Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der
Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche
Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung
in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage,
welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: »#Sind wir alle einander
gleich?#« Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige
Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von
den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht
alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und
körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann
liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse
gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den
Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit
wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; -- und dann teilen
wir die sämtlichen »Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten,
zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade
noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.«[7] Hier sehen wir
also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar
aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine
#verschiedene# ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht
ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache.
Die #Ungleichheit# der Menschen wird also #ausdrücklich# anerkannt;
aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der #Gleichheit gleichmäßig
verteilt#!«
»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdruck fort,
»jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit.
Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen
Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl
aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare
#Räuberei#, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen
eines »Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der
Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen
wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit »nichts ist!« --
Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu
Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern
mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher
die Geschichte der Menschheit uns meldet.«
»Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation
des neunzehnten Jahrhunderts,« antwortete ich. »Nun wurden aber zu
unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber
»Lohndiebe« gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu
großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für
sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint
die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine
Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von
Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern
konnte.«
»Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten
Jahrhunderts,« rief Forest. »Ich behaupte nur, daß der #Wettbewerb#,
unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem
#Kommunismus#, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit #überlegen# ist.
Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte
leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber-
oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein
Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein
Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu
kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es
gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können,
ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre
dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten,
des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h.
allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller
Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen
können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. -- Wenn
die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit
keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und
das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen;
wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen
und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch
kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja
zugänglich war.
»Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung
unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was
unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber
ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er
hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden.
Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das »Recht«
aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die
Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen
Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf
genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit
verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die
sociale Frage nannten. -- Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor
der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist
und verwaltet wird.«
»Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der
Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor
aufgehäuft hatte,« sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs
dieser Frage wiedergebend. »Ehe diese Konzentration begann, und als
Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem
Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem
Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen
gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So
lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten,
jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter
beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den
beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine
Ausstände konnten nicht vorkommen.«[8]
»An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete
nicht zu meinen eignen machen,« sagte Herr Forest lächelnd. »Der Doctor
hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit
eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine
irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese
Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig
wurde. »Streiks« sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt,
verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete.
Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte
uns berichtet, die »_Secessio in montem sacrum_«, fand schon 494 vor
Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters
waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig;
obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war
(in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit
der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in
der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die »Freie
Presse«, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der
Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten
jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago
12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder
Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese
Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach
Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt.
Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen
der Geldmächte befunden hätten. -- Nichts ist leichter, als ins Blaue
hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist
oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.«
»Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?« fragte ich
in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge
ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen
verwies. »Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes?
Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese
Errungenschaften kleine Opfer wert?«
»Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines
nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß
Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend
überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft
diese »Errungenschaft« im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die
ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der
geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie
vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig
und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.«
»Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so
kann es ja eine Änderung vornehmen,« entgegnete ich. »Ihren Äußerungen
zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche
Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt,
welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu
sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge
zufrieden ist.«
Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: »Sie sind natürlich der
Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113
Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles
anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig,
die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade
Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in
alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der
Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die
Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine
Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb
ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm
der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung
der Dinge entschieden mißfällt.«
»Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die
jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß
neuer Gesetze ändern?« fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner
Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.
»Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,« entgegnete Forest. »Die
Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der
Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte
Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in
Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf
dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder
Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen
anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das
Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter
ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine
Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit
eingefallen wäre.«
»Sie wissen natürlich,« fuhr Herr Forest fort, »daß alle Rekruten
während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der
gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. »Erst nach dieser Periode,
während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur
Verfügung stehen, dürfen sie einen besonderen Beruf wählen!«[9] Sie
werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei Jahre der
Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können
einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn
aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch
wird nicht geduldet. Denn »ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun,
sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und
Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.«[10]
»Sie wissen ferner, daß »über die Leistungen jeder Person Buch geführt,
und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die
Nachlässigkeit ihre Strafe findet.«[11] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne
Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten »zu gestatten,
daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine
erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute
schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen
durchgemacht haben, steht in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes,
für den sie die meiste Neigung haben, offen.« Nun werden aber nicht nur
Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, »sondern es hängt
auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der
Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.«[12]
»Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige
in Industrie und Ackerbau, der Eigentümlichkeit ihrer besonderen
Bedingungen gemäß, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen
Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fähigkeit in solche ersten,
zweiten und dritten Grades überein; und in vielen Fällen sind diese
Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gemäß
seinen Leistungen als Lehrling erhält der junge Mann den Rang als
Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen
der Rangordnungen »finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenräumen
statt.«[13] .... »Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist
das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb
der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine
Specialität auszuwählen.«[14] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch
davon unterrichtet, daß soweit wie möglich »selbst die Neigungen des
schlechtesten Arbeiters berücksichtigt werden.« .... »Aber obwohl auch
die Wünsche der Arbeiter eines niederen Grades Berücksichtigung finden,
so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies
doch erst dann, wenn für die Arbeiter der höheren Grade gesorgt worden
ist und so müssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter
Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne
weiteres direkt eine Arbeit übertragen, wenn dies nötig wird. Dieses
Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und
wenn jemand seinen Rang verliert, so läuft er auch Gefahr, die Art
Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu müssen, welche
ihm weniger gefällt.«[15] .... Die hohen staatlichen Ämter sind »nur den
Männern des ersten Grades zugänglich.«[16]
»Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich über die
Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die
Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter
dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn großen Abteilungen stehen.
Diese Beamten können ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in
das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und
sie können diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer
guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit
zurückgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades
einer Zunft zu treten. Und ein solcher Günstling einflußreicher Leute
kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort
in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befördert worden
ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den
höchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. -- Sie können nicht
leugnen, Herr West, daß unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche
Günstlingswirtschaft ermöglichen.«
Ich mußte zugeben, daß solche Vorkommnisse möglich wären.
