»Unverbesserlich!« Er stieß das Wort mit einem Anflug von Stolz hervor

und steckte aufrecht sitzend beide Hände tief in die Hosentaschen,

bauschte dieselben weit auseinander und klappte sie, mit einem festen

kleinen Schlag gegen seinen Körper, wieder zusammen.

»Das Ihr Vogel?« fragte er plötzlich zutraulicher -- den Bauer

unausgesetzt ansehend. Ich nickte.

»Gekauft?« Die drollige Frage gefiel mir.

»Er gehörte meinem Kinde,« berichtete ich.

Charleys Augen hoben sich fragend.

»Haben Sie ein Kind?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte ich leise, »es ist gestorben!«

»So?« Charleys Ausruf war ein Mittelding zwischen Neugierde und

Mitgefühl, und seine Blicke begannen über den Hausdächern ziellos

umherzuirren und sanken endlich mit salbungsvollem Ausdruck auf seine

dickbesohlten Stiefeln herab.

»Viele Leute sterben,« begann er endlich, mit der Miene eines bejahrten

Tröster, dem nach langem Suchen das richtige Wort eingefallen ist,

»kenne 'ne Menge Leute, die gestorben sind. Viele sterben an Masern. Böse

Krankheit -- Masern!«

Ich antwortete nichts. Meine Gedanken waren weit zurückgeschweift.

Sie hingen an dem Bilde eines kleinen dunkellockigen Knaben, dessen

hellklingende Stimme mir durch kurze Jahre das Dasein gelichtet hatte, um

dann zu verstummen -- auf immer -- und mich einsam zurückzulassen. -- --

Wie lange ich in stillem Sinnen verblieb, weiß ich nicht. Als ich aufsah,

war ich allein. Charley Gregor war geräuschlos verschwunden. Ich dachte

eine Weile über sein plötzliches Verschwinden nach, und empfand ein

unbehagliches Gefühl von Reue darüber, die rauhen Trostesworte, die,

wie ungeschickt sie auch schienen, doch von gutem Willen sprachen, so

unerwidert gelassen und -- so folgerte ich -- das Kind dadurch gekränkt

und verscheucht zu haben.

Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung

des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den

Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief

ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt -- wie

zerknirscht --

Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von

meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen,

wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen

alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben

aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen

herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich

geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen

zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.

War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben,

hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt -- lugte

der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er

mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade

ablöste -- sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter

die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug

glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die

bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch

als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze

Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig

kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere

Steinwand entlang -- vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts

glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser

hinaufschaute nach der Stelle -- von der aus er selbst noch vor wenigen

Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.

Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet,

das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene

Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.

Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige

Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen

Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen

Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte

es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch

sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen

hörte:

»=Hay Missus!=« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten

Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr

unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den

dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben

des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein

herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen

schien.

»=Pleasant morning!=« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären

Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem

unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines

Körpers meine Indignation von vorher.

»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so

ruhig wie möglich zurück.

»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick

zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und

stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle

meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere

desselben.

»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«

»Wer?« fragte ich, durch den sinnigen Ernst seines Gesichtes stutzig

gemacht.

»Der tote Junge!« Wie schmerzlich mich die rohe Benennung auch berührte,

so lag doch in der halb brutalen, halb feierlichen Betonung der Worte etwas

Ergreifendes. Ich nickte stumm Bejahung.

»War wohl ein famoser Junge?« Diese Bezeichnung paßte kaum auf das zarte

dreijährige kränkliche Wesen, das seine kurze Lebenszeit meist liegend

zugebracht. Mein Gast machte sich wie es schien, ein falsches Bild von ihm,

das ich für den Augenblick nicht zerstören mochte.

»Weshalb meinst du, daß es ein gutes Kind war?« fragte ich.

Die Antwort kam rasch, bestimmt.

»=Cause ye'r sorry!=« (Weil Sie traurig sind.)

»Aber das wäre ich doch auch bei dem Verlust eines unartigen Kindes!«

Charley Gregor lachte mich an, als hätte ich einen Witz gemacht. Er

stemmte seinen linken Fuß rückwärts gegen die Mauer und schob sich in

kleinen Sprüngen stoßweiße vor.

