ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft
Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen,
welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstörung zu
entfalten. Wäre das Volk frei und unabhängig, so wäre die Gefahr nicht
so groß. Dann würden alle freien Männer sich zur Verteidigung der von
ihnen geschätzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge
jetzt stehen, sind die Massen gewöhnt, sich unter die Herrschaft einer
Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener
Männer würde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten
der Bürger finden, die bereit wären für die Aufrechterhaltung der
jetzigen Ordnung der Dinge zu kämpfen. Und es wird ein verhängnisvoller
Tag für die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft
gewinnen.«
»Haben Sie mir nicht mitgeteilt, daß vor zwölf Jahren die damalige
Regierung die Wahl verlor und dadurch gestürzt ward?« warf ich
ein. »Und beweist das nicht, daß selbst eine Regierung mit einer
Machtvollkommenheit wie die Ihrige schließlich doch geschlagen werden
kann? Und sagten Sie nicht ferner, daß die jetzigen Oberbeamten
tüchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte
Regierung bildeten?«
»Eine Besserung in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ist
nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr
wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht
aber eine Änderung des Systems stattgefunden. Günstlingswirtschaft,
Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie
sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer
viel zu üppig. -- Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwölf Jahren
im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwählung der
jetzigen Parteiführer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung
unseres öffentlichen Lebens und die Abstellung aller Übelstände
erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, daß
unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung überhaupt
bestehen könnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen
nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf
eine Besserung der Zustände unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin
hat der Sieg mehr geschadet, als genützt. Der stärkste und verläßlichste
Bestandteil unserer Bevölkerung in einem Kampfe für vernünftige
Regierungsgrundsätze würden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer großen
Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen
Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der
jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die
Mitglieder der anderen Zünfte.«
»Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen
Bürger?«
»Allerdings; aber sie beklagen sich, daß sie die schlechtesten Waren
erhalten und nicht den vollen Anteil an öffentlichen Einrichtungen
oder Verbesserungen. Sie behaupten, daß sie beständig zurückgesetzt
werden. -- Die Bauern würden die verläßlichsten Kämpfer gegen die
Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der
Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mißvergnügt gemacht, daß
bei einem Kampfe für die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung,
oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen
ist. Besonders klagen die Bauern darüber, daß die Städter bei Anlage
von Theatern, Musikhallen und anderen Vergnügung- und Erholungsplätzen
entschieden bevorzugt würden. Es ist natürlich unmöglich, an jedem
Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber
wenn die Bevölkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen
wird, so muß zugegeben werden, daß die Bauern im Verhältnis zu ihrer
Zahl recht kümmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die
Unterstützung der Stadtleute und solcher Zünfte, welche hauptsächlich
aus Städtern gebildet werden; deshalb werden die Städter auf Kosten der
Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, daß sie bei
der Austeilung der Waren übervorteilt worden. Infolge des wechselnden
Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer
Ursachen bleiben in den Warenhäusern oft Reste liegen, welche »mit
Verlust verkauft« werden müssen.[24] Diese Waren kann die Regierung
verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise
dafür erhalten zu können. Die Regierung kann aber auch allein darüber
bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden
sollen. Nun behaupten die Bauern, daß verlegene, unmoderne und schlechte
Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; während
Begünstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und
fehlerlos sind. -- Ich will durchaus nicht behaupten, daß alle Klagen
unserer Bauern begründet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein.
Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie
sind nur möglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit
bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht
dasteht. Es ist das System, welches alle diese Übelstände erzeugt.«
»Bestehen außer der radikalen und der Regierungspartei noch andere
Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten
streben?«
»Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thätig und gut organisiert
ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch
diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit
gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern läßt sie gewähren. Bisher
haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.«
»Ich sehe wohl, daß Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht
viel Anerkennung zu teil werden lassen für irgend etwas, was
unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, daß die
Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt
annähernder Gleichheit große und unschätzbare Errungenschaften des
Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der
unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten.
