teilnahmsvolle Bursche von vorhin, der seine dünne Stimme fisteltönig
hoch geschraubt zu Kurt hinüberklingen ließ, da Kurt sich weder aufhob,
noch etwas erwiderte -- durchsprang sein kleiner Freund die Strecke, die
sie schied -- und stand an seiner Seite.
»Kurt, komm' doch!«
»Mag nicht!« Er stieß es mürrisch aus und warf sich unwirsch auf die
andere Seite.
»Komm doch!« ermuntert der Herangetretene eindringlich bittend -- und da
der andere nichts entgegnet, nur heftig mit dem Fuß ausschlägt, verliert
der kleine Freund den Mut und schiebt sich rücklings gehend fort -- dem
Spiele zu.
Kurt liegt eine kleine Weile regungslos -- die Augen in die Arme vergraben
-- auf dem Rasen. Von ferne hallen Rufe heller Stimmen zu ihm -- er hört
das Aufschlagen der geworfenen Bälle -- das Schreien und Fallen und
Stoßen der erregten Kinder und zwischendurch des Lehrers Stimme.
»Na -- fängt denn keiner?«
Kurt hat den Kopf emporgerichtet. Die dunkeln Augen sehen gespannt dem
Spiele zu. Wie sich alle schieben -- wie sie rennen, um den Ball beim
ersten Wurf zu fangen! War's denn so schwer, daß selbst der Max --
Plötzlich mit einem Sprung steht er auf seinen Füßen; noch ehe er selbst
sich über sein Vorhaben klar wird -- ist er im Kreise derer -- die da um
den Ball wetteifern. Kühn, aufrecht -- fest entschlossen steht der kleine
Bursche da. Die Klasse sollte sehen, ob es jedesmal der Max sein mußte,
der -- --
»Eins! Zwei! Los!« Der Ball fliegt hoch und wieder nieder. Wild schreiend
schieben sich die Kinder aneinander. Sie beugen sich zurück und vor und
strecken ungestüm die Hände aus, und aus dem dichten Haufen lärmender,
erregter Kinder windet sich ein einziges los, streckt sich triumphierend
ein energischer Arm empor.
Kurt Henning hat den Ball.
»Er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!« ruft eine Stimme laut, und es
entsteht ein lautes Lärmen, und Protest erhebt sich.
»Max Roland hatte ihn zuerst; dann fiel er hin -- und dann nahm ihn Kurt
Henning auf!« schreit der Ankläger von vorhin.
»Lüge!« stößt Kurt ingrimmig aus.
»Keine Lüge -- er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!«
»Nein -- das hat er auch nicht -- Max hatte ihn!« schrieen die Kinder
erregt und Herr Karler hebt -- Ruhe gebietend -- beide Hände.
»Kurt soll vortreten!«
»Sage Kurt -- hast du den Ball beim ersten Wurf gefangen!«
Des Knaben Augen lodern unheimlich trotzig auf.
»Ich -- ich --«
»Er hat ihn nicht gefangen!«
»Max hat ihn gehabt!« ertönen wieder die Anklagestimmen von vorhin.
»Ruhe! Ich frage euch nicht!« spricht ernst Herr Karler. »Kurt wird mir
ganz allein die Wahrheit sagen!«
Ein Augenblick der Spannung! In des gefragten Kindes Hirn entsteht ein
wüster Kampf. Sagt er »nein«, so fällt die letzte Chance, die ersehnte
Prämie zu erhalten -- fällt jede Aussicht, einmal von des gestrengen
Vaters Mund gelobt zu werden! -- sagt er ein »ja«, so spricht sich's
morgen in der Stadt herum, daß er -- nicht Max --
»Hast du den Ball richtig gefangen, Kurt?« Wie eigen warm des Lehrers
Stimme klingt! Wie voll Vertrauen das graue Augenpaar ihn ansieht! Des
Kindes Herz versteht den Blick; des Kindes Herz erwidert darauf. Den Kopf
zurückgeworfen, daß die Lockenfülle weithin in den Nacken fliegt -- die
Augen groß und voll zum Lehrer aufgeschlagen, spricht Kurt ein deutliches
ernsthaftes »Nein, Herr Karler!«
Die Stille, die dem Worte folgt, wird durch den Lehrer unterbrochen.
»Du bist ein braver Kerl, Kurt Henning!«
Die Dämmerung ist da. Müde und bestaubt marschiert die kleine Schar zur
Stadt zurück. Die Frühstücksbüchsen hängen ihnen leer zur Seite.
