Beide Arme um seinen Hals geschlungen, lag sie an seiner Brust. Eine Weile

preßte er sie an sich, dann sprach er: »Nun sieh mich mal an, Lora, mich,

den abscheulichen Schiffsarzt, den du so lieb hast, daß du um ihn das

Leben vergißt.« Den Arm um sie legend führte er sie an ihre Kajüte,

dann blieb er stehen, faßte ihren braunen Kopf zwischen seine Hände,

hob ihn hoch, küßte sie auf die Lippen und sagte leise: »Nun wird mein

Lorchen wieder an die Mama denken können -- nun wird sie auch wieder beten

lernen, nicht wahr? Gute Nacht, schlafe jetzt. Ich muß zu einem kleinen

kranken Kinde und Lora muß schlafen,« fügte er sanft aber entschieden

hinzu, als ihre kleinen Hände die seinen umklammerten, als wolle sie ihn

halten, »sonst habe ich morgen zwei Patienten.«

Als der Morgen graute, war das Meer still und glatt, der Himmel wolkenlos.

Die Sonne schien hell und warf ihre Strahlen auf das blaue Meer hernieder,

daß es wie Gold erglänzte.

* * * * *

Zwei Jahre später. Auf dem Verdeck eines Dampfers, der von Havre abstieß,

stehen zwei Menschen eng aneinander gelehnt. Ein hochgewachsener dunkler

Mann, ein zartes, schönes Weib. Sein Kopf neigt sich zärtlich zu ihr

nieder; er flüstert leise Worte, die sie erröten lassen. Den Arm um sie

schlingend führt er sie zur äußersten Spitze des Dampfers und bleibt

hinter dem Maschinenhäuschen stehen, um das Meer zu betrachten. Es ist

Abend, eben erhellt der Mond das Dunkel. »Sieh doch, Max,« spricht die

kleine Frau, den Kopf von seiner Brust hebend und sich über die Brüstung

des Schiffes neigend, »sieh doch ins Wasser, ist's nicht gerade als

funkelten Sterne dort unten?«

»Jawohl, so sieht es aus,« antwortete die tiefe Stimme des Mannes, »und

wenn eine gewisse kleine Dame vor zwei Jahren nicht so verliebt gewesen

wäre, daß sie taub und blind wurde für jedes poetische Gebilde auf dem

Meere, so hätte sie das wunderbare Spiel der Sterne schon damals kennen

gelernt.«

»Daran erinnerst du mich vorwurfsvoll,« schmollte sie, »ich schäme mich

des Gefühls durchaus nicht, ich weiß erst, wie süß das Leben ist, seit

ich die Liebe kenne.«

»Mein Lorchen!« Seine Stimme hat an Wohlklang nicht verloren, sie wirkte

noch ebenso berauschend auf das junge Weib wie damals, als sie, ein halbes

Kind noch, sich gegen den Zauber sträubte und wehrte. Der Mond wirft sein

gelbliches Licht auf ihre feine Gestalt und erhellt den Glanz ihrer Augen,

als sie, sich innig an ihn schmiegend in dem leisen kindlich reizenden Ton

von früher spricht: »Max, sage die Wahrheit, liebst du mich ebenso innig,

als du damals Lea liebtest?« Er umschlingt sie leidenschaftlich.

»In meinem Herzen,« spricht er, »lebt nur ein Bild, das meiner Frau.

Bist du zufrieden?«

Wie ein schmeichelndes Kind lehnt sie den Kopf an seine Brust und

streichelt mit der kleinen Hand seinen Arm. »Darf ich nun auch etwas

fragen, gnädige Frau?« lächelt er. »Wie steht es mit dem Schiffsarzt?

Ist er ein abscheulicher, arroganter Mensch? Lorchen, du hast's doch

verdient, daß ich dich, deiner Schmähungen halber, auf ewig an ihn

kettete, nicht?«

»Wenn du es darum thatest, so danke ich Gott, daß er mich so strafte,«

flüsterte sie leise, innig.

»Meine kleine Heilige!« Sich umschlungen haltend blickten sie lange

hinaus in das glänzende sternenbesäete Meer.

Haß und Liebe.

