»Einer der vielen großen Schäden, an welchen unser öffentliches und

gewerbliches Leben krankt, ist der Umstand, daß unter ihm nicht nur die

Günstlingswirtschaft, sondern auch die Korruption im größten Umfange

wuchern #muß#. Vor hundertunddreizehn Jahren konnten die Männer, welche

an der Spitze der Vereinigten Staaten standen, oder solche, die in

den nächsten Regierungskreisen Einfluß hatten, mitunter nach Willkür

Stellungen besetzen, in welchen für wenig Arbeit ein gutes Gehalt

bezahlt wurde; aber solcher Ämter gab es nur verhältnismäßig wenige.

Die Zahl der von der Bundesregierung angestellten Beamten betrug,

wenn ich nicht irre, nur etwa 80 000 und die Mehrzahl dieser 80 000

Ämter bestand aus kleinen Postmeisterstellungen. Diese Postmeister in

kleinen Dörfern und Landbezirken erhielten gar kein Gehalt, sondern

einen Teil des Geldes, welches sie für verkaufte Briefmarken einnahmen

und dieses Einkommen war ein so bettelhaftes, daß nur Kaufleute,

welche ohnehin den Tag über in ihren Läden zubrachten und die »Ehre«

nebst dem kleinen Gewinn so nebenbei mitnahmen, ein solches Bundesamt

annehmen konnten. Dazu kam, daß die verhältnismäßig geringe Anzahl

solcher Bundesämter, welche als »Sinekuren« bezeichnet werden konnten,

alle vier oder spätestens alle acht Jahre neu besetzt wurden. Unsere

Regierungen haben aber ein längeres Leben. Diejenige, welche zuletzt

abwirtschaftete, hat sechsundzwanzig Jahre gedauert. Und die Zahl der

Stellungen, welche unsere Regierung zu vergeben hat, ist sehr groß. Für

je zwölf Frauen oder Männer haben wir einen Aufseher oder Lieutenant;

von den Hauptleuten, Obersten usw. gar nicht zu reden. Und was wir gar

auf dem Gebiete der Schreiberei leisten, ist einfach ungeheuerlich. Wie

sie vermutlich wissen, führen wir sowohl in der Arbeits- wie in den

Verteilungsabteilungen Buch; ja noch mehr: jeder Bewohner und jede

Bewohnerin der Vereinigten Staaten hat in den Regierungsbüchern ein Soll

und ein Haben!«[20]

»Angesichts unserer großen und beständig wachsenden Bevölkerung ist das,

wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, daß das

nordamerikanische Gebiet, welches früher unter englischer Regierung

stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und daß unsere

Bevölkerung sich nach der Zählung von 1990 auf 414 000 000 belief. Sie

wird jetzt auf 500 000 000 Menschen geschätzt.«[21]

»Die ungeheuer umständliche Buchführung, welche durch den Kommunismus

notwendig gemacht wird und die Kürze der Arbeitszeit, welche die

Buchhalterinnen und Buchhalter als Günstlinge der Parteiführer genießen,

machen es notwendig, daß für je fünfzig Menschen ein Buchhalter

angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar für je

zweiundvierzig Einwohner einen Rechenkünstler. Dies giebt der Regierung

Gelegenheit, nach eigener Willkür 10 Millionen Frauen und Männern

reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen

guten Stellungen müssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im

Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung

rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden.

Hiernach können Sie ohne weitere Erklärung die außerordentliche Macht

ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausübt

und welche Versuchung die Ausübung dieser unerhörten Macht im Gefolge

hat.«

»Ist es denn nicht notwendig,« fragte ich, »daß diejenigen, welche

sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines

Buchhalters, bewerben, die nötigen Studien machen und eine Prüfung

ablegen müssen, ehe sie so wichtige Pflichten übernehmen?«

»Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,«

antwortete Forest. Ȇbrigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr

gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu

schwer auf den Schultern der Günstlinge unserer Regierung, und ich

glaube nicht, daß einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht.