Herr Forest fuhr fort: »Andererseits können solche jungen Leute, welche
nicht die Söhne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr
glücklich schätzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit
einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Beförderung
nicht ausschließt. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung
können in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen
Zünfte gestellt und ihre Zeugnisse können so geführt werden, daß alle
Hoffnung auf Erlangung einer höheren Stellung ausgeschlossen ist. Und
solche Günstlingswirtschaft ist nicht nur möglich, sie besteht in
vollem Umfange. Die Söhne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner
der Regierung bekannt sind, führen ein Dasein, schlechter als das von
Sklaven und werden oft wie Fußbälle behandelt.«
»Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage führen können?«
fragte ich.
»Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Männer können vor einem Richter
Klage führen,« antwortete Herr Forest. »Aber die Richter niederen Grades
sind einfach Leute, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt
haben und vom Präsidenten auf fünf Jahre zu Richtern ernannt worden
sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird,
in allen Fällen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen
einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit führt. Alle solche
Fragen werden von einem einzelnen Richter #endgültig# entschieden; drei
Richter werden nur in besonders schweren Fällen berufen.[17] -- Die vom
Präsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natürlich Vertrauensmänner
und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, daß
sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten
eines »Widersetzlichen« entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden
endgültig entschieden werden, ohne daß dem Kläger das Recht zusteht,
vor einem höheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem
ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter übrig,
als auf seinen alten Posten zurückzukehren, wo sein Vorgesetzter,
gegen den es geklagt hat, es natürlich nicht besser behandelt als
zuvor. Im Gegenteile muß der »Widersetzliche« es in den meisten Fällen
schwer entgelten, daß er gegen einen Offizier Klage geführt hat. Bei
der nächsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier
den unglücklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades
stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der
erzürnte Offizier dem Mißvergnügten die schmutzigste, ungesundeste
Arbeit zuteilen.«
Dieses von Forest entworfene Bild der Zustände im Arbeiterheere erschien
mir um so entsetzlicher, wenn ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen
des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschüttert, daß ich mich
zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und
Schlüsse meines Vorgängers in der Professur anzukämpfen.
Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: »Nun erwägen
Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben
erwähnt habe, daß die Arbeiter »kein Stimmrecht ausüben oder irgendwie
bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden dürfen.«[18] »Der General
eines Gewerbes vollzieht die Ernennung für die Rangstufen unter ihm,
aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit
gewählt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und
ihre Entlassung erhalten haben.«[19] So, mein lieber Herr West, sind
also die Angehörigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der
Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gänzlich preisgegeben. Wenn sie
während dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, müssen sie allen
Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln nach Gunst streben. Sie müssen ihre stimmberechtigten Freunde
beeinflussen, damit diese nicht nur für die Regierung stimmen, sondern
das auch in möglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke
von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche
Gefühle. Verabsäumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese
Schritte und Maßregeln, so kann es, unter Umständen, vierundzwanzig
Jahre lang ein Leben führen, mit welchem verglichen das Schicksal
eines Plantagensklaven oder eines Kohlengräbers vor 150 Jahren als
beneidenswertes Dasein erscheinen muß. Denn ein Plantagenneger
stellte für seinen Eigentümer einen wertvollen Besitz dar, der nicht
leichtsinnig gefährdet werden durfte, während der Kohlengräber seine
Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschäftigung suchen konnte, wenn ihm
seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein
Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen
oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der
Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfähigen
Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, -- ein solches Mitglied
der »industriellen Armee« führt ein Leben, welches man sehr wohl
»vierundzwanzig Jahre der Hölle auf Erden« nennen darf.
»Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongreß keinen Einfluß
hat. Die große Mehrzahl seiner Mitglieder ist beständig bemüht, für
sich selbst, für Verwandte und für Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu
erlangen, daß sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies
ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit
sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjährige Reich
menschlicher Glückseligkeit nennt.«
Viertes Kapitel.
»Es steht durchaus im Einklange mit den Naturgesetzen und ist deshalb
recht,« begann Forest unsere nächste Unterredung, »daß ein Mann seinem
Sohne, seinen Verwandten und seinen Freunden beisteht und ihnen im Leben
vorwärts hilft. Einen Mann, der das thut, würde ich nie tadeln; sondern
im Gegenteile diejenigen, welche das unterlassen, was ich für die
Pflicht jedes Mannes halte. Selbstverständlich müssen aber der Sohn, die
Verwandten oder die Freunde befähigt sein, die Stellungen auszufüllen,
für welche sie in Vorschlag gebracht werden. -- Ich entsinne mich, daß
einige Geschichtsschreiber über die Günstlingswirtschaft geschrieben
haben, welche zu ihrer Zeit bei der Vergebung von Bundesämtern
geherrscht haben soll und daß besonders General Grant beschuldigt wurde,
alle Zeit seine Verwandten und Freunde bei Anstellungen bevorzugt zu
haben. Das aber gefällt mir gerade an dem großen Feldherrn, daß er an
seinen Freunden so unerschütterlich festhielt und ich entschuldige
deshalb um so lieber die Mißgriffe, die er mitunter bei der Auswahl der
Beamten machte. Denn diese Mißgriffe wurden veranlaßt durch sein gutes
Herz, das seinen Freunden immer treu und mitunter geneigt war, deren
Befähigung und Ehrenhaftigkeit zu überschätzen. Wenn die Bande des
Blutes und der Freundschaft nicht mehr zusammenhalten, worauf sollen
wir dann noch vertrauen? Und da jedermann naturgemäß die Gesinnung und
die Befähigung seiner Verwandten und Freunde besser kennen muß, als die
Eigenschaften andrer Leute, so ist es ganz in der Ordnung, daß er die
ihm Nahestehenden, deren Befähigung er kennt, zunächst anstellt.«