»Sie hatten ihn doch lieb!«

»Ja!«

»Schlechte Jungens mag man aber nicht!« Er sah mich bei dieser Erklärung

ganz ernst an, wie um seine Lache von vorhin zu entschuldigen.

»Weshalb denn nicht?« entgegnete ich, »sie sind deshalb doch unsere

Kinder!«

Charley Gregor stand ganz still. Er hatte sich etwas abgewandt, so daß

ich nicht erkennen konnte, was in seinem Antlitz vorging. Als er es nach

längerem Schweigen zu mir wandte, lag darauf ein Ausdruck kindlicher

dringlicher Wißbegierde.

»Und wenn er ganz schlecht gewesen wäre, hätten Sie ihn doch lieb

gehabt?«

»Gewiß!«

Charley wurde dringlicher. Seine Augen glänzten eigen.

»Und wenn er auf dem Felde Scheiterhaufen gemacht hätte, und Schule

geschwänzt, und Milchkannen gestohlen?«

»Auch dann!« Charley zog wieder den schiefen Mund und lachte. Ich blickte

mit Wehmut auf den Knaben, der so unbewußt in seinen zweifelnden Fragen

eine bittere Herzensklage aussprach. Eine Aufwallung von Mitleid überkam

mich. Ich trat ihm näher.

»Gehst du nicht zur Schule, Charley?«

»Manchmal!«

»Weshalb nur manchmal?« Charley warf ein Bein über die Brüstung des

Balkons.

»Meistens schwänze ich!« Ich sah voraus, wie die alte höhnische

Stimmung ihn zu überkommen drohte und mühte mich, sie fern zu halten.

»Aber das ist unrecht. Das betrübt deinen Vater!« Die rote Mähne flog

von der Stirn zurück. Die blauen Augen sahen groß zu mir auf.

»Mein Vater macht sich gar nichts draus!« erklärte er sehr bestimmt.

»Woher weißt du denn das?«

»Er sagt's. Er hat mich aufgegeben. Sagt, aus mir wird doch nichts!

Früher hat er gehauen -- dann bin ich davongelaufen -- dann hat er mich

eingesperrt, wenn der Lehrer klatschte, daß ich geschwänzt hatte. Jetzt

kümmert er sich nicht mehr drum. ›Thu, was du willst‹, sagte er, und

so thue ich, was ich will. Gestern habe ich geschwänzt, heute auch --

niemand kümmert sich drum! Kann ich 'mal reingehen?«

Charley Gregor trat, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, mit der ihm eigenen

Dreistigkeit in meine Behausung ein. Ich habe nie vergessen können,

mit welch eigentümlich andächtiger Bescheidenheit sich der brutale

Straßenjunge bei diesem seinem ersten und letzten Besuch bei mir verhielt.

Die Hände tief in den Taschen vergraben, wie um sich vor »Anfassen« zu

bewahren, oder um die Unreinlichkeit zu verbergen, umkreiste er dreimal das

Nipptischchen, auf dem die Reliquien meines heimgegangenen Kindes gesammelt

lagen.

»Kleiner Schuh!« sagte er einmal halblaut, indem er mit überlegenem

Lächeln das kleine lederne Bekleidungsstück betrachtete, »ich kenne

ein kleines =baby= -- da unten am Wasser wohnt's -- das hat solch kleine

Füße. Manchmal gehe ich hin und bringe ihm ein Stück Zucker, und

das steckt es auf einmal in den Mund und schiebt die ganze Faust nach.

›Charley‹ kann es noch nicht sagen, es sagt ›Tally‹, und wenn es

lacht, sperrt es den Mund ganz weit auf und dann sieht man nur drei Zähne;

mehr hat es nicht!«

Es war ein herzgewinnendes Lachen, mit dem er die kleine knabenhafte

Beschreibung begleitete, und es erhellte sein Gesicht, wie ein

Sonnenstrahl. Ich fuhr ihm lächelnd über das krause Haar, und er sah

verwirrt zu mir auf. Seltsam war es, daß sich mir jeder seiner Blicke und

jedes seiner Worte so fest einprägten! Ich saß lange, nachdem er mich

verlassen, und sann über seinen Besuch nach. Wie anders erschien mir der

Knabe jetzt! Und wie schlug mein Herz vor Erbitterung gegen den Mann,

den Vater des an Gemüt reichen Knaben, der den Weg nicht fand zum Herzen

seines Kindes! Liebte er wirklich das Kind nicht, oder verstand er es nur

nicht, das trotzige Wesen desselben zu lenken?