Haß.

»Norine, Norine! Wo steckt sie nur wieder?«

»Ja -- ruft Ihr nur!« Die Gerufene hockt -- die Füße dicht an den

Leib gezogen, eng zusammengekauert -- in der dunkelsten Ecke des im Hofe

gelegenen Katzenstalles und horcht mit trotzig aufgeworfenen Lippen in

souveräner Nichtachtung auf die Rufe der alten Köchin. »Könnt immerfort

rufen!« sagt sie entschlossen leise, und ihre jungen Katzen an sich

ziehend, brütet sie sich fest und immer fester in ihren Entschluß hinein.

Ja -- sie war mit sich einig. Sie würde sie nicht empfangen. Es hätte

des zufällig von ihr überhörten Ausspruchs der alten Köchin, »daß

Stiefmütter alle Hexen seien«, nicht erst bedurft, um sie zu bestimmen,

nachdem sie Paul Dierkes, des Bäckers Jungen, hatte auf der Hintertreppe

des Ladens sitzen und zur Mittagsstunde eine unbestrichene harte Semmel

verzehren sehen.

»Wenn man eine rechte Mutter hat,« philosophierte sie, »so bekommt man

ein warmes Mittagbrot in einer Stube, und braucht nicht, wie der arme Paul

Dierkes, eine unbestrichene Semmel -- -- und auf der Hintertreppe« --

Norine wußte es eigentlich selbst nicht, wie es unter der Leitung einer

»rechten« Mutter zuging. Sie hatte die eigene nicht gekannt -- Norine

wußte auch nicht, daß der vielbeklagte Paul Dierkes an ebendemselben

Tage einige Kuchen aus dem Bäckerladen heimlich entwendet hatte, welcher

Thatsache er es dankte, daß er zu Mittag eine Semmel verzehrte, aus Furcht

vor der Strafe, die ihn gerechterweise von seiten der Eltern bei seiner

Heimkehr treffen mußte.

Norine saß also -- während die Stiefmutter erwartet wurde --

zusammengekauert in dem Stall bei ihren Katzen. Der aus Brettern

aufgebaute, sehr zerfallene Raum mochte vor Zeiten eine Wagenremise

vorgestellt haben -- spätere Bewohner des Hauses hatten ihn zur Herberge

eines Pferdes eingerichtet, und jetzt diente er endlich der Familie Raimond

als Holzkammer, während Norine sich darin eine Abteilung für ihre Katzen

reserviert hatte -- die sie allmählich ausdehnte -- so daß nur noch

ein geringer Teil des Stalles dem Hause, ein großer aber dem Kinde als

Spielort diente. An dieser Stelle durchlebte Norine die Freuden und Leiden

ihres jungen Daseins. An dieser Stelle pflegte, fütterte, unterhielt sie

ihre alte Mietz und deren schneeweiße Jungen -- an dieser Stelle empfing

sie, gegen das Verbot des Hauses, ihren Spielkameraden Paul -- an diese

Stelle endlich trug sie ihren Zorn bei der Vermeldung des väterlichen

Entschlusses, dem Hause eine Vertreterin und ihr -- Norine -- eine zweite

Mutter zu geben. Und diese Vermeldung! Sie war ebenso kurz und zerstreut

und gütig gemacht worden, wie der Vater eben alles machte, was ihn von

seinen Büchern ablenkte. Er hatte allerhand dem Kinde unverständliches

gesagt von Vormundschaft einer gebildeten Dame, deren Mutter plötzlich

gestorben -- von Pflichten als langjähriger Freund der Toten und von

ernstester Sympathie und dergleichen mehr. Norine hatte halbverwirrt

zugehört und den Vater abreisen sehen, und von irgendwoher war eine

Meldung angelangt, die seine Verheiratung ankündete. »Komme in drei Tagen

an!« hatte der Bericht gelautet und seither rannten die alte Doris und

die schnippische Lisbeth fortwährend treppauf treppab, um zum Empfang

der neuen Herrschaft alles »blank« zu machen, wie Doris sagte. Ja, sie

konnten rennen! Norine hatte sich die Sache nach allen Seiten beleuchtet

-- das Endresultat blieb dasselbe. Sie brauchten keine Frau im Hause. Was

sollte sie da? Der Vater hatte ja seine Bücher und sein Essen brachte

die Doris immer zur rechten Zeit, und seine Kleider wurden auch manchmal

gebürstet. -- Das hatte Norine gesehen. Wozu brauchte man also eine Frau?

