Lily sah rasch auf. Sie öffnete die Lippen zu lächelnder Ent

Junge Herzen.

Erzählungen

für die reifere Jugend

von

Sara Hutzler.

Stuttgart.

Verlag von Carl Krabbe.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von _Carl Hammer_ in Stuttgart.

[Illustration]

Meinen lieben Eltern

im fernen Continente

zugeeignet

Weihnachten des Jahres 1884

Sara.

Inhalt.

Seite

Durch die Liebe 1

Des Nachbars Junge 55

Die Geschichte einer Wäscherin 71

Lora 91

Haß und Liebe 121

Gesiegt 152

Zu spät 165

Erste Liebe 177

Das Lied 193

Durch die Liebe.

»Verzeihen Sie -- bin ich hier recht bei Herrn Harvey?«

»Das ist mein Name!«

Die Fragerin, ein noch sehr junges, schlank gebautes Mädchen, stand auf

der inneren Schwelle der Thüre des großen Bureauzimmers, während der

am Schreibpult beschäftigte Herr sich umsah, erhob und der zögernden

Mädchengestalt um einige Schritte entgegentrat.

»Womit kann ich dienen?« Der Ton, in dem er sprach, war nicht ermutigend.

Es klang daraus etwas von Kühle, etwas von Mißbilligung über die

erfahrende Störung. Das Mädchen sandte einen forschenden Blick zu ihm

auf. Sie trat dann, wie um sich gegen die eigene Scheu zu wappnen, rasch

vor und stand dem Manne gegenüber.

»Ich komme mit einer Bitte, mein Herr!« Sie machte eine Pause, in der sie

vielleicht eine ermunternde Entgegnung erwartete; da sie ausblieb und der

Mann mit gleich unbeweglichem Ernste vor ihr stand, sah sie nieder und

sprach rasch und geläufig weiter. »Der Samariterverein hat beschlossen

einen Ball mit Bazar zu arrangieren, dessen Ertrag zum Bau eines

konfessionslosen Krankenhauses verwandt werden soll. Ich wollte Sie bitten,

mir einige Billette abzukaufen. Ich komme zu Ihnen, weil man Ihnen große

Mildthätigkeit nachrühmt. Wie viele Karten wünschen Sie?«

Sie hatte, indem sie sprach, ein Täschchen geöffnet. Sie trat dem Manne

etwas näher und blickte, da er nicht sofort sprach, verwundert zu ihm auf.

»Wie viele?« fragte sie nochmals, etwas leiser als zuvor. Ihre Augen

begegneten den seinen. Es lag in den stillen ernsten grauen Männeraugen

etwas Prüfendes. Er verneigte sich leicht. Seine Antwort kam höflich,

aber entschieden:

»Ich muß bedauern. Ich wünsche mich nicht zu beteiligen!«

»Nicht zu beteiligen!« Sie wiederholte seine Worte unwillkürlich, fast

mechanisch, und plötzlich stieg es jäh und heiß in ihre Wangen auf.

Mit einer unwilligen Geberde verletzten Selbstgefühls warf

sie den braunlockigen Kopf zurück. »Mein Herr, es ist eine

Wohlthätigkeitssache!« Hatte sie sich getäuscht oder lächelte er ein

wenig, ganz wenig? -- -- Seine Ruhe, sein schlichtes »ich weiß wohl«

kränkte sie mehr noch als vorhin sein Bescheid.

Mit funkelnden Augen und erregt bebender Stimme trat sie zurück.

»Ich habe wohl mehr als zehn Bureaux besucht, mein Herr,« sagte sie,

»und nirgends hat man mich abschlägig beschieden, d. h. wo man mir

›Nein‹ sagte, gab man artigerweise seine Gründe an!«

»Dann that man mehr als nötig war. In Wohlthätigkeitssachen schuldet man

nur sich allein Erklärung und Rechenschaft!«

Des Mannes Worte enthielten eine Zurechtweisung -- das Mädchen mochte sie

empfinden. Mit einer kindlich herrischen Geste klappte sie das Täschchen

zu und wandte sich rasch um zu gehen. In diesem Augenblick fiel ihr Blick

in das angrenzende Bureauzimmer, in dessen Innern sich einige neugierige

Männerköpfe von den Pulten aufgerichtet hatten, um die kleine

Billetverkäuferin in sehr bewundernder Weise anzustarren. Diese stumme

Huldigung mochte ihr Selbstgefühl wachrufen. Ihr eigentliches Selbst in

seinem ganzen verzogenen Eigensinn trat plötzlich bei ihr zu tage. Sie,

Lily Elsworth, das verwöhnte Schoßkind der Gesellschaft, sollte es

sich bieten lassen von einem Manne, den sie gar nicht kannte, von einem

häßlichen Manne, der sie nichts anging, eine Zurechtweisung zu empfangen,

eine Zurechtweisung noch dazu in einer Angelegenheit, in der sie sich

herabließ von fremden Menschen etwas zu erbitten, sie -- Lily Elsworth,

das reichste, gesuchteste Mädchen der Stadt! Sie sollte es sich sagen

lassen, daß man es gewagt hatte, sie mit einem »Nein« abzufertigen -- oh

nicht doch! Sie war gekommen, um Billette für eine gute Sache loszuwerden,

und loswerden würde sie dieselben und wäre es auch nur, um dem arroganten

Menschen -- -- »Sie erlauben!« Den braunen Kopf zurückwerfend trat sie

an Herrn Harvey vorüber und näherte sich ohne weitere Erklärung den im

Bureauzimmer befindlichen jugendlichen Schreibern.

»Sind die Herren auch gegen Ball und Tanzvergnügen eingenommen?« fragte

sie in lautem, dabei herausforderndem Tone, »oder sind Sie geneigt einer

wohlthätigen Sache zu dienen, indem Sie mir einige Billette abnehmen? O

wie liebenswürdig!«

Herr Harvey hatte seinen Platz am Schreibpult wieder eingenommen. Beim

Klang der eigenartig einschmeichelnden Mädchenstimme, die nun im Gespräch

mit den sie umstehenden jungen Angestellten eine so helle Färbung gewann,

hob er rasch den Kopf.

Das Mädchen stand, den Nacken leicht vornübergebeugt, mit

niedergeschlagenen Augen da und zählte -- eine Reihe schneeiger Zähne

wurden hinter rosigen Lippen sichtbar -- die verkauften Billette ab.

Die Gestalt, welche tannengerade in die Höhe ging, war von auffällig

schlankem Ebenmaße.

»Am vierten -- ja! Ich danke bestens!« Ihre Worte drangen zu Herrn Harvey

herein. Aufblickend sah er, wie sich das Mädchen mit leicht graziöser

Neigung ihres Köpfchens den Herren empfahl. Sie hatte die Thürklinke des

Vorsaales bereits erfaßt, als ihr Auge die Gestalt Harveys gewahrte, der

emsig schreibend über seinen Akten saß. Rasch ließ sie ihre Hand wieder

sinken.

»Mein Herr!«

Er fuhr leicht zusammen und sah sich um. Er erhob sich.

