war als Kind gefallen und daher kam es. Manchmal bemerkte man es gar nicht.
Wenn sie in den Werktagen in einem alten Rocke der Bäckersfrau -- bei der
sie Kost und Logis erhielt -- umherlief, und die Falten ihr im Schmutz des
Weges nachschleppten, konnte man ihr Hinken zu den anderen willkürlichen
Körperverdrehungen zählen, mit denen Christe die Nachbarschaft halb
trotzig, halb geärgert unterhielt.
Christe war nie zur Schule gegangen. Sie mußte des Morgens und des Abends
das frische Backwerk in der Stadt herumtragen und des Mittags lag sie auf
den Straßen und trieb aus Langeweile oder aus schlechter Laune allerhand
böswillige Streiche. Sie war -- was man so einen Taugenichts nennt,
und die Nachbarskinder hatten große Angst vor ihr und nur einer -- der
Kaufmannssohn -- ja so, ich muß der Reihe nach erzählen, sonst wißt ihr
ja nicht, wie sie zu der Freundschaft mit ihm gekommen war.«
Mutter Krüger atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde nachdenklicher -- ihr
Blick wandte sich dem Fenster zu. Die Straßen lagen im Dunkel. Der Wind
hob und fegte die Schneeflocken kreuz und quer durcheinander und warf sie
spielend gegen die Fensterscheibe, so daß es in der Stille des Zimmers wie
ein schüchternes Pochen erklang.
»Christine hatte ihn eines Morgens auf ihrem Rundgang durch die Stadt in
einer Pfütze liegend und laut schreiend gefunden, aus der sie ihn, ohne
viel Worte zu machen, herausgezogen und in ihrer derben gutmütigen Art
recht ungeschickt unter der Pumpe eines Nachbarhofes gesäubert hatte.
Möglich, daß sie ihn dabei geschüttelt oder gezerrt, bis er sein
Zetergeschrei erhob. -- Die Nachbarn kamen herbeigelaufen und stießen das
Mädchen ziemlich unsanft von der Thüre fort. Christine ging trotzig ab.
Sie ging an dem Kaufmannsladen nicht mehr vorüber, und wenn der kleine
Bursche -- der mehrere Jahre jünger war wie das Mädchen -- sie anrief,
machte sie ihm drohende Zeichen und schüttelte sich vor Abscheu, und wie
er einmal über ihr Gebahren hell auflachte und ihr schmeichelnd einen
Apfel hinhielt -- ging sie -- naschig wie sie war, auf ihn zu und aß ihn
mit ihm auf. Sie wurden gute Freunde -- diese beiden.
An einem Tage schlugen sie sich und dann vertrugen sie sich wieder und
wenn sie sich gerade gezankt hatten, ging der Junge zerstreut umher -- und
vernachlässigte seine Schularbeiten so sehr, daß ihn der Lehrer dafür
strafen mußte.
Dies paßte nun aber dem Kleinen gar nicht und eines Tages lauerte er
voller Zorn den Lehrer an der Straßenecke ab, um einen ganz
abscheulichen Plan, den er sich mit den anderen Knaben ausgedacht hatte --
durchzuführen. Sie spannten nämlich eine dünne Schnur über den Weg, den
der Mann zu gehen hatte, und was geschah? Der Lehrer denkt an nichts Arges
-- sieht in der Dunkelheit des Abends die Schnur nicht, stolpert -- fällt
und -- das war das Schreckliche -- bleibt wie tot liegen. Ja, ja, -- wie
tot, und der Junge, der das Unglück angestellt hatte, bekommt große Angst
und rennt mit seinen Freunden davon.
Wie nun die Menschen gelaufen kamen, schrieen sie vor Schreck laut auf, und
die lahme Christine, die den Lärm hörte, drängt sich heran und beguckt
sich neugierig den Menschenhaufen. Wie sie aber dasteht -- fällt es
plötzlich den Leuten ein, daß eigentlich alle bösen Streiche immer von
ihr angestellt wurden, und daß sie sich nun so dreist durch die Menge
schob, machte die Menschen erst recht aufsässig.