Es ist natürlich für jemanden, der außerhalb des Regierungskreises

steht, nicht möglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bücher

geführt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwölf Jahren aus

dem Amte schied, wurde ein schier unergründlicher Pfuhl von Verderbnis

und Betrügereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestände

wurde festgestellt und es wurde ermittelt, daß Güter im Werte von

432 000 000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung

erklärten allerdings, daß diese Angaben falsch und nichts als böswillige

Verleumdungen seien, daß die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem

Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert

Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der früheren

Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht würden. Die abgegangenen

Beamten gaben zu, daß Waren fehlen könnten, weil die Angestellten in

den Warenhäusern stets reichliches Maß und Gewicht gegeben hätten; doch

könnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der

letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432 000 000

Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf

ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der

letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen hätten, als

ihnen zukam, ohne daß aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag

herausgestochen wurde.«

Ich fragte Forest, was er von diesen Beschuldigungen und

Gegenbeschuldigungen halte.

»Ich glaube, sie sind bis zu einem gewissen Grade nur zu wohl

begründet,« sagte mein Amtsvorgänger. »Die Versuchung unter unserem

elenden System ist eben für viele Menschen zu groß. Daß die Führer

der Regierungspartei ihren Verwandten und Freunden die besten

Stellungen geben, würde ich durchaus nicht tadelnswert finden, wenn die

Angestellten die ihnen übertragenen Ämter gut verwalten könnten. Aber

die 20 000 000 besten Stellungen im Lande sind durchaus nicht mit den

besten und tüchtigsten Frauen und Männern besetzt. So weit diese Ämter

und Stellen nicht den Verwandten und nächsten Freunden der höchsten

Beamten verliehen sind, werden sie an die Angehörigen der eifrigsten und

einflußreichsten Anhänger der Regierung vergeben. Und selbst das würde

erträglich sein, wenn die Günstlingswirtschaft da ein Ende erreichte, an

der Grenze der Verderbtheit und drückenden Willkür. Aber sie geht noch

viel weiter.«

»Klagen Sie die jetzige Regierung und deren Freunde der Korruption und

Tyrannei an?« fragte ich, entschlossen, meinen weiteren Unterredungen

mit Herrn Forest ein Ende zu machen, falls dieser entehrende Anklagen

gegen meinen Gastfreund vorbringen sollte.

»Ich spreche von dem jetzigen Regierungssystem und erwähne nur

Thatsachen, oder Handlungen, welche ich nachweisen kann,« antwortete

Forest. »Ich klage niemanden an lediglich weil ich daran Vergnügen

finde. Ich fühle, daß Ihre Frage auf Dr. Leete Bezug hat und obschon sie

nicht unmittelbar gestellt wurde, werde ich sie doch offen beantworten.

Ich halte Dr. Leete für einen der besten und ehrenhaftesten unter

unseren Parteiführern, aber auch er macht von den Vorteilen Gebrauch,

welche unter unserem System den Machthabern so leicht zugänglich sind.«

»Wollen Sie die Güte haben, Ihre Behauptung zu beweisen,« sagte ich

ruhig, aber bestimmt.

»Ich werde es Ihrem Urteil überlassen, zu entscheiden, ob ich in meinen

Behauptungen zu weit gegangen bin,« fuhr Forest fort. »Hat Dr. Leete

Ihnen nicht mitgeteilt, daß er schon »seit langen Jahren vorhatte in

dem großen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium für chemische

Zwecke zu bauen?«[22] Und hat er Ihnen nicht erzählt, daß er Arbeiter

kommen ließ, und daß diese das Gewölbe ausgruben, in welchem Sie

schliefen?«[23]

»In der That! Dr. Leete sagte, daß er ein chemisches Laboratorium

zu bauen beabsichtigte,« gab ich zu. »Gestattet ihm aber sein

Guthabensschein nicht eine solche Ausgabe?«

Forest sah etwas erheitert aus, als er mich fragte, ob ich jemals

gesehen hätte, wie groß der Gesamtbetrag des Jahresguthabens wäre.

Ich gestand, daß ich dies nicht wüßte. Die Lebensweise des Dr. Leete

zeugte von Überfluß und erschien mir gut genug für selbst hochgestellte

Ansprüche. Ich hatte mir deshalb noch nie die Frage nach dem genauen

Betrage seiner Einnahmen vorgelegt.