Kurt Henning hat den Blick mit ernstem Ausdruck auf das kleine Haus
gerichtet, das am Thore liegt und das er mit dem Vater bewohnt.
»Worüber sinnst du, Kind?« fragt ihn Herr Karler, dem etwas in
dem Angesicht des Knaben zu denken gibt, und Kurt erwidert leise --
sehnsuchtsvolle Augen zu dem Lehrer hebend:
»Ich hätte doch so gerne eine Prämie heimgebracht; mein Vater hätte
sich gefreut!«
Herr Karler legt die Hand liebkosend auf des Knaben Haupt und gibt ein
Zeichen, daß die andern stehen.
»Sag' deinem Vater, daß du ihm die Achtung deines Lehrers mitbringst,
Kurt, das wiegt wohl eine Prämie auf! Gut' Nacht, mein Sohn!«
Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder
ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte
Kinderlippen legen sich -- von einem plötzlichen Impuls geleitet -- auf
dieselbe nieder.
»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen
Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts
gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten
Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der
Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt
und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen
seines Sohnes nieder.
Zu spät.
Sie war ein unscheinbares Ding von zartem Körperbau und einem blassen,
unauffälligen Gesicht, das ganze Gegenteil von dem robusten strammen
Brüderchen, das so geräuschvoll treppauf treppab trampelte, mit lauter
Stimme seine Wünsche kundgab und das ganze Haus gründlich tyrannisierte.
»Wie verschieden doch ihre Kinderchen sind!« meinten die gelegentlichen
Besucher der Familie Holfers, vergleichende Blicke auf die Kleinen werfend,
und Frau Holfers pflegte mit einem Kopfnicken über den glatten braunen
Scheitel Gretchens fort auf das blondgelockte Köpfchen ihres Knaben
niederzuschauen und dann -- Gretchen kannte den Hergang genau --
mit mütterlichem Stolze die übermütigen Streiche des Söhnchens
aufzuzählen, ihn in jeder Zwischenpause drei-, viermal zu streicheln und
endlich -- wie gut Gretchen das immer voraussah -- die lange seidene Locke
aus der verschlossenen Lade vorzunehmen und sie lächelnd stolz zu zeigen:
»So goldig war das Kerlchen! Ich habe ihm die Strähne abgeschnitten, als
er kaum zwei Jahre zählte!«
Gretchen hatte die lichte Strähne oft gesehen. Zuerst mit der ihr eigenen
stillen Bewunderung und dem leicht geweckten Kindesinteresse und später
mit einem staunenden Verwundern darüber, daß die Mutter niemals die von
ihrem Haupt geschnittene Locke zeigte, die doch jedenfalls auch in der
Lade liegen mußte; und aus dem Staunen wuchs ein inniger Wunsch, ein
einzigesmal hineinzublicken in das verschlossene Fach, das -- Gretchen
zweifelte nicht einen Augenblick daran -- die andre Strähne barg. Gewiß
war sie nicht schön, wie die des Knaben -- die Mutter hatte es ja oft
gesagt, daß sie stets häßlich war -- sie konnte also auf sie nicht
stolz sein, wie auf das Brüderchen, das sie ja auch so ungeheuer liebte.
Gretchen hatte, wenn sie diesen Gedanken nachhing, ein so eigentümliches
Drücken im Halse, und eine solche Schwere in der Brust, daß sie
ungeachtet der mütterlichen Mahnung, doch »ihr ewiges Gejammer ohne
Grund« mal endlich einzustellen, -- trotz der stürmischen Liebkosung
Arthurs, in helle Thränen ausbrach. Ja, diese leidigen Thränen! Gretchen
wußte wohl, wie sehr die Mutter Thränen haßte -- und diese trugen
auch die Schuld, daß die so heitere Natur der Mutter sich immer mehr dem
Brüderchen zuwandte, dessen leidenschaftlich zärtliche Natur von allen
Liebe forderte und allen Liebe gab, der, wo er ärgerte, auch gleich wieder
versöhnte, und dessen Thränen, wenn sie fielen, gleich einem sonnigen
Regenguß, im Hintergrunde lichte Strahlen zeigten.
