in die verglimmenden Kohlen des Kamins und sann unaufhaltsam über Zukunft
und Vergangenheit nach. Über dem Kamin hing das kleine Ölbild des
Weibes, das er geliebt. Die nächtigen Augen, tief und schwermutvoll innig,
schienen ihm heute ernster denn je. Die letzten Jahre seines Lebens
traten ihm tageshell vor die Seele, die drei Jahre der trostlosen
Herzenseinsamkeit, die er durchlebt. Sein Geist schweifte zurück in die
Vergangenheit. Er durchlebte sie wieder, die glücklichen und zugleich
unendlich traurigen Tage seiner Liebe. In Genf war er ihr begegnet; es war
in einer mondhellen Nacht, die Atmosphäre schwül und drückend. Er war in
einem Kahn hinausgerudert auf den See. Plötzlich ertönte ein Lied an sein
Ohr, ein schwärmerisches Negerlied, das ihn an seine Kindheit erinnerte --
so hatte einst seine Mutter gesungen. Die weichen, sehnsüchtig klagenden
Töne hörte er seit jener Zeit zum erstenmal wieder, sie riefen längst
entschlummerte Erinnerungen in ihm wach. Die erste Strophe war beendet, da
hob er seine Stimme, kräftig und voll, und sang den zweiten Vers. Tiefe
Stille. Er horchte gespannt, da hörte er wie die Ruder eines zweiten
Kahnes mit Hast gehandhabt wurden und plötzlich glitt derselbe, eine
weibliche Gestalt bergend, dicht an den seinen heran. Der Mond warf sein
silbernes Licht auf ein dunkles sirenenhaftes Weib, welches vom Mondenlicht
umflossen in ihrem weißen Gewande und den dunklen herabfallenden
Flechten märchenhaft schön erschien. Mit der eidechsenhaften Grazie
südländischer Frauen kreuzte sie, als sie das kleine Fahrzeug neben das
seine gebracht hatte, die Ruder und rief, den Oberkörper vorneigend, mit
tiefklingender Stimme ihren Gruß. »Ein Ruf aus der Heimat! Wer Sie auch
sein mögen, ich danke Ihnen!« So war es gekommen, so hatten sie sich
gefunden.
Nita hatte, ein halbes Kind noch, konventionellen Rücksichten folgend,
einem älteren Manne die Hand gereicht. Die Ehe ward, durch die
Altersverschiedenheit zuerst, dann durch den gänzlichen Mangel an
Herzensinteressen zu einer unglücklichen. Der Gatte Nitas starb. Nita
kränkelte; man schickte sie ins Ausland; sie lebte mit ihren beiden
Kindern in der Schweiz, als ihr Harvey begegnete.
Zum erstenmal in ihrem Leben lernte sie die Liebe kennen. Mit aller Kraft
ihres Herzens liebte sie den Mann, der nur noch den einen Wunsch hatte,
Nita zu seinem Weibe zu machen. Diese Hoffnung scheiterte an der Krankheit
Nitas. Was half's, daß er ihr zuschwor, ihr nie von der Seite zu gehen,
sein Leben dem ihren zu weihen? -- sie brach zusammen, sie welkte dahin.
Es war in Italien; Nita lag schwerkrank darnieder, der Tod forderte sein
Opfer. Die ersten Strahlen einer aufsteigenden goldigen Sonne fielen auf
ein bleiches schönes totes Antlitz, auf eine kleine braune Hand, die noch
im Tode wie liebkosend auf dem dunkeln Scheitel des Mannes lag, der ohne
einen Laut am Bette zusammengebrochen war, und auf zwei kleine ängstliche
Kindergesichtchen, die erschreckt Hand in Hand an der Thüre standen und
leise »Mama« riefen.