›Natürlich war es wieder die lahme Brut,‹ schrie eine dicke Frau aus
der Menge und
›Sie ist ein gefährliches Geschöpf!‹ riefen andere zurück.
Christine sagte gar nichts. Sie war vielleicht erschreckt oder überrascht
oder auch nur zornig auf die Menschen, die so ungerecht auf sie schimpften.
Sie biß die Lippen trotzig zusammen und warf den Kopf zurück, und wie
man den wirklich schwer verletzten Lehrer aufnahm und forttrug, fielen die
Leute über das Mädchen her und tobten -- bis man sie festnahm. Das Kind
sagte kein Wort. Sie ließ sich von dem herbeigerufenen Beamten abführen,
und machte zu all dem Lärmen um sich her ein böses höhnisches Gesicht.
Sie that so, als machte ihr die Sache gar nichts aus, und um die Wahrheit
zu gestehen -- sie machte ihr wirklich nicht viel, weil sie bestimmt
erwartete, daß der kleine Kamerad aus dem Kaufmannsladen kommen würde
und die Geschichte erklären, -- denn Christe war ein gerechtes Mädchen --
trotz ihrer Fehler, und daß man andere leiden lassen konnte -- für selbst
gethanes Unrecht, das konnte sie nicht glauben.«
Die Erzählerin schwieg und sah die kleine Gruppe von Zuhörern aufmerksam
und ernsthaft an. Wie still sie saßen! Wie tief befangen die schamroten
Gesichtchen sich zu Boden neigten. War's, daß Mutter Krügers Schweigen
eine stumme Aufforderung enthielt -- war's, daß in dem gerechten Herzen
Toni Hellmuths, der Anführerin der Kinderschar -- ein Etwas sie zum
reuigen Handeln antrieb -- das Kind stand plötzlich hochaufgerichtet vor
dem Herde -- die kleinen Hände griffen halb verlegen, halb mit Ungestüm
die Steine auf, die für den geplanten Angriff in Bereitschaft lagen, und
stieß sie, einen Seitenblick auf Mutter Krüger gerichtet, mit hastiger
Geberde in das Feuer.
»Der erste Tag verging,« sprach die Wäscherin gedankenvoll zur Erde
sehend fort, »der erste Tag und auch der zweite -- dann der dritte, und --
er -- kam nicht.«
»O, wie abscheulich!« Der Ruf aus dem Munde des kleinen Mädchens ließ
Mutter Krüger aufblicken. Das schmale Fenster rüttelte unsicher in
seinen Fugen und eine Zugluft drängte sich durch die Ritzen und wehte die
Vorhänge leicht auseinander. Die welken Hände der Alten schlossen
sich über ihre Knie und der abwesende Blick ihrer Augen -- die eigen
verschleierte Stimme, mit der sie weiter sprach, gaben Zeugnis davon, daß
sie für sich zu sprechen, sich allein zu sein wähnte.
»Er war feige,« stieß sie düster und kurz hervor, »feige und
undankbar. Er bekannte nichts. Der Lehrer starb an den Verletzungen.
Sein Tod machte die Leute neu erregt. Zuerst war das Geschehene wie ein
Kinderstreich gewesen -- jetzt nannte man es ein Verbrechen.
Das Gericht war milde -- glaubte milde zu sein -- das Mädchen wanderte auf
zwei Jahre ins Korrektionshaus. Christine wurde -- auf ihr verzweifeltes
Leugnen hörte man nicht mehr -- in die Anstalt jüngerer Verbrecher
geschafft und der Kaufmannssohn blieb, ohne sich durch ein Wort als der
wirkliche Thäter zu verraten -- daheim.«
»Mutter Krüger -- du erzählst doch weiter -- es ist nicht das Ende?«
»Das Ende?«
Die Alte wiederholte die Frage der Kleinen halb zögernd. Ihr Blick ruhte
auf dem Feuer. »Vielleicht,« sagte sie, »sollte es für euch zu Ende
sein, denn das, was folgt -- aber nein, ihr sollt das Ganze hören. Das
Mädchen blieb zwei Jahre in der Anstalt -- zwei Jahre lebte sie unter
allerhand kleinen und großen Verbrechern und wie die Zeit herum war --
da konnte sie gehen. Wohin? -- Danach fragte keiner. Das lahme Ding wollte
wohl arbeiten, aber wer traute einem Mädchen, das aus der bekannten
Strafanstalt entlassen worden war. Wo immer sie anfragte, jagte man sie
höhnend fort. Es wurde ihr schwer gemacht, ihr ehrliches Brot zu verdienen
-- wochenlang -- Monate -- sie hatte viele Tage des Elends verlebt und
endlich -- -- kam er.«
Mutter Krügers Auge blickte starr -- ihre Stimme sank zum Flüstertone
herab -- wieder war es wie ein Selbstgespräch, das sie führte.