Es war Abend geworden. Die milde Frühlingsluft zog mich hinaus in den

Garten. Es war ringsum still, und wider meinen Willen schweiften meine

Gedanken zu dem Nebenhaus hinüber. Dort lag alles im Dunkel. Schlief man

bereits? So intensiv gespannt horchte ich hinüber, daß ich das Geklirre

der Kette an der Gartenthüre des Nebenhauses überhörte, und erst als

eine Stimme »=Missus=« rief, wandte ich mich um und gewahrte meinen

Knaben auf der Straße stehend.

»Charley! du?«

»Kommen Sie mal dicht 'ran ans Gitter,« sprach er in seiner kategorischen

Art, und ich trat dicht auf ihn zu.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, daß das alles eine Lüge war, was Sie mir

sagten, und daß es doch einerlei ist, was ich thue. Ich werde Ihnen auch

sagen, wieso. Der Lehrer war wieder da und hat geklatscht, und wie er fort

war, da ist mir eingefallen, was Sie gesagt haben von schlechten Kindern,

die doch geliebt werden, und da bin ich zu meinem Vater 'reingegangen,

und habe ihm sagen wollen, daß ich bei Ihnen war und -- und -- na -- so

allerhand -- wollt' ich ihm sagen -- -- --«

»Nun, und?«

»Da hat er gesprochen und hat gesagt, er wollte nichts wissen. ›Bist ein

Vagabond‹, sagte er -- ›ob du auf dem Galgen endest oder im Zuchthaus,

das ist mir gleichgültig! Meinetwegen kannst du stehlen oder dich

ersäufen, mir ist's gleich, wenn ich dich nur nicht mehr sehen muß,‹

sagte er. -- So, und nun bin ich nur gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es

alles Lüge war, =Missus=!«

Es war ein seltsam weißes entschlossenes Gesicht, das er mir, vom

Mondlicht umflossen, zukehrte, bevor er sich wandte und rasch davonschritt.

Eine mir unklare Angst trieb mich, ihn anzurufen.

»Charley! Charley Gregor!« Ich erhielt keine Antwort. Seine Schritte

klangen nur undeutlich zu mir zurück, als ich, ein Tuch über den Kopf

geschlungen, von einer unbestimmten Angst gejagt, die Straße entlang

eilte.

Warum sagte ich mir nicht einmal: Thörin, was rennst du durch die Nacht?

Was kümmert's dich, was drunten am Fluß geschieht? In dem großen dunklen

Hause liegt alles im Schlummer, was also treibt dich atemlos dem Ufer

entlang, dem kleinen verwahrlosten Knaben nach, der -- ich allein wußte

es, unter der rauhen Fläche eine wunde, liebebedürftige Seele barg.

Schnell! Schnell! Die kleinen Füße laufen behend. Das Ufer ist leer. Kein

Mensch, der ihn aufhält!

»Charley! Charley!« Irrte ich, oder wandte sich das Kinderantlitz mit

den tiefen Augen noch ein letztesmal zu mir? Ein dumpfer Aufschlag -- ein

Schrei! -- -- --

Wo kamen die Menschen her, die sich ans Ufer drängten? Waren es meine

Rufe, die sie beschieden? Und der sich da durchdrängte, barhäuptig,

bleich, hohläugig -- der sich aufschluchzend über die nasse Leiche

beugte, die in meinem Schoße lag, war das der Vater, dessen starres Herz

den Knaben von sich gestoßen, dessen Worte ihn vertrieben?

»Charley, o Charley!« Der Ruf hallte weithin durch die Nacht, und der ihn

ausstieß, hob ein greises, gramgefurchtes Antlitz zu mir auf.

»Ich habe ihn nicht verstanden, Madame!«

Das war's! Alle Bitterkeit schwand aus meinem Herzen. Auf das bleiche

Knabenantlitz niederschauend, wiederholte ich leise die Worte:

»Er hat dich nicht verstanden -- Charley!«

Die Geschichte einer Wäscherin.

