»Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus

das Wort zu reden,« antwortete Forest »Es ist einfach unmöglich, mit

einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen

und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit

der Angaben Ihres Gastfreundes, »daß wir mehr Arbeit aus den Frauen

herauswirtschaften« (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den

Frauen Ihrer Zeit.«

»Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten

Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben

als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt

werden,« bemerkte ich. »Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es

heute keine Hausarbeit mehr giebt.«[27]

»Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so

stark ist,« antwortete Forest. »Wer fegt die Zimmer, macht die Betten,

reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden?

Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die

Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht

alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in

Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder

überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?«

Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen,

daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend

welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn

sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung

einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte

mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten

oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den

ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine

»unermüdliche Bazarbesucherin« sei,[28] dadurch andeutend, daß sie viele

müßige Stunden habe.

»In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen,

haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps,

d. h. von den Frauen der »industriellen Armee«. Sie müssen alle die

Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das

Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie

Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre

Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische

erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und

wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal

sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder

daheim essen würden.«

»Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,« fuhr Forest fort, »wird

erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb,

daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen

diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen,

und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der

Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. -- Aus

den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche

Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig Zeit, außer

der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben

würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit

ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne

damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die

gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen

Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie

ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und

Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine

Frau Hosmer sagte mir vor einigen Tagen, daß sie und ihre sieben Kinder

schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich

war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden

und zu waschen.«

»Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?« fragte ich.

»Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen

Ordnung,« antwortete Forest. »Die meisten verheirateten Frauen

finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen

und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die

Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten

als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der

verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.«

»Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist,

festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind,

oder nicht,« bemerkte ich.

»Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich,

die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und

diese Beschuldigung zu erweisen,« fuhr Herr Forest fort. »Diese

Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die

Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang

verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, -- diese Umstände werden

von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung

geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden

müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres

sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte

oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als

Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien

wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und

nach der Einführung der »freien Liebe« als Gesetz zur Regelung des

geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib

bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden

in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die

Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des

Arbeiterheeres widmen könnten.«

»Wie gemein!« rief ich. »Alle menschlichen Einrichtungen, die

Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf

die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen

die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die

jungen »Zweihänder« hundertweise aufzufüttern, obschon bei der

Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig

Prozent größer wäre.«

»Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den

Kommunisten,« sagte Forest. »Der Grundstein, auf welchem der

Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß

die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit

der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn

wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von

verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig

kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind,

dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens,

als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso

guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt

keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind

mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter

mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, -- dadurch

kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum

Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. -- Die Radikalen

sind die allein waschechten Kommunisten.«

»Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten;

ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,«

warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon

ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten

scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ.

»Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen,

es mir ganz klar zu machen, wie sie die »freie Liebe« regeln wollen,

falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,«

antwortete Herr Forest. »Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit,

diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die

Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die

»freie Liebe« sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein

Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden,

wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten

und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde

Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem

Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie

sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide

Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der

Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem

Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht

aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten

für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern

dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben

Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die

Reihenfolge »auskegeln«. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die

Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!«

»Ich kann mir nicht vorstellen,« sagte ich, »wie Männer, welche das

freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten,

solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als

fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der

Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze

jemals den Sieg erringen sollten. »Freie Liebe« müßte die Stellung der

Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht

geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen

aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen

und andern Menschen anvertraut werden sollte.«

»Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen

die Menschheit geführt wurde,« entgegnete Forest, »wenn die Pflege und

die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte.

Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können

für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche

das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die

Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern

bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen

an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und

der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden

Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der

beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider

Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann

und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten

Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle:

der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben,

die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen.

Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem

Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit

für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die

heranwachsenden Geschlechter ausüben.«

»Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um

die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?« fragte ich mit

einiger Neugierde.

Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine

Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte.

»Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung

niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand

bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und

für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber

unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen

erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die

Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin

um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm

opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern,

der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines

Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste,

was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird

sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch

seine Adern rollt.«

Sechstes Kapitel.