Norine hatte gehört, wie eine Nachbarin zur alten Doris sagte, »es sei

Zeit, daß das Kind eine Mutter bekäme.« -- Das Kind! Damit hatte man

_sie_ gemeint. Na, sie wollte ihnen allen schon zeigen, daß sie keine

Mutter brauchte, und da konnten Doris und die schnippische Lisbeth sich zum

Empfang der neuen Dame immer putzen. _Sie_ rührte sich noch nicht einmal

von ihren Katzen weg, und wenn sie noch so zottelig um den Kopf wäre und

noch so beschmutzt vom spielen. Norine besah sich die kleinen Hände. Ja,

beschmutzt waren sie, aber das war ihr eben recht so. Wen kümmerte es,

wenn -- horch! Wagengerassel. Norine bog den Nacken horchend vor. Ja

-- richtig! Da marschierten auch schon Doris und die Lisbeth mit den

Feldblumensträußen aus der Küche herauf.

»Norine! Norine!«

»Ja -- ruft nur!« Das Kind hat mit dem Ausdruck großer

Selbstzufriedenheit ihre Kätzchen an sich gelockt. »Die kann lange

rufen,« flüstert sie dem einen Tierchen ins Ohr und kichert verstohlen in

sich hinein.

»Norine, der Wagen kommt. Wo bist Du?« Die Stimme erschallt im Hinterhof.

Das Kind bleibt unbeweglich sitzen, die Blicke fest und trotzig auf die

Thüre geheftet. Sie fährt im nächsten Augenblick zusammen, da Doris vor

ihr steht.

»Norine -- du läßt mich immerfort rufen. Komm' rasch -- der Wagen --«

»Laß ihn kommen!«

»Aber du mußt doch wenigsten gewaschen --«

Das Kind hat sich erhoben. »Ich will nicht!«

Die Alte kennt die Haltung und den Blick. Wenn Norine mit so steifem

Körper vor ihr steht -- wenn die dunklen Kinderaugen so starr in die ihren

sehen -- dann ist der Kleinen durch nichts beizukommen. Sie wagt es dennoch

mit ganz leiser Mahnung:

»Norine -- dein Vater hat gewünscht, daß du --«

»Ich sage dir, ich _will_ nicht!« In den tiefdunkeln Augen blitzt es auf.

Die kleinen Hände sind geballt. Doris steht einen Augenblick noch

zaudernd vor ihr -- dann hört sie nahendes Geroll von Rädern und geht

kopfschüttelnd zur Hausthüre hinauf, um dort mit Lisbeth ihre neue

Herrschaft zu empfangen.

Norine ist leise auf ihren Platz zurückgekehrt. In ihrem Arm hält sie

zwei ihrer weißen Lieblinge -- zu ihren Füßen schnurrt die alte Mietz

und blinzelt fast verständnisinnig zu der kleinen Herrin auf.

Das Kind ist ernst geworden. Mit vorgebeugtem Nacken horcht es auf das

Geräusch, das vom vorderen Hausflur zu ihr dringt. Zuerst Schleifen von

Koffern -- dann das Öffnen der Salonthüre, die der Thätigkeit ungewohnt,

in ihren Angeln knarrt -- darauf der Lisbeth piepsende Stimme, die zum

Eintreten lud und -- -- Norine drückte in einer Aufwallung von heftiger

Zärtlichkeit ihre Katzen an sich.