»Wenn sie nur etwas von des Knaben Art in ihrem Wesen hätte,«
hörte Gretchen ihre Mutter klagen, »ich finde mich in dieser kalten
unfreundlichen Natur gar nicht zurecht. Wenn sie vor sich hin weint, weiß
sie sicherlich selbst nicht, warum sie's thut!«
Das Kind hatte die Klage, unbemerkt am Fenster sitzend, mit angehört, und
lange darüber nachgesonnen. Gewiß, sie war gerecht. Selbst wußte sie ja
nicht, was ihr das Herz bedrückte, bis es ihr eines Morgens klar wurde,
und von da ab weinte sie nicht mehr.
Sie hat nie davon gesprochen, niemand erzählt, wie es gekommen, daß sie
an einem Tage, da wiederum die schöne goldene Locke Arthurs vorgezeigt und
bewundert wurde, von einem instinktiven Etwas angespornt, ganz heimlich an
die nachlässig aufgebliebene Lade schlich. Auf einem Schemel stehend,
mit vorgestrecktem Halse und eifrig hastigem Auge, hatte sie das Fach
durchstöbert, um neben der goldblonden Locke die noch niemals vorgezeigte
dunklere zu suchen, um doch zu wissen, ob sie denn so häßlich -- gar so
unansehnlich häßlich war!
Das kleine Mädchen hatte lange regungslos vor dem verräterischen Fach
gestanden. Niemand hörte je ein Wort darüber, was in dem Kinderherzen
vorgegangen war, da Gretchen in der mit Seide ausstaffierten Schachtel die
Stelle neben Arthurs Locke leer fand, und es zum erstenmal ihr dämmerte,
daß man von ihrem Kopf nie eine Strähne abgeschnitten hatte, um sie
aus Liebe und aus Zärtlichkeit aufzubewahren. Wie die mageren Hände
zitterten, die mühsam erst die Lade schlossen und sich dann bebend vor
die Lippen preßten, wie um den Aufschrei aus des Kindes Brust zu
unterdrücken.
* * * * *
Der Abend fand die Familie Holfers um den Speisetisch versammelt, und
zweimal hatte man die Kinder rufen lassen.
»Wo bleibt denn Gretchen?« fragte über seine Zeitung fort der Vater, als
Arthur frischgewaschen in der Thür erschien.
»Nicht gesehen!« erwiderte der Kleine, und Frau Holfers sagte, dem
Söhnchen liebevoll zunickend: »Sie wird wohl oben sein, sie läßt sich
gern zweimal rufen!«
Oben war sie; aber ihr Nichterscheinen war weder Trotz noch Prätension. Im
guten Zimmer lag das Kind halb hingekauert vor dem Schrank, die Augen weit
geöffnet, das blasse Köpfchen hintenüber an die Wand gelehnt.
»Was ist mit ihr? Gretchen!« Sie hört den Angstruf nicht, mit dem die
Mutter sich an ihrer Seite niederwirft.
Es währte lange, bis der starre Ausdruck aus dem Kinderantlitz schwand,
und als er schwand, lag in den blauen Tiefen ihrer Augen ein der Mutter
fremder, düsterer Ausdruck.
»Bist du gefallen, Kind?« Die Lippen sprachen nicht sogleich. Es war, als
käme langsam von dem Herzen zu dem Mund herauf ein kaltes, hartes Etwas,
das die Stimme Gretchens heiser machte:
»Gefallen -- nein!«
»Was ist dem Kinde nur -- sie ist so anders?« Die Mutter fragte sich's
von jenem Tage an gar oft, wenn sie das stille Kind mit dem verschlossenen
Antlitz kommen und gehen sah und es deutlich erkannte, daß sie ihr scheu
auswich und mit Beharrlichkeit die Zärtlichkeiten des goldhaarigen Bruders
schroff von sich wies.
»Sie hat mich nicht mehr lieb,« wehklagte Arthur, und Frau Holfers nickte
schmerzlich bitter vor sich hin und sagte nur:
»Sie hat gar niemand lieb, mein Kind!«
Das blasse Mädchen hörte Klage und Antwort und sagte nichts.
War's wahr, daß sie gar niemand liebte? War's möglich, daß die blauen
Augen, die so sehnsüchtig und heiß die Mutter streiften, wenn sie sich
ungesehen glaubte, von einem kalten Herzen sprachen? War's denkbar, daß
das Kind, das sich allabendlich, wenn alles schlief, mit nackten Füßchen
leise an das Bett des Brüderchens heranschlich, um lange in das schlafende
Gesichtchen zu blicken, kalt war und lieblos?
