gesehen. Wo sie hinblickte, sah sie das Meer und nur das Meer. Hilflos,
bang, als bedürfe sie der Stütze, faßte sie nach der Lehne einer
nahestehenden Bank; große Thränen füllten ihre Augen, und schmerzhaft
zuckte der Mund. Die kleine Hand griff, als schmerze sie etwas, ans Herz
und immer bleicher wurden ihre Lippen. Es nahten sich Schritte. Den Kopf
wendend, gewahrte sie den Mann, der gestern mit ihr gesprochen. Tags zuvor
war er ihr noch fremd gewesen, heute erschien er dem jungen Mädchen wie
ein alter Bekannter, wie ein guter Freund. Mit dem ganzen Ausdruck der
Wehmut, die sie erfüllte, auf ihn zueilend, ergriff sie mit ihren beiden
Händen die ihr entgegengestreckte Rechte des Mannes, während sie ausrief:
»Sehen Sie doch nur, wie schrecklich. Wir sind ganz allein und verlassen.
Nichts als Wasser, dunkles, schreckliches, schäumendes Wasser. Kein Land!
O, wie öde, wie öde!« Thränen erstickten ihre Stimme.
Ihre Hände fest umschlossen, führte er sie an das äußerste Ende des
Verdeckes. Sanft, als spräche er zu einem leidenden Kinde, begann er:
»Kein Land, das ist wahr, aber _nur_ Wasser, nichts als Wasser, das ist
nicht ganz richtig -- sehen Sie doch!« Sie hob den Kopf, und folgte mit
den Augen der Richtung seiner erhobenen Hand. »Dort oben,« sagte sie
leise, »ja, dort ist der Himmel.«
»Sehen Sie also, verlassen sind wir nicht. Das ist derselbe Himmel, den
Sie gestern auf dem Lande sahen, und da, schauen Sie 'mal hierher -- ein
Vogel. Nun, nun lächeln Sie wieder, der Vogel führt Sie dem Lande näher,
nicht wahr? Aber das ist eine Täuschung. Diese kleinen Seevögel begleiten
uns über's Meer hinüber, und nähren sich während der Reise von den
Abfällen des Schiffes.« Leise seufzend heftete sie die Augen auf das
grünliche Wasser, dessen weite Flächen sich ins Unendliche auszudehnen
schienen. Sie wandte sich wieder zu ihm. »Ich kann nicht dafür,« sagte
sie, »mir wird kalt im Herzen bei der trostlosen Leere dort. Mir ist, als
ob eine Ewigkeit mich vom Heimatslande trennte, als sei ich so klein und
winzig neben dem gewaltigen Meere, und so traurig, so _weh_ ist mir,
als dürfe ich nie mehr froh werden.« Der Mann blickte in das feine
Gesichtchen, das sich zu ihm hob. Eine seltsame Rührung überkam ihn.
»Welch ein Gemisch vom feinfühlenden poetischen Weibe und von reinem
Kinde vereint sich in diesem kleinen Wesen,« dachte er. Laut entgegnete
er: »Das macht das Neue. Es ist dies gewiß Ihre erste Seereise?«
»Ja wohl, meine erste, und ich hatte es mir so heiter gedacht.«
»Für eine so junge Dame, wie Sie es sind, gehört viel Mut zu dem
Entschluß, allein über den Ozean zu fahren und sich den Stürmen des
Meeres preiszugeben!«
»Das war Zufall,« erklärte sie. »Ich sollte in dem Schutz einer
uns bekannten Familie bis nach Hamburg reisen. Wir leben im Westen, in
Missouri, jene in Georgia. Wir verließen die Heimat acht Tage, bevor das
Schiff abfahren sollte, um noch einige Städte zu besuchen, denn mein Papa
ist Geschäftsmann, und wollte nebst dem mir zugedachten Geleit noch
einige geschäftliche Angelegenheiten dortselbst besprechen. In New-York
angelangt, erwarteten wir mit Bestimmtheit jene Familie zu finden, die mich
mitnehmen sollte. Statt ihrer aber fanden wir unter den aus der Heimat
uns nachgesandten Briefen einen, der die Nachricht von der plötzlichen
Erkrankung des einzigen Kindes der Familie brachte. Unsere Freunde
schrieben, daß sie ihre Reise um einige Wochen hinausschieben müßten und
sprachen die Hoffnung aus, daß ich mich dann anschließen würde. Durch
unsere frühe Abreise von zu Hause erhielten wir die Nachricht erst am Tage
meiner Einschiffung! Es ist also Zufall und nicht mein Verdienst, daß ich
allein reise. Zudem wurde uns gesagt, daß die Menschen unter einander sehr
liebenswürdig seien auf einer Seereise, und nach Deutschland sollte ich
nun einmal, weil ich kränklich bin -- so bleich -- sehen Sie nur!« Sie
zeigte ihm ihre beiden feinen Hände.