»Mein Fräulein!« Ersichtlich frappierte sie seine unbeirrte

Höflichkeit. »Ich -- ich --« Da seine Miene an Strenge nicht nachließ,

sondern unverändert ernst verblieb, wallte es in kindlichem Trotz bei ihr

auf. Er brauchte nicht zu denken, daß sie eine Niederlage empfunden, und

daß er ihr durch seine Haltung etwa imponierte -- sie wollte, sie mußte

ihm den Gedanken nehmen, und so warf sie mit kindlichem Unwillen den Kopf

in den Nacken, zog sie den unruhig bewegten Mund in eine gerade Linie ein

und sprach mit einem Triumphton ihre Meinung:

»Es thut mir leid, Sie zu enttäuschen,« sagte sie gelassen, »aber

mildthätig sind Sie nicht. Wenn man Ihre Güte jemals wieder in meinem

Beisein rühmt, so werde ich das Gegenteil aufs kräftigste nachweisen!

Guten Morgen!« Ein rascher Aufblick aus tiefblauen Augen -- ein

geschicktes Wenden -- zwei gerade resolute Schritte -- weg war sie.

Über das ernste Antlitz des Mannes ging ein leises Lächeln, das alsbald

wieder schwand, um den alten Ausdruck unbeweglichen, fast melancholischen

Ernstes anzunehmen.

* * * * *

Der Tag des Festes war herangerückt. In dem großen hellerleuchteten Saale

des Germania-Klubs wogte eine bunte Menschenmenge lärmend durcheinander.

Die riesigen Säulen, welche kleine traute Nebenräume vom Tanzsaale

trennten, waren mit Kränzen umwunden, und in den tiefsten Tiefen des

Raumes lag die Bühne wie ein exotisches Treibhaus geschmückt da.

Von Seite zu Seite hingen Guirlanden in phantasievoll verschlungenen

Bögen herab, während aus den Coulissen Fahnen verschiedenster Nationen

herauswehten.

Kleine reizende Nischen, aus Oleandern und Palmen gebildet, luden mit ihren

bunten Lampions, ihren =tête à tête= Stühlen und ihren Amorstatuetten

zu neckischen Plauderstündchen ein. In dem Vordergrund der Bühne

gruppierten sich eine Reihe helllachender jugendlicher Mädchen, welche mit

unglaublicher Gewandtheit kleine Knopflochsträußchen wanden, um sie den

Vorübergehenden zum Verkaufe anzupreisen. In den Nebensälen standen

die üblichen verlockenden Buden. Zuerst die Post, ein aus Brettern

errichtetes, von Bannern und Fahnen umwehtes Häuschen, dessen Pforten und

Schalter reizende Beamtinnen bergen, Beamtinnen, welche durch neckisches

Geplauder doppeltes und dreifaches Porto erzielen. »Für die gute Sache,«

hallte es triumphierend aus dem Innern hervor, und aus der Nebenbude,

wo sich ein Glücksrad dreht, hört man nach jedesmaligem erneutem

Glücksversuch den Satz wiederholen: »Für die gute Sache!«

Die gute Sache verlangt viel. Überall ist etwas anderes zu sehen. Hier ein

Tisch mit Luxusartikeln, dort eine Nische mit Erfrischungen von zierlichen

Mädchen mit Kellnerschürzen serviert, dann einige Zelte, daraus

gewahrsagt wird, und endlich ein Cigarrenverkauf! Letzterer trägt am

Eingang ein Riesenschild mit enormer Annonce: »Feine Havannas!«

Der Abend nahte sich seinem Höhepunkt und noch hatte sich der Schwarm

von Menschen, welcher gerade dieses Zelt umstand, nicht um das Mindeste

gelichtet. Aus dem Innern dringt eine helle Mädchenstimme, bei deren Klang

sich die bereits stehende Gruppe nur noch vermehrt.

»Die kleine Elsworth, beim Jupiter!« ruft ein sehr jugendlicher bartloser

Blondin, sich nicht ohne Geschick bis an die Zeltöffnung vordrängend

und gleich darauf steht er mit der Linken einen vermeintlichen Schnurrbart

drehend mit hochrotem Gesicht vor der jungen Verkäuferin.

»Bin entzückt, Miß Lily, entzückt! Und ausverkauft? Alles? Na ja

natürlich, wer könnte Ihnen widerstehen?«

»Niemand!« gibt das Mädchen prompt und keck lachend zurück und rasch

an ihm vorübertretend hält sie an der Zeltöffnung angelangt ein weißes

Händchen hoch.

»Noch drei Cigarretten, meine Herren!« ruft sie lächelnd; »der

Meistbietende erhält sie -- es sind die letzten!«

Es entsteht ein Drängen und ein Stoßen, ein Haschen nach der

zurückweichenden Mädchenhand. Männerstimmen schwirren hinüber, die

helle Mädchenstimme klingt zurück und endlich ist der letzte Kauf

geschehen.

»Fünf Dollars. Danke Ihnen für die gute Sache, -- Sie wissen! So, addio

Cigarrenduft, jetzt gehts zu den Blumen -- wer folgt?«

Lily Elsworth hat sich zum Gehen gewandt, als ihr der bartlose Blonde den

Weg vertritt.

»Aber Miß Lily, unser Tanz --!«

»Tanz!« Sie lacht hell zu ihm auf. »Tanz, heute -- hier? Wenn Sie nicht

gerade oben auf meinem Zelt walzen möchten, sehe ich nicht recht ein, wie

Sie's in dem Gedränge anstellen wollten!«

»Aber Miß Lily, ich muß --!«

»Muß! Oh, oh!« Das Mädchen zieht plötzlich eine heuchlerische

Trauermiene und blickt zu ihm auf, dann schlägt sie rasch beide Hände

zusammen und lehnt den braunen Kopf neckend zur Seite.

»Ich komme nachher wieder und höre mir Ihre Seufzer an, Mr. Tom Warren,

_jetzt_ muß ich Blumen verkaufen!«

Fort ist sie. Tom Warren steht inmitten des Kreises junger Leute und sieht

der schwebenden elfenhaften kleinen Gestalt nach.

»By Jove!« murmelt er verdrossen, indem er mit gierigen Augen die

Richtung verfolgt.

Sie steht dicht vor der bunt dekorierten Bühne und nimmt mit der ihr

eigenen resoluten Hast die ihr dargereichten Sträußchen zum Verkaufe in

Empfang. Zu gleicher Zeit plauderte sie unbefangen nach allen Richtungen

hin.

»Wo ich die alle anbringen soll, weiß ich so recht nicht. Alle

Knopflöcher sind bereits besetzt.« Sie wandte sich rasch zu einem

neben ihr stehenden Bekannten: »Sehen Sie vielleicht noch irgendwo ein

unverblümtes Knopfloch?«

Ohne die Entgegnung abzuwarten, steuerte sie bereits auf ihr Ziel los.

An der Ausgangsthür des Saales stand die breitschulterige Gestalt eines

Mannes, dessen etwas vorgebeugter Kopf der Thüre zugekehrt war. Er trug

seinen Hut in der Hand. Lily blickte bis zur Bruststelle hinauf. Er hatte

keine Blumen. Im Nu stand das Mädchen vor ihm. Es war ein siegessicheres

Lächeln, das ihren Mund umschwebte, als sie ihn ansprach.

»Ohne Knopflochbouquet verläßt keiner den Saal, mein Herr, bitte,

einen Dollar, oder so viel mehr als Sie wollen. Sie bekommen dafür diese

Veilchen -- und der Weg ist frei!«

Sie sprachs, ohne aufzusehen. Ihre schlanken Finger wählten unter den

im Korbe umhergestreuten Blumen. Der Mann hatte sich ihr zugewandt. Er

zögerte einen Moment mit der Entgegnung und als sie kam, zuckte das

Mädchen leicht zusammen.