Seine Stimme war es, die sie tröstete, sein Haus, das sie aufnahm. »Ich
sterbe ruhig, wenn ich sie bei dir weiß,« hatte sie am Tage vor ihrem
Tode gesagt, »sei ihnen ein Vater und versprich mir, eine jede Regung von
dir zu weisen, die dich der Liebe zu den Kindern abwendig macht und der
Erinnerung an mich. Versprich das deiner Nita und behalte sie lieb!«
Die einschmeichelnde Stimme war verhallt. Er war mit den Kindern in das
Heimatland zurückgekehrt. Marie Müller, die sorgsame Erzieherin der
Kinder, hatte ihn begleitet. Der Kummer hatte seine Spuren bei ihm
zurückgelassen. Aus dem heiteren, herzlich warmen, jugendfrischen Richard
war ein ernster, wortkarger Mann geworden, der seinen Pflichten lebte und
die Gesellschaft mied. Die Zeit, die allein heilbringende, gab ihm mit den
Jahren die Resignation. Mit zurückgelehntem Kopfe lag er in dem Sessel vor
dem Kamine. Sein Blick hing an den Zügen der Verklärten. Die Lippen auf
dem Bilde schienen zu sprechen: »Weise jede Regung von dir, die dich der
Erinnerung an deine Nita abwendig macht.« Er sprang auf und trat vor das
Bildchen hin. Wie um eine in ihm laut werdende Stimme zu unterdrücken
sprach er fest und beteuernd: »Sei ruhig, Nita, ich halte dir Wort!«
Seltsam war es, daß in diesem Augenblick mit nicht zu verscheuchender
Klarheit ein brauner Krauskopf vor ihm auftauchte und daß sein Ohr
plötzlich eine zitternde Mädchenstimme zu hören wähnte, die da bat:
»Ich möchte, daß Sie mich nicht haßten!«
* * * * *
Sie mußte wohl krank sein, dachte Herr Harvey, als er bei seinen
täglichen Besuchen in der Warren'schen Wohnung die lichte Mädchengestalt
nicht mehr antraf, und der Gedanke versetzte ihn in peinliche Unruhe.
Zweimal hatte er auf seinen Wegen ins Comptoir einen Umweg machend das
vornehme Haus an der Avenue passiert, um jedesmal im inneren Kampfe mit
sich gesenkten Hauptes vorüberzugehen. Hinter jenen weißen Vorhängen lag
indes ein blaßes Geschöpfchen, das den braunen Kopf unruhig in die Kissen
einwühlte und die so langsam vorschreitende Genesung nach mehrtägigen
heftigen Fiebern ungeduldig erwartete.
»Die Tage sind so lang,« klagte sie immer wieder, mit eigensinniger
Gereiztheit im Tone, und die gutwilligen aber schwachen Verwandten erhoben
nur gelinden Einspruch, als sich das Mädchen plötzlich entschloß, aus
dem Krankenzimmer zu entfliehen.
Vor dem Hause Frau Warrens blieb sie stehen. Sollte sie hinaufgehen? Durfte
sie es? Würde sie dort etwas erfahren über -- -- Lily erschrak vor
sich selbst. Fühlte sie vielleicht zum erstenmale, daß ihre Unruhe im
Krankenzimmer etwas anderes bedeutet hatte als nur Sehnsucht nach Luft und
Landschaft und nach ihrem Plätzchen im Parke? Lilys Wangen brannten, ihre
Augen glühten und mit eiligen Schritten wandte sie sich von der Schwelle
des kleinen Häuschens. Ehe sie sich dessen bewußt war, hatte sie ihr
Plätzchen im Parke aufgesucht.