Weiß, sehr weiß und wohlgeformt waren sie, und die Augen des Beschauers
schweiften unbewußt bewundernd von ihnen weg über die zarte Gestalt des
Mädchens, das mit solch reizender Einfachheit ihre Erklärung beendete.
Die Sonne war aufgegangen. Ihre warmen Strahlen senkten sich wohlthuend
auf die beiden Menschen herab, die wohl mehr als eine halbe Stunde in der
feuchten, kühlen Morgenluft gestanden hatten.
»Wann fängt's denn an zu schaukeln,« fragte sie, nachdem sie eine Weile
schweigend nebeneinander gestanden.
»Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen,« erwiderte er, »haben Sie
Sehnsucht danach, die Seekrankheit kennen zu lernen?«
»Die fürchte ich nicht,« war die rasche Antwort.
»Sie vertrauen wohl auf den Schiffsarzt?« lächelte er.
»O nein, auf den am wenigsten. Gerade dieses Schiff soll einen
abscheulichen Arzt haben. Mir wurde erzählt, er sei ein unfreundlicher,
arroganter Mensch, der sich ungern bemühen lasse. Meinethalben mag er's
sein, ich werde ihn gewiß nicht belästigen. Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Ist er so, wie man ihn schildert?«
»Ich weiß Ihnen darauf wirklich keine rechte Antwort. Wenn ich Ihnen
sagte, ›ich kenne ihn, er ist ein entsetzlicher Mensch,‹ so könnten
Sie glauben, das Urteil entspringe gehässiger Zunge, und sagte ich Ihnen
wiederum ›er ist ein durchaus leidlicher Mensch,‹ würden Sie meine
Ansicht für maßgebend erachten? Ich glaube nicht.«
»O doch,« rief sie lebhaft, »ich habe zu Ihnen so viel Vertrauen,
daß --« sein Auge traf das ihre. Stockend, errötend senkte sie die
Blicke und schwieg.
Er legte seine Hand auf die des Mädchens und neigte sich zu ihr, als er
leise sprach: »Vertrauen haben ist kein Unrecht, mein kleines Fräulein.
Sie dürfen ruhig weiter sprechen.«
»O, ich wollte nur sagen, daß ich Ihnen alles glauben würde, Sie sehen
aus, als könnten Sie nicht anders als gerecht sein, aber woher kennen Sie
den Arzt? Reisten Sie schon einmal auf diesem Schiff?«
»Mehr wie einmal,« entgegnete er, »und der Arzt mit mir! Versprechen Sie
mir,« rief er plötzlich, »im Falle Sie seiner bedürfen, so zögern Sie
nicht, ihn zu belästigen!« Seine Stimme hatte wieder den eigentümlichen
Wohllaut. Ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, fühlte sie
sich in einem Bann, wenn er sprach. Seltsam, ganz seltsam ward ihr zu Mute.
Etwas wie Beklemmung, Bangigkeit bemächtigte sich ihrer -- sie wollte
sprechen und dennoch schwieg sie.
Wieder diese verlockende Stimme. »Nicht wahr, Sie werden nicht zögern,
wenn Ihnen etwas ist, den Arzt zu rufen? Sagen Sie nein.«
Sie fühlte seine Blicke auf ihr ruhen; er hielt ihr die Hand hin; wie
von einem Magnete gezogen hob sie die Augen zu ihm auf. Dann legte sie
schweigend, zusagend ihre kleine Hand in die seine.