Und doch! Wie schroff verstand der Mund den Morgengruß zu sprechen, wie
fremd und interesselos blieb sie den Freuden und den Ärgernissen der
Familie gegenüber, wie scheu entwich sie jeder Annäherung des liebevollen
kleinen Bruders! Die Zeit verstrich; mit ihr gewöhnte man sich daran, das
stille Kind ganz ungehindert seinen Weg gehen zu lassen und die herben,
schroffen Züge ihres Wesens mit Geringschätzung und Kühle zu erwidern.
Der Sommer war gekommen. Die Zeit, in der man in die Bäder zog. Im Hause
Holfers machte man die ersten Vorbereitungen zur Reise, und so gewann der
kleine Arthur Zeit, mehr als gewöhnlich unbewacht im Freien zu sein, und
die Mama unternahm nicht ohne Besorgnis die kleine Reise über Land, um
die Beschlüsse über die in Aussicht genommene Sommerwohnung endgültig zu
treffen.
»Wenn nur dem Kleinen nichts geschieht!« rief sie vom Wagenschlag besorgt
zurück; »wenn ich nur wüßte, daß man auf ihn achten wollte!« -- Der
Mutter Blick lag auf dem Antlitz Gretchens, die, an der Thüre stehend, ihr
unverwandt ins Antlitz sah. Es war ein eigenes Etwas in den Augen beider,
da sie sich zum erstenmal seit lange in einander senkten. Zum erstenmale
empfanden vielleicht zu gleicher Zeit die Mutter und das Kind, daß in der
Seele beider -- von dem andern unverstanden -- etwas lag, was ungeklärt zu
schlummern schien.
Was war's, das plötzlich die Mutter bestimmte, aus dem Wagenfenster zu
schauen und dem stillen bleichen Kinde einen liebevollen Gruß zuzunicken?
Was gab's dem Mädchen ein, die kleine Hand fast unwillkürlich
auszustrecken -- an den Mund zu führen -- nochmals auszustrecken?
Der Wagen fuhr davon, und langsam fielen ungesehen zwei schwere Thränen,
die eine in den Schoß der Mutter, die andere auf die Hand des Kindes,
das regungslos an der Thür stand und dem Gefährt mit großen Augen lange
nachsah.
»Gretchen! Gretchen!« Der Kopf des Kindes fuhr aus seinen Träumen auf.
Das war Arthurs Stimme. Sie klang so hell, so jubelnd. Woher kam sie nur?
Aus dem Stall vielleicht!
»Ist Arthur dort?« Sie ruft es in den Stall hinein, und ehe der Diener
Antwort giebt, sieht sie durch die weit offene Stallthür den kleinen
Burschen allein auf dem noch ungezähmten Füllen sitzen, das der Vater
neuerdings dem Kleinen zum Geschenk gemacht. Gretchen schreit ängstlich
auf.
»Wie können Sie nur?« ruft sie dem Diener zu; doch dieser zieht verlegen
beide Schultern hoch.
»Er schrie und strampelte so sehr, was sollt' ich machen?«
»So geh'n Sie nach und halten ihn! Arthur!«
Der Ruf entfährt erschreckt den blassen Lippen Gretchens, da sie
gewahrt, wie Arthur unerschrocken seine Zügel hält und dem erregten Tier
zuschnalzt.
»Arthur!« Es hilft nichts mehr, daß der verlegene Diener dem Kinde
nacheilt, der gelenkige Bursche trabt ganz unbekümmert um die Rufe seiner
Schwester durch den Thorweg auf die Straße, und diese eilt, von einem
Angstgefühl erfüllt, durchs Haus, um durch den kürzern Weg dem
Brüderchen den weiten um die Straße abzuschneiden. Der Gartenzaun ist
offen. Gretchen ist angelangt, nicht einen Augenblick zu früh. Von einem
Stein, aus eines Nachbarkindes Hand geworfen, wild zur Flucht getrieben,
kommt Arthurs Tierchen auf sie zugesaust. Der kleine Reiter hängt bleich,
voll Todesangst die Mähne seines Tieres fest umklammert, zitternd da.
Von allen Seiten stürzen sich die Menschen vor und suchen ihn durch Rufen
anzuhalten.
»Wenn es ihn abwirft, ist das Kind verloren! Der arme kleine Bursche!«
»Ach Gott! Ach Gott!«
Gretchen hört die Worte, die Jammerrufe. Ihre Augen sind weit aufgerissen,
die Hände fest ineinander geschlungen. Ein entschlossenes blasses
Gesichtchen hebt sie zu dem Bruder.