»Er war groß geworden, der frühere Kamerad -- groß und schön, und
seine Stimme klang so wahr und reuevoll -- es war die erste Stimme, die in
ihrem Leben weich und liebevoll zu ihr gesprochen hatte -- er sagte ihr,
daß er sie überall gesucht, daß er durch sein so feiges Schweigen ihr
Leben verdorben, daß er gut machen wollte, was er gethan. Er konnte nicht
Ruhe finden, während sie allein und unglücklich blieb und darum müsse
sie ihm folgen -- bei ihm bleiben -- auf immer.
Sie war um Jahre älter als er. Sie hätte daran denken sollen, anstatt --
anstatt --.« Die Stimme erlosch. Mutter Krüger hielt, wie sich besinnend
-- die Lippen geöffnet -- dann lachte sie wie in jähem Erwachen, -- die
Hand auf die Brust, und erhob sich rasch. »Hörtet ihr nichts? Kamen
nicht Schritte?« fragte sie seltsam beklommen und ihre Augen wanderten zum
Fenster. Immer dichter fiel der Schnee, immer schärfer tobte der Wind.
Er stob wie in blinder Raserei die Flocken auf und warf die Fensterläden
krachend aus den Angeln. »Es war der Wind!« Die Alte sagte es leise in
der den Kindern altgewohnten bekannten lieben Stimme und »es ist spät
ihr Kleinen,« fügte sie hinzu, »und die Geschichte ist zu Ende, Sie
heirateten sich, diese beiden -- und -- mein Gott« -- die Wäscherin
lachte leicht auf und sprach mit geradeaus blickenden Augen, »sie war
nicht mehr jung, sie war nicht schön, und er war beides, und es war nicht
seine Schuld, daß er eine jüngere fand, die zu ihm paßte und deshalb
nahm die Frau mit der traurigen Vergangenheit eines sonnigen Tages
ihre paar Habseligkeiten und ging ganz still fort und suchte sich ein
neues« -- -- Die Stimme der Alten stockte.
»Was war das?« Mutter Krüger stand totenbleich aufrecht. Die kleine
horchende Schar schob sich ängstlich auseinander, da sich das Antlitz
ihrer alten Freundin mit weitgeöffneten stieren Augen auf die Thüre
richtete, auf deren äußere Schwelle Männerschritte fielen. Die Hand
der Frau hob sich, wie in ahnungsvollem Schmerz und deutete -- mit
gebieterischer stummer Geste auf das Nebenzimmer, und wie zum Schutze
der sprachlos hereinhuschenden gehorsamen Kleinen -- schleppte sie mit
Aufwendung aller Kräfte ihren zitternden Körper vor die Thüre des
Stübchens.
Wie der Wind heulte, wie die Flammen im Kamin hochschlugen, da die
Eingangsthüre nach mehrfachem herrischen Klopfen aufgestoßen wurde. Ein
Mann bei Mutter Krüger! Ein großer schneebedeckter Mann, mit vorgebeugtem
breiten Nacken und einem düsteren, kranken Blick.
»Christine!« Der Ausruf war fast wie ein Schreckensschrei und die
aufrechtstehende reglose Gestalt nickte mit bebender Lippe zweimal und
wiederholte mit leiser Stimme:
»Ja -- Christine!« Mochte es der schmerzliche Tonfall sein, der dem Manne
wie eine Ermutigung klang -- that es der Blick, der aus dem ergebenen alten
Antlitz der Mutter Krüger auf ihn fiel? -- Er machte einige Schritte zu
ihr hin, blieb jedoch vor der ablehnend erhobenen Rechten stehen.