Die Luft war kalt, kalt und frostig; auf den Bäumen lag der Reif. Die Wege
waren von leichtem trockenem Schnee gedeckt und aus den Promenaden jubelten
lebhafte Knaben und Mädchen jeglichen Alters. Schneebälle flogen hin und
her, Kindergruppen fielen über den Haufen und erhoben sich wieder, ringsum
war Leben, Leben und Frohsinn. Lily hatte die Schneeflocken von der Bank
gefegt. Sie lehnte den Kopf etwas gegen den mächtigen Baumstamm, der ihr
Plätzchen stützte, und blickte träumend vor sich hin. Es war so
seltsam in ihr, so anders als sonst, so feierlich und doch so traurig. Wie
glücklich strahlten die Kindergesichtchen um sie her, wie sorglos heiter
klang das Kinderlachen! Und jetzt -- dicht vor ihr kniete ein winziges
Mädchen mit langen dunkeln Locken und rollte sich mit vollstem Kindeseifer
einen Schneeball zurecht. Lily beobachtete sie schweigend. Er hatte auch
ein kleines Mädchen. Marie Müller hatte ihr von den kleinen Kindern
erzählt, von den beiden mutterlosen Wesen, die er so grenzenlos liebte!
Lily preßte die Hand aufs Herz, es war ihr plötzlich so weh zu Mute. Ihre
Blicke folgten wieder den Bewegungen des Kindes, das seinen Ball beendet
und sich erhoben hatte; die Kleine beugte sich spähend nach allen Seiten,
wohl um den Gegenstand ihres Schelmenstreiches zu erspähen, sie bog
den Oberkörper zurück, hob den Arm, zielte und warf so mädchenhaft
ungeschickt, daß das Schneeklümpchen nach rückwärts flog und sie selbst
das Gleichgewicht verlor und seitwärts hinfiel.
»Oh!« rief Lily unwillkürlich bedauernd aus, und das Kind krabbelte sich
empor und steuerte ohne jede Geniertheit auf die bleiche Mädchengestalt
zu.
»Er ist weggelaufen,« erzählte sie ohne jede Einleitung und wie zur
Verhinderung von etwaigen Beileidsäußerungen, die sie für beschämend
halten mochte, und Lily lächelte sie an und fragte, wer »weggelaufen«
sei.
»Edgar.«
Lily beugte sich zu dem Kinde nieder. »Ist Edgar dein Bruder?« fragte sie
zutraulich und das Kleine nickte lebhaft.
»Er ist kleiner wie ich,« plauderte es, »und er fürchtet sich vor
Schneeballen. Er rennt immer!«
»Allein?« fragte Lily.
»Nein, Tante Marie ist heute mit, Papa ist verreist. Kennst du Papa?«
Lily schüttelte den Kopf. »Ich kenne ihn nicht,« sagte sie, »aber er
ist gewiß der beste und schönste Mann auf der Welt -- nicht?«
Das Kind wurde plötzlich ernst, die blauen Augen sahen prüfend auf. »Du
kennst ihn ja doch,« sagte es langsam und mit Betonung, »woher kannst du
denn sonst wissen, daß er der beste und schönste ist?«
»Ich kenne ihn nicht, aber ich weiß das doch, ebenso wie ich weiß, daß
Mama die süßeste und schönste -- --«
Das Kind unterbrach sie fast heftig. »Du lachst!« rief sie aus; »Tante
Marie sagt: wenn man von Mama spricht, dürfte man nicht lachen, man
müßte leise sprechen und an Gott denken. Mama wohnt dort oben!«
Lily legte rasch ihre Arme um das Kind. Ein ihr unbekanntes Gefühl von
Einsamkeit durchzuckte sie. Eine Zärtlichkeit, wie sie solche noch nicht
empfunden hatte, überkam sie jäh. »So hast du also keine Mutter mehr,
du arme Kleine? Wir sollten uns miteinander befreunden. Mir geht es ebenso,
ich habe auch keine Mutter!«
»Oh -- aber _ich_ habe eine,« sagte ernsthaft das Kind; »ich habe sie
bei mir, willst du sehen?«
Sie zog mit Hast an der schmalen Halskette, die sie trug und riß in ihrem
Ungestüm das Medaillon davon los. Es fiel dem Mädchen in den Schoß, wo
es weitgeöffnet liegen blieb. Lily starrte darauf nieder. Welch seltsame
Augen in dem noch seltsameren Antlitz! Schön, hinreißend schön und
bestrickend war der Frauenkopf, der mit solch traurigen Augen zu ihr
aufsah. Lily wurde weh ums Herz. Sie zog fast unwillkürlich das kleine
dunkle Kindchen, das andächtig an ihrer Seite stand, in ihre Arme und
küßte es.