Rechtsanwalt Harvey stand vor ihr. Seine Stimme klang ernster noch, als bei

der vorigen Begegnung.

»Es thut mir aufrichtig leid,« begann er, »daß ich in die Lage komme,

Ihnen zweimaligen abschlägigen Bescheid geben zu müssen, indes --«

Helles Rot stieg in des Mädchens Wangen. Sie unterbrach ihn rasch.

»Bitte, mein Herr, sprechen Sie nicht weiter. Ich würde Sie ja doch nie

angeredet haben, wenn ich Sie erkannt hätte, da ich zur Genüge erfahren

habe, wie unangenehm Ihnen Wohlthätigkeiten sind!«

»Die sogenannten -- ja!«

Das Mädchen blickte auf. Ihre Lippe kräuselte sich verächtlich.

»Das verstehe ich nicht. Übrigens ist es ja gleich, welche Ausrede Sie

wählen!«

Des Mannes Stirn zog sich in Falten. Es schien, als ob er fast gegen seinen

Willen die weiteren Worte sprach.

»Ausreden, meine verehrte junge Dame, kommen bei mir nicht vor. Eine

›_sogenannte_‹ Mildthätigkeit ist es, wenn sie zum Hauptzweck hat,

jungen Mädchen ein Deckmantel zu sein für unwürdiges Amüsement!«

»Mein Herr!« Lily Elsworth richtete sich hoch auf. Ihre Augen blitzten.

Einen Augenblick schien es, als wollten sie Feuer sprühen, dann

aber zuckten die Lippen stolz und das Mädchen fragte, sich gewaltsam

beherrschend:

»Ist es ein ›Amüsement‹, den ganzen Abend in einem engen Zelt zu

stehen und Cigarren zu verkaufen?«

»Cigarren verkaufen! _Das thaten Damen?_«

»Das that _ich_, mein Herr, und ich thäte um einer guten Sache zu dienen

noch einiges andere!« Sie stand ihm gerade gegenüber. Sie blickte ihm

gerade in die Augen, Trotz und Herausforderung in ihrer ganzen Haltung.

Wollte er nicht antworten oder ärgerte ihn ihre Rede so sehr? Das Mädchen

blieb einen Augenblick stumm, dann sprach sie, und ihre Stimme hatte

den alten spöttischen Ton: »Ich muß mich wundern, daß ein Herr, dem

Mildthätigkeiten so zuwider sind, das Fest mit seiner Gegenwart beehrt!«

»Das würden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sagte, daß ich kam, um

einem Wesen, das lange am Krankenbette gesessen, eine Abwechslung zu

verschaffen!«

Lily schwieg. Gegen ihren Willen fühlte sie sich beschämt. Das bessere

Gefühl in ihr gewann plötzlich Oberhand und es war unwillkürlich,

daß sie suchend umsah, unwillkürlich, daß sie das ihr unbekannte Wesen

beneidete, um derentwillen dieser streng bleibende Mann ein Opfer

brachte. Es lag in der Art wie sie den braunen Kopf zurückwarf etwas vom

schmollenden Kinde.

»Wenn Sie denn nur kamen, um jemandem gutes zu erweisen, so werden Sie

ja mit dem Jemand wieder gehen, und alle unliebsamen Begegnungen gleich

vergessen -- nicht?«

Herr Harvey lächelte ein wenig. Für Lily war das Lächeln eine Kränkung.

Thränen des Zornes füllten ihre Augen und zitterten in ihrer Stimme nach,

und mit dem Ausruf: »Ich freue mich, daß ich Sie amüsiere, mein

Herr!« wandte sie sich rasch und eilte davon. Sie drängte sich unter die

Menschen, scherzte, lachte, pries ihre Blumen an, sehnte sich plötzlich

inmitten all der lachenden Menschen fort nach Hause, nach dem Alleinsein.

Tom Warren traf es ungeschickt, daß er dem Mädchen gerade in der Stimmung

entgegentrat. Mit dem faden Lächeln und den noch faderen Reden, die er

stets geführt, die aber dem Mädchen, halb Kind, halb Weib, das sie war,

nie so zuwider gewesen waren wie heute, faßte er sie an der Thüre ab und

erging sich in höflichen Schmeichelreden.

Lily hörte ihm zerstreut zu. Erst als er ihr seine Begleitung antrug

und erklärte, daß ihr Onkel, der sie herbegleitet, ermüdet nach Hause

gegangen und ihm, Tom Warren, das Mädchen anvertraut habe, sah sie rasch

und prüfend zu dem blonden Menschen auf.

»Ich glaube, ich gehe lieber allein,« sagte sie zögernd.

Seine glänzenden Augen, seine geröteten Wangen ließen auf hohen

Weingenuß schließen.

»Wie? allein? Oh nimmermehr! Ich habe Ihrem Onkel versprochen -- ich bin

glücklich, Ihnen endlich sagen zu dürfen -- die Gefühle meiner Seele

aushauchen -- --«

»Oh! oh! oh! Mr. Warren!« Sie lachte schon wieder, erst leise, dann,

sein komisches Gesicht sehend, laut auf. »Aushauchen ist sehr nett; das

ist eine neue Wendung. Aushauchen haben Sie doch gesagt, glaube ich!«

Tom Warren sah sehr ernsthaft drein. Er zupfte mehrfach an seinem

Halskragen und sagte mit beleidigter Miene: »Sie -- mein Fräulein -- ich

-- Sie lachen über mich!«

Sie sah ihn keck an. »Ja,« sagte sie mit einem Anflug ihres alten

Übermutes; »ja, ich glaube in der That, daß ich lache! Im übrigen«

-- Lily wurde plötzlich ernster -- »seien Sie gescheid, Tom Warren,

schmachten Sie nicht, ›aushauchen‹ steht Ihnen nicht. Sie sind zu

-- wohlgenährt. Nach Hause geleiten dürfen Sie mich, ich gehe in zehn

Minuten!«

Lily hatte die Garderobenthüre erreicht. Im Begriff, die Klinke zu

erfassen, begegnete ihre Hand einer anderen, welche sich offenbar in

derselben Absicht genähert hatte.

»=Pardon!=« sagte eine sehr weiche Stimme, und Lily betrachtete im

Garderobenzimmer stehend nicht ohne Mitgefühl die eintretende Gestalt.

Es war ein nicht mehr ganz junges Mädchen mit glattzurückgestrichenen

braunen Haaren und großen dunklen, ernstblickenden Augen. Die Gestalt war

traurig entstellt durch schmale hochgebaute Schultern, aus denen der Kopf

mit seinem kurzen Hals unglückselig genug hervorkam. Lily hatte wenig

Gelegenheit gehabt, unglückliche Menschen kennen zu lernen; in ihrem an

Zerstreuung reichen Leben fand sie richtig gesagt keine Zeit, die Leiden

und Gebrechen der Welt zu beachten. Eine besonders weiche Stimmung mußte

wohl heute über sie gekommen sein, daß sie so nachdenklich verblieb bei

dem Anblick der armen Verwachsenen.

Vielleicht lag auch in der Stimme der Fremden ein Etwas, was unwillkürlich

anzog. Lily horchte plötzlich teilnahmvoll auf das Gespräch, welches

zwischen ihr und der Garderobiere stattfand.

