Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie di

Anmerkungen zur Transkription

Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde #so# markiert.

Text, der nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war,

wurde _so_ markiert, außer bei Regentenzahlen, wie Ludwig XVI.

Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen,

auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen benutzt wurden,

außer bei offensichtlichen Fehlern.

Ein Blick in die Zukunft.

Von

Richard Michaelis,

Redakteur der »Chicagoer Freien Presse«.

Eine Antwort auf:

Ein Rückblick

von Edward Bellamy.

Leipzig.

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Chicago and New York.

Rand, McNally & Company, Publishers.

Vor Nachdruck gesetzlich geschützt. Alle Rechte sind vorbehalten.

Vorwort.

Jedes Streben nach der Wahrheit und Besserung unserer Zustände verdient

Anerkennung; selbst wenn wir die Richtung und die vorgeschlagenen

Maßregeln nicht billigen können. Herrn Edward Bellamys Buch, »Ein

Rückblick«, stellt einen Versuch dar, die Lage der Menschheit zu bessern

und ist deshalb lobenswert; aber wenn wir seine Verbesserungs-Vorschläge

des schillernden Mantels entkleiden, mit welchem er sie umgeben

hat, so bleibt nichts übrig, als nackter Kommunismus. Und dieser

hat sich überall, wo er ohne religiöse Grundlage eingeführt wurde,

als ein Fehlschlag erwiesen. Heute ist er nur noch bei Wilden und

Menschenfressern »Staatsform«.

Chicago war während der letzten vierzehn Jahre der Mittelpunkt der

kommunistischen und anarchistischen Bewegung in den Ver. Staaten.

Während ich in der »Freien Presse« die Grundsätze, auf welchen das

amerikanische Staatswesen beruht, gegen jene aus den überbevölkerten

europäischen Industrie-Ländern eingeschleppten Lehren verteidigte,

wurde ich sowohl mit diesen sehr vertraut, wie auch mit den Schrullen

und Sonderheiten der Gesellschaftsretter, die allen Ernstes glauben,

sie seien im Besitz eines unfehlbaren Mittels, mit welchem sie nicht

nur alle menschlichen Einrichtungen, sondern auch die Menschen selbst

vollkommen machen könnten.

Herr Bellamy vertritt allerdings gemäßigtere Ansichten, als diejenigen,

welche Spies und Parsons lehrten; aber er hat dies mit den Anarchisten

und Kommunisten von Chicago gemein, daß er unfähig geworden ist,

die Einrichtungen, Zustände und Menschen der Jetztzeit gerecht zu

beurteilen, daß er die Schwierigkeiten unterschätzt, welche der

Einführung von ihm vorgeschlagener Änderungen entgegen stehen, daß

er wirklich glaubt, seine Staatsluftschlösser würden im Handumdrehen

greifbare Gebilde werden und daß er sein Wolkenkuckucksheim mit

engelgleichen Wesen bevölkert, welche alle menschlichen Schwächen

abgelegt haben und unter keinen Umständen ein Unrecht begehen würden.

Die Annahme, daß die Männer und Frauen in einem kommunistischen

Staatswesen Selbstsucht, Neid, Haß, Eifersucht, Streitsucht und

Herrschsucht gänzlich abstreifen würden, ist ebenso vernünftig oder

unvernünftig, wie die Annahme, daß ein Mensch 113 Jahre schlafen

und alsdann eben so jung und kräftig aufstehen könnte, wie er sich

niederlegte.

Welch sonderbare Maßregeln Gesellschaftsretter doch mitunter

vorschlagen! Joh. Most möchte im Namen der Gleichheit erst alle

diejenigen umbringen, die nicht in allen Dingen seiner Meinung sind.

Dann würde er alle Gesetze und alle Beamten abschaffen und dann der

Natur ihren Lauf lassen! --

Herr Bellamy dagegen würde, ebenfalls im Namen der Gleichheit, allen

tüchtigen und fleißigen Arbeitern einen namhaften Teil dessen rauben,

was sie mit ihrer Thätigkeit geschaffen, das Geraubte würde er den

ungeschickten, dummen und faulen Arbeitern geben, und das wäre dann, was

Herr Bellamy Gerechtigkeit und Gleichheit nennt!

Und um diese angebliche »Gleichheit« zu erringen, würde Herr Bellamy

natürlich den Wettbewerb opfern müssen, die Riesenkraft, welche uns alle

und Herrn Bellamy mit uns auf die Höhe der Bildung und Gesittung erhoben

hat, die das Menschengeschlecht jetzt einnimmt. Es ist wahr, daß der

Wettbewerb schwere Mißbräuche im Gefolge gehabt hat und noch heute hat.