Das Frühstück war vorüber. Der Kapitän hatte einige heitere Anekdoten
erzählt, die nötige Anerkennung in Form des herzhaftesten Gelächters war
ihm seitens der Gruppe von andächtigen Zuhörern, meistens aus älteren
Herren bestehend, geworden. Diesem oder jenem Passagiere noch ein
freundliches Wort zurufend, war er aus dem Salon in den langen Korridor
getreten, wo ihm ein kleines Kind in den Weg kam, das er lachend in die
Höhe hob, dann niedersetzte und jagte, dann haschte, dann wieder jagte,
zur großen Befriedigung der Mutter, einer bleichen Frau, die lesend im
Deckhäuschen saß. Mit dem Kapitän entfernten sich etwa vier Herren,
um sich ins Spielzimmer zu begeben. Die weiblichen Passagiere saßen in
Gruppen umher, teils mit Handarbeiten beschäftigt, teils lesend oder sich
von ihren Kindern erzählend. Eine ganz unerwartete Senkung des oberen
Endes des Dampfers ließ in der Thätigkeit der Nadeln, der Augen und der
Zungen der Damen eine Stockung eintreten und angstvoll blickte man nach den
Kindern.
Am Abend des folgenden Tages bot das Verdeck einen traurigen Anblick.
Mit Ausnahme von zwei Klappstühlen, die tief unter doppelten Plaids und
Shawls ihre bleichen Insassen, zwei Herren, bargen, war das Verdeck leer.
Doch nicht, ganz oben an der Spitze des Deckes lag ausgestreckt auf der
Bank ein junges Mädchen. Ein Kopfkissen zu Häupten, ein Plaid über die
Füße gedeckt, so lag sie mit geschlossenen Augen und bleichen Wangen.
In den auf der Brust gefalteten Händen hielt sie ein Buch. Der Wind wehte
heftig, die Wellen schlugen hoch und spien wie die ungezogenen Kinder
ins Schiff hinein. Ein Steward, der soeben dem einen Herrn einen Cognac
gebracht hatte, ihn dann in den unteren Salon geführt, trat auf das
junge schlafende Mädchen zu und redete sie an. Sie öffnete die Augen und
erwiderte auf seine Frage, ob sie nicht lieber hineingehen wolle, da es
anfange zu regnen, höflich aber ablehnend, es sei ihr oben wohler. Dann
schloß sie die Augen wieder. Wie lange sie gelegen haben mag, sie wußte
es nicht; als sie erwacht, bemerkte sie, daß es tief dunkle Nacht und
der Regen heftiger geworden war. Leicht erschauernd versuchte sie, sich zu
erheben. Kaum stand sie jedoch, als eine heftige Welle das Schiff hob, dann
wieder senkte. Unter dem Einfluß dieser Bewegung mußte sie zuerst einen
Seitensprung machen, wurde gleich darauf zurückgeschleudert und zwar in
die Arme eines Herrn, der dort erwartungsvoll gestanden haben mußte.
»Nun, wie ist's,« fragte eine wohlbekannte Stimme, »schaukelt's genug?«
Er hielt sie umfangen und wiegte sich von Seite zu Seite harmonisch mit den
Bewegungen des Schiffes. Als sie in der tödlichsten Verlegenheit schwieg,
beugte er sich herab, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und sagte ernst:
»Soll ich Sie hinunterführen, mein kleines Fräulein? Nur mache ich
Sie darauf aufmerksam, daß die drückende Luft in den unteren Sälen
Sie wieder krank machen wird, ich rate Ihnen daher, sich lieber von mir
stützen zu lassen und so lange wie möglich oben zu bleiben, wollen Sie?«
Ob sie wollte! In diesem Augenblicke hätte sie ins Wasser springen wollen,
wenn er es ihr geraten. Er wartete ihre Antwort nicht ab. Den Arm um ihre
Schultern gelegt, führte er sie an das Gitter, welches die erste Kajüte
von der zweiten trennt. Dort war sie durch das Deckhaus vor dem heftigen
Wind geschützt. Er stellte sich vor, ihre Hand noch immer haltend. »Waren
Sie sehr krank?«
»O ja,« sagte sie, »und sehr trostlos.«
»Und Ihr Versprechen, im Falle Sie leiden, mich rufen zu lassen?«
katechisierte er weiter.