»Oh nein, das kann ich nicht,« hörte sie das Mädchen sagen; »es ist ja

natürlich eine Verwechslung, aber da ich ja nicht weiß mit wem, kann ich

doch nicht einen beliebigen Mantel einer andern mitnehmen.«

»Na, wenn Sie nicht wollen!«

Lily sah, wie die wohlbeleibte Garderobiere sich achselzuckend abwandte und

im Nu stand sie an der Seite der hilflos dastehenden kleinen Gestalt.

»Verzeihen Sie,« redete sie dieselbe entschlossen an, »ich gebe Ihnen

mit Vergnügen _meinen_ Mantel mit. Ich wohne so nahe, daß ich ihn nicht

einmal entbehre!«

Die Angeredete hob bei der so unerwartet freundlichen Ansprache den Blick.

Es leuchtete darin von wirklichster Rührung. »Oh wie gütig!« sprach

sie, und wieder war es der weiche Ton, der so eigen warm in das Herz Lilys

eindrang -- --

»Darf ich also?« Sie nahm, wie um einer kommenden Weigerung zu entgehen,

rasch und resolut ihren pelzverbrämten Umhang auf und drängte ihn der

schüchternen kleinen Gestalt auf. »Ich wohne wirklich zwei Häuser von

hier,« eiferte sie, während ein ihr bis dahin fremdgebliebenes Gefühl

von Befriedigung sie durchzog, »es ist mir eine Freude, Ihnen aus der

Verlegenheit helfen zu können, so, fassen Sie zu, bitte! Wohnen Sie weit

von hier?«

Die Fremde hatte Miene gemacht, das Anerbieten abzulehnen. Nun, da die

andere mit so liebenswürdiger Dringlichkeit sprach, ließ sie sie still

gewähren und antwortete halb gerührt, halb verlegen: »Ziemlich weit.

Ich bin Erzieherin im Hause des Herrn Harvey -- --« Lilys Haltung wurde

plötzlich weniger freundlich; das Mädchen gewahrte es und sprach mit

zaghafter Stimme ihren Satz zu Ende: »Gewöhnlich bestellt Herr Harvey den

Wagen, es war nur heute unbestimmt, wie spät wir bleiben würden und Herr

Harvey läßt so ungern die Pferde in der Kälte warten; darf ich Ihnen

meinen Namen nennen? Ich heiße Marie Müller.«

»Lily Elsworth,« war die einfache Entgegnung, die Lily halb mechanisch

gab. Sie gedachte in Verbindung mit der Rücksichtnahme Harveys auf seine

Pferde, seine ablehnende Herbheit ihr gegenüber. Sie tauschte immer noch

mechanisch mit dem Mädchen Wohnungsadressen aus, und schritt später,

nachdem die andere gegangen war, schweigsam an der Seite Tom Warrens die

Haupttreppe des Hauses hinab. Sie ließ sich, draußen angelangt, den

Paletot des jungen Mannes um die Schultern legen und hielt denselben, da

es doch empfindlich kalt geworden war, mit der kleinen Hand unter dem Kinn

zusammen. Sie waren bis zu der Häuserreihe gelangt, deren eines von

Lilys Verwandten bewohnt war, und Lily fiel es zum erstenmale auf, wie

ungewöhnlich schweigsam ihr Begleiter den Weg zurückgelegt. »Ist

Ihnen etwas?« fragte sie eifrig, indem sie sich aus seinem Paletot

herausschälte und ihm ihren Hausschlüssel zum öffnen hinhielt, »ist

Ihnen etwas?«

Er erfaßte -- Lily bemerkte erst jetzt seine unsicheren Bewegungen -- mit

dem Schlüssel die ganze Hand des Mädchens, drehte sich plötzlich um,

daß sein Rücken den Eingang der Thüre deckte und beugte sein gerötetes,

unstät zuckendes Antlitz zu dem Mädchen nieder. »Ob mir etwas ist,

wollen Sie wissen? Ha -- ha -- ja, mir ist, mir ist etwas. Sie haben mich

verspottet, Sie verspotten mich immer, aber zuerst locken Sie und dafür

will ich --«

»Was fällt Ihnen ein, Tom Warren, ich rufe um Hilfe!«

Er hatte ihre Hände erfaßt, sie an sich gezogen. »Rufen Sie nur, es wird

Sie kein Mensch hören. Ich lasse Sie los, wenn ich meine Rache habe -- ich

liebe Sie!«

»Sind Sie wahnsinnig?« Des Mädchens Lippen zitterten.

»Wahnsinnig, ja aus Liebe wahnsinnig, Lily Elsworth, Sie sind allein mit

mir, und nun sollen diese Lippen, die mich lockten und dann höhnten --«

»Ich bin in Ihrem Schutz, wie können Sie wagen, lassen Sie los!«

Des Mädchens angsterfüllter Ruf drang weithin durch die Nacht: »Hilfe --

Hilfe!«

War es ein Irrtum oder nahten rasche Schritte? Lily rang mit aller Kraft,

ihr Kopf bog sich weit zurück, da -- ein Erlösungsschrei tönte von ihren

Lippen -- taumelt ihr Begleiter von starker Hand geschleudert zurück.

Lily sieht, wie im Nebel, das erschreckte bleiche Gesicht der verwachsenen

Erzieherin Harveys und neben ihm ein ernstes herbes Männerantlitz,

das sich mit befehlerischer strenger Stimme an Tom Warren wendet. Die

Hausthüre ist geöffnet. Lily stützte sich erschöpft auf Marie Müllers

dargebotenen Arm. Das Wort des Dankes erstirbt ihr auf den Lippen, da

Richard Harvey vor ihr steht und mit der Miene strengen Ernstes, die sie

kennt, die Thüre weit geöffnet hält, um sie hineinzulassen.

* * * * *

Seltsam ist es, wie sich zwei so sehr entgegengesetzte Naturen oft in

innigem Einvernehmen zusammenfinden. Einen größeren Kontrast gab es so

leicht nicht, wie die stille Erzieherin Marie Müller und das

verzogene Weltkind Lily Elsworth. Dennoch hatte sich zwischen ihnen ein

Freundschaftsbündnis gestaltet, das auf beide günstig zu wirken schien.

So saßen sie denn zwei Tage nach dem Vorangegangenen plaudernd in dem

luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer des Elsworth'schen Hauses, Marie lehnte

in einem behaglichen Fauteuil, während Lily auf einem niederen Schemel vor

dem Kamin hockte und abwechselnd in das ernste Antlitz der Besucherin, dann

in die prasselnden Kamingluten blickte. Nach Mädchenart besprachen sie das

Fest.

»Die Blumen, die Sie sehen, sind alle noch daher,« erzählte Lily nicht

ohne Eitelkeit und Marie zog einen der herrlichen Rosensträuße zu sich

heran und fragte, ob sie ihr vom Komite nachgesandt worden seien.