»Hört Ihr's? Hörst du's, Mietz, was sie für'n Lärm machen um eine

wildfremde Frau, die 'ne Stiefmutter ist und die uns alle hassen wird, und

die sofort versuchen wird, uns zu trennen? Paul Dierkes weiß das; er hat's

gesagt, daß alle Stiefmütter Katzen hassen und daß sie Euch heimlich

fortbringen wird, aber -- ich werde aufpassen -- ich leid's nicht, mein

Mietz, ich leid's nicht!«

Das Kind hatte diese Worte mit energischem Zurückwerfen seines

verwahrlosten Köpfchens gesprochen und dann hatte es wieder hinaufgehorcht

auf die Stimme »da oben.«

»Das Kind?« hörte sie den Vater fragen, und gleich darauf mit atemloser

Spannung die Antwort der alten Doris. Was sagte sie da? »Nicht finden

können!?« Norine versetzte ihrer Katze einen verwunderten kleinen Stoß.

»O, Ihr Katzen, hört Ihr's, wie sie lügt, die gute Alte? hört Ihr's?

Da, nun geht die Thüre zu. Jetzt sind sie drin. Nein -- doch nicht. Da

sprechen sie ja noch. Das ist des Vaters Stimme!« Das Kind muß seinen

Kopf dicht an die Öffnung der Thüre lehnen, um zu verstehen.

»Hat sich versteckt -- sucht doch im Hofe,« spricht der Vater und eine

fremde Frauenstimme unterbricht ihn:

»O bitte -- laßt sie, ich möchte sie selbst suchen!« Das mußte die

neue Stiefmutter sein. Gewiß rückte sie sich ihre blaue Brille zurecht

und legte die altmodische seidene Mantille ab. Na -- sie sollte nur

suchen kommen -- das konnte sie ja, aber zum Glück hatte der Stall so

verschiedene kleine dunkle Ecken, wo Norine sich mit ihren Lieblingen oft

verkrochen und dahin würde Madame mit der Brille und der spitzen Nase

wohl -- »horch Mietze -- ich höre was! Es schleicht ganz sachte an der

Holzmauer entlang. Wenn das die Stiefmutter -- -- Mietze, rasch!«

Kind und Katzen turnten mit unglaublicher Behendigkeit über die

umhergestreuten Holzblöcke hinweg, als sich vom Hofzaun her eine Stimme

hören ließ und die Gestalt eines Knaben von der Mauer herab sichtbar

wurde.

»Norine!« Die Gerufene blieb zögernd stehen.

»Paul Dierkes -- bist du's?«

»Ja!«

»Komm' 'rüber!« Es hätte der kategorischen Aufforderung nicht bedurft.

Der sehr blonde, sehr gelenke -- verschmitzt blinzelnde Bäckerssproß

stand schon an ihrer Seite.

»Ist sie da?« Seine Kopfbewegung nach der Richtung des Hauses hin war

nicht mißzudeuten. Er meinte die Stiefmutter. Norine nickte.

»Na -- wie war's?«

»Weiß nicht,« sagte die Kleine, ein triumphierendes, braunes Gesichtchen

zeigend, »_ich war_ nicht drin!«

»Ach was! Donnerschock!« Der Knabe stand ihr gegenüber.

Er blickte mit unverhohlener Bewunderung in das dunkle glühende Gesicht

der Kleinen und wiederholte im Flüsterlaut seinen Lieblingsausruf:

»Donnerschock!«

Sein Lob that ihr wohl.

»Komm herein,« sagte sie einladend, die Schritte in das Innere des

Stalles wendend. Dicht vor ihrem Katzennest blieb sie stehen und wandte den

Kopf: »Aber nicht necken,« drohte sie ernsthaft.

»Na, vor mir kannst du sicher sein,« erwiderte der Bursche grinsend,

»ich dachte, die Gefahr für deine Katzen käme von dort.«

Norine hatte sich auf die Erde gesetzt und ihre Lieblinge an sich gelockt.

Paul stemmte den Fuß auf eine quer über dem Boden liegende Planke und

ließ sich herbei, mit überlegenem Blick auf die Tiere herabzulächeln.

»Schade!« sagte er plötzlich, ein ernstes Gesicht ziehend, und das

Mädchen sah rasch zu ihm auf.

»Was ist schade?«

»O nichts -- ich dachte nur so -- wie schade es wäre, wenn die neue

Madame es mit den Tieren so machte, wie es meine mit dem Dot« --

»Dot? War das dein Hund?« Der Knabe nickte.

»Was hat sie gemacht?« fragte Norine, gespannt aussehend und Paul machte

mit der Hand die rasche Bewegung des Erdrosselns.

