den Ver. Staaten, welche zur Arbeiterarmee gehörten, unter 15 oder über
60 Jahre alt waren,« rechnete Forest weiter. »Das ist allerdings ein
recht trübseliger Ausweis. Mädchen und Knaben unter 15 Jahren sollten
noch Schulen besuchen und Leute, welche das sechzigste Lebensjahr
zurückgelegt haben, sollten ein genügendes Auskommen besitzen und nicht
mehr zur Arbeit gezwungen sein. Darüber kann aber kein Zweifel bestehen,
daß am Ende des letzten Jahrhunderts das Arbeiterheer verhältnismäßig
viel stärker war, als es heute ist. Denn nach der Zählung von 1880
lebten in den Ver. Staaten 15 527 215 Menschen im Alter von 21 bis
45 Jahren, das Arbeiterheer zählte aber 17 392 099 Menschen; mithin
beschäftigten Sie 2 173 184 Leute mehr, als sich in dem Alter befanden,
welches wir zum dienstpflichtigen gemacht haben. Dabei wäre denn
angenommen, daß alle Leute, welche sich bei uns im dienstpflichtigen
Alter befinden, auch wirklich Dienst thun; was aber bekanntlich nicht
der Fall ist. Denn die Kranken, die Blödsinnigen, die Krüppel, die
Mütter kleiner Kinder und andere verrichten keine Arbeit im Heere.
Sie werden hiernach zugestehen müssen, daß Ihre Zeitgenossen eine
verhältnismäßig viel größere Arbeiterarmee aufstellten, als wir dies
thun.«
»Das scheint mir unbestreitbar zu sein,« antwortete ich.
Forest zog nun ein Blatt Papier aus der Tasche und rechnete weiter:
»Hier ist ein Verzeichnis aller derjenigen Berufszweige, welche ich
dem Census von 1880 entnommen habe und welche Sie als unproduktiv
bezeichnen können. Ich habe manche Thätigkeiten als unproduktiv
angeführt, über deren Nützlichkeit und selbst Notwendigkeit sich
streiten ließe. Viele dieser Leute haben durch ihre Arbeit zum mindesten
solchen Menschen Zeit gespart, welche Werte hervorbrachten. Manche
Frauen hätten sich vielleicht nicht als Künstlerinnen, Sängerinnen oder
dergleichen ausbilden lassen und später in ihrem Berufe wirken können,
wenn sie nicht Hilfe im Haushalte gefunden hätten. Diese Dienstboten
eingeschlossen, waren aber im Jahre des Herrn 1880 in den Ver. Staaten
1 654 319 Menschen mit Arbeiten beschäftigt, welche Dr. Leete als
unproduktiv bezeichnen würde. Wenn wir diese 1 654 319 Menschen
von den 2 173 084 Leuten abziehen, welche Sie über die Zahl der im
dienstpflichtigen Alter befindlichen Personen hinaus dem Arbeiterheere
eingereiht hatten, so stellten Sie immer noch 518 765 mehr Leute, als
1880 in den Ver. Staaten im Alter zwischen 21 und 45 Jahren lebten.«
Ich ermunterte Herrn Forest, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren
und er sagte: »Sie hatten also im Jahre 1880 unzweifelhaft viel mehr
Leute in nutzbringender Thätigkeit beschäftigt (im Verhältnis zu Ihrer
Bevölkerungszahl natürlich) als wir. Nun bedenken Sie noch, daß die
Arbeiter Ihrer Tage sämtlich durch den Wettbewerb angespornt wurden, daß
sie danach strebten, einmal unabhängig zu werden, um ein sorgenfreies
Alter genießen zu können und daß sie zur Erreichung dieses Zieles ihre
besten Kräfte einsetzten. Ihre Zeitgenossen arbeiteten also mehrere
Jahre länger als wir, die tägliche Arbeitszeit war eine längere, der
Sporn des Wettbewerbes wirkte mächtig auf alle ein und so war es denn
nur natürlich, daß zu Ihrer Zeit verhältnismäßig viel mehr und viel
bessere Arbeit geliefert wurde, als heutzutage.«
»Das werde ich wohl zugeben müssen,« sagte ich.