»Du weinst,« flüsterte die Kleine und Lily wußte selbst nicht, weshalb
sie denn eigentlich weinte. Sie saß mit der Kleinen lange schweigend da
und hob erst den Kopf, als sich das Kind lebhaft umwandte.
»Was?« rief sie erstaunt und erfreut. »Fräulein Müller, Sie sind
Tante Marie? wie freue ich mich Sie zu treffen! Ich war krank; es ist das
erstemal, daß ich wieder ausgehe, ist es nicht seltsam, daß ich hier
unbewußt mit Ihrem Zögling geplaudert habe?«
Die Neuangekommene hatte sich neben dem Mädchen gesetzt. Sie hob das
kleine Bürschchen, das sich schüchtern und befangen in ihre Röcke
verbarg, zu sich auf den Schoß und reichte der Freundin die Hand. »Dies
ist Edgar,« sagte sie, das Kerlchen vorschiebend, nachdem sie ein Weilchen
geplaudert hatten, aber Edgar weigerte sich, aus seiner Schüchternheit
hervorzutreten und schaute nur ängstlich abwehrend zu der fremden Gestalt
auf.
»Welch seltsame Augen!« rief Lily unwillkürlich.
»Er hat die Augen seiner Mutter,« entgegnete Marie, und Lily beugte sich
rasch zu ihr: »Sie haben sie gekannt?«
»O ja!« entgegnete das Mädchen, »ich kam zwei Jahre vor ihrem Tode zu
ihr. Ich kannte sie gut. Ich war, als ich in ihr Haus kam, ein im Innern
tief erschüttertes Geschöpf. Ihre Milde und Güte, verbunden mit der
Harveys, brachte mich zu mir selbst zurück, und so danke ich diesen
Menschen mehr als ich je zu vergelten imstande sein werde!«
»O bitte, erzählen Sie! Erzählen Sie mir von dem Hause und von Ihnen!«
»Von mir?« Marie Müller seufzte tief auf. »Von mir? -- Die Geschichte
ist kurz und traurig. Sie ist vielleicht gar nicht interessant, aber ich
lernte durch sie das Leid kennen, und dann den Wert guter Menschen. Ich
will's Ihnen in kurzen Umrissen erzählen, ich fürchte in mir noch wund
zu sein, und durch ausführliche Erzählung alte Schmerzen von neuem
aufzureißen. Können Sie sich denken, daß ich einst liebte und geliebt
wurde? Geliebt wurde trotz meiner -- Gestalt? Sie sehen mich an; Sie
wundern sich. Es war aber auch ein armer blinder Mann, der so thöricht
war, sein Herz an mich zu hängen und er hätte es auch wohl nicht
gethan, wenn nicht vor seinen Augen jener Schleier gelegen hätte. Ich
war Vorleserin in der Klinik für Augenkranke, und in dieser Thätigkeit
täglich auf Stunden bei ihm. Er hatte sich an mein Kommen gewöhnt und
meine Stimme war ihm lieb geworden und ich, es war wohl Unrecht von mir,
daß ich die Empfindung bei ihm keimen ließ, aber ich war stets einsam
gewesen und nicht glücklich und es lag eine Seligkeit darin, sich von
einem Menschen, von einem Einzigen ersehnt zu wissen, wie ich wußte, daß
mich mein armer Patient ersehnte. Der Tag kam, an dem die Binde von seinen
Augen fallen sollte, und in seinen Frühstunden hörte ich das Geständnis
seiner Liebe, einer Liebe, die, das wußte ich, schwinden mußte, sobald
die Augen sehend wurden. Ich kann Ihnen die Einzelnheiten nicht erzählen,
aber ich ging fort, ging ohne ein Abschiedswort, und ließ ihm in wenigen
Zeilen mein entschiedenes »nein« zurück. Es kam eine Zeit, in der ich
mich, meinen verwachsenen Körper, meine Mitmenschen und die Welt haßte.