»Mein Versprechen, _Sie rufen_ zu lassen,« wiederholte sie langsam. »Ich
verstehe Sie nicht. O mein Gott -- Sie sind der Arzt,« rief sie, und
in dem Ton lag ebensoviel Schrecken, als habe sie entdeckt, daß er ein
entsprungener Galeerensträfling sei. »O, ich unvernünftiges Mädchen:
Sie werden meine unartigen Reden wohl nicht vergessen können?«
»Schwerlich,« entgegnete er lächelnd. »Sie müssen mir schon
verschiedenes sagen, bevor ich's versuche. Zunächst möchte ich Ihren
Namen wissen, ich lese nie eine Schiffsliste.«
»Lora, Lora Vandyke. Fragen Sie mehr, ich möchte so gern gut machen, was
kann ich thun?« bat sie.
»Vor allen Dingen versprechen, fest versprechen, mich baldmöglichst in
meiner Eigenschaft als Arzt zu ›belästigen‹.«
»Dazu müßte ich doch erst wieder krank werden,« lächelte sie.
»Sie werden sich dazu keine besondere Mühe zu geben brauchen, die
Gelegenheit wird sich bieten,« meinte er.
»Ach, es kommt also noch ärger, noch stürmischer?«
»O ja, bedeutend, bis jetzt war's nur eine kleine Probe, mein Fräulein.
Ich sehe Sie schon, wie Sie mit aufgelösten Haaren und bleichen Wangen
sich zu mir flüchten werden, hilfesuchend, und ich bin so boshaft, mich
auf diesen Augenblick zu freuen.«
»Waren Sie nie seekrank? Wie lange fahren Sie schon?« fragte sie, wie ein
Kind, eine Frage über die andere vergessend.
»Welche Frage befehlen Sie, daß ich zuerst beantworte?« fragte er
lächelnd.
»Ach, beide.«
»Gut, also beide. Auf meiner ersten Seereise, die ich vor zehn Jahren
machte, wurde ich krank. Es war aber auch sehr stürmisch. Ich war auch
leidend. Die See hat mich völlig wieder hergestellt.« Sein Ton wurde
ernst, wie ihr schien sogar traurig.
»Wo ist Ihre Heimat? ich meine Ihre dauernde Heimat?« fragte sie.
»Eine Heimat habe ich nicht,« klang die tiefe Stimme, »ich sagte Ihnen
ja schon, daß ich keine Angehörigen besitze, ich habe auch keine Heimat.
Wenn das Schiff vor Anker liegt, und sie alle: Seeleute und Matrosen, zu
den ihrigen zurückkehren, verbleibe ich, wie ein bestraftes Schulkind, auf
dem Dampfer. Einmal glaubte ich mir eine Heimat gründen zu können« -- er
seufzte tief -- »es ist lange her und das interessiert Sie nicht.«
Sie antwortete nicht. Nur beide Hände legte sie hastig auf seinen Arm, und
in den braunen, voll zu ihm aufgeschlagenen Augen lag eine stumme Bitte. Er
begann:
»Ich war Student der medizinischen Fakultät. Meine Mutter lebte noch,
als ich eines Tages zu einer bekannten Familie gerufen wurde, um mit meinen
schwachen Kenntnissen der Medizin auszuhelfen, da ihr Familienarzt verreist
und die alte Dame, Freundin meiner Mutter, schwer erkrankt war. An
ihrem Bette saß die aus der Pension heimgekehrte Tochter, ein schlankes
goldblondes Mädchen, einige Jahre älter als ich. Ich widmete der Kranken
meine vollste Aufmerksamkeit. Die Dame genas. Man lobte meine Behandlung
und nannte mich ihren Erretter. Der Verkehr unserer beiden Familien wurde
inniger. Lea, so hieß die Tochter, war still und ernst. Ich war es auch.
Wenn ich öfters in den Dämmerstunden zu ihren Füßen auf niederem
Schemel saß und ihr von meiner Zukunft sprach, die ich immer und immer mit
der ihrigen verband, und sie stillglücklich lächelnd mit ihrer weißen
Hand mir übers Haar fuhr, dann glaubte ich auf der Welt keinen Wunsch mehr
zu haben, als daß diese Stunden ewig dauern möchten! Wir hatten niemals
von Liebe gesprochen, wozu auch Worte! Wußten wir doch beide und fühlten,
was in unseren Herzen lebte. Meine Mutter erkrankte. Ein bösartiges Fieber
raffte sie nach drei Tagen unsäglichen Leidens dahin. Lea hatte mir in
der Pflege der Verstorbenen treulich zur Seite gestanden. Die Hand der
Sterbenden lag segnend auf unseren Häuptern. Ich war allein! Am Tage nach
der Beerdigung sprachen wir zum erstenmal bestimmtes über unsere Zukunft.