»Und die Art unserer Gesellschaftsordnung drängt immer mehr darauf
hin, daß die Arbeitszeit noch weiter verkürzt werde und daß die
Arbeitsergebnisse noch geringer und schlechter werden, als sie schon
sind,« setzte Forest seine Darlegung fort. »Da sind z. B. die Bauern,
welche mit der jetzigen Gesellschaftsordnung so unzufrieden wie
möglich zu sein scheinen. Sie beklagen sich bitter darüber, daß sie in
Bezug auf die Anlage von Theatern, Museen, Konzerthallen und anderen
öffentlichen Anstalten gegen die Bewohner der Städte zurückgesetzt
werden. Auch behaupten unsere Bauern, daß ihre Arbeit viel schwerer
sei, als die der Städter. Die Folge der Unzufriedenheit war ein Andrang
der Landbevölkerung nach den Städten, der viel größer ist, als der,
über welchen schon zu Ihrer Zeit geklagt wurde. Das Land würde sehr
bald an allen Ackerbauerzeugnissen Mangel gelitten haben, wenn die
Regierung dem Andrange des Landvolks nach den Städten nicht Einhalt
gethan hätte. Aber man hieß die Ankömmlinge nicht willkommen. Es wurde
ihnen einfach befohlen, Landarbeit zu thun. Damit war ihrem Wunsche,
in der Stadt zu leben, ein Ende gemacht; aber auch ihrem Ehrgeiz und
ihrem Arbeitstriebe. Die Landleute sind jetzt davon überzeugt, daß
ihnen andere Stellungen verschlossen sind, daß sie Zeit ihres Lebens
die Acker bauen müssen und daß die Städter auf ihre Kosten ein besseres
Leben führen. Die Folge ist, daß sie so wenig und schlecht wie möglich
arbeiten und daß die Ackerbauerzeugnisse immer weniger werden. Schon
wiederholt haben Leute aus der zweiten Abteilung des dritten Grades
der städtischen Zünfte als Hilfsarbeiter auf das Land geschickt werden
müssen, um eine Hungersnot abzuwenden.«
»Teilen Sie mir das Schlimmste mit,« sagte ich mit einem erzwungenen
Lächeln; denn ich sah das herrliche Luftschloß, welches Dr. Leete
vor mir errichtet hatte, unter dem Artilleriefeuer der Forestschen
Logik zusammenstürzen. »Wir haben gesehen,« nahm Forest den Faden
seiner Auseinandersetzungen wieder auf, »daß das Arbeiterheer im Jahre
1880 verhältnismäßig viel stärker war, als das unsrige ist, daß die
Arbeitszeit eine längere war, und daß die Arbeiter durch den Wettbewerb
angeregt wären, ihre ganze Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Sie müssen
aber auch berücksichtigen, daß wir eine ungeheure Arbeitskraft mit der
Aufsicht und mit der Buchhalterei vergeuden. Ihr Kleinhandel wurde
größtenteils gegen Barzahlung betrieben und die kleinen Geschäftsleute
besorgten ihre geringe Buchhalterei abends nach Schließung ihrer Läden.
Wir dagegen haben für jeden Mann, für jede Frau und für jedes Kind
ein »Soll und Haben« in den Büchern der Regierung eingerichtet[32].