»Wenn es Ihnen genehm ist,« sagte Forest, »wollen wir über den

Volkswohlstand zu einer anderen Zeit sprechen. Heut wollen wir uns

darauf beschränken, die Neigung des Kommunismus zur Erzeugung von

Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit, Knechtssinn und Tyrannei zu

untersuchen. -- In Bezug auf Dr. Leete steht fest, daß er sich ein

chemisches Laboratorium bauen läßt, trotzdem dies Unternehmen in

offenbarem Widerspruch steht zu den Zwecken und dem Geist unserer

Einrichtungen. In dem Erdgeschosse dieser Universität befindet sich ein

sehr gutes derartiges Laboratorium und Dr. Leete hätte sicherlich nach

Gefallen in demselben experimentieren können, wenn er um die Erlaubnis

hierzu nachgesucht hätte. Schon sein Einfluß würde ihm diese verschafft

haben. Aber seine Eitelkeit veranlaßt ihn, ein überflüssiges Gebäude

errichten zu lassen, welches den Radikalen als ein neuer und sichtbarer

Beweis für ihre Anklagen gegen die herrschende Parteisippe dienen wird.«

»Von welchen Radikalen sprechen Sie?« fragte ich.

»Ich rede von den radikalen Kommunisten, welche die jetzige Regierung

bekämpfen, weil sie alle religiösen Gebräuche, die Ehe und das

wenige persönliche Eigentum abschaffen wollen, dessen Besitz jetzt

noch gestattet wird. Von unseren politischen Parteien und von deren

Grundsätzen werden wir später sprechen. Ich wollte Sie nur von der

Thatsache überzeugen, daß Dr. Leete zu seinem eigenen Gebrauche

und in offenbarem Widerspruch mit den kommunistischen Grundsätzen

ein chemisches Laboratorium errichtet, eine sehr kostspielige

Anstalt, welche mit den Guthabensscheinen von zehn Leuten nicht

hergestellt werden könnte und daß er auf diese Weise den Tadel aller

Regierungsgegner herausfordert.«

»Kann Dr. Leete nicht eine angemessene Miete für das Laboratorium

bezahlen?« fragte ich. »Ich sollte meinen, daß der vorhandene Überschuß

der Arbeitskräfte nicht besser benutzt werden könnte, als zur Errichtung

von Gebäuden, deren Miete alsdann das Staatseinkommen erhöht.«

»Wir haben aber keinen Überschuß von Arbeitskräften, wie Sie alsbald

erfahren werden,« sagte Forest. »Und stellen Sie sich nebenher einmal

vor, was geschehen würde, wenn jeder Bürger einen ähnlichen Aufwand

für Bauarbeiten und für die Anschaffung von Instrumenten beanspruchen

würde. Sie werden einsehen müssen, daß Dr. Leete eine Ausnahmestellung

beansprucht, was nach Anmaßung und Günstlingswirtschaft aussieht. Er

mißbraucht die Macht seiner Stellung und erregt dadurch böses Blut.«

Ich konnte gegen diese Auseinandersetzungen Forests nichts Haltbares

vorbringen und schwieg deshalb.

»Aber Günstlingswirtschaft und gelegentlicher Mißbrauch der

Regierungsgewalt zu Gunsten von Leuten wie Dr. Leete sind noch nicht

die schlimmsten Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben,« sagte

Forest weiter. »Auch die Thatsache, daß einflußreiche Männer häufig

Geschenke von Seide, Pelzen und goldenen Schmucksachen für ihre Frauen

und Töchter, sowie von Wein und Cigarren für sich selbst seitens solcher

Leute erhalten, welche die Fürsprache der Einflußreichen brauchen,

könnte ertragen werden, obschon solche Vorkommnisse ein offenbarer

Beweis für eine gewisse Verderbtheit im öffentlichen Leben sind. Die

schlimmsten Folgen dieses verdammenswerten Kommunismus sind die Tyrannei

und rücksichtslose Verfolgung aller Gegner der Regierung auf der einen

Seite, und der Knechtssinn, die Schmeichelei und Verleumdungssucht auf

der anderen Seite. Jeder Mann und jede Partei, welche eine erstrebte

Stellung erreicht haben, werden sich in derselben gegen alle Angriffe

ihrer Gegner zu behaupten suchen. Sie werden die Freunde belohnen, von

welchen sie unterstützt werden und ihre Gegner zurückzudrängen suchen.

Deshalb ist es sehr gefährlich, eine große Regierung mit einer Gewalt

zu bekleiden, welche die Herrschenden in den Stand setzt, das Volk in

seiner täglichen Erwerbsthätigkeit sein Lebenlang in Abhängigkeit von

der Gunst seiner Beamten zu erhalten.«

»Nach Ihrer Beschreibung erscheint die gegenwärtige Ordnung der Dinge

unerträglich,« sagte ich.