»Ich habe dich gesucht,« sagte er zögernd, mit gesenktem Auge.
»Zum zweitenmale,« unterbrach sie ihn leise und hart.
»Ich -- ich war sehr krank, Christine -- ich habe böses erlebt -- ich --
bin allein!«
Der Kopf der Alten hob sich rasch.
»Und -- sie?«
Er lachte bitter auf. »Sie,« erwiderte er höhnisch, »sie wurde meiner
überdrüssig!«
Es lag in der heftigen gereizten Sprechweise des Mannes etwas vom
gekränkten eigensinnigen Kinde, und seine Haltung der Frau gegenüber
hatte mehr vom leidklagenden Sohne zur Mutter, als vom reuigen Gatten zur
Gattin. Vielleicht fühlte sie das nicht zum erstenmal heraus, vielleicht
klangen darum ihre Worte herber, als sie es wußte.
»Und weiter -- was suchst du hier?«
»Was ich suche? Christine, ich war lange krank -- ich bin allein --«
»Halt!«
Er wich vor der gebietenden Haltung scheu zurück. Mutter Krüger stand
noch immer vor der angelegten Thüre des Nebenzimmers -- das ihre Kleinen
barg. Jetzt, da sie sprach, zog sie die Thüre ins Schloß und trat dicht
vor den Mann hin.
»Sprich nicht zu Ende,« gebot sie kurz, »es wäre vergeblich. Unsere
Wege gehen auseinander. Du hast gewählt zwischen uns -- du ließest mich
gehen. Jetzt bin ich alt und hier drinnen ist's ruhig geworden. Einmal
glaubte ich vom Leben etwas erwarten zu dürfen. -- Das ist vorbei. Du bist
jung -- deine Wunden werden vernarben. Unsere Wege gehen auseinander, das
ist mein letztes Wort. Ich zürne dir nicht. Gott sei mit dir!« --
Der Wind, der die Hausthüre krachend zuwarf, fegte den nassen Schnee
hinter der gebeugten Gestalt des Mannes her, der vor dem Hause stehend
einen letzten Blick hinaufwarf auf das matt erleuchtete Fenster des
niederen Häuschens. Im Innern des Stübchens lehnte Mutter Krüger mit
umflorten Augen an den Rahmen der Thüre -- durch die die kleinen Gäste
mit scheuem »Gutenachtgruß« eintraten.
»Geht, Kinder, geht! Laßt mich allein!« Langsam entfernten sie sich und
als die Thüre ins Schloß gefallen war, ertönte neben der alten Frau eine
kleine verschleierte Stimme:
»Mutter Krüger!«
Sie zuckte zusammen.
»Toni? Du?«
Die kleine Mädchengestalt drückte sich eng an die alte Freundin. Mit
unendlicher Weichheit legte das Kind ihre Wange an der Wäscherin Hand.
»Geh, Kind, geh!« Die Stimme der Alten war gepreßt, klanglos, und der
greise Blick starrte verloren in die Dunkelheit hinaus. Die Kleine drückte
sich, der Zurechtweisung nicht achtend, mit feinem Kindesinstinkt das
Richtige fühlend, enger an die einsame Alte und blickte mit ihr geradeaus.
Im Stürmen des Wetters, unter dem Rascheln der Läden und Thüren hallte
auf dumpfem Schnee der Klang von schwer schleppenden aber festen Schritten.
»Er ist fort, Mutter Christine,« sagte sanft das Kind und beim Klang des
Namens faßte die Einsame mit einem lauten Schluchzlaut das Kind in die
Arme und weinte. Mit ihm zusammen trat sie an das Fenster und blickte lange
schweigend in die Nacht hinaus, in der die Umrisse einer hohen vorgebeugten
Gestalt in der Ferne sichtbar waren und allmählich im Dunkel der Nacht
verschwanden. Und der Wind rüttelte an den Fensterläden um das einsame
Haus und drinnen starrte noch lange ein altes gramgefurchtes Angesicht
geradeaus ins Leere.