Wir haben eine Kanzlei, wo »die Ärzte über ihre Thätigkeit regelmäßig
Bericht zu erstatten« haben.[33] Wir haben eine andere Kanzlei, wo Buch
geführt wird über die Hilfe, welche jemand von der Arbeiterarmee in
Anspruch nimmt; sei es für Hausarbeit oder für andere Zwecke. Dort wird
das Konto desjenigen belastet, welcher die Hilfe in Anspruch nimmt und
das Konto desjenigen wird kreditiert, der die Hilfe leistet.[34] Wir
haben Kanzleien für jeden Zweig der menschlichen Arbeit und dieselben
dürfen als Musteranstalten für die beste Art gelten, in welcher eine
Regierung menschliche Arbeitskraft vergeuden kann. Das ganze Feld der
produzierenden Arbeit ist, wie Sie wissen, in zehn große Abteilungen
abgegrenzt worden. Jede dieser letzteren umfaßt eine Gruppe verwandter
Thätigkeitszweige. Jede dieser Unterabteilungen hat wiederum ihre
eigne Kanzlei und diese Kanzlei führt genau Buch über alles was in
der betreffenden Zunft geschieht, über vorhandene Betriebsmittel,
die geleistete Arbeit und so weiter, sowie über die jetzige
Leistungsfähigkeit und über die Möglichkeit, letztere zu erhöhen.
Eine besondere Abteilung, welche den Warenversandt besorgt, ermittelt
auch den mutmaßlichen Verbrauch und nachdem diese Ermittelungen von
der Regierung gut geheißen worden sind, erhält jede der zehn großen
Abteilungen ihre Arbeit zugeteilt, diese zehn Abteilungen vergeben
die Arbeit an die einzelnen Zünfte und diese setzen ihre Leute in
Thätigkeit.«
»Jedes Betriebsamt ist für die ihm zuerteilte Arbeit verantwortlich und
seine Thätigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die
Generalverwaltung kontrolliert.«
»Das 'Verteilungsamt nimmt keine Warenlieferung an, ohne sich selbst
von der Beschaffenheit derselben überzeugt zu haben', und so genau
ist die Durchführung, daß ein Gegenstand, der sich in den Händen des
Verbrauchers als unbefriedigend erweist, »bis zu demjenigen Arbeiter
zurückverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speziellen
Stückes betraut gewesen war.«[35]
»Diese ungeheure Buchhalterei und Aufseherei, welche die Regierung in
den Stand setzt, die Arbeiter zu ermitteln, welche eine schadhafte Nadel
oder eine schlechte Cigarre gemacht haben, ermöglicht es ihr auch, für
ihre Günstlinge zahllose gute Stellungen offen zu halten; aber die
Produktionskraft des Volkes und die Menge der erzeugten Werte werden
natürlich dementsprechend vermindert. Dazu kommt, daß die Zahl der
Verbraucher größer ist als früher.«
»Wie erklären Sie das?« fragte ich.
»Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, daß Leute von gewöhnlicher
Konstitution in der Regel 85 bis 90 Jahre alt werden?«[36]
»Allerdings.«
»Nun wohl. Dies erklärt die vermehrte Anzahl von Verbrauchern, welche
sämtlich ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen in Gestalt
eines Guthabensscheins beanspruchen«, erklärte Forest. »Die Leute leben
heut länger, als Ihre Zeitgenossen. Sie machen sich das Leben bequem
und während die Geistesschärfe, die Thatkraft und der Unternehmungsmut
beständig abnehmen, vegetiert der Körper länger.«
»Endlich gestehen Sie doch einmal eine Errungenschaft des jetzigen
Systems zu,« rief ich.