Lily lachte hellauf: »Vom Komite! Nein, Sie liebe Unschuld! Das sind

lauter enthusiastische Widmungen von Verehrern. Ich bekomme fast täglich

Sachen zugeschickt: Bonbonnieren, Parfüme u. dgl.«

»Und Sie nehmen sie an?«

»Aber natürlich. Es hätte ja gar keinen Sinn, sie abzulehnen. Ich

amüsiere mich über die Spender! Sie sind mir alle ganz gleichgiltig!«

»Ganz gleichgiltig?« Marie Müller wiederholte die Worte, als seien sie

ihr nicht verständlich. »Wenn Sie die Herren nicht ermutigen, wie können

sie dann wagen -- --«

Lily unterbrach sie lebhaft: »Das ist es eben! Ich ermutige sie immer.

Mein Gott, das Leben wäre schrecklich langweilig, wenn man dieses

Amüsement nicht hätte!«

Marie Müller blickte plötzlich sehr ernst. »Sie nennen das Amüsement,

Lily? Das ist ein Unrecht!«

Lily sah rasch auf. Sie öffnete die Lippen zu lächelnder Entgegnung,

schloß sie indes wieder und sah während einiger Augenblicke sinnend in

den Kamin. Plötzlich hob sie den Blick.

»Denkt er so?« fragte sie, und Marie Müller sah sie verwundert an.

»Wer?« fragte sie zurück.

»Herr Harvey?«

»Herr Harvey? O, der denkt in allen Beziehungen so rechtlich,«

entgegnete Marie, »ich habe hierüber mit ihm nie gesprochen; aber ich bin

überzeugt, daß er in diesem Punkt so denkt wie ich!«

»So?« Lily Elsworth war aufgesprungen. Es überkam sie eine Heftigkeit,

für die sie sich keine Erklärung gab. Sie warf mit kindlichem Ungestüm

das widerspenstige Stirngelock zurück und eiferte ganz ohne Grund auf die

Freundin ein: »Es ist sehr leicht, ein Urteil zu fällen über andere, und

alles was sie thun, unrecht zu finden. Ich möchte wissen, ob Herr Harvey

eine Ahnung davon hat, was es heißt, sich langweilen!«

Marie Müller antwortete sehr prompt: »Nein, davon hat er sicherlich keine

Ahnung. Herr Harvey hat Pflichten!«

»Pflichten, ja! Es gibt aber Menschen, die keine haben -- ich zum

Beispiel!«

»Das liegt an Ihnen. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie könnten sich

welche schaffen. Ihrem Leben fehlt, das meinte Herr Harvey auch, ein

rechter Inhalt; den könnten Sie -- aber Lily, was ist Ihnen? Sie zürnen

mir, Sie weinen!«

Lily hatte plötzlich beide Hände vor's Gesicht geschlagen.

»Nein,« rief sie, »ich zürne Ihnen gar nicht, aber --« hier bebte

ihre Stimme in losbrechendem Schluchzen, »er -- er hat sich gar nichts

um mich zu kümmern! Ich verlange nicht zu wissen, was Herr Richard Harvey

über mich denkt!«

»Lily,« bat die andere, von der Leidenschaft des Mädchens sichtlich

verlegen gemacht, »ich bitte Sie, weinen Sie nicht! ich war ungeschickt.

Herr Harvey -- Sie thun ihm unrecht; er sprach an jenem Abend nach der

Begegnung mit Tom Warren von Ihnen und da meinte er -- Sie seien viel

besser als das so den Anschein hätte.«

Es war eigentümlich, wie lange dem Mädchen die letzten Worte in den Ohren

klangen. Sie saß, lange nachdem die Freundin gegangen war, vor dem Kamin

und sann über dieselben nach, und als sie am Nachmittag des nächsten

Tages in das Vereinslokal trat, um Abrechnung zu liefern über die am Abend

des Festes eingegangenen Gelder, staunte sie selbst, als sie ohne jede

Veranlassung die Worte vor sich hin sprach: »Besser, als das so den

Anschein hat.« -- Unmutig über sich selbst betrat sie den Saal; unmutiger

wie je hatte sie ihn wieder verlassen. Unter den schriftlich übersandten

mildthätigen Gaben für den Bau hatte sich ein Check von »Rechtsanwalt

Harvey« vorgefunden. Ein Check über 100 Dollars! Geben wollte der Mann

also, der Sache dienen, ja, es war also offenbar nur Abneigung gegen ihre

Person, die ihn zu seinen Weigerungen veranlaßt. Abneigung! War es denn

möglich, daß sie ihm unangenehm war, sie, die gewohnt war zu gefallen

und sich feiern zu lassen? -- Lily ging nachdenklich vor sich hin; ein Zug

großen Unwillens lag auf ihrem Antlitz, der auch dann nicht schwand, als

sie sich anrufen hörte.

»Fräulein Elsworth-Lily!«

Lily hob den Kopf. Aus dem Erkerfenster eines der großen villaartig

gebauten Häuser beugte sich das sanfte Gesicht Marie Müllers. »Wohnen

Sie da?« fragte Lily herauf und die andere nickte lebhaft.

»Kommen Sie auf ein Weilchen herein,« bat sie, und bei der freundlich

gesagten Bitte wurde Lilys Antlitz düster wie vorher. Sie schüttelte den

Kopf. »Ich habe Eile!« sagte sie schroff.

»So warten Sie ein bißchen, ich komme zu Ihnen!«

Lily mußte es mit der Eile nicht allzuernst gewesen sein. An Marie

Müllers Seite wanderte sie ein Stück Wegs und machte plaudernd mit ihr

kehrt. Unweit des Hauses blieben die Mädchen stehen.

»Seien Sie gut,« bat Marie, die Hände der Freundin fassend, »jetzt sind

Sie nicht mehr verdrossen, kommen Sie zu mir herauf!«

»Lassen Sie mich,« erwiderte die andere mit Ernst; »ich sage Ihnen

ungern »nein«, aber in das Haus des Herrn Harvey gehe ich nicht!«

»Sie kommen ihm ja nicht nahe, wenn Sie mich besuchen. Ich weiß nicht,

was Sie gegen ihn einnimmt, will es gar nicht wissen, aber es verletzt mich

zu sehen, daß Sie mich deswegen meiden --«

»Das thue ich nicht,« unterbrach sie Lily, und --

»Das thun Sie aber ja,« eiferte Marie. »Sehen Sie, mein Zimmer liegt

ganz apart von den andern, die Kinder sind ausgegangen, ich bin ganz

allein, kommen Sie mit hinauf!«

Marie Müller hatte sie halb gezogen, halb gedrängt. Zögernd betrat sie

mit ihr das Haus.

»Dies ist mein Revier,« sagte lächelnd Marie, als sie den Gast in ein

kleines, überaus wohnliches Gemach führte; »machen Sie sich's recht

bequem, ich laufe nur eben hinunter, um Auftrag zu geben, daß uns die

Kinder nicht überfallen!«

Es lag in der Atmosphäre etwas von Harmonie, deren Einfluß Lily wohlthat.

Lily war allein. Sie hatte sich in dem im Erker befindlichen Schaukelstuhl

niedergelassen und ihre Hutbänder gelöst, als sie an der Thüre leises

Klopfen vernahm. »Herein!« rief sie, ohne sich zu besinnen, und herein

trat -- Lily erbleichte vor Schrecken und Verlegenheit -- Herr Harvey.

Er sprach im Eintreten, offenbar die im Schatten des Erkers sitzende

Gestalt nicht erkennend: »Ich störe Sie nur auf eine Minute, Fräulein

Marie, behalten Sie Platz; ich bin über Frau Warren in Unruhe, Sie waren

wohl bei ihr? Hat sie Nachrichten über Toms Verbleiben?«

Lily war bei den rasch aufeinanderfolgenden Fragen aufgestanden und dem

Manne näher getreten. Bei den letzten wallte es ihr plötzlich heiß auf.