»Nun, Herr Forest,« sagte ich, als ich wiederum mit meinem Vorgänger in

der Professur zusammentraf, »teilen Sie mir doch freundlichst mit, wie

groß das Jahreseinkommen jedes Bewohners der Ver. Staaten von Amerika

ist.«

»Das Einkommen wurde letztes Jahr auf 204 Dollars berechnet,« antwortete

Forest.

»Zweihundertundvier Dollars sagen Sie?« rief ich erstaunt. »Ist das

Alles? Nach den Angaben des Dr. Leete und nach seiner Lebensweise hatte

ich angenommen, daß der Betrag mindestens dreimal so groß sein müßte.«

Forest lächelte. »Wie hoch war das durchschnittliche Jahreseinkommen der

Bewohner der Ver. Staaten zu Ihrer Zeit?« fragte er.

Ich mußte gestehen, daß ich keine Vorstellung davon hatte.

»Es betrug 165 Dollars,« sagte Herr Forest, »doppelt so viel, wie das

Durchschnittseinkommen der Bewohner Deutschlands und Frankreichs.«

Ich wurde durch diese Zahlenangaben ganz verwirrt. Ich hatte mich

niemals mit volkswirtschaftlichen Übersichten beschäftigt und jährlich

wohl zwanzigmal 165 Dollars verausgabt. Ich erinnerte mich nur, einmal

in den Zeitungen gelesen zu haben, daß der Jahresverdienst aller

arbeitenden Männer, Frauen und Kinder sich auf mehr als vierhundert

Dollars beliefe und ich hatte eine dunkle Vorstellung, daß das

Jahreseinkommen der Männer durchschnittlich etwa 600 Dollars war. Ich

teilte dies Herrn Forest mit.

»Sie haben bei Ihrer Berechnung die Frauen und Kinder nicht

berücksichtigt, welche nichts verdienten, sondern von dem Einkommen

ihrer Gatten, Väter oder Brüder lebten,« erklärte Forest. »Ein

Jahreseinkommen von 204 Dollars für alle Männer, Frauen und Kinder

würde demnach eine erhebliche Zunahme des Volksreichtums anzeigen,

wenn die Zahl richtig berechnet wäre. Das ist aber nicht der Fall.

Um den Volkswohlstand recht groß erscheinen zu lassen, wird der Wert

aller Arbeitserzeugnisse viel höher angegeben, als in Ihren Tagen.

Die natürliche Folge ist, daß die Kaufkraft des Dollars auf unseren

Guthabensscheinen geringer ist, als der des Dollars zu Ihren Zeiten.

Ich habe die Preise aller Lebensbedürfnisse und Luxusgegenstände in

den Jahren 1900 und 2000 miteinander verglichen und gefunden, daß die

Preissteigerung sich auf nahezu 95 Prozent beziffert. Das wirkliche

Jahreseinkommen unserer Bevölkerung beläuft sich demnach nur auf etwa

112 Dollars; es hat also nicht um 24 Prozent zugenommen, sondern ist um

33 Prozent geringer geworden.«

»Wie erklären Sie diese auffälligen Angaben?« fragte ich.

»Diese Frage ist leichter gestellt, als beantwortet,« meinte Forest.

»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung,« bemerkte ich. »Dr. Leete

hat so viele annehmbare Gründe gegeben für die »Armut, welche die Folge

unseres absonderlichen Wirtsschaftssystems war,«[29] daß ich von dem

größeren Reichtum Ihres Volkes ganz überzeugt wurde. Er erwähnte die

häufigen »verfehlten Unternehmungen« im neunzehnten Jahrhundert, den

»Verlust durch Konkurrenz«, die »periodische Überproduktion« von Werten

aller Art, mit darauffolgenden Arbeitsstockungen, den Verlust, »den die

Nichtbeschäftigung von Kapital und von Arbeitskraft zu allen Zeiten

verursacht«[30] und er hob besonders hervor, daß von fünf Unternehmungen

im neunzehnten Jahrhundert vier fehlschlugen, »ehe eine erfolgreiche

kam.«[31]