Da kam ich zu ihr. Dann traf ich auch ihn, Herrn Harvey. An ihm hatte
ich ein edles Vorbild. Von ihm lernte ich, daß ein braves Herz durch
Prüfungen stark und durch das Unglück veredelt wird. Als er mir, nach
Nitas Tode, den Vorschlag machte, ihn und die Kinder zu begleiten übers
Meer in die Heimat, da willigte ich gerne ein. Wir hatten dasselbe Ziel.
Es galt, aus den verlassenen Kleinen brave Menschen zu machen. Wir
haben zusammen gewirkt und unser Leid in gutem Streben vergessen?« Die
Erzählerin schwieg. Lily faßte aufatmend ihre Hand.
»Und er?« fragte sie teilnahmsvoll, »von ihm haben Sie nie wieder
gehört?« Marie schüttelte stumm den Kopf und sah zu dem Mädchen auf.
Eine Thräne lag in beider Augen.
»Arme Marie,« flüsterte Lily leise und in ihrem Herzen offenbarte sich
ihr eine Welt von Empfindung, die sie nie vorher gekannt.
* * * * *
Herr Harvey war von seiner Reise zurückgekehrt. Er saß in dem Spielzimmer
der Kinder. Jeannette hatte ihm ihre Hefte gezeigt, ihr neuestes Gedicht
hergesagt, ihr Zeichenbuch präsentiert und schließlich das schöne
seidene Kleid, das die Puppe bekommen hatte von -- »rate einmal Papa, von
wem?«
Papa konnte schlecht raten. Er zählte die Lehrerinnen her, deren Namen ihm
geläufig waren, dann die wenigen älteren Damen, mit denen er in formellem
Verkehr stand, dann Tante Marie und das Dienstpersonal.
»Ach Papa, du sagst immer die falschen; ich sagte dir doch: sie ist süß
und schön und hat krause Haare. Du mußt's doch erraten können!«
Harvey schüttelte den Kopf. »Nein, Jeannette, ich kann's nicht, ich geb's
auf.«
»Dann paß' auf! Ich buchstabiere es: L--i--l--y!« Die Hand, welche die
Puppe hielt, umschloß diese fester.
Der Mann zog das plaudernde Kind näher zu sich heran. »Hat sie noch einen
Namen, deine L--i--l--y?«
»Lily Elsworth heißt sie, und -- oh Papa, sie ist hübsch und süß und
gut, fast so gut wie du, und ich habe sie lieb und -- oh Papa, du drückst
mich so fest, das thut weh!«
Herr Harvey hatte die kleine Plaudertasche eng an sich gezogen und heftig
geküßt. Jetzt erhob er sich hastig. »Spiele weiter, Jeannette,« sagte
er sanft, »ich muß jetzt zur Stadt.«
Lange ging er in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Seine Gedanken ließen
von dem gegebenen Thema nicht nach. Der Name, den das Kind gesprochen,
mußte einen eigenen Reiz haben, da er ihn leise vor sich hin sprach:
»Lily -- Lily!« Er lächelte und das Lächeln verklärte gleichsam sein
Antlitz und machte es jung. Doch plötzlich zuckte er auf, der Klang seiner
Stimme schien ihn zu erschrecken. Der alte Ernst kam über ihn und mit
energischer Geste warf er das Haupt zurück: »Thorheit, Thorheit, ich
werde es überwinden!«
Er hatte es fest gewollt und der Abend brachte zu dem Vorsatz noch eine
Kraft, genannt Selbstvorwurf.