Sofort nach Beendigung meiner Studien, in einem halben Jahre also, wollten
wir uns vermählen und das Haus meiner Mutter beziehen.« Er hielt inne,
holte tief Atem, fuhr dann langsam fort. »Die Anstrengung der Nachtwache,
die starke Nervenerregung, endlich die nasse Fahrt nach dem Kirchhof,
alles zusammen mag wohl dazu beigetragen haben, daß Lea, ein
schwachorganisiertes, schmächtiges Mädchen, einige Tage nachdem wir die
Mutter zur Ruhe bestattet, an demselben Fieber erkrankte und nach acht
langen, langen Nächten -- fortging -- und mich zurückließ, vereinsamt,
verzweifelnd. Es hielt mich nicht mehr in der Heimat, wo alles mich an die
Teuren erinnerte. Mein Lebensglück war zerstört, ich mußte fort. Ich
hatte erfahren, daß ein Kollege von mir als Schiffsarzt angestellt worden
war. Auf dem Meere, dachte ich, auf dem wilden brausenden Meer, dort ist
vielleicht ›Vergessen‹. Mit fieberhafter Hast warf ich mich über meine
Studien her. Ich machte mein Examen. Die höchsten Atteste standen mir zur
Seite. In kurzer Zeit erhielt ich die Ernennung zum Schiffsarzt. Als ich in
voller Thätigkeit das schöne, unendliche, gewaltige Meer kennen lernte,
da fühlte ich zuerst wieder, daß das Leben noch Wert hat. Zehn Jahre sind
darüber hingegangen. Ich bin ruhig geworden. Manchmal packt's mich mit
unsagbarem Weh -- ein Gefühl von Vereinsamung schnürt mir das Herz
zusammen, wenn wir uns dem Lande nähern. Draußen auf dem Wasser, da
wird's hier drinnen erst wieder ruhiger.« Er hatte die Rechte auf die
Brust gelegt und mit einer ihm eigenen heftigen Geberde des Kopfes das
volle Haar aus der Stirne geschüttelt.
Es war spät geworden. Sie schwiegen beide. In dem kleinen Deckhäuschen
waren die Lichter bereits gelöscht. Der Mann fühlte, wie eine weiche
Mädchenhand leicht über sein Haar fuhr, hörte die leise geflüsterten
Worte »gute Nacht -- ich danke Ihnen« und bevor er es hindern, bevor er
ihr behilflich sein konnte, war sie an ihm vorüber in die untere Kajüte
gehuscht.
Drei Tage waren vergangen. Sie hatten sich nicht wiedergesehen. Die Fahrt
war stürmisch geworden. Die meisten Deckpassagiere lagen krank. Der Arzt
hatte alle Hände voll zu thun; vorzüglich fand er unter den Armen im
Zwischendeck Beschäftigung. Ein Kind war schwer erkrankt -- die schlechte
Luft, der ungesunde Dunst des großen, aber niederen Schlafraumes, in
dem Männer, Frauen und Kinder nebeneinander zu liegen kamen, hätten den
Zustand des leidenden Kindes verschlimmert -- es wurde also auf Anordnung
des Arztes in das sogenannte »Hospital« geschafft, ein Raum, auf dem
Korridor der zweiten Kajüte gelegen, wo es reinlich gehalten, sorglich
gepflegt werden konnte, und wo es in der unbedingten Nähe des Arztes sich
befand.
Fräulein Lora mußte sehr krank sein. Oft, sehr oft, entschlüpfte er
dem Krankenzimmer, um sehnsüchtig suchend das Verdeck zu durchwandern.
Vergebens! Sie blieb unsichtbar. Er wurde mit rücksichtsloser
Aufdringlichkeit von den Erkrankten der ersten Kajüte in Anspruch
genommen, ja, man scheute sich nicht, ihn des Nachts zu überfallen, eines
erneuten Anfalls von Seekrankheit halber, gegen die er doch machtlos war;
nur die eine, von der er sehnlichst wünschte, gerufen zu werden, sie blieb
fern. Einmal erkundigte er sich bei der Mitgenossin von Loras Koje nach
ihrem Befinden; er erfuhr bei der Gelegenheit, daß sie nicht seekrank
gewesen sei, nur an Kopfschmerzen litte, und nicht zu bewegen sei,
aufzustehen, da ihr, wie sie sagte, liegend wohler sei. Er hätte ihr so
gern ein linderndes Mittel geschickt; er kannte die Qualen der sogenannten
»Seekopfschmerzen«; doch sein Stolz verbot ihm, seine ärztliche Hilfe
aufzudringen.