»Ja! Ich kenne die Ansichten und Gründe, welche Dr. Leete geltend

macht, aus seinen gelegentlichen Reden, sowie aus den Aufsätzen, die

er zuweilen für Regierungszeitungen liefert,« entgegnete Forest. »Und

er hat unzweifelhaft noch andere Ursachen geltend gemacht, welche die

Arbeit Ihrer Zeit schädigten. Wahrscheinlich hat er Sie auch aufmerksam

gemacht auf die Kosten, welche das Heer und die Flotte veranlaßten,

sowie die Zoll- und Steuerbeamten, die Steuereinschätzer und Einnehmer,

die vielen Richter und andere Beamte, welche Sie brauchten. Er wird auf

die viele Arbeit verwiesen haben, welche das Waschen und Kochen in den

einzelnen Haushaltungen verursachte, sowie auf die große Anzahl von

Zwischenhändlern, welche die Waren durch ihre Hände gehen ließen, ehe

die Arbeitserzeugnisse von den Arbeitern zu denjenigen gelangten, welche

sie gebrauchten. Und Dr. Leete wird auch die Rechtsanwälte, Bankiers,

sowie deren Gehilfen erwähnt haben, welche zwar in ihrer Art arbeiteten,

aber keine Werte hervorbrachten. Alle die Arbeitskräfte, welche in

jenen Berufszweigen beschäftigt waren, sind jetzt dem Arbeiterheere

einverleibt worden.«

»In der That,« sagte ich, »Dr. Leete hat die meisten Ursachen für die

Armut unseres Zeitalters, welche Sie da namhaft machten, mir aufgezählt.

Und da jene Übel jetzt wegfallen, erscheint es mir ganz natürlich, daß

unter Ihrem Arbeitssystem das durchschnittliche Jahreseinkommen des

Volkes ein größeres sein muß, und es wundert mich nur, daß die Zunahme

des Wohlstandes nicht noch größer ist.«

»Ich werde keine Zeit damit verschwenden,« begann Forest wieder,

»eine eingehende Untersuchung darüber anzustellen, wie groß der

Verlust war, welcher aus all' jenen Ursachen für die Arbeit des

neunzehnten Jahrhunderts entstand. Es scheint mir aber, daß Sie die

Wirkung derselben überschätzen. Unglückliche Spekulationen schädigten

beispielsweise allerdings die Unternehmer, aber in den meisten Fällen

erzeugten sie doch Werte, welche den Volksreichtum vermehrten und

schließlich anderen zu gute kamen. Der »wahnsinnige Wettbewerb« dagegen

machte die Waren billiger, vermehrte dadurch deren Verbrauch und

dadurch wieder deren Herstellung und gereichte somit der Menschheit

doch auch wieder zum Nutzen. Die Behauptung, daß vier Unternehmungen im

neunzehnten Jahrhundert fehlschlugen, ehe eine Erfolg hatte, ist eine

jener Angaben des Dr. Leete, welche der vereinte Glaube von zehn der

stärksten Männer nicht verdauen könnte. Sie müssen selbst am besten

beurteilen können, daß das eine unsinnige Übertreibung ist.«

»Die Ersparnisse, welche aus dem gemeinschaftlichen Kochen entstehen,

haben wir bereits untersucht,« fuhr Forest fort. »Wenn in der That

ein Vorteil daraus entsteht, so ist er in den Städten gering, auf dem

Lande noch geringer und keinenfalls bietet er Entschädigung für den

Verlust an häuslichem Behagen, welcher daraus entsteht. Ferner müssen

wir berücksichtigen, daß viele Richter, Rechtsanwälte, Bankiers,

Beamte und Zwischenhändler, sowie deren Gehilfen Männer waren,

welche das einundzwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht, oder das