Edgar war erkrankt. Marie Müller meldete es mit ängstlichem Blicke. »Ich
kam von Frau Warren,« sagte sie, »es ist dort alles gut. Frau Warren
reist noch heute nach Chicago zu Tom. Ich kam ziemlich eilig nach Hause und
fand Edgar im Fieber. Er hat rote Flecken auf der Haut. Ich hielt es für
gut, Jeannette zu entfernen und Fräulein Elsworth bat, daß ich sie ihr
mitgeben möchte; es ist Ihnen hoffentlich recht so?«
»Wo liegt das Kind?«
Er stand an dem Bettchen, darin das fiebernde dunkellockige Kindchen lag.
Was für selbstquälerische Gedanken marterten des Mannes Hirn, als er
während der langen Nacht am Bette des kleinen Knaben saß und dessen
Fieberphantasien hörte!
»Lauter Engel -- mit goldenen Flügeln -- eine gelbe Krone -- oh sieh --
sieh -- er kommt -- singe mehr -- Mama -- es ist Mama -- --«
Der starke Mann erbebte, als er die heißen Hände des Kindes in die seinen
faßte.
»Edgar, mein Junge, mein armer Junge!«
Bange Tage, bange Nächte vergingen. Es war schon spät am Abend, als
die Thüre des Krankenzimmers sich leise öffnete, um eine zarte
Mädchengestalt einzulassen, eine Gestalt, welche es mit großer Mühe und
mit Aufwendung aller Überredungskünste durchgesetzt hatte, hinter dem
Rücken des Hausherrn in der Krankenstube erscheinen zu dürfen, um die
Nachtpflege mit der Freundin zu teilen. Lily Elsworth war eine andere
geworden. Die Stunden der Sorge, die sie am Bette des leidenden Kindes
verlebte, hatten ihre ganze frühere sorglose Leichtlebigkeit vertrieben.
Aus dem übermüthigen Kobold war eine sorgende, zarte Pflegerin geworden,
die mit echt weiblicher Ruhe und Ausdauer ihre selbstauferlegte Pflicht
erfüllte. Im Hause lag alles in tiefem Schlummer. Marie hatte sich auf
einige Stunden aufs Bett geworfen. Es wachte nur eine: Lily. Das Kind warf
sich in wirren Fieberphantasien im Bettchen umher, während er mit heißen
Händen wie spielend an der Bettdecke zupfte. Lily beugte sich über
ihn, faßte die kleinen Finger und hielt sie in den ihren. Tiefe Stille
herrschte im Gemach, da öffnete sich leise die Thüre und Harveys hohe
Gestalt überschritt die Schwelle. Sein Auge schweifte besorgt zum Bette
hinüber, während sein vorsichtig schreitender Fuß sich demselben
näherte, von dessen Seite sich jäh erschreckt die schlanke Gestalt des
Mädchens erhob und ihm gegenüberstand.
»Lily -- Fräulein Elsworth!«
Der Ruf des Mannes ertönte in unterdrücktem Schrecken durch das Gemach,
und in dem Schrecken lag es wie Vorwurf und verhaltene Empfindung zugleich.
»Wie können Sie -- wie konnte man Ihnen gestatten? Die Krankheit ist
übertragbar -- Sie wissen das nicht --«
»Doch, Herr Harvey, ich weiß es!« Sie stand dem Manne gegenüber.
Ihre Antwort kam klar und fest und es lag ein eigenes Selbstbewußtes,
Bestimmtes in ihrem Ton wie in der Haltung. Der Mann stand einige
Augenblicke unbeweglich, sein Auge auf das Mädchenantlitz geheftet, das
im Scheine der verstellten Lampe bleich und seltsam schmal erschien. Ein
Gefühl von Angst, von tötlichster Besorgnis überkam ihn plötzlich, sein
bärtiger Mund zuckte einigemal, seine Augen suchten die ihren.
»Lily,« begann er, und beim Klang seiner Stimme sah sie rasch zu ihm auf,
»Lily, ich bin in Angst um Sie -- ich --« er stockte.