Lora.
Zehn Minuten noch und der große prächtige Dampfer verläßt den Hafen von
New-York. Mit mächtigem Gedröhn rollen die schweren Kisten und Koffer den
Perron entlang. Schrille Stimmen von kleinen und großen Obst-, Bücher-
und Spielwarenhändlern tönen lärmend durcheinander, ein jeder hofft,
sein Lager von auserwählt süßem Obst, von pikanter Reiselektüre,
von turnenden Hampelmännern und tanzenden Schreipuppen vor Abfahrt des
Dampfers zu verkaufen. Noch drängen sich auf dem Verdeck dichte Haufen
von Menschen; Verwandte, Freunde derer, die binnen weniger Minuten Abschied
nehmen werden, auf Wochen oder Monate, viele für immer. Mit schwerem
Getöse rollen große Expreßwagen bis zur Seite des Dampfers heran.
Geschäftig rühren sich die Hände der abladenden Arbeiter und der in
empfangnehmenden Matrosen, deren aus heiserer Kehle tönender Seemannsruf
wie klagend in das Ohr fällt, als traurige Mahnung, daß die Scheidestunde
geschlagen. Noch lächeln die Lippen, noch leuchten die Augen; noch ist man
ja beisammen. Ja, man scherzt sogar; man tändelt mit den Kinderchen, hebt
sie lachend in die Höhe, um ihnen das gewaltige Wasser zu zeigen, in
das sie in kurzer Zeit hinausrauschen werden. Einige ältere Leute stehen
gebeugten Hauptes und blicken sehnsüchtig zum Lande hin. Soeben sind die
Säcke mit Briefen angekommen, und werden mit lautem »Ohoi!« auf die
breiten Schultern der braunen Matrosen geladen und aufs Verdeck
geschleppt. Die Briefe bilden den Abschluß. Die Post ist angelangt, der
Trennungsaugenblick gekommen! Als sei plötzlich ein Unglück eingetreten,
das keiner vorausgesehen noch geahnt, bricht nun der Schmerz sich mit
Heftigkeit Bahn, und krampfhaft liegen sie sich in den Armen, die
vor wenigen Minuten noch gelächelt. Kein fröhliches Auge nun, kein
scherzendes Wort mehr. Blasse, tieftraurige Gesichter ringsum .... Ein
dichter, schwerer Dampf steigt mit sausendem Gezisch zum Himmel empor.
Schrilles Pfeifen durchdringt die eingetretene Ruhe. Dreimaliges
Geläute! ... Hellaufschluchzende Laute, ein Taumeln, Drängen, Klagerufe.
Nochmaliges Läuten, Kettengerassel. -- »Ohoi!« rufen die Matrosen,
die Brücke fällt. Das Schiff stößt ab. Am Ufer stehen die
Zurückgebliebenen. Thränenfeuchten Auges winken sie und lächeln den
Scheidenden zu. Ein jeder sucht das ihm bekannte Auge und hemmt den
Thränenlauf, um mit dem Tuche ein letztes Ade zu winken. Langsam,
majestätisch gleitet der Dampfer aus dem Hafen.
Am vorderen Ende desselben steht, die Arme über die Brust gekreuzt, den
breiten Hut zum Schutze gegen die Sonne tief in die Stirn gedrückt, ein
hochgewachsener Mann. Er mochte lange schon so gestanden haben, seine
Stellung hatte etwas unbewegliches, gewohntes. Tiefer Ernst prägte sich
auf seinen schönen Zügen aus, Ernst und Mitleid. Sein Auge folgte der
Gestalt eines Mädchens, das am hintersten Ende des Schiffes gestanden
hatte und sich der Heimat zugewendet. Bleich, bebend, dann im heftigsten
Schmerz laut aufschluchzend, war sie, als der Dampfer abstieß, auf das dem
Lande nächstliegende Ende zugeeilt, hatte, den Oberkörper weit über die
Brüstung des Verdeckes gelehnt, mit vorgestreckten Armen, als suche sie
in dieser Geberde das Heimatland zu halten, sich dem vollsten Schmerze
hingegeben. »Mutter! Mutter!« klagten ihre Lippen, als sie mit aller
Kraft sich aufrichtend, das Land ihren Augen entschwinden und die Gestalten
ihrer Lieben immer kleiner und undeutlicher werden sah. Als rufe dieser
Klagelaut die so schmerzlich Ersehnte herbei, erschien an der äußersten
Spitze des Perrons, von welchem das Schiff abgestoßen war, die hohe
Gestalt ihrer Mutter. Das ergraute Haupt ihr zugewendet, mit blassem
Antlitz, doch mutig ermunternd, traurig ihr zulächelnd, so erblickte das
junge Mädchen noch einmal die Mutter, dann brach es mit lautem Aufschrei
zusammen.