Wieder war es Nacht. Die Reisenden hatten sich zur Ruhe begeben. Alle
Lichter waren gelöscht, bis auf das eine, das stets des Nachts im Salon
matt zu brennen pflegte. Über den Häuptern der noch nicht Entschlafenen
dröhnten geräuschvoll die Schritte der Seeleute, die mittelst einer
geknoteten Leine die stündlich zurückgelegte Meilenzahl erforschten. Die
Leine mit dem Bleigewicht wurde ins Meer geworfen. Von Knoten zu Knoten
zählte eine Meile. In längeren Zwischenräumen wurde die Leine, naß und
schwer, von den Matrosen aufgewunden. Vornüber gebeugt zogen sie dieselbe
auf ihren Schultern nach sich. Es wiederholte sich dieses Schauspiel
täglich einigemale, dennoch entbehrte es nie der Zuschauer, die der
Operation mit großem Interesse folgten.
Auf der See, abgeschlossen von alle dem, was in der Welt vorgeht, auf
sich selbst und die nahe Umgebung der Mitreisenden angewiesen, hat man
naturgemäß ein Interesse für all und jedes. Man klammert sich auf der
Seereise an jede Kleinigkeit, die besprochen werden könnte. Da man keine
fortschreitenden Ereignisse in Erfahrung bringt, so ergreift man eben die
unwesentlichen Dinge, die sich auf dem Dampfer bieten, und behandelt
sie mit demselben Eifer, wie man auf dem Lande etwa politische oder
Börsenangelegenheiten bespricht.
Zu den spannendsten Neuigkeiten der Reise gehört denn in erster Linie
die Zahl von Meilen, die zurückgelegt worden sind, also die Knoten der
Meßleine. Darum störten auch in dieser Nacht die dröhnenden Schritte der
Matrosen die müden Reisenden nicht, sondern trösteten sie vielmehr mit
der Hoffnung, am folgenden Tage eine Neuigkeit zu erfahren.
Eine Stunde später! Der Kapitän mißt mit unruhigen Schritten
das Verdeck. Mit zusammengezogenen Braunen blickt er hinaus in die
nebelumzogene Nacht. Der erste Offizier nähert sich ihm, erhält einige
Anweisungen, tritt dann an seinen Posten zurück. Seinen Regenmantel fester
um sich ziehend, besteigt der Kapitän die wenigen Stufen, die zu dem
kleinen Pavillon hinaufführen, zu dem nur er selber Zutritt hat, und
den er nur dann besteigt, wenn das Schiff seiner speziellen Anleitung und
Fürsorge bedarf. Ein heftiger Nordwind hat sich erhoben, der pfeifend das
Schiff umkreist. Das Marssegel hatte sich losgerissen, und schlug nun, vom
Winde gepeitscht, dröhnend gegen Taue und Mast. Hochauf bäumt sich das
Schiff, mächtig rollen und zischen und poltern die Wellen dagegen, und
leise, wie eine Klage, tönt der Pfiff des Schornsteins, in abgestoßenen
kurzen Tönen, den andern Seglern zur Warnung! Bleich, ängstlich
fahren die Passagiere aus ihren Betten, blicken sich an und nicken
verständnisinnig; keiner wagt das Wort »Sturm« auszusprechen. Da
erscheint die breite Gestalt des Arztes im Salon. Die geängstigten
Passagiere erblickend, lächelt er, und auf ihre bangen Fragen, »ob's denn
wirklich jetzt schlimm gehe,« beruhigt er sie mit der Versicherung, daß
der Kapitän selbst auf dem Pavillon sei und keinen Sturm voraussehe. Das
Alarmsignal sei nur um des Nebels willen, der sich übrigens auch schon
verziehe. Getröstet legen sie sich wieder zur Ruhe. Nicht so der Arzt. Mit
verschränkten Armen lehnt er sich gegen die Wand, die eine Koje von der
andern trennt, und blickt unverwandten Auges auf die gegenüber
liegende Kajüte, von der soeben eine kleine Hand den schweren Vorhang
zurückschiebt und eine Mädchengestalt erscheint: -- Lora.
