
Aufblick zu den herabgelassenen Thompsonschen Jalousien, hinter denen die
Herrin von Weinen erschöpft darniederlag und die alte Köchin während des
langen Tages unter weinerlichen Stöhnlauten einherging und mit immer
neuen Gefühlsausbrüchen die Anfragen der Nachbarn mit dem stets gleichen
Jammerruf: »Das Kind ist fort -- fort«, beantwortete.
Der melancholische Ton weckte so sehr das Mitgefühl wie die traurige
Thatsache selbst. Was Wunder also, daß die guten Nachbarn aufhorchten, als
am Abend desselben Tages die Stimme der alten Köchin vor den Stufen
des Hauses in ganz anderer Weise erscholl. Allem Anscheine nach war sie
ergrimmt. Man sah eine drohend geballte Faust -- hörte eine unterdrückte,
erregte, zornbebende Stimme:
»Fort ist das Kind. Jawohl, du schwarzes Ungeheuer, fort ist es, und wenn
der süße Engel zu Tode hungert oder auf den Eisenbahnschienen umkommt --
wer hat die Schuld, du nichtswürdiges Geschöpf? wer anders als du -- du
-- was willst du überhaupt noch hier? Nach ihm fragen? So? Wenn du mir
wieder unter die Hände kommst -- ich -- ich -- fort von hier, sag ich, du
schwarzes Ungeheuer oder ich« --
»Mit wem sie nur reden mag,« fragten sich die teilnahmvollen Beobachter,
deren neugierige Köpfe bei dem ungewohnten Geräusch zu den Fenstern
herauskamen, »wer mag denn da unten sein?«
Bevor sie sich indessen klar werden konnten, war die Thüre des
Thompsonschen Hauses ins Schloß gefallen und von den Stufen erhob sich
eine halberwachsene Mädchengestalt, die sich eingeschüchtert an den
Häusern entlang hinschlich und im Dunkeln verschwand.
»'s war das Frauenzimmer, die Jinnie, ich wette, was du willst,« sagte
Frau Terris, ihren vom Abendwind zerzausten Kopf von der Fenstereinrahmung
zurückziehend und den männlichen Terris herausfordernd ansehend,
»das freche Ding -- hier noch herzukommen, nachdem sie die ganze Sache
angerichtet -- so ein Nigger!« Es gab in der Umgegend noch andere, die das
Gebahren des Negermädchens für frech erklärten, so zum Beispiel schien
es dem hinter seiner Schnapsflasche eingeschlafenen Bahnbeamten eine nie
dagewesene Dreistigkeit von einem halberwachsenen Mädchen, ihn zu wecken,
um zu fragen, ob sie auf eine Viertelstunde die Laterne nehmen dürfe, um
etwas, was sie verloren, zu suchen, und dann hatte er in seinen Flüchen
innehalten müssen, als sich das junge Ding so ängstlich seitwärts
drückte und ihn aus großen Augen so eigen hilflos anstarrte.