Der Unbewegliche am andern Ende des Schiffes war mit wachsender Teilnahme
den Bewegungen des Mädchens gefolgt. Jetzt machte er einige Schritte, als
wolle er ihr zur Hilfe eilen, blieb aber wieder stehen, als er die vielen
bereitwilligen Hände sah, welche die Damen, durch den Aufschrei des jungen
Geschöpfes von dem eigenen Schmerze abgelenkt, ihr darreichten. Jene
richteten die Weinende auf und schienen eindringlich mit ihr zu sprechen.
Es waren jedenfalls tröstende, milde Worte, die jedoch ihren Zweck zu
verfehlen schienen, denn das Mädchen warf sich, die Hände vors Gesicht
schlagend, auf die nahestehende Bank, wies mit heftigen Geberden die
ihr zugeflüsterten Worte von sich und wandte den Umstehenden wie ein
ungezogenes verwöhntes Kind den Rücken, gab sich dann, mit dem ganzen
Eigensinn der Jugend, ihrem Schmerze hin. Verwundert und verletzt traten
die wohlmeinenden Damen zurück und ließen sie allein.
Die Tischglocke hatte zum zweitenmale geläutet und noch saß das junge
Mädchen auf der Bank. Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoße.
Ihr Auge blickte sehnsüchtig nach der Richtung hin, wo nur ein dunkler
Streifen, gleich einer Nebellinie, das Heimatland bezeichnete. Die heftige
Bewegung von vorhin hatte ihr das Haar gelöst, das nun in zwei vollen
rötlichbraunen Zöpfen auf die Hände herabfiel. Der kleine Mund zuckte
und die zarte Gestalt erzitterte noch in der Nachwirkung ihrer Erregung.
Den Steward, der an sie herangetreten war mit der Aufforderung, gefälligst
zu Tisch zu kommen, entließ sie barsch, dem zweiten, vom Oberkellner
geschickten Boten, der frug, ob sie vielleicht oben etwas zu genießen
wünsche, entgegnete sie, daß sie nichts wünsche als ungestört zu sein.
Auf der anderen Seite des Verdeckes hallten mit monotoner Regelmäßigkeit
Schritte eines Mannes zu ihr herüber und veranlaßten sie, ihre Stellung
zu verändern, um den so unermüdlich Marschierenden anzusehen. Es war
derselbe, den sie bei Abfahrt des Schiffes so unbeweglich hatte stehen
sehen. »Weshalb er wohl nicht zu Tische geht«, dachte sie. Die Schritte
kamen näher. Der Mann, der sich allem Anschein nach für den alleinigen
Inhaber des Verdeckes hielt, bog plötzlich um die vordere Seite desselben
und stellte sich, das ernste Gesicht dem Lande zukehrend, dicht vor die
Bank, auf der das junge Mädchen saß. Seine Gestalt versperrte ihr so den
Anblick des Landes.