»Halte fest, Arthur, halte fest!«
»Um Gotteswillen, was macht das Mädchen?« Die Menge schreit auf, und um
sie her erschallen Warnungsrufe. Zu spät!
Mit ihrem kleinen Körper hat sich das Mädchen dem Tier in den Weg
geworfen. Die Arme hoch empor haltend fällt sie dem schäumenden, erregten
Tier in die Zügel -- -- ein Sturz, ein Schrei -- das arme, arme Kind!
Die Pferdehufe hatten sie getreten, nachdem der zarte Kinderleib schon eine
Strecke weit geschleift und arg mißhandelt worden war.
So lag sie denn bewußtlos auf dem weichen Bettchen, und fremde Menschen
standen um sie her und weinten laut.
Die schnell herbeigerufenen Ärzte schütteln stumm die Köpfe.
»Es ist nichts mehr zu machen!«
Es war schon spät, als sie die Augen langsam öffnete und auf das Rollen
nahender Räder horchte.
»Arthur!« Sie flüsterte den Namen leise fragend -- und Margaret --
Die alte Köchin zeigte auf das Bettchen ihr zur Seite.
»Er schläft ganz gut, der kleine Mensch!«
Ein Lächeln gleitet über Gretchens Antlitz. Sie hat die Augen auf die
Thüre geheftet, die von erregten Händen aufgestoßen wird.
»Arthur ist nicht verletzt, erschrick nicht Mutter!«
So leis die Worte sind, die blasse Frau hat sie gehört.
»Arthur ja, aber du, mein armes liebes Kind?«
»Ich? o Mama!«
Es war das erstemal, daß sie den Namen Mutter mit dem kindlichen »Mama«
vertauschte, das erstemal, daß sich die zarten Arme um der Mutter Nacken
legten, Es war, als ob das überfüllte Kinderherzchen all den Kummer
seines kurzen Daseins von sich wälzen, all die unterdrückte Zärtlichkeit
von Jahren in die einzige letzte Stunde ergießen müßte. Halb klagend,
halb kosend bewegten sich die erbleichenden Kinderlippen, und sprachen
leise Geständnisse von Liebe und Kummer und Herzweh.
»Ich war immer so einsam -- ich -- --«
»O still, Kind, still!«
»Thut es -- dir leid -- Mama?« Es war das Letzte, was sie sprach. Die
Augen sahen noch sekundenlang mit großer Andacht auf zur Decke -- dann
schlossen sie sich langsam. Still, unauffällig wie es gelebt, so starb
das Kind, und über dem Bettchen lag die Mutter und schluchzte
verzweiflungsvoll auf.
»Das alles fühlte sie, das arme kleine Ding! und ich erfuhr es erst -- zu
spät!«
Erste Liebe.
Meine erste Liebessache spielte in der kleinen Hafenstadt Hoboken. Das
Städtchen hatte neben der großen Freischule für unbemittelte Kinder
nur eine Privatschule, und diese leitete, in dieser unterrichtete ein sehr
frommer Pastor, der seinen Zöglingen mehr Frömmigkeit beibrachte
als Gelehrsamkeit. Als dann nach kurzer Zeit ein rühmlichst
bekannter Deutscher die ersten Schritte zur Gründung eines großen
deutsch-amerikanischen Lehrinstitutes that, schlossen sich ihm die
ehrenwerten Bürger und Familienväter mit Enthusiasmus an, und nach kaum
einem halben Jahre wanderten die frommen Zöglinge des salbungsvollen
Pastors, unter denen auch ich, in die neugegründete »Hoboken Akademie«
über. Das Institut hatte einen besonderen Reiz. Die Klassen enthielten
auch Knaben.
Welch ein Übergang von dem demutsvollen »Lasset die Kindlein zu mir
kommen«, vom würdigen Pastor allmorgentlich wiederholt, zu dem Frühgruß
der Besucher der Akademie mit den begleitenden feuchtgerollten fliegenden
Papierklümpchen und den gelegentlichen wundervollen Balgereien.
Das Institut hatte noch einen Reiz. Man wurde vierteljährlich versetzt.