Ihre blauen Augen sahen gerade in die seinen und schienen mit ihren stummen
Bitten seine Angst bannen zu wollen. Sie schüttelte einigemal beruhigend,
beschwichtigend den Kopf und lächelte ihn an, und in der Bewegung, in dem
Lächeln lag ein so eigenartig weiblicher Reiz, daß es den Mann mächtig
und mit unwiderstehlicher Macht zu ihr zwang. Seine Hände umfaßten
plötzlich den kleinen braunen Mädchenkopf und hoben ihn zu sich.
»Lily,« sagte er, und in seiner Stimme lag unaussprechliche
Zärtlichkeit. Sie erwiderte nichts. Sie wandte nur leicht das von ihm
umfaßte Köpfchen zur Seite und berührte mit ihrer Wange die weiße
Männerhand.
Der Morgen graute. Edgar lag mit geöffneten Augen, in denen der erste
Strahl wiederkehrenden Bewußtseins leuchtete, auf seinem Lager. Lily
neigte sich über ihn. Thränen entrinnen ihren Augen, als das Kind zu ihr
aufsehend mit leiser Stimme »Lily« flüstert.
Auf der Thürschwelle steht eine Männergestalt, dessen Auge gleich dem
des Mädchens feucht wird. Seine Blicke gehen von der lichten Mädchenfigur
fort zum Kinde und von diesem wieder zu Lily hinüber.
»Gestern Abend schickten Sie mich fort,« sagte er leise, »darf ich nun
wiederkommen?«
Sie antwortete sogleich. Sie faßte das Köpfchen des bleichen kleinen
Patienten und neigte ihr Antlitz darauf. »Rufe Papa!« sagte sie.
Edgars Augen wanderten zuerst ziellos im Gemach umher, dann blieben sie
an den beiden über ihn gebeugten Köpfen haften. »Ich habe geträumt,«
sprach er leise, »so etwas schönes, von Mama, sie hatte rosige Flügel
und überall waren weiße Täubchen und ein kleines Täubchen reichte sie
mir und wie ich es nehmen wollte, da lachte sie und schüttelte den Kopf
und dann flog sie fort, und dann kam sie wieder und du kamst auch Papa,
aber du hattest jetzt das Täubchen und es war mit einemmale anders
geworden, es hatte große blaue Augen wie, wie Lily, und Mama nickte immer
und lächelte und -- dann war der Traum aus.«
Das Kind schwieg. Harvey faßte seine Hand. »Edgar,« fragte er, »soll
Lily bei uns bleiben, immer und ewig?«
Der kleine Patient lächelte. »Ja,« lispelte er, indem er die Augen
schloß, »ja, immer und ewig!«
Vor dem Bette stand Harvey, an seiner Seite -- Lily. Das erste Morgenrot
fiel durch die Ritzen der grünen Fensterläden ins Zimmer und warf goldige
Streiflichter auf das Antlitz des Mädchens, das ihr Haupt zu dem Manne
erhoben hatte und wortlos seiner Stimme lauschte.
»Lily,« sagte er ernst, »es ist ein Wortbruch, aber sie wird es
mir vergeben, wenn sie ihr Kind hört, und nun sprich zu mir, mein
Mädchen.« --
Der braune Krauskopf lag an seiner Schulter. Die Mädchenhände lagen auf
seiner Brust gefaltet und des Mannes Mund beugte sich herab und küßte die
leise geflüsterten Liebesworte von ihren Lippen.
»Mein Mädchen,« sagte er nochmals leise, »mein böses, trotziges,
sanftes Mädchen!«
Des Nachbars Junge.
Er war ein verwahrlostes Kind und in dem ganzen Stadtviertel wegen
seiner losen Streiche gefürchtet; dennoch zog mich etwas in seinem
sommersprossigen, kugelrunden, von roten, struppigen Haaren umgebenen
Gesichte seltsam an und ließ mich, wenn er auf den an den
Parterrefenstern entlang laufenden Balkons der gleichgebauten Häuser seine
halsbrecherischen Gelenkübungen vornahm, interessiert und besorgt zu ihm
aufsehen.