Dicht vor Herrn Harvey hintretend sprach sie mit Hast die Worte einzeln

hervorstoßend: »Ich bin es, Herr Rechtsanwalt. Marie Müller

überredete mich, sie hierher zu begleiten; sie ist auf einige Minuten

hinuntergegangen. Sie sagten etwas über Tom Warren und seine Mutter -- ist

sie krank? und ist er fort?«

Der Mann achtete nicht im mindesten auf die sichtliche Erregung des

Mädchens, er näherte sich der Thüre. »Verzeihung, ich glaubte Fräulein

Müller zu finden! Die Mitteilungen, die ich machte, oder besser die

Fragen, die ich stellte, waren privater Natur.«

Er war an der Thüre. Lily sprang rasch vor und deckte sie mit ihrer

tannengeraden Gestalt. »Privater Natur? wie können sie das sein, wenn sie

von Tom Warren handeln, von einem Menschen, den Sie selbst mit mir antrafen

und der -- oh bitte, sagen Sie mir ausführlich was geschehen ist!« Der

letzte Satz war im Wortlaut sehr weich, der Ton aber war mehr herrisch als

bittend und Herr Harvey blickte sehr ruhig in das aufgeregte Gesichtchen

vor ihm und entgegnete ernsthaft:

»Ich wiederhole Ihnen, daß meine Mitteilungen Fräulein Müller galten,

dieselben können Sie nicht interessieren --«

Lily unterbrach ihn: »Sie weichen mir aus. Wie können Sie das sagen? Wenn

Tom Warren fort ist, so geschah es vielleicht durch mich?«

»_Vielleicht?!!_« -- Herr Harvey hatte das Wort mit ironischer Emphase

gesprochen. Lily verstand ihn; sie stand einen Augenblick regungslos,

während die weißen Finger ihrer Hände nervös ineinander arbeiteten,

dann zwang sie sich zu mäßiger Ruhe:

»Das eine Wort gibt mir Aufschluß, mein Herr. Sie geben mir für das

Geschehene die Schuld und halten mich für so herzlos, kein Interesse

dafür zu haben!«

Herr Harvey sah sie rasch an. »Herzlos? Nein,« entgegnete er langsam,

»man veranlaßt oftmals durch Leichtsinn Kummer; dieser leichte Sinn hilft

auch dann über den Ernst der Sache hinweg.«

»So? Und das denken Sie von mir?« Lilys Lippen zuckten wie bei einem

gescholtenen Kinde. »Sie denken, daß ich oberflächlich bin, und daß ich

nichts empfinde, und daß --«

Harvey unterbrach sie. »Verzeihung, mein Fräulein, Sie täuschen sich.

Wie käme ich dazu, ein so unfreundliches Urteil über eine junge Dame

zu fällen, die ich so wenig kenne! Ich bedaure unendlich, Sie in ganz

unnötige Aufregung gebracht zu haben. Darf ich?« -- Er machte eine

Bewegung der Thüre zu.

Lily warf heftig den Kopf zurück. Sie sah den Mann mit aufblitzenden

Augen an, mit Augen, die unter seinen ruhigen Blicken weich wurden, und die

Hände mit einer halb herrischen, halb kindlichen Art zusammenbringend

trat sie dicht vor ihn hin. »Sagen Sie mir, warum Sie mich hassen!«

Ihre Worte, ihre Haltung waren frappierend. Sie waren mit so eigenartigem

Ungestüm, dabei so ehrlich treuherzig ausgerufen, daß es dem Manne eigen

milde überkam; dennoch blieb er bei seiner Kühle von vorher, als er

höflich und bestimmt erwiderte: »Ich hasse Sie nicht, mein kleines

Fräulein!«

Lily sah zu Boden. Ein ihr unerklärliches Gefühl gab es ihr ein, weiter

in ihn zu drängen. »Aber Sie geben mir die Schuld an dem Verschwinden Tom

Warrens --«

»O nein! Daran nicht, aber an der nächtlichen Scene, welche -- --

aber mein Fräulein, ich habe nicht das mindeste Recht, Ihnen etwas

vorzuhalten -- --«

»Sie _sollen_ mir aber etwas vorhalten!« Lily hatte es mit einem Anflug

ihres alten Trotzes gerufen, bei seinem nachsichtsvollen, ein wenig

amüsierten Lächeln dämpfte er sich sofort wieder. »Bitte, sagen Sie

mir, was ich that, um die Dreistigkeiten des Mannes herauszufordern!«

Herr Harvey sah sie prüfend an. »Das, mein Fräulein, wissen Sie am

besten selbst. Ohne vorherige Aufmunterung pflegen Männer nicht dreist zu

werden --«

»Herr Harvey!«

Ihr Ausruf hinderte ihn nicht weiterzusprechen. »Sie sind kokett; das

ist für Sie nicht schmeichelhaft und gar nicht ehrend. Kokette Mädchen

sollten bedenken, daß sie sich selbst preisgeben -- -- Oh, mein

Fräulein!« Er brach plötzlich ab. Die blauen Augen des Mädchens,

voll zu ihm aufgeschlagen, hatten sich bei seinem herben Ton mit Thränen

gefüllt. Harvey wurde es, da er das schmale Gesichtchen betrachtete,

seltsam weich zu Sinn. Er streckte dem Mädchen in warmer Geste die Hand

entgegen. »Sie dürfen nicht weinen,« sagte er, »ich wollte Ihnen nicht

weh thun.« Er hatte ihre Hand erfaßt, sich, wie um sie zu trösten,

vorgebeugt, da -- öffnete sich die Zimmerthüre. Marie Müller trat ein.

Harvey ließ die Mädchenhand fahren. »Ich spreche Sie später,« sagte er

rasch zu Marie, indem er sich eilig entfernte.

Lily war in großer Aufregung. Auf ihr stürmisches Drängen hatte ihr

Marie Müller die Einzelnheiten über das Warren'sche Haus mitgeteilt. Tom

war der Ernährer seiner alten Mutter gewesen; die Nüchternheit, welche

der nächtlichen Scene gefolgt war, hatte ihn Scham empfinden lassen. Er

fürchtete sowohl die Entlassung aus den Diensten des Herrn Harvey, dessen

Buchhalter er war, als auch die öffentliche Schande, die sich für

einen Mann daran knüpfte, ein seinem Schutze anbefohlenes Mädchen zu

überfallen. Tom Warren war heimlich abgereist, seine Mutter ohne Nachricht

über sein Verbleiben zurücklassend, was diese infolge fortgesetzter

Aufregung krank darniederwarf.

»Ist sie schwer krank?« hatte Lily gefragt und Fräulein Müller hatte

ihr geantwortet, daß eine ernste Sache zu befürchten sei, worauf

Lily lange schweigend mit gesenkten Blicken verharrt hatte, um endlich

aufblickend ihr Vorhaben kundzuthun.

»Ich gehe zu ihr!« Lilys Handlungen folgten stets ihrem Wort. Der

Nachmittag des nächsten Tages fand sie einigermaßen zaghaft vor dem

niedern, zweistockigen Häuschen, dessen obere Stübchen von Frau Warren

bewohnt waren, stehen.