Ich bin nicht genügend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um
alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheißen oder ihnen widersprechen
zu können. Aber ich betrachte die gänzliche Beseitigung der Armut als
eine so großartige Errungenschaft, daß ich trotz Ihrer Verdammung des
jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen
Gesellschaft gelingen, die Unzulänglichkeiten zu überwältigen, welche
von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich
sind.«
»Mein verehrter Herr West, es freut mich außerordentlich wahrzunehmen,
daß Sie in Ihren letzten Äußerungen zur Verteidigung des Kommunismus
dieselben Gründe vorführen, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer
Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist
das einfach zweierlei: Erstens, daß uns unter Gottes Sonne auf der
Erde nichts vollkommen ist und zweitens, daß auch jede Regierung das
zugestehn muß. Die Abschaffung der wirklichen Armut hätte, wie ich
später über jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rückfall
in den Kommunismus durchgeführt werden können. Dadurch wären uns die
schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden.
Die Thatsache, daß die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden
Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln können und daß selbst
solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tüchtigkeit
bereits emporgearbeitet hatten, bei der jährlichen Neueinteilung in
die zweite Abteilung des dritten Grades zurückversetzt werden können,
die Günstlingswirtschaft, welche die Regierung eingeführt hat, haben
eine unerhörte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verläumdungssucht und
Verderbtheit großgezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner
eine Zeit gegeben, in welcher im öffentlichen wie im geschäftlichen
Leben so wenig Unabhängigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten.
Als vor zweihundertunddreißig Jahren England den Versuch machte, eine
Theesteuer einzuführen, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen,
weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer
Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem
Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfügt die
Regierung über die Arbeit aller Männer und Frauen während vierundzwanzig
langer Jahre, ohne daß der Blüte des amerikanischen Volks auch nur
eine Gelegenheit gegeben würde, darüber abzustimmen, wie die Regierung
die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon
das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter
#civilisierten# Völkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern.
Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort
Schillers:
Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht;
Vor dem freien Manne erzittere nicht.
Fünftes Kapitel.
Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten
Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das
tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns.
Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes,
verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete,
daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith
mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner
Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich
ausübe.
Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine
Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung
der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne
Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen,
wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.
Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von
dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten,
die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle
sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen,
sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen
Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen
ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der
Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht.
Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf
freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen
konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten
Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen
die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit
mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken
gar keinen Gefallen.
Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem
Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch
klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso
seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten
war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des
Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen
Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber,
daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über
jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen
einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so
lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die
Regierung einzutreten.
So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft
nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte,
welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber
ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht
angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden
mit ihrem Lose, aber auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu
ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge
und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen
Anteil nähmen.
Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straßen Bostons
nach Dr. Leetes Haus zurückgekehrt war und den Hausflur betreten hatte,
hörte ich aus einem anstoßenden Zimmer, dessen Thür offen stand, eine in
sehr lautem Tone geführte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten
unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor
Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten:
»Fräulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.«
»Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,«
antwortete Dr. Leete. »Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu
wiederholen.«
»Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich
meine,« fuhr die Stimme fort. »Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und
habe heut Fräulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil
Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat.
Jetzt aber wird mir in kühler Weise eröffnet, daß ich mich irrigen
Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht bestätigt, daß
der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in
Ihrem Garten ausgraben ließen, der Mann ist, den Fräulein Edith allen
andern vorzieht -- selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen
ermutigte.«
»Herr Fest, ich wünsche, daß Sie die Bildung und Gesittung des
zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner
Tochter und von meinem Gaste sprechen,« sagte Dr. Leete etwas erregt.
»Natürlich muß ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich
durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die
Entdeckung mache, daß das Mädchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr
altes Menschenkind vorzieht,« sagte Fest bitter und höhnisch.
»Wie können Sie nur so beleidigende, unwahre Reden führen!« rief
Edith in zorniger Aufregung. »Niemals während unserer zehnjährigen
Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie andere Gefühle für
mich hegen, als die eines Bruders.«
»Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen,« erklärte
jetzt Dr. Leete. »Nach den stattgehabten Erklärungen wird Herrn Fest
ohne Zweifel sein Gefühl sagen, daß die bisherigen Beziehungen nicht
fortgesetzt werden können.«
»Natürlich können unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,«
schrie Fest im höchsten Zorne. »Ich verlasse Sie jetzt und erkläre
Ihnen hiermit, daß ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht
betreten werde. Sollte ich je zurückkehren, so werde ich als Feind
kommen, um Rache zu suchen für die Zerstörung meines Lebensglückes und
Herzensfriedens. Hüten Sie sich vor jenem Tage!«
Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater führte,
empörte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: »Bitte, sparen Sie
Ihre hochtönenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem
Liebhabertheater einen Bösewicht spielen und verlassen Sie sofort das
Zimmer.«
Der Mann vor mir war sechs Fuß und drei Zoll hoch, hatte breite
Schultern und gewaltige Fäuste. Er blickte spöttisch auf mich nieder
und sagte: »Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch
schonen, altes Männchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschämten
Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und
werfe Sie in die Massachusetts-Bay.«
Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das
Haus verlassen.