Sie bewohnte ein niederes, aus Brettern erbautes Häuschen in einem der

entlegensten Stadtteile, dort wo der große Teich gelegen war, der im

Winter zu starrem spiegelglattem Eise zufror und die ganze waghalsige

Stadtjugend auf seine glänzenden Flächen lockte.

Ihr Häuschen stand dicht an der Eisbahn, und der Wind heulte oft um die

scharfe Ecke, in welcher der einstöckige kleine Bretterbau gelegen

war, und rüttelte an den grauen Fensterläden, daß sie geräuschvoll

aneinander schlugen und der grauen Außenseite etwas Unheimliches

verliehen.

»Ein unfreundlicher Aufenthalt,« dachten die Fremden, welche von ferne

das einsame, von den anderen Bauten durch eine kahle Wiese getrennt

liegende Häuschen sahen, aber die Schuljugend dachte anders darüber. Die

rosige kleine Schar, die auf dem Eise lärmend und jubelnd übereinander

purzelte, sich Arme und Beine wund stieß und unter abwechselndem Lachen

und Wehgeschrei mit den schmerzenden Gliedmaßen in das Innere des niederen

Häuschens flüchtete, um sich Trost zu holen! Diese kleine Schar hielt die

zwei spärlich möblierten engen Stübchen mit den weißen Gardinen und dem

helllodernden Kaminfeuer für das reizvollste Plätzchen der ganzen Erde.

Der feuchte Dunst vom Seifenschaum, der aus dem großen Waschzuber dicht am

Fenster emporzusteigen pflegte, hüllte tagtäglich mehr denn ein Dutzend

herein- und heraushuschender Kinderköpfchen in seine feuchte Wolken

ein, und die leichten Schaumflöckchen, die sich in kleinen flickernden

Bläschen auf die zerzausten Lockenköpfchen niedersetzten, zogen mit

eigenartigem Zauber die Kleinen stets von neuem an. Oder war es doch nicht

der flockige schneeige Seifenschaum, der sie lockte? War es vielleicht

jene alte, etwas heisere, ganz unmelodische, aber überaus drollige tiefe

Stimme, die von der Ecke her über das plätschernde Seifenwasser fort ihr

ernst scherzendes:

»Sieh! sieh! sieh! wollt ihr wohl weitergehen!« ertönen ließ, was

solche besondere Anziehungskraft übte?

Mutter Krüger war eine alte Frau. Sie war vor vielen Jahren -- die Alten

des Städtchens erinnerten sich undeutlich des Tages, unbegleitet und

ungekannt in das Häuschen eingezogen, hatte mit einem stillen, Schonung

gebietenden Antlitz die freundlichen Annäherungen der geschäftigen

Nachbarn abgelehnt, um einsam, wie sie gekommen, in ihren vier Wänden zu

verharren. Müßige Zungen ließen es an allerlei verdächtigen Reden

nicht fehlen. »Sie ist eine durchgebrannte Frau, sie hat eine

›Geschichte‹,« flüsterten sie unter einander. Aber wenn sie gleich

ihre Geschichte hatte -- die verschlossenen, wehmütig herabgezogenen

Lippen wahrten ihr Geheimnis gut, und mit der Zeit gewöhnte man sich

daran, die hinkende Gestalt (Mutter Krüger schleppte das rechte Bein nach)

-- hinter den weißen Vorhängen des Vorderstübchens unter einer Wolke

heißen Dunstes auf- und niedertauchen zu sehen und die energische

Handhabung des Waschbrettes bis auf die Straße hinaus zu vernehmen.

Mutter Krüger hatte ihre regelrechten Kunden, solche, die sie

allwöchentlich beschäftigten, und die sich aus Interesse für die redlich

Arbeitende zu zeitweiligen Besuchen bei ihr herbeiließen. Diese Besuche

der guten Stadtdamen waren für Mutter Krüger wenig erfreulich --

destomehr aber entzückte sie die immer reichlicher werdende Schar kleiner

Leute, die sich mit Leidenschaft an die einsame Frau anschlossen und in ihr

die Vertraute allen Kummers und aller Freuden sahen. Wie doch Kinder hinter

der verschlossensten Maske ein warmes Gemüt herauszufühlen wissen!