Mit dem eigenen Zartgefühl fein organisierter Wesen, denen es stets
peinlich ist, unbemerkt Zeuge irgend welcher Empfindungsäußerung zu sein,
fühlte sie sich veranlaßt, ihre Anwesenheit erkennbar zu machen. Eine
leichte Bewegung, und er wandte sich um. Das junge Mädchen erblickend, zog
er den Hut, trat dann mit einigen entschuldigenden Worten zur Seite. Sein
Organ übte einen eigenen Zauber aus. Fühlte das Mädchen das Bedürfnis,
mit jemanden zu sprechen, oder weckte der tiefe, volle Ton seiner Stimme
ihr Zutrauen, sie wandte dem Manne ihr Gesicht zu und fragte, in der
kindlich naiven Art eines Mädchens, das nur _den_ Schmerz voll begreift,
der sie _selbst betroffen_, indem sie ein braunes Augenpaar groß zu ihm
aufschlug: »Haben Sie auch Ihre Mutter dort zurückgelassen?«
»Nein,« antwortete die tiefe Stimme, und ein Lächeln flog über seine
Züge, das aber sofort wieder schwand, als er ernst fortfuhr, »nein, das
habe ich nicht, denn um jemanden, den man liebt, zurücklassen zu können,
muß man zuerst jemanden haben.«
Voll Interesse schaute sie zu ihm auf. Mit unverkennbarem Staunen frug sie:
»Haben Sie keine Verwandten, keinen Bruder, keine Schwester?«
»Keinen Bruder, keine Schwester. Niemanden, gar niemanden. Sie sehen
ordentlich erschreckt aus, mein kleines Fräulein! Sie können sich wohl
kaum denken, daß man auf der weiten Welt keine Angehörigen haben kann.«
»Nein,« sagte sie einfach. Dann wandte sie die Augen von ihm ab und ließ
den nachdenklichen Blick weit hinausschweifen über das Meer. Er folgte
ihren Augen, und etwas näher an sie herantretend fragte er, und aus dem
Ton klang es wie Bitterkeit: »Halten Sie sich darum für glücklicher,
weil Sie eine Anzahl Menschen um Sie trauernd zurückgelassen und selbst
ein trauerndes Herz mit fortgenommen, als z. B. mich, der ich keine Trauer
verursache und keine empfinde?«
»O ja,« entgegnete sie rasch, »für viel, viel glücklicher. Wenn Sie
nie traurig waren, können Sie nie recht froh gewesen sein, meine ich.
Ich kann darüber nichts sagen, doch ich denke es mir entsetzlich öde
und einsam, keinem Menschen auf der Welt anzugehören, keinen Menschen zu
lieben.« Ihre Stimme hatte unwillkürlich einen leisen schwärmerischen
Klang angenommen, der einen seltsamen Kontrast bot zu dem rauhen, dumpfen
Schlag der Schraube.
»Öde und einsam,« wiederholte er, »jawohl, das ist es.«
Die Tischzeit war vorüber. Hier und da trat einer oder der andere der
Passagiere aufs Verdeck, zog sich jedoch bald wieder in die unteren
Räume zurück, da die kühle Abendluft den Aufenthalt auf dem Verdecke
erschwerte.
Im Salon unten saßen sämtliche Passagiere der ersten Kajüte und
versuchten es, sich auf diese oder jene Art und Weise untereinander bekannt
zu machen. Noch schaukelte der Dampfer nicht, sondern glitt leicht wie eine
Barke auf glatter See ins Meer hinaus.
Am zweiten Tage trat um 5 Uhr früh ein junges Mädchen leise auf den
Fußspitzen gehend, als fürchte sie, die noch sanft in ihren Kojen
schlafenden Mitreisenden zu stören, aufs Verdeck. Das kleine Deckhäuschen
bot ein Bild wirren Durcheinanders; es wurde geputzt und gescheuert.
Draußen angelangt, blickt sie erstaunt gen Himmel; es regnete nicht, und
doch war das ganze Verdeck naß. Da hörte sie ein Plätschern, und sich
umwendend, gewahrte sie, daß Seeleute das Verdeck reinigten. Mittelst
eines Gummischlauches badeten sie dasselbe im wahren Sinne des Wortes;
Stühle, Bänke, Fenster, Thüren, alles triefte.
Ein recht unbehaglicher Aufenthalt, dachte sie, und doch der kleinen engen
Koje und dem schrecklichen Geruch von Maschinenöl in den unteren Räumen
vorzuziehen. Die Kleider hebend, damit sie nicht mit dem feuchten Deck
in Berührung kommen, stieg sie grüßend an den Matrosen vorbei bis zur
Stelle, wo sie Tags zuvor aufs Land geblickt hatte.