Auf ihr wiederholtes Klopfen war keine Antwort erfolgt. Mit resoluter Hand

öffnete sie und trat ein.

»Frau Warren!«

Aus den überaus sauberen Kissen des schneeigen Bettes richtete sich ein

fieberndes Frauenantlitz auf. Die tiefliegenden greisen Augen hafteten mit

mißtrauischem Ausdruck auf der Mädchengestalt. »Wer ist da?«

Lily trat etwas näher. Ihre Rede begann sie zaghaft, wurde aber

allmählich beherzter. »Ich bin eine Freundin von Fräulein Müller,«

sagte sie; »dieselbe ist heute behindert zu kommen, und damit Sie doch

nicht allein wären, kam ich. Ich wohne in der Nähe und ich habe viel

Zeit, die ich Ihnen widmen möchte, wenn Sie es mir gestatten. Ihr

Sohn --« hier stockte sie, »Ihr Sohn ist mir bekannt, und eigentlich --

ich will ganz ehrlich sein, Frau Warren -- eigentlich habe ich Schuld --«

»Sind Sie -- sind Sie -- --«

Das Mädchen nickte bei der aufgeregten Frage der Alten mit dem Kopf und

sagte kleinlaut: »Lily Elsworth -- ja -- die bin ich!«

Die Kranke stützte sich mit aller ihr zu Gebot stehenden Kraft auf die

Ellenbogen, um sich so dem Mädchen näher zu bringen. Die fieberhaft

erregte Stimme klang heiser und bewegt. »Sie also sind es,« schrie sie

lebhaft, »die meinen Jungen erst toll gemacht und dann verjagt hat, Sie

mit ihrer aufgespielten Tugendhaftigkeit! Was, ich sollte mich von Ihnen

pflegen lassen, von Ihnen, die Sie ja doch kein Herz im Leibe -- oh! oh!«

Stöhnlaute erstickten ihre Rede. Sie sank mit Atemnot und Husten kämpfend

in die Kissen zurück und schloß die Augen, und das Mädchen, das bis

dahin regungslos an der Thüre gestanden hatte, trat ohne sich zu

besinnen heran und richtete, das Sträuben der Kranken nicht achtend, das

Kopfkissen, auf dem sie lag, empor. Sie sprach nichts, sie verteidigte sich

nicht. Mit ihrem kräftigen Mädchenarm stützte sie den Körper der alten

Frau und diese sank endlich keuchend wieder in die Kissen, während Lily

regungslos neben ihr stand und die abgerissenen Schmähworte mit bleichem

Antlitz und zusammengepreßten Lippen stumm über sich ergehen ließ.

»Mit jedem Wort haben Sie ihn 'rangelockt, meinen Jungen, anstatt wie ein

ehrbares Mädchen seine Aufmerksamkeiten zurückzuweisen, und dann in

der Nacht -- spröde zu spielen, Komödie, weil es gerade so paßte, weil

Menschen kamen. Was hat er Ihnen denn so schlimmes gethan, mein Tom? -- he?

Warum sollte er das nicht dürfen, nach dem wie Sie zu ihm standen -- wär

'n wohl ein anderer lieber gewesen --«

»Frau Warren -- oh! oh!« Die Stimme, welche ermahnend von der Schwelle

ertönte, ließ das Mädchen zusammenfahren.

Herr Harvey war unbemerkt eingetreten und hatte den letzten Teil der Rede

der Alten gehört. Er sprach beschwichtigend auf die Kranke ein, welche von

Neuem nach Atem ringend unter krampfhaftem Husten in die Kissen sank.

»Lassen Sie mich die Kranke stützen,« sagte Lily herantretend, »es wird

gut sein, den Arzt zu holen!«

Harvey legte, ohne zu sprechen, das Haupt, der nun völlig bewußtlosen

Frau in des Mädchens Arm, rückte ein Gefäß mit Wasser an das Bett und

ging eiligst davon. Es dauerte lange, bis es Lily gelang, die Ohnmächtige

ins Leben zurückzurufen.

Die Dämmerung war eingetreten, als Harvey mit dem Arzte endlich erschien.

Die Untersuchung währte nicht lange.

»Die Frau bedarf der besten Pflege,« lautete der Ausspruch des Arztes,

»sind Sie eine Verwandte?« seine Frage an Lily.

»Nein,« sagte sie rasch, »aber ich übernehme die Pflege!«

Harveys Augen hefteten sich fest auf Lilys Antlitz. Seine Lippen öffneten

sich zum Protest, dann schien er sich zu besinnen. Das war eine Frage, die

ohne die Anwesenheit des Arztes erledigt werden konnte, und so wartete er,

schweigend in seiner Ecke verharrend, bis sich derselbe entfernt

hatte. Dann trat er auf das Mädchen zu: »Sie werden die Pflege nicht

übernehmen, ich bestelle eine Wärterin!«

»Das thun Sie nicht!« gab Lily mit ebenderselben Bestimmtheit zurück.

»Eine Pflegerin vom Fach ist hier notwendig!« behauptete er, und Lily

stand plötzlich neben ihm und sagte in leisem aber entschlossenem Tone:

»Bestehen Sie nicht darauf, Herr Harvey, ich bitte Sie darum!« Es lag

etwas eigenartig zwingendes in ihrer Haltung, wenn sie diesen halbleisen

energischen Ton anschlug. Herr Harvey antwortete nicht sofort. Er wandte

sich von ihr ab und trat sinnend an das Fenster. Die Kranke schlief. Lily

zog behutsam die Bettvorhänge zusammen, dann näherte sie sich langsam

dem Fenster, an dem der Mann stand. »Herr Rechtsanwalt, standen Sie

vorhin schon lange dort?« fragte sie. Er verstand sofort, daß sie mit

dem »dort« die Thürschwelle meinte, von dem aus er die Worte der Kranken

vernommen. Er bejahte. »Und Sie hörten, was Sie sagte?« Wieder bejahte

er, und Lily senkte einen Augenblick die Lider, dann fragte sie stockend:

»Ist das alles wahr, was sie sagte?« Er sah rasch auf.

»Fräulein Elsworth, warum fragen Sie mich? Sie wissen doch sicherlich am

besten, wie viel davon verdient und wie viel ungerecht war!«

»Nein!«

Bei dem mit großem Ernste gesprochenen einfachen Worte sah er sie scharf

an und begegnete ihrem voll zu ihm aufgeschlagenen Blick. »Nein?«

wiederholte er fragend, »aber Sie sind doch darüber klar, daß nur Ihre

vorherige Haltung Tom Warren gegenüber ihn zu der Rücksichtslosigkeit

ermutigt haben konnte. Sie wissen doch bestimmt, daß der Ton, den Sie mit

Männern anschlagen, ein herausfordernder, ein gefährlicher ist! Es

thut mir leid, daß gerade ich Ihnen all diese bitteren Dinge sagen

muß, während es nicht meine, sondern Ihrer Eltern Sache ist, Sie darauf

hinzuweisen!«

»Ich habe keine Eltern!«

Es war wieder jener seltsame Ton, der so seltsam vibrierte und von

verhaltener Empfindung sprach. Herr Harvey sah mitleidig auf sie herab.