Und wie auch wieder so ein Kindeslächeln die Eiskruste eines erkalteten

Herzens hinwegzuschmelzen vermag! Von dem gramgefurchten Antlitz schwand

mit der Zeit der wehmütige Hauch, und die Kinderwelt meinte, auf Erden

keinen so neckischen Mund finden zu können, wie den ihrer alten Freundin,

und keine verständnisvolleren Augen als die großen grauen ernsthaften der

Mutter Krüger, die -- wenn sie mißbilligten -- so beschämend blickten.

Die kleinen Schulmädchen erinnerten sich recht gut der Sache mit dem

Ordnungsheft, das plötzlich vor der Prüfungszeit von den mit Tadeln

reichlich bedachten Schülerinnen vernichtet worden war, und wie sie, die

Missethäter, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassungsstrafe drei

Tage lang geschwänzt hatten. Mutter Krüger hatte sie gleich so

seltsam angesehen, als sie zu ungewöhnlich früher Morgenstunde bei ihr

eingetreten waren und verlegener denn sonst ihren Gruß erwiderten. Es war

auch wohl ein Zufall gewesen, daß die Alte gerade Zeit hatte, von ihrem

Waschfaß fortzuhinken, um sich vor den Kamin unter die kleinen Schelme zu

setzen.

Toni Hellmuth erzählte später, wie merkwürdig es ihr gewesen sei, daß

Mutter Krüger ihr wiederholt mit der feuchten Hand das Haar gestreift,

nachdem sie, gerade sie, es wieder gewesen war, die jenen Schulstreich

angestiftet! Ja, sie gestand sogar, daß sie nahe daran gewesen, der guten

Alten die Sache zu verraten; aber da war gerade der Krach gekommen --

»Wie wir just um den Kamin so behaglich sitzen,« hatte Toni in ihrer

knabenhaften lebhaften Art erzählt, »kam das Gepolter gegen die Thüre,

und jede einzelne von uns wußte ganz genau, daß es der Lehrer war, und

wie der Blitz waren wir von der Erde auf und hinter den Wäschehaufen

versteckt, und da öffnete die Krüger langsam die Thür und richtig -- es

war der Lehrer!« Das Gespräch zwischen dem kleinen strengen Mann und der

einfachen Alten wurde aufs genaueste von den versteckt lauschenden Kindern

in der Stadt nacherzählt.

»Daß die Kinder Bertha, Elisabeth und Toni schwänzen -- seit drei Tagen

schwänzen -- das wissen Sie gewiß,« hatte der gestrenge Mann lauernd,

fragend, tadelnd gemeint und »Mein Herr« war darauf die ruhige Erwiderung

der Alten.

»Und da das Trio bei den Eltern nicht aufzufinden war« -- sprach der

abscheuliche Mann, unbeirrt von der Zwischenantwort der Wäscherin mit

seiner monotonen Lehrerstimme weiter, »so vermuten wir berechtigterweise,

daß sie sich bei Ihnen -- gute Frau -- verbergen -- hem! hem!«

»Herr,« hatte der Mutter Krüger leicht vibrierende Stimme gesprochen,

»ich sagte Ihnen schon, daß ich von dem begangenen Streich nichts wußte;

eines aber ist gewiß,« -- hier machte Frau Krüger einen Schritt ins

Innere des Zimmers und begann nachlässig den umhergestreuten Wäschestoß

so aufzutürmen, daß das rotstruppige Haar Toni Hellmuths mit seinem

verräterischen Wulst besser verdeckt wurde -- »eines ist gewiß, Herr,

unter all den Kindern Ihrer Schule ist kein einziges, das Mutter Krüger so

wenig ehrt, um sie zu einer Hehlerin zu machen!«

In dem Zimmer war es still gewesen, nachdem der kleine Mann gegangen.

Mutter Krüger war schweigend an ihren Waschzuber getreten. Ebenso

schweigend kamen die kleinen Missethäter aus ihren Ecken hervorgekrochen,

um sich mit verschämt gesenkten Köpfchen zur Thüre zu schleichen. Mutter

Krüger aber hatte erst dann den Blick gehoben, als Toni Hellmuth, auf der

Schwelle stehend, mit dunkelrotem verhülltem Antlitz ihr »ich schäme

mich, Mutter Krüger,« gestammelt hatte, und Mutter Krüger nickte nur und

lächelte sie mit dem alten Lächeln an.