»Tot?« fragte das aufhorchende Kind und der Knabe erwiderte trocken:

»Mausetot!«

Mit sehr erregtem Gesicht und einer raschen Geberde halb der Angst halb

des Zorns umfaßte die Kleine die weiße Katzenfamilie und drückte sie

schützend an sich:

»Wenn sie es wagt,« rief sie mit funkelnden Augen, »wenn sie es wagt«

-- der warnend erhobene Zeigefinger des Kameraden ließ sie abbrechen.

»Was?« --

»Es kommt Jemand!« Beide Kinder standen jetzt aufrecht Seite an Seite.

Beider Kinder Augen hingen an der niederen Thüre des Bretterhäuschens.

Des Knaben Blicke hatten einen lauernden, die des Mädchens einen trotzig

herausfordernden Ausdruck. Der Schatten der auf den Weg fiel, zeichnete die

Linien einer jugendlich schlanken weiblichen Gestalt. Im Rahmen der Thüre

bückte sich ein von dichten Flechten umgebener blonder Frauenkopf.

»Bist Du Norine?« Die Stimme, die da sprach, war ganz dazu angethan,

Groll zu verscheuchen. Zürnende Kinderherzen geben sich dem Eindrucke

jedoch nicht so leicht hin. Norine stand, die dunklen Augen fest auf die

Fremde gerichtet, unbeweglich da. Trotzig, schweigend preßte sie die

Lippen aufeinander.

»Also hierher hast Du Dich geflüchtet? Und das ist Dein Freund? Paul --

nicht wahr? Siehst Du, Das weiß ich Alles schon!« Der Knabe schoß rasch

einen Blick hoch und senkte ihn wieder, dann schob er die Hände in die

Hosentaschen und grub etwas verlegen den Absatz seines Stiefels in die

lockere Erde ein.

»Sind das Deine Katzen?«

Norine stellte sich plötzlich schützend davor.

»Siehst Du?« flüsterte der Knabe unter vielsagendem Augenblinzeln.

War der jungen Frau die Pantomime entgangen, oder wollte sie nichts

gesehen haben? Über ihr Antlitz flog ein leichtes Rot, das sofort wieder

verschwand.

»Ich möchte mir Deine Lieblinge gern genauer ansehen,« wandte sie sich

an Norine, ohne den Knaben zu beachten, »aber« -- hier lächelte sie ein

wenig -- »ich fürchte mich vor Katzen!«

»Ha -- ha!« Es war eine hämische Lache, die der Knabe aufschlug, und

seine Dreistigkeit gab dem jüngeren Kinde die Haltung wieder. Sie machte

Miene, in sein geringschätziges Lachen einzustimmen, sah aber doch, wie

von einem ihr innewohnenden Etwas gedrängt, mit großen Augen zu der

jungen Frau auf.

»Magst Du gern Vögel?« fragte diese jetzt, und ohne auf eine Erwiderung

zu warten, fügte sie ihrem Satz rasch noch einen bei: »Ich habe noch

einen Vogel -- einen goldgelben. Wenn Du ihn sehen möchtest -- wenn Ihr

ihn sehen möchtet« -- verbesserte sie sich zögernd, »so könnt Ihr nur

mit mir hinaufkommen!«

Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich und stieg ohne Weiteres die kleine

Treppe hinauf, die vom Hinterhof in das Haus führte.

Die beiden Kinder sahen sich einen Augenblick an.

»Wenn Du gehen willst« -- sagte der Junge.

»Na -- willst _Du_ denn?«

»Du kannst ja gehen,« gab Paul in unlogischer Erwiderung zurück und

gleich darauf, »was ist es denn für'n Vogel?«

Sie hatten sich, indem sie sprachen, gegenseitig der Thüre zugeschoben.

Nun, da sie auf der Außenschwelle standen, marschierten sie ohne weitere

Kommentare auf die Hintertreppe zu, und waren -- ehe sie sich's recht

eigentlich bewußt waren -- an der offenen Thüre des für die Stiefmutter

neu eingerichteten Wohnzimmers.