»O, das wußte ich nicht. Ich bitte um Verzeihung!«

»Das sollen Sie nicht, Herr Harvey. Es wäre gut, wenn man mich öfter

tadelte. Meine Eltern sind lange tot. Mich hat nie jemand auf eine

Unziemlichkeit aufmerksam gemacht. Mein Großonkel, bei dem ich wohne,

findet alles gut, was ich thue. Ich bin in einer Pension erzogen, in

der man mich unbedingt lobte, und so war ich nahe daran, mich für ein

ungefähr vollkommenes Geschöpf zu halten!«

Sie sprach die letzten Worte mit einem Anflug von Spott, und Herr Harvey

blickte eine Weile schweigend ernst auf sie herab. Als er sprach, that er

es wie jemand, der mit sich uneinig ist über die einzuschlagende Richtung:

»Es ist traurig, was Sie da sagen. Es beweist, daß Sie nie darüber

nachgedacht haben, was denn eigentlich unter dem Worte ›vollkommen‹ bei

einem Weibe zu verstehen ist. Sie haben vielleicht niemals begriffen, daß

die Art, wie Sie mit ihren Vorzügen umgehen, für Sie weder ehrlich noch

verdienstlich ist. Sie wundern sich über die Dreistigkeit Tom Warrens, ich

sage Ihnen, daß jeder einzelne Herr Ihrer Bekanntschaft, mit dem Sie

so verkehren, wie ich es von Ihnen zu sehen in meinem eigenen Bureau

Gelegenheit hatte, dieselbe Dreistigkeit bei Ihnen wagen würde und

mit vollster Berechtigung, denn der Mann hat ein Recht darauf, ehrlich

behandelt zu werden. Es ärgerte Sie, daß ich keine Billette von Ihnen

nahm. Ich weigerte mich nicht aus Härte oder Mangel an Sympathie. Aber ein

solcher Billetthandel, getrieben von jungen Mädchen, ist ein Markt für

schöne Blicke und feines Lächeln, und jeder ehrenwerte Mann müßte schon

aus Respekt für seine Schwestern und seine Mutter einen solchen Handel

verhüten und zu verhindern suchen. Sie boten mir am Bazarabend Blumen

zum Kauf, Sie sagten »für die gute Sache«. Ich sah Sie an, Ihre kleine

Gestalt, Ihre hellen Augen, und ich sagte mir, daß es schade sei um so ein

Wesen wie Sie. Schade, daß man Sie glauben ließ, es sei eine gute Sache

zu nennen, wenn man seine kokettsten Blicke dem Meistbietenden anträgt.

Ich bin mir an jenem Abend darüber klar geworden, daß ein Bazarverkauf in

vollstem Sinne des Wortes verwerflich ist, und daß der Reinertrag, mag er

so groß ausfallen, wie er kann, doch nur ein Raubgeld ist, das schon um

der Art seines Entstehens halber nichts gutes stiften kann. Ein solcher

Bazarverkauf ist ein Bildungsinstitut für weibliche Koketterie! Sie

meinten den Grund von Mildthätigkeit nach dem messen zu können, was man

in dem Bazar ankauft. Unter all den dort anwesenden Herren gab es nicht

zehn, die aus gutem Herzen für den guten Zweck gaben. Sie gaben den

schönen Augen der Damen ihr Geld!«

Herr Harvey schwieg. Er hatte sich in Eifer gesprochen, jetzt blickte er

auf das Mädchen herab, das unbeweglich mit herabhängenden Händen und

niedergegeschlagenen Augen vor ihm stand, und die Art, wie sie aufrecht

ohne Halt, ohne Stütze in der Mitte des Gemaches wie angewurzelt

verblieb, verlieh ihr in dem dunkelwerdenden Gemache etwas abgeschlossenes,

verlassenes, einsames, das dem Mann zu Herzen ging. Er beugte sich zu

ihr: »Ich hätte das alles vielleicht nicht sagen sollen,« flüsterte

er weicher als Lily es noch gehört, »ich glaube, es waren Ihre eigenen

Worte, die mich dazu ermunterten. Ich werde Ihnen nicht mehr wehe thun!

Aber, mein Gott, was ist Ihnen?« Lily hob ihr Gesicht. Es war geisterhaft

bleich. Im Begriff, etwas zu erwiedern, stürzten ihr plötzlich die

Thränen aus den Augen und flossen unaufhaltsam an ihren Wangen herab,

während ihre ganze Gestalt ein heftiges Zittern überkam. Sie tastete nach

einem Stuhl. Herr Harvey hatte sie mit seinen Armen gestützt, er hielt

ihre Hände, er sprach sanft mit ihr wie mit einem leidenden Kinde und

eilte endlich hinweg, um unter den Bewohnern des Hauses eine gütige Hand

zu finden, die sich der Krankenpflege Frau Warrens vorderhand annehmen

sollte, bis er das erregte junge Mädchen nach Hause besorgen konnte.

Lily machte keine Einwendungen. Sie fügte sich; matt wie ein Kind vom

vielen Weinen, ließ sie sich von ihm die Stufen des Hauses hinabgeleiten

und in den bereitstehenden Wagen heben. Harvey saß neben ihr. Schweigend

durchfuhren sie die dunkelgewordenen Straßen. Lily lehnte teilnahmlos in

einer Ecke.

»Ist Ihnen besser?« fragte Harvey, kurz bevor sie hielten; Lily wandte

sich ihm nicht zu und nickte nur still.

Der Wagen hielt. Sie standen nebeneinander auf der kleinen Treppe, auf

der sich die Scene mit Tom Warren abgespielt hatte. Dachten sie wohl beide

daran? Lily lehnte, während Herr Harvey die Glocke zog, an der Mauer, die

sich zu beiden Seiten der Treppe entlangzog, und als Harvey sie ansprach,

fuhr sie leicht zusammen.

»Darf ich Sie hineinführen?« fragte er.

Sie wandte den Kopf und sah ihn zum erstenmal voll an. Als sie sprach,

klang ihre Stimme herb.

»Sie würden aus freiem Antrieb diese Schwelle wohl nicht übertreten

haben, Herr Harvey?«

»Weshalb nicht?«

Sie lachte nervös: »Ich dachte nur, Sie würden doch niemals ein Mädchen

aufsuchen, das so -- das solche verderbten Eigenschaften hat, wie ich!«

»Es sind das nicht Eigenschaften, es sind die Folgen schlechter Erziehung.

Es steht bei Ihnen, dieselben abzulegen, und ich bin überzeugt, daß Sie

es auch thun werden!«

»Wirklich?« Lily rief das eine Wort grell, fast jubelnd heraus und ebenso

rasch sammelte sie sich wieder und legte ihre Hände bittend zusammen. Ihre

Augen schlug sie auf. Es perlten darin Thränen: »Ich möchte, daß Sie

mich nicht mehr haßten!«

Harvey sah auf das Mädchen nieder. Was war's, was ihm plötzlich so heiß

durchs Herz fuhr? Sich selbst im Unklaren über die Strömung in seinem

Innern, ergriff er, ohne es zu wollen, fest die bittend zusammengelegten

Hände und hielt sie in den seinen.

»Ich Sie hassen? Lily, das denken Sie ja selbst nicht!« Die Worte thaten

es nicht. Es war in der Stimme etwas, was sie beide durchzuckte. Aus den

blauen Mädchenaugen leuchtete ein eigenes Etwas, das dem Mann nachging und

ihn verfolgte bis in sein Heim.

* * * * *

Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend · 第 1 / 10 段