»Wenn Sie unter den Mitgliedern der verschiedenen Zünfte, besonders

unter den Ackerbauern, Nachfrage halten,« entgegnete Forest, »so werden

Sie finden, daß ich die Zustände genau so schildere, wie sie sind. Jedes

Mitglied des Arbeiterheeres weiß, daß Befähigung und Fleiß allein nur

in Ausnahmefällen genügen, um jemanden zu einer erstrebten Stellung zu

verhelfen. Politischer Einfluß ist der allmächtige Hebel, der allein

uns zu höheren Stellungen hinaufbefördern kann und um diesen Einfluß zu

erlangen, muß der Arbeiter zum Kriecher, zum Schleicher, zum Angeber

seiner Kameraden und zum Bestecher seiner Vorgesetzten werden; ja er muß

auch alle stimmfähigen Verwandten und Freunde beschwören, sich ihrer

Selbständigkeit zu entäußern und alle Maßregeln, sowie alle Mitglieder

der Regierung zu unterstützen.

»Wenn die Mitglieder des Arbeiterheeres ihre Offiziere oder Aufseher

wählen könnten,« fuhr Herr Forest in seinen Auseinandersetzungen fort,

»dann würde voraussichtlich die Disciplin in der »industriellen Armee«

nicht so strikt sein; aber selbst eine gelegentliche Auflehnung der

Leute gegen die Beamten würde dem jetzigen Stande der Dinge vorzuziehen

sein, unter welchem Alle, die sich den Groll ihrer Vorgesetzten

zugezogen haben, ein entsetzliches Dasein führen. Die Selbstmorde werden

deshalb alljährlich zahlreicher und die Zahl derjenigen, welche ihrem

Leben ein Ende machen, ist jetzt viermal so groß, wie zu Ihrer Zeit.«

»Vor 113 Jahren wurde auf die große Zahl der Selbstmörder in den

europäischen Heeren aufmerksam gemacht,« bemerkte ich nachdenklich.

»Diese Leute töteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung

und Wohnung keinen Mangel litten.«

»Allerdings,« bestätigte Forest. »Die notwendigen Lebensmittel ohne

Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten

ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht führen

mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit

nur zwei, drei oder fünf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten

einen verhältnismäßig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem

Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Männer und

Frauen sind während dieser langen Zeit der Willkür ihrer Vorgesetzten

preisgegeben und sie können, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange

Mißhandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem

andern Angestellten der Regierung Klage führen. Und diese sogenannten

»Richter« entscheiden solche Fälle endgültig meist dadurch, daß sie

die Kläger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit

der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Beförderung zu

erwerben.«

»Sie sprachen von Politikern, Herr Forest,« fragte ich. »Nehmen viele

Männer thätigen Anteil am politischen Leben?«

»Das will ich meinen,« rief Forest; »obschon allerdings in ihrer eigenen

Weise. Viele Männer und viele Frauen, welche das fünfundvierzigste

Lebensjahr zurückgelegt haben, thun nichts weiter, als daß sie sich

mit Politik beschäftigen. Mit ihrem Guthabensscheine können sie leben,

wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu

verbringen, wo sie eifrig und geschäftig sind, für ihre Freunde und

Schützlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie für solche Leute, welche

sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die »Lobby«,

welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb,

wird als eine böse Gesellschaft raubsüchtiger, gewissenloser Abenteurer

beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen ließen,

die Kongreßmitglieder zum Erlaß von Gesetzen zu Gunsten einzelner

Personen und Körperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr

zahlreiche und im äußeren Auftreten immerhin einigermaßen anständige

Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte,

so würde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule

mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger

Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von

Leuten, welche bessere Arbeit, oder Beförderung wünschen und sich

von dem Einfluß, den sie daheim geltend machen können, keine Wirkung

versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern

sich deren Dienste.«

»Aber was kann derjenige, welcher Vergünstigungen sucht, denjenigen

bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres

etwaigen Einflusses zu veranlassen,« fragte ich; »heutigen Tages sammelt

doch niemand Schätze?«

»Das thut allerdings niemand,« antwortete Forest lächelnd. »Aber

manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit »vergnügte Tage« machen und

zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljährlich den fünf- oder

zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen

Lichter führen das, was man ein »großes Haus« nennt. Sie empfangen viele

Gäste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und

manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen

Leuten eine Begünstigung verlangt, muß einen namhaften Teil seines

Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befördert wird, an

seine künftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes für das nach

Washington Abgegebene halten.«

»Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht

zufrieden?« fragte ich, schmerzlich überrascht davon, daß jetzt die

Wahlmacherei und die Verderbtheit noch üppiger zu wuchern schienen, als

vor 113 Jahren. »Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein

gewährt, genügend zum Lebensunterhalte des Volks?«

»Sie können die Menschen niemals zufriedenstellen,« sagte Forest.