fünfundvierzigste Lebensjahr bereits zurückgelegt hatten. Diese Leute,

welche außerhalb des Dienstalters des Arbeiterheeres standen, sind

also abzurechnen von denjenigen, deren unproduktive Thätigkeit als ein

Verlust angesehen werden muß.«

»Dennoch müssen die Verluste, welche aus schlecht angelegtem Kapital

und schlecht geleisteter Arbeit, sowie aus vielen andern Ursachen

entstanden, ganz ungeheuer gewesen sein,« sagte ich. »Und diese

Verluste machen die große Armut des Volkes am Ende des vorigen

Jahrhunderts sehr erklärlich.«

»Unzweifelhaft würde dem so sein,« meinte Forest, »wenn nicht andere

Ursachen für eine Abnahme unserer Leistungsfähigkeit wirksam wären.

Aber solcher Ursachen giebt es mehrere und Sie werden deren Tragweite

wohl erkennen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache. Die Hauptursache,

welche den beständigen Rückgang in der Menge, wie in der Güte

unserer Arbeitserzeugnisse verschuldet, liegt in der Beseitigung des

Wettbewerbes. Diese Riesenkraft war es, welche während der ersten

neunzehn Jahrhunderte christlicher Civilisation jedermann antrieb,

seine besten Geistes- und Körperkräfte einzusetzen. Seit aber der

Kommunismus eingeführt worden ist, seitdem der faulste Arbeiter ebenso

viel erhält, wie der fleißigste, d. h. seitdem der Fleißige zu Gunsten

des Faulen um einen Teil seiner Arbeitsergebnisse beraubt wird, seitdem

jedermann sicher ist, einen gleichen Anteil von den Arbeitsergebnissen

zu erhalten, gleichviel ob er viele und gute, oder wenige und schlechte

Arbeit geliefert hat, -- seitdem werden die Massen des Volks von Jahr

zu Jahr gleichgültiger und träger. Sie setzen nicht mehr ihre besten

Kräfte ein, um gute und viele Arbeit zu liefern. Sie machen sich das

Leben bequem. Die geistigen wie die körperlichen Fähigkeiten sind in

beständiger Abnahme begriffen. Das Volk der Ver. Staaten, einst berühmt

wegen seiner Findigkeit und Thatkraft, entartet. Die Beförderung der

Tüchtigsten hätte vielleicht als Sporn dienen können, hätte nicht

die Günstlingswirtschaft der Politiker alle guten Stellungen für

die Verwandten jener Wahlzutreiber in Anspruch genommen, welche die

Helfershelfer der Regierung sind.«

»Ein anderer Grund für die Abnahme des Volkswohlstandes ist die

Verkürzung der Arbeitszeit, sowohl der Jahre, wie der täglichen

Arbeitsstunden. Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen

beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Lebensaltern zu Ihrer Zeit in

nutzbringender Thätigkeit beschäftigt waren. Die letzte Volkszählung,

welche in den Ver. Staaten veranstaltet wurde, ehe Sie in Ihren

hundertjährigen Schlaf fielen, fand im Jahre 1880 statt. Der Bericht

ist ein sehr ausführlicher sowohl in Bezug auf die Zahl der Leute

verschiedenen Lebensalters, sowie auch in Hinsicht auf ihre Abstammung

u. s. w. Aber in Bezug auf das Alter der Arbeiter giebt der Bericht

nur drei Abteilungen. Die erste umfaßt alle Leute unter 15 Jahre, die

zweite alle Menschen zwischen 16 und 59 und die dritte alle Arbeiter

über 60 Jahre. Von Mädchen und Knaben unter 15 Jahren wurden 1 118 356

beschäftigt; im Alter von mehr als 60 Jahren 1 004 517 Leute, von

welchen 70 873 Frauen waren. Von 50 155 783 Bewohnern der Ver. Staaten

gehörten nicht weniger als 17 392 099 dem Arbeiterheere an, wovon

2 647 157 weiblichen Geschlechts waren, die Dienstmädchen eingerechnet.«

»Ich erinnere mich, diese Zahlen gelesen zu haben,« bemerkte ich.

Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy · 第 5 / 8 段