»Wenn das überhaupt eine Errungenschaft ist,« meinte Forest, »auf
Kosten des geistigen Lebens und Wirkens eine Lebensverlängerung des
verdummenden Menschen zu erzielen.« --
Und nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen
über die kommunistische Gesellschaftsordnung am Ende des zwanzigsten
Jahrhunderts folgendermaßen:
»Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß unser Staatswesen mit seinen
auf die angebliche Gleichheit aller Menschen begründeten Einrichtungen
ein Fehlschlag ist, daß die in der Natur begründete Ungleichheit
jetzt in mancher Hinsicht viel drückender ist, als zu Ihrer Zeit, daß
Günstlingswirtschaft und Korruption heut ebenso wuchern, wie vor 113
Jahren, daß von persönlicher Freiheit fast keine Spur mehr vorhanden
und an deren Stelle eine unerträgliche Knechtschaft verbunden mit
Kriecherei und Augendienerei gegenüber den Vorgesetzten getreten ist,
daß die Angehörigen des Arbeiterheeres, des Stimmrechts beraubt, der
Gnade oder Ungnade ihrer Offiziere preisgegeben sind, daß diejenigen
Mitglieder der »industriellen Armee,« welche als Gegner der Regierung
gelten, ein elendes Leben führen müssen, das man wohl als »eine
vierundzwanzigjährige Höllenpein auf Erden« bezeichnen kann, und daß die
Abschaffung des Wettbewerbes sowohl einen Rückgang der Geisteskräfte,
wie des Volkswohlstandes zur Folge hatte. In der That haben die
Beseitigung des Wettbewerbes, die Abkürzung der Arbeitsjahre sowohl
wie der Arbeitsstunden und die Erschaffung zahlloser Sinekuren für
faulenzende Günstlinge und Maitressen der einflußreichen Politiker die
Produktion dermaßen vermindert, während die Zahl der Verbraucher sich
beständig vermehrt hat, daß unser durchschnittliches Jahreseinkommen
heut kaum noch größer ist, als das eines gewöhnlichen Arbeiters Ihrer
Tage. Es gewährt uns nur ein sehr mäßiges Auskommen. Und es kann meiner
Ansicht nach keinem Zweifel unterliegen, daß die Menschheit, wenn sie
unter diesem System weiter lebt, in einigen Jahrhunderten in Barbarei
zurückversinken muß.«
Siebentes Kapitel.
»Sie waren so liebenswürdig, mir Ihre Ansichten über die jetzige
Gesellschaftsordnung vorzutragen,« begann ich meine nächste Unterredung
mit Herrn Forest; »Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung
geäußert, daß die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts
mancherlei Verbesserungen bedurfte. Würden Sie mir wohl jetzt mitteilen,
durch welche Maßregeln Sie den Übeln meines Zeitalters entgegen gewirkt
hätten?«
Forest lächelte. »Ich halte mich nicht für einen Weltverbesserer, der
die Menschheit und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen
Sie niemals, daß wir alle mit Wasser kochen müssen, d. h. daß alles, was
wir unvollkommenen Menschen leisten können, den Stempel menschlicher
Unvollkommenheit an sich tragen muß. Wie jeder denkende Mensch habe auch
ich meine Ansichten über die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn
Sie diese Ansichten hören wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.«
»Ich bitte darum.«
»Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlösbar,« begann
Forest. »Die von der Natur begründete Verschiedenartigkeit wird sich
bei den Menschen stets fühlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei
muß fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleißige und faule
Leute geben. Tüchtige Frauen und Männer werden nie damit zufrieden
sein, daß man die Arbeitsergebnisse gleichmäßig verteilt und ihnen
dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thätigkeit raubt. Werden aber die
Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen,
welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmöglich,
alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Früchte der
Arbeit verteilt werden. Aber die Unmöglichkeit, jeden ganz zufrieden
und glücklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit
allen Kräften eine Verbesserung unserer Zustände zu erstreben.«
»Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hören, welche
Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben würden, wenn Sie am Schlusse des
letzten Jahrhunderts gelebt hätten.«
»Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen
Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhäufung
riesiger Reichtümer ermöglichte, und an einem einsichtslosen
Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die
Thätigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begründung von
Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher
Thätigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu übernehmen.
Ein großer Übelstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung.
»Auf fast allen Gebieten menschlicher Thätigkeit wurden Werte erzeugt,
ohne daß jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche
hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljährlich einen großen Überschuß
ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, daß die
Bauern ein ziemlich kümmerliches Leben führen mußten. Viele Fabriken
arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren überfüllt war.
Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den
Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden
geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere
Verluste durch ihre unfreiwillige Unthätigkeit, bis der Überschuß
an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte
Thätigkeit.«
»Wie würden Sie diese Übelstände bekämpft haben?« fragte ich.