In der Mitte des behaglichen kleinen Raumes stand die junge Frau. Sie hatte

den Rücken zur Thüre gekehrt, während sie, vor einem Vogelbauer

stehend, dem zwitschernden Tierchen durch die Goldstäbe seines Käfigs ein

Stückchen Zucker hinhielt.

»Kommt nur herein!« sagte sie, ohne sich umzuwenden, und Paul schob

Norine mit knabenhaft verlegenem Ellenbogenstoß in das Zimmer. Er folgte

langsam und hielt sich -- Gleichgültigkeit heuchelnd -- in der Nähe des

Ausgangs.

»Er heißt Jack -- mein Vogel,« sagte die junge Frau, einen freundlichen

Blick auf das Mädchen werfend. Da das Kind, ohne seine feindselige Miene

abzulegen, stumm zu dem gelben Tierchen aufsah, sprach auch sie während

einiger Minuten nichts. Es entstand eine kleine Pause in der das Vögelchen

lustig weiter zierpte und an dem Zucker pickte. Plötzlich wurde das

Schweigen unterbrochen.

»Woher haben Sie'n?« fragte Paul in dreister Neugier, und die Antwort kam

sehr rasch und in eigenartig tiefem Tonfall.

»Von meiner Mutter!«

»So?« Es war wieder der Junge, der das kleine Wörtchen in gedehnt

gleichgültiger Manier sprach, und Norine stellte -- in dem Bestreben, es

ihm gleichzuthun -- ihre erste Frage. »Wo ist sie?«

»Sie ist gestorben,« erwiderte die junge Frau, und die Kinder bemerkten,

daß sie leise -- ein wenig heiser sprach. »Sie war lange krank, aber ich

mußte ihr jeden Tag den kleinen Jack an ihr Bett stellen, damit sie ihn

selbst fütterte. Bevor sie starb, gab sie ihn mir. Du begreifst, wie ich

ihn lieben muß -- und wie --« sie brach plötzlich ab. Hatte sie doch

zu sehr auf das Gemüt des Kindes gerechnet, oder war bei dem trotzig

dastehenden Kinderpaar der Begriff »kindliche Liebe« noch nicht erwacht?

Über das Antlitz der jungen Frau zog ein Schatten, als sie sah, wie der

Knabe den Mund über den gelblichen Zähnen schief zog -- wie dann das

Mädchen -- einen verständnisvollen Blick zu ihm aussendend -- mit ihm

zugleich in eine spöttische Lache ausbrach und davonlief.

Im Zimmer stützte sich die junge Stiefmutter schwer auf einen Sessel. »Es

ist nicht leicht,« sagte sie leise vor sich hin -- und mit der Hand über

die Augen fahrend, seufzte sie einigemal tief auf, dann trat sie an das

Fenster und blickte in den Hof hinab.

Sie hatte Schweres auf sich genommen. Vielleicht empfand sie das in diesem

Augenblicke erst voll und ganz, denn das junge Gesicht hatte einen ernsten,

sinnenden Ausdruck angenommen, der sie um Jahre älter erscheinen ließ.

Die beiden Kinder waren im Hofe angelangt. Der Knabe hatte sich auf den

Zaun geschwungen und Norine lehnte gegen den Bretterbau. Sie mußten

wohl von ihr sprechen. Die blonde Frau erkannte es an dem störrischen,

trotzigen Blick, mit dem die Kleine das Haus streifte. Wie böse konnte das

Kind aussehen! Wie abwehrend kalt war seine Haltung! Wie gerade die Linie,

welche die dichten Augenbrauen miteinander verband!

Die junge Frau gedachte der kleinen Mädchenschar, unter der sie seit

Jahren als Lehrerin gewaltet, bei der es nur eines günstigen Blickes,

eines Lächelns bedurft hatte, um sie weich und gefügig zu stimmen. Das

Lächeln war ihr schwer geworden, seit dem Tage, da ihr die Mutter, die

lange kränkelnde, gestorben war. Aus ihrem einsamen Herzen heraus konnte

sie mutig den Entschluß fassen, einem anderen verwaisten Wesen eine

Stütze zu sein, und so willigte sie gern ein, ihre Hand in die

des älteren Mannes zu legen. Auf den Widerstand, den ihr sein Kind

entgegengebracht, war sie zum Teil gefaßt.