Die kleine Begebenheit wurde nicht vergessen. Kinderherzen sind eigen

rachsüchtig im Haß, wie sie eigen erkenntlich sind in der Liebe.

Die Arreststrafe wurde hart zugemessen. Tagelang blieben die Kinder vom

Eisplatze und von der kleinen lieben Hütte verbannt, und als sie endlich

wieder vor dem Häuschen erschienen, da lag auf den Gesichtern der Ausdruck

eines rachedurstigen entschlossenen Vorhabens.

Mutter Krüger stand sinnend am Fenster und blickte auf die Straße

hinab. Es hat immer sein Unheilkündendes, wenn Kinder dort, wo sie jubeln

könnten, in kleinen engen Gruppen beieinanderstehen und finster -- leise

miteinander sprechen! Das stille Antlitz, mit den glattgestrichenen weißen

Haaren und dem einverstandenen Lächeln sah mit gespannten Blicken auf

die Kinder nieder. Vielleicht war es ein Ahnungsgefühl, was sie empfinden

ließ, daß es etwas zu verhindern geben dürfte. -- Mutter Krüger

schloß leise die Gardinen, ging -- Besorgungen heuchelnd, auf die

Straße. Absichtlich einen Umweg machend, kam sie ganz unerwartet auf die

Kindergruppe zu, welche sich froh überrascht der alten hinkenden Gestalt

entgegenwarf. Die Stimmen klangen alle durcheinander. Mitteilsamkeit,

Schwatzhaftigkeit, Vertrauensseligkeit, alles zusammen sprach sich in den

leidenschaftlichen Erzählungen der Kleinen aus, und über alle anderen hob

sich die Stimme Toni Hellmuths:

»Er hat uns jeden Tag nachsitzen lassen, und wer, denkst du, hat

es verraten, daß wir bei dir waren?« Große Pause. »Der bucklige

Zeitungsträger war's!« Dies mit einer staunenden Eröffnungsmiene und

geheimnisvoll hastig. »Sie sollen aber beide was abhaben, wir machen uns

große Schneebälle und thun diese Steine hinein, und der Lehrer muß

doch hier vorüber, wenn er nach Hause will, und dann rufen wir dem

Zeitungsjungen von drüben allerhand Schimpfnamen zu, so daß er wütend

wird und herauskommt -- -- na, und wenn der Lehrer seine Steine an den

Kopf hat, ducken wir uns ganz klein, so daß er uns nicht sieht und

der abscheuliche Zeitungsjunge kriegt die Schuld. So! Ist es nicht

großartig?« Das erregte Kindergesicht erhob sich voll rachedurstiger

Entschlossenheit. Erst als sie geendet, sah Toni den eigenartig

schmerzlichen Ausdruck in Mutter Krügers Angesicht. Die Finger ihrer

runzeligen Hand umschlossen jäh und fest die vertrauensvoll in die ihren

eingeschlichenen Kindesfinger und Toni sah geängstigt zu ihr auf.

»Was ist's, Mutter Krüger -- bist du böse?«

»Böse?« Die alten Lippen sprachen langsam die Silben nach. Die Stimme

klang trotz des wehmütigen Zuckens ihrer Lippe -- tapfer ermunternd, wie

fast: »Wie sollt' ich böse sein -- ich denke nur soeben an ein kleines

Mädchen, die in meiner Heimatstadt zu Hause war und -- aber es ist kalt

hier unten, ich hebe die Geschichte von dem armen Mädchen auf, oder --

wollt ihr euren Plan verschieben und mit mir --«

»O ja, ja!« Wie gut die Alte ihre Kleinen kannte! Wie wohl sie wußte,

daß ein jeder Plan in nichts zerfiel, sobald sie etwas zu erzählen sich

bereit erklärte!

Hell prasselte das Feuer im Kamin. Es warf über das Stübchen, in das die

Kinder eintraten -- seinen goldigroten Glanz.

»Sie hieß Christine,« begann Mutter Krüger fast heiter ihre Erzählung.

»Kein hübscher Name -- was? Und nun gar, wenn man ihn abkürzte und

Christe rief, und das thaten die Straßenjungen gar gerne, und wenn sie sie

ärgern wollten, fügten sie noch ein Wort hinzu und nannten sie ›lahme

Christe!‹

Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend · 第 3 / 10 段