»Ein Bundesamt hätte feststellen müssen, wie groß der durchschnittliche
Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedürfnisse war und wie sich die
Leistungsfähigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher
Waren zum Verbrauch verhielt.«
»Und was dann? Hätte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen
einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie
hätten diese Aufträge so verteilt werden können, daß die Arbeiter damit
zufrieden gewesen wären?«
»Die Bundesregierung hätte einfach den Jahresverbrauch der
verschiedenen Waren und die Leistungsfähigkeit der Berufszweige zur
Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der
Berufsgenossenschaften wäre es dann gewesen, die Produktion zu regeln.
Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefähren Bedarf
feststellten, hätten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare
Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig hätte sich
organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention wählen und auf
dieser die Arbeit verteilen können. Die Arbeit ins Blaue hinein, die
Überfüllung der Märkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, hätte so
vermieden werden können; und doch wäre der #Wettbewerb#, sowohl zwischen
den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern
#aufrecht erhalten# worden, der Wettbewerb, durch den allein tüchtige
und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.«
»Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wären, als verbraucht
wurden,« wandte ich ein.
»Das würde natürlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und
die übeln Folgen würden auf ihn gefallen sein,« entgegnete Forest.
»Angenommen aber, daß sämtliche Angehörige eines Gewerbes sich zu dem
Zwecke verständigt hätten, für ihre Erzeugnisse einen unverhältnismäßig
hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen
'Trust' nannte,« fragte ich. »Wie wären Sie einer solchen Ausbeutung des
Volkes begegnet?«
»Ein Bundesgesetz hätte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch
schützen können, welches verordnete, daß alles Eigentum der an solchen
Raubplänen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften
von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft
werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin hätte die
Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren
einstellen können. Die Einfuhr hätte unter Umständen den Bedarf gedeckt,
bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wäre.«
»Und wie würden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben,
welche die Erwerbsthätigkeit unserer Tage so oft störten?« fragte ich
weiter.
»Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begründung von
Produktivgenossenschaften,« antwortete Forest. »Ich habe bereits
auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begründet
werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen
Flur mit Dampfkraft mieten, einige Näh- und sonstige Maschinen
anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere
Arbeiter verkaufen. Dadurch hätten sie sich den Gewinn der Fabrikanten,
Großhändler, Kleinhändler und Arbeiter gesichert, d. h. allen
Gewinn, der überhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im
Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige
Produktivgenossenschaften zu begründen, oder ihre Bedürfnisse an
Kleidern, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften
zu kaufen. Die Fabrikanten würden, sobald es offenbar geworden, daß
die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr
gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben,
billiger, als die neuen Gesellschaften sie hätten einrichten können.
Ich meine, es müsse kein Vergnügen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein
Geschäft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen
Arbeitseinstellungen müssen es den Geschäftsleitern fast unmöglich
gemacht haben, Voranschläge für das nächste Jahr zu berechnen, oder
Kontrakte abzuschließen. Deshalb würden, wie ich mir vorstelle, die
Eigentümer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen
zu einigermaßen günstigen Preisen hätten verkaufen können. Und die
Arbeiter hätten nichts Gescheiteres thun können, als die Fabrikanten zu
veranlassen, die Leitung der Geschäfte gegen eine angemessene Bezahlung
weiter zu führen. Dies würde den ferneren erfolgreichen Geschäftsbetrieb
wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen würden die
Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentümer geworden sein,
sie würden sich dadurch die volle Bezahlung für ihre Arbeit gesichert
haben, der frühere Eigentümer hätte für seine Einrichtungen einen
angemessenen Preis erhalten, wäre aller Sorgen ledig und erhielte für
seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.«
»Ich glaube, daß den meisten Fabrikanten und Geschäftsleuten meiner
Zeit durch die unaufhörlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute
die Leitung großer Unternehmungen so verekelt war, daß sie ihren Besitz
gern verkauft hätten,« bemerkte ich. »Aber was wäre aus den Groß- und
Kleinhändlern geworden?«
»Sie hätten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer
Genossenschaft anschließen oder den Laden einer solchen verwalten
können. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthätigkeit
zu suchen,« entgegnete Forest. »Die Arbeiter Ihrer Tage hätten
in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf
genossenschaftlicher Grundlage organisieren können, bis die gesamte
Industrie durch große, in Nationalverbände vereinte, Genossenschaften
betrieben worden wäre.«
»Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen
und Wagnisse nicht übernehmen, welche von der Führung eines eigenen
Geschäftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, für Lohn zu arbeiten
und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhöhen, indem sie die
Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Plätze der
Streiker einzunehmen,« sagte ich. »Ihnen sind diese Verhältnisse
jedenfalls bekannt.«
»Allerdings,« erwiderte Forest, »und es muß auf den unbeteiligten
Beobachter einen trübseligen Eindruck gemacht haben, daß tüchtige
Arbeiter, die ihr Geschäft gründlich verstanden, anstatt auf
gemeinschaftliche Kosten eigene Geschäfte zu begründen, Lohnarbeiter
blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten,
als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam
verhindernd, für den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten.
Der Umstand, daß die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
nicht Unternehmungsmut, geistige Befähigung und Unabhängigkeitssinn
genug besaßen, für eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche
Gesellschaft in den Kommunismus gestürzt. Daß diese fluchwürdige
Staatsform ein kläglicher Fehlschlag werden mußte, war eine aus der
menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches
noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, daß die
Schuhmacher nicht einmal thatkräftig und klug genug waren, für eigene
gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel
lieber 'Lohnsklaven' blieben, streikten und andere Arbeiter prügelten,
welche für den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kümmerliches
Geschlecht war natürlich geistig durchaus unfähig, ein Staatswesen zu
bilden, welches alle menschliche Thätigkeit und den Verbrauch aller
Arbeitserzeugnisse regelt.«
»Jedenfalls ist die Thätigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche
Rechnung die vernünftigste Lösung dessen, was viele Arbeiter auch heut
noch die sociale Frage nennen,« fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze
Pause gemacht hatte. »Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern
den vollen Lohn für ihre Thätigkeit und erhalten den Wettbewerb
aufrecht, die mächtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob
wir aber diese Lösung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr
zweifelhaft.«
»So weit die in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiter in
Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,«
gab ich zu. »Wie würden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt
haben, die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte, der Eisenbahnbeamten
und -Arbeiter, der Angestellten an den Straßenbahnen, der Kaufleute,
Bankiers und vieler anderer Berufszweige?«
»Lassen Sie uns schrittweise vorgehen,« entgegnete Forest lächelnd.
»Beschäftigen wir uns zunächst mit der agrarischen Frage, welche seit
Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die größten
Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen
Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe für den Boden, den sie
bewirtschaften. Das Land gehört ihnen ebenso wenig, wie das, was sie
demselben abgewinnen. Sie glauben, daß sie für die Städter arbeiten
müssen, welche auf Kosten der Landbevölkerung bevorzugt werden. -- Hätte
man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die
Landfrage behandeln wolle, so würde ich ein Gesetz befürwortet haben,
nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen dürfte. Diejenigen
Bauern, welche damals mehr Land besaßen, hätten dasselbe behalten,
aber nach ihrem Tode hätte niemand mehr als 40 Acker erben dürfen. Auf
einem 'Vierzig-Ackerstück' kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in
Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide
und Früchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschädigte die
Farmer doch die Aussicht auf die beständige Vermehrung der Bevölkerung,
verstärkt durch Einwanderung, für die kümmerliche Gegenwart; denn die
Bevölkerungsvermehrung steigerte natürlich den Wert der Farmländereien.«
»Aber wie hätten Sie der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse
Einhalt thun können, wodurch die Landbevölkerung im Jahre 1887 so schwer
litt?« fragte ich.