»Heutzutage wird der tüchtige und fleißige Teil des Volks zu Gunsten

der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begünstigten müssen sich die

Unverschämtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer

Vorgesetzten gefallen lassen.«

»Und selbst die Männer und Frauen von den allergeringsten Fähigkeiten,

welche aus der gleichmäßigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den

meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal sämtlich zufriedengestellt.

Manche derselben fordern die Abschaffung alles persönlichen Eigentums

und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil

unserer Bevölkerung wirklich zufrieden. -- Zur Bestreitung größeren

Aufwandes für feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und

Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche

dergleichen regelmäßig genießen möchten, müssen sich nach Menschen

umsehen, welche unter Umständen bereit sind, dafür zu bezahlen. -- In

Washington leben aber nicht nur sogenannte »Lebemänner«, sondern auch

viele Mädchen und junge Frauen, welche Liebeleien, üppige Mahlzeiten,

feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lüderlichen

Lebens der regelmäßigen Thätigkeit im Arbeiterheere oder in der

Haushaltung vorziehen.«

»Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor?« fragte ich

erstaunt.

»Leider ist dem so,« entgegnete Forest. »Natürlich bekleiden jene

Mädchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen

Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von

Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des

Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum

noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist),

habe ich die Ansicht aussprechen hören, daß manche der höheren Beamten

den fünfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen

Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch,

daß sie den Leuten, welche Begünstigungen suchen, einen Betrag ihres

Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen

kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag

dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen

herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen,

daß sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten

Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden würden, falls

sie sich beikommen ließen, die politischen Größen der Regierung, welche

Waren entnehmen, wie gewöhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen

dieses üppige Leben auf viele Männer und Frauen ausübt, hat, wie ich

schon erwähnt, die Bevölkerung Washingtons außerordentlich vermehrt und

es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.«

»Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und

willkürliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,«

sagte ich; »und ich bin überzeugt, daß Ihre zur Schwarzseherei neigende

Lebensauffassung Ihr Urteil getrübt hat.«

»Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darüber bleiben, ob meine

Angaben richtig sind, oder nicht,« antwortete Forest. »Wenn Sie um

Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington

einen Ihrer begeisterten Vorträge über die Vorzüge der jetzigen

Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergnügen

gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington

wird man Sie glänzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher

Sie unsere Einrichtungen gegenüber denen des neunzehnten Jahrhunderts

preisen, gießt ja Wasser auf die Mühlenräder der Regierung. Sie werden

dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe

und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren

Freunden sprechen, welche die Regierung unterstützen, dann werden

Sie erfahren, daß dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der

Möglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und

nur eine Verschlimmerung für den Fall fürchten, daß die Radikalen ans

Ruder kommen.«

»Wie könnten die öffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer

gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind?« rief ich aus.

»Viele Leute fürchten, daß die Radikalen die Ehe beseitigen und »freie

Liebe« mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrängen würden,« erklärte

Forest. »In der That fordern die radikalen Zeitungen -- die einzigen

Blätter, welche eine rücksichtslose Sprache gegen die Regierung führen,

und diese scharf angreifen -- Verbot aller religiösen Gebräuche,

Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen

und Abschaffung des geringen persönlichen Eigentums, welches zu

besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.«

»Aber wie lassen sich solche Äußerungen und Forderungen der radikalen

Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie über die Behandlung von

Gegnern der Regierung erzählten?« fragte ich. »Wenn es gebräuchlich ist,

die Gegner der Regierung in Irrenhäuser zu sperren, so begreife ich

nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheußliche

Grundsätze zu predigen.«

Forest lachte, als er entgegnete: »Die radikalen Redakteure werden

begünstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten

der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in

Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung hineinängstigen. Jedesmal,

wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, dürfen die Redakteure der

Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfähigkeit im Schimpfen und in

der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der

Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszüge aus jenen unflätigen

Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk,

ob es solche Änderungen wünsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die

Regierung zu unterstützen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen

könne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden

habe -- und so weiter mit Grazie bis ins Unendliche.«

»Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze

geduldet, welche das Volk einschüchtern müssen, während es

den gemäßigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die

jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel

auszusprechen?«

Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy · 第 3 / 8 段