»Das Wort Stiefmutter klingt herb,« hatte sie selbst ihrem Manne gesagt,

als dieser ihr flüchtig von dem Trotz des Kindes gesprochen, »ich

begreife, daß sie sich gegen mich auflehnt, aber ich werde ihren

Widerwillen besiegen!«

Einige Zweifel an dem Erfolg mochten in ihr aufgestiegen sein, als sie so

nachdenklich am Fenster lehnte und auf die Kindergesichter hinabsah.

Sie öffnete leise die Flügel des Fensters und horchte hinaus auf das

Gespräch der beiden.

»Ich wette,« hörte sie den Knaben höhnisch sagen, »ich wette, daß sie

die Katzen ertränkt!«

»Nein,« gab das Mädchen kurz zurück.

»Du wirst ja sehen,« reizte er weiter, und vom Zaune sich hinabbeugend,

spie er mit Gleichgültigkeit in den Hof hinab.

Die Kleine sann einen Augenblick nach. Dann sah sie auf. Ihre Augen

blitzten. »Ich lasse sie nicht hinein,« erklärte sie.

»Ha, sie wird Dich gerade fragen!« Der Hohn, der in seiner Rede lag,

machte sie ersichtlich stutzig.

»Wie meine Alte den Dot wegschaffte, that sie's in der Nacht. Deine holt

die Mietz auch Nachts!«

Norines Augen wurden groß und finster.

»In der Nacht?« wiederholte sie unsicher -- dann in aufsteigender

Besorgnis: »da schlaf' ich ja!«

»Ja eben!« Der Knabe weidete sich offenbar an dem Angstblick der Kleinen.

Er schielte lauernd auf sie herab und schnellte plötzlich hoch.

»Weißt du,« begann er, »wenn es dir eine Beruhigung ist, so bleibe ich

die Nacht hier und halte Wache.«

Norine blickte atemlos zu ihm auf.

»Wo?« sagte sie, über seine unerwartete Großmut verwirrt.

»Ach -- ich schlafe im Stall auf der Erde. Uns Jungens« -- prahlte er

großthuerisch -- »uns macht das nichts. Kannst ganz ruhig sein. Wenn sie

kommt und deine Katzen holen will -- na, laß' mich nur machen. Ist ein

Schlüssel drin?«

Es war keiner drin und der Knabe beruhigte sich auch darüber.

»Thut nichts,« meinte er, »ich baue eine Barrikade!«

Es war Abend geworden.

Aus dem Schatten der Finsternis löste sich die schlanke Gestalt der jungen

Frau ab. »Der Bösewicht!« sagte sie für sich, einen letzten Blick auf

den Stall hinabwerfend, in dessen Inneres der Knabe verschwunden war, und

dann stand sie lange regungslos da und starrte in den dunkel werdenden Hof

hinaus, bis Norine auf wiederholtes Rufen der alten Doris ins Haus trat;

dann eilte sie rasch in den Korridor hinaus dem Kinde entgegen.

»Du gehst schlafen, Norine?« Das Kind sah finster auf.

»Ja,« sagte es kurz im Weitergehen.

»Willst du mir nicht gute Nacht sagen?« Ohne den Blick zu erheben, machte

das Kind vor ihrer Zimmerthüre halt. Die Antwort kam hart und frostig.

»Nein!«

»Norine, du« -- eine Sekunde lang schoß es glühendrot über Stirn und

Wange der Frau, dann sprach sie langsam und sanft weiter: »ich habe dein

Gespräch mit Paul mitangehört. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich

deine Katzen --«

Ein heftiges Zuschlagen der Zimmerthüre Norines schnitt der Sprecherin das

Wort ab. Norine war drin. Sie stand mit zusammengepreßten Lippen auf

der inneren Schwelle und horchte auf die davongehenden Schritte der

Stiefmutter.

Sie blieb einen Augenblick mit sich im Zweifel, ob das Triumphgefühl, das

sie empfand, wohl ganz berechtigt war.

Liebe.

Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend · 第 6 / 10 段