Eine Zeit lang pflegte der bewegliche Bursche die gefährlichen
Schaustellungen in der Gymnastik an allen Eisengittern und
Fenstervorsprüngen den staunend bewundernden Blicken der versammelten
Schuljugend zum besten zu geben; seit aber seine Produktionen zu
Nachahmungen reizten, die unter den weniger gelenkigen Knaben
einige gebrochene Gliedmaßen zur Folge hatten, seitdem die biederen
Nachbarsfamilien den verderblichen Einfluß des verwahrlosten Knaben
erkannten, war das Machtverbot des »Nichtumgehens« mit Charley
Gregor sprichwörtlich geworden, und so begnügte sich der vereinsamte
Gymnastiker, seine Produktionen scheinbar zum Schrecken der
Vorübergehenden oder zu seiner eigenen Unterhaltung unbeirrt fortzusetzen,
bis er eines sonnenhellen Morgens bei einer seiner gewagtesten Verrenkungen
(er hing mit einem Bein an der Bretterwand, welche den Garten seines
Vaters von dem meinen trennte, während sein niederbaumelnder Kopf sich
auf gleicher Linie mit seinen rücklings herabhängenden Armen hin und
her wiegte) die Augen aufschlug, und mein erschrecktes Gesicht über dem
Fenstersims gebeugt sah. Im Nu schnellte der kleine Mensch hoch -- saß
fest und sicher auf dem Zaun und lachte mit absichtlich schief gezogenem
Munde, in dem die gelblichen Zähne weit auseinander standen, unverschämt
dreist zu mir herein, während er sich mit einer unglaublichen Behendigkeit
auf dem Zaun entlang schob und sich so meinem Fenster näherte. War es
die mir innewohnende weibliche Scheu vor der Roheit des Kindes, war es
das instinktive Abwehren der mir drohenden Annäherung, ich machte einen
Schritt in das Zimmer zurück; dann aber besann ich mich. Der gänzliche
Mangel an Ehrerbietung einer Erwachsenen gegenüber, der sich in seinen
dreisten Blicken aussprach, veranlaßte mich, die in mir aufsteigende
Empörung zu unterdrücken, und, ganz der Stimme des Mitleids in mir
folgend, bog ich mich vor und sprach den Knaben an.
»Ich fürchtete, du würdest fallen!«
Die Antwort war eine rohe Lache, die, kaum aufgeschlagen, ganz kurz abbrach
und verstummte. Aus dem unschönen Knabenantlitz schaute mich sekundenlang
ein tiefblaues Augenpaar starr, forschend an; dann verschwand der sinnige
Ausdruck, der flüchtig auf seinem Antlitz gelegen und machte einem
höhnischen, zweifelnden Lächeln Platz.
»Und wenn ich gefallen wäre -- =who'd care=?« (wer machte sich was
daraus?)
»Jeder; dein Vater zuerst!«
»Der?« Charley Gregor warf mit einer verächtlichen Lache den Oberkörper
rücklings auf den Zaun und blickte aus halb geschlossenen Lidern hervor
auf die herabgelassenen Jalousien seines väterlichen Heims; dann schwang
er sich wieder auf, schüttelte die buschige Mähne in die Stirn zurück
und spie -- wie um die Verkommenheit seines Wesens zu demonstrieren -- mit
einer gewissen Großthuerei weithin über den Garten. Sein Kopf war etwas
abgewandt; als er ihn nach kurzer Pause wieder erhob, schien ihn meine
fortgesetzte Anwesenheit am Fenster zu erstaunen.
»=Bad case -- me?=« (Verlorne Seele -- ich?) rief er kurz, halb fragend,
halb behauptend.
»So?« entgegnete ich lächelnd, »weshalb denn?«