Vollständig angekleidet, das aufgelöste Haar weit über den Rücken
hinunterwallend, stand sie einige Augenblicke gegen den Sessel gelehnt,
der neben ihr stand. Sie wartete, bis das Schiff das Gleichgewicht wieder
erlangt hatte, dann erhob sie den Blick zu dem Manne, dessen Augen mit
Teilnahme und Besorgnis auf ihr ruhten, und schritt rasch auf ihn zu.
Ohne seine Stellung zu verändern, nur die eine Hand ihr entgegenreichend,
erfaßte er sie und zog sie dicht an seine Seite. Keiner von beiden
wunderte sich über die Anwesenheit des andern. Es erschien jeder, den
andern dort zu finden, gewiß.
Der Dampfer machte einen gewaltigen Satz. Der junge Mann legte seinen
Arm um die Schultern des jungen Mädchens, neigte den Kopf zu ihr, und
berauschend wirkte der tiefe Ton seiner Stimme auf sie, als er leise
sprach: »Fürchten Sie sich, Lora?« Beim Klang ihres Namens zuckte sie
leicht zusammen. Den Kopf hebend, erwiederte sie leise, fast schüchtern:
»Jetzt nicht mehr.«
»Jetzt nicht mehr,« wiederholte er vorwurfsvoll. »Sie haben sich also
gefürchtet und sind nicht gekommen? Krank waren Sie auch, und Sie riefen
mich nicht? War das recht?«
»Recht, recht! O Herr Doktor. Wenn Sie mir doch sagen wollten, was recht
ist! Als es diese Nacht so recht stürmisch zu werden drohte, da überkam
mich plötzlich eine Todesangst, nicht vor dem Sturm, sondern vor mir
selber. Ich hatte seit vier Tagen nicht ein einzigesmal an die Meinen zu
Hause gedacht. Ich habe des Abends vergessen, für sie zu beten. Ich wußte
nichts, als daß ich ein pflichtvergessenes Mädchen bin, und doch konnte
ich nicht anders sein, es zwang mich etwas, ich konnte an nichts denken
als an« -- sie stockte, warf plötzlich beide Hände vors Gesicht --
und schluchzte laut. Ebenso rasch aber trocknete sie ihre Augen und sprach
leise, bang wie ein Kind: »Wenn ich früher, zu Hause, unartig gewesen
war, und es brach plötzlich ein Gewitter los, dann pflegte meine Mama
zu sagen: ›Jetzt kommt die Strafe für deine Unart.‹ Ich glaubte auch
immer daran, und heute Nacht, als der Wind so heulte, da war mir's als
höre ich die Mutter sagen: ›Wer Vater und Mutter vergißt, dem zürnt
der liebe Gott‹ -- und ich, ich hatte ja alles, alles vergessen, mir
mußte der liebe Gott ja zürnen.« Sie hatte die ersten Worte leise,
zaghaft gesprochen, jetzt nahm ihre Stimme einen leidenschaftlich erregten
Ton an, der sie erschreckt inne halten ließ. Ihre Brust wogte, ihr
Atem ging rasch, die kleine Hand, die er wieder erfaßt hatte, zuckte
fieberhaft. Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fuhr sie fort: »Die Dame,
die mit mir die Koje teilt, weinte und betete. Ich versuchte anfangs auch
zu beten -- aber ich konnte nicht -- es trieb mich hinaus -- ich wollte
-- zu Ihnen kommen! Ich wollte Sie fragen, ob's sehr unrecht war, daß ich
etwas that, was -- was« --
»Lora,« unterbrach er sie und seine Stimme zitterte, »wenn Sie etwas
thaten, weil Sie Ihr Herz dazu trieb, dann war es kein Unrecht.« Er
stockte, wandte sich plötzlich und schlang beide Arme um sie, während
er flüsterte: »Und wenn du seit vier Tagen unaufhörlich an mich denken
mußtest, so konntest du nicht dafür, weil du mich liebst, mein süßes
Kind, wie ich dich liebe, und weil du mein bist, du kleines, banges
Geschöpfchen, mein auf immer und ewig!«