»Wer ist der Mann?« fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne daß ich
versucht hätte, mein Mißvergnügen zu verbergen.
»Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tüchtiger Mann in seinem Gewerbe
und Hauptmann im Arbeiterheere,« erklärte der Doktor. »Seine Eltern
lebten im nächsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith
zu spielen.«
»Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des
Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte,
dann müßte ich sagen, daß die Gesittung eher Rückschritte als
Fortschritte gemacht hat,« bemerkte ich.
»Es ist ein außerordentlicher Fall von Atavismus,« erklärte Dr. Leete.
»Solche Hitzköpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur
durch Vererbung erklärlich.«
Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen
konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht
unterdrücken, daß die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen
beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von
jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefühl hatte
und daß zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, daß ein
Mädchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte
nicht den geringsten Zweifel, daß Edith sich in dieser Angelegenheit so
gut benommen hatte, wie das beste Mädchen ihrer Tage. Dieser peinliche
Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allüberall
bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die
feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich
erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der
Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte:
»Und so erklären also die Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre
Liebe?«
Worauf Dr. Leete antwortete:
»Wenn es ihnen gefällt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden
Männer ihre Gefühle zu verbergen.«[25]
Ja freilich! Wenn die Mädchen ihre Liebe ebenso erklären, wie die Männer
das thun, dann muß freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden
Geschlechtern verwischt werden.
Ein Gefühl der Unruhe, ja des Widerwillens überkam mich.
»Vielleicht wäre es doch zweckmäßig, Herrn Fest wenigstens auf einige
Monate unter ärztliche Behandlung zu stellen,« sagte Dr. Leete
nachdenklich. »Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen
Aufregung und es ist nicht unmöglich, daß er eine unüberlegte Handlung
begeht, welche er später bereuen würde.«
»Vor hundert und dreizehn Jahren würden wir solch einen Menschen einfach
unter Friedensbürgschaft gestellt haben,« sagte ich, da mir der Gedanke
Entsetzen einflößte, daß ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus
gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoßen
hatte.
»Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Bürgschaft den
Frieden brach?« fragte der Doktor.
»Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten;
entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefängnishaft, oder, im Falle eines
Mordes, mit Tötung.«
»Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt,
in ein Hospital, wo tüchtige Ärzte ihn so lange in Behandlung nehmen,
bis sie ihn für genügend hergestellt erachten und seine Entlassung
verfügen,« sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit
und Güte, während er eine frische Havannacigarre anzündete.
»Ich glaube nicht, daß du viel wagst, Papa,« sagte Edith, »wenn du dem
Manne erlaubst, seiner Berufsthätigkeit nachzugehen. Er braust schnell
auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.«
»Dessen bin ich nicht so sicher,« antwortete Dr. Leete nachdenklich.
»So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief
und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht.
Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen
ausgesetzt zu sein.«
Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war
überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen
Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung,
eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes
Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.
Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach
dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem
Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine
Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der
rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem
hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im
zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen
Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der
Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende
Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht
wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz
der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel,
durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers
verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die
Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir
auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne
auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm
kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte.
Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die
Frage hin: »Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen
des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte
Damen zu nennen pflegten?«
Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses
Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und
entgegnete dann: »Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete
Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat
auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide
Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere
und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres
altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere
Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere
Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal
siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche
Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben
werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum;
freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen
wie eine Kaninchenherde. -- Das natürliche Schicklichkeitsgefühl,
welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist,
hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen
und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum
Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr
merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben
Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen
gelernt?«
»Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.«
»Sie werden ihr nicht entgehen,« weissagte Forest mit einem heiteren
Lachen. »Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die
unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer
den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es
Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour
schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren
Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen
Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge
Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen.
Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz,
sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und
bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie
nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.«
»Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein
Delong zu machen,« gestand ich. »Und auf Grund meiner persönlichen
Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens
viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten
Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen
Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren
Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.«[26]