Ich durchreiste, Dank meinen guten Befähigungen mehr, wie meinem Fleiß,
mit großer Geschwindigkeit die untere Klasse und saß als zehnjähriges,
blondkrauses, sehr selbstbewußtes, sehr unordentliches junges Dämchen
mit frischgewaschenen Schürzen und mangelhaft sauberen Taschentüchern
in Klasse vier, inmitten einer Reihe älterer zum Teil sehr wohlerzogenen
Studiengenossinnen und einer tollen Bande der reizendsten halberwachsenen,
courmacherlichsten Knaben, welche je unter diese stolze Kategorie gestellt
zu werden verdienten. Ich habe niemals an dem Verkehr mit Männern so hohen
Genuß erlebt, wie ihn mir die sehr ausgezeichneten jungen Mitbürger aus
Klasse vier der »Hoboken-Akademie« jener Zeit gewährten. Was ist denn
auch wirklich so ein devoter Handkuß eines salonfähigen Kavaliers --
gegenüber dem wonnig unerzogenen herzlichen Ellenbogenstoß -- gegenüber
dem unerwarteten, kräftig liebevollen Schlag auf die Schulter und dem
dazu aus frischer Kehle gebrüllten »=Halloh old girl!=«, wie ihn meine
hochverehrte, mir mit Leib und Seele ergebene, kleine Garde aus Zimmer vier
zu verabreichen im Stande war! --
Wir hatten, ich bedauerte die Thatsache, einen Klassenlehrer. Noch mehr
aber bedauerte ich die Abneigung, welche dieser lange ehrwürdige Herr
gegen das kleine -- hm -- Einvernehmen hatte, das zwischen mir und Tommie
Sievers bestand. Tommie hatte -- es ist vielleicht geschmacklos von
mir, die Vorzüge eines abwesenden jungen Herrn in Gegenwart anderer
hervorzuheben -- indessen, der Wahrheit die Ehre, Tommie hatte sehr
hübsche Augen. Er war sommersprossig, nur sein Haar -- es hätte weniger
borstig sein dürfen, und ich fand selbst, daß seine Figur zu sehr
gedrungen war -- indes -- was thut das einem jungen Mädchen, das, wie
ich, diesen denkwürdigen Tommie mit großer Willenskraft, aus herzlichstem
Selbstgefühl und ohne jede Zuneigung für ihn aus den Fesseln einer Daisy
Rimpel gerissen, und der es nun gegenüber der Klasse ehrenhalber zur
Notwendigkeit wurde, die Aufmerksamkeiten des edlen Tommie über sich
ergehen zu lassen.
Die Abneigung unseres Klassenlehrers gegen die in Zimmer =IV= bestehenden
kleinen Kommunikationen von den Knabenpulten zu denen der Mädchen hinüber
weckte in mir den innigen Wunsch nach der Entfernung des guten Mannes,
und da dieser ohnehin leidend war, Aufregungen scheute und leicht in Zorn
geriet, wurde es mir nicht allzu schwer, tagtäglich mit Hilfe einiger der
Mitschülerinnen neue Missethaten zu ersinnen, die den armen Mann in steter
Aufregung hielten und ihn veranlaßten, gesundsheitshalber -- so hieß es
-- seine Entlassung zu fordern. Wir atmeten auf. Unter den uninteressierten
Augen der Hilfslehrer wurden wir zu freien Menschen. Tommie konnte
ungehindert seine Liebesdienste verrichten, und er war ein ausgezeichneter
Liebhaber; gerade nicht von besonderer Geistesanlage, auch sonst auf
den Inhalt seiner Bücher nicht neugierig, war er doch von rührender
Opferfähigkeit. Er schleppte mir mit ritterlicher Unverdrossenheit
die Mappe nach und überbrachte mir, ohne den geringsten Anspruch auf
Halbierung zu erheben, die ihm von der blaßblonden Daisy Rimpel heimlich
zugesteckten Äpfel. Ich verzehrte sie ohne Gewissensbisse -- ja, ich
besaß die Kaltblütigkeit, sie vor seinen Augen mit Fanny Dayson, der
ältesten der Klasse, zu teilen -- mit ihr sogar über die tölpelhafte
Treue meines Tommie zu spotten; denn, um wahr zu sein, muß ich gestehen,
daß mich an der Person des treuen Sklaven, nachdem ich es zu Stande
gebracht, ihn der Daisy Rimpel abspenstig zu machen, nachdem ich weiter die
Luchsaugen des Klassenlehrers nicht zu scheuen hatte, wenig fesselte, und
mein leichtaufflackerndes Interesse am Schwinden war.