Aber jede Einrichtung kann zu Mißbräuchen führen und der Umstand, daß

ein Ding gemißbraucht wird, beweist durchaus nicht, daß das Ding an sich

schlecht ist.

Niemand kann leugnen, daß der Wettbewerb während der Jahrhunderte

christlicher Civilisation die geistigen und körperlichen Kräfte

der Menschheit hoch entwickelt hat, daß der Wettbewerb während

dieser Jahrhunderte alle Menschen zur Einsetzung ihrer höchsten

Leistungsfähigkeit angespornt und unser Geschlecht auf eine Höhe

gehoben hat, auf welcher dem gewöhnlichen Arbeiter mehr Bequemlichkeiten

und Genüsse zugänglich sind, als den Königen, von welchen Homer singt.

Jedes Geschlecht hat an großen Aufgaben zu arbeiten und uns liegt es

ob, die Beziehungen des Kapitals zur Arbeit zu regeln, welche besonders

schwierig geworden sind, seitdem durch die Entdeckung der Dampfkraft auf

den Gebieten vieler Erwerbszweige große Umwälzungen stattgefunden haben.

Wir haben Mittel und Wege zu finden, nicht um die Arbeit zu vermeiden,

von welcher Herr Bellamy stets als von einem Übel spricht, sondern um

den Hirnkrebs unserer Zeit zu heilen: die beständige Unsicherheit und

die Furcht vor Armut. Das können wir aber durch Zusammenarbeiten und

durch Versicherungs-Gesellschaften, die auf Gegenseitigkeit begründet

sind, ohne daß es für uns nötig wird, in den Kommunismus zurück zu

fallen, diese niedrigste Form der menschlichen Gesellschaft.

Die Unvollkommenheit, welche der Menschheit anhaftet, muß naturgemäß

auch alle ihre Einrichtungen kennzeichnen und nichts ist daher leichter,

als in einem »#Rückblick#« die Unzulänglichkeit aller Menschen und Dinge

nachzuweisen, und alsdann von Engeln bewohnte Luftschlösser zu bauen.

Ich werde jetzt einen »#Blick in die Zukunft#« thun. Ich werde zeigen,

wie Herrn Bellamys hübsche Geschichte enden muß, wenn sie fortgesetzt

wird. Ich beabsichtige nachzuweisen, daß Herr Bellamy den Versuch macht,

einen Zustand unbedingter Gleichheit zu errichten; dann aber, an der

Möglichkeit verzweifelnd, eine Ungleichheit befürwortet, welche in

vieler Hinsicht drückender sein würde, als die jetzigen Verhältnisse.

Ich werde darlegen, daß unter der Regierungsform, welche Herr Bellamy

vorschlägt, Günstlingswirtschaft und Korruption im öffentlichen und

Erwerbs-Leben üppig wuchern müßten. Ich werde beweisen, daß in Herrn

Bellamys Vereinigten Staaten von menschlicher Freiheit wenig zu finden

sein und daß das selbstbewußte, unabhängige amerikanische Volk eine

solche Knechtschaft nimmermehr ertragen würde. Und ich werde über jeden

vernünftigen Zweifel hinaus nachweisen, daß das Volk in dem von Herrn

Bellamy angepriesenen Staatswesen viel ärmer sein würde, als heute.

Ich bestreite durchaus nicht, daß unsere Gesellschaft dringend

umgestaltender Verbesserung bedarf; aber ich bin nicht bereit, Herrn

Bellamy, Herrn Most oder irgend jemandem blindlings zu folgen, lediglich

weil er behauptet, die Menschheit sofort von allen Übeln befreien zu

können. Ich beabsichtige nicht, mich kopfüber in die Dunkelheit zu

stürzen.

Wenn Herr Bellamy und seine Anhänger sich so sicher fühlen, das

tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit begründen zu können,

so mögen sie es versuchen, wie es die Kommunisten der »Amana Society«

versucht haben, welche im Staate Iowa eine Gemeinde errichteten

mit Gütergemeinschaft auf religiöser Grundlage. Die Regierung der

Vereinigten Staaten besitzt noch viele Tausende von Ackern guten Landes,

wo Herr Bellamy und seine Freunde sich niederlassen und der Welt zeigen

können, wie man die Menschheit im Handumdrehen vollkommen macht! Aber

sie sollten vom Volke der Vereinigten Staaten nicht verlangen, daß

dieses seine jetzige Regierungsform und seine Gesellschaftsordnung

aufgeben solle, ehe Herr Bellamy und dessen Freunde bewiesen haben, daß

ihre Heilmittel für die Schäden der Gesellschaft in der That unfehlbar

sind.

#Chicago#, April 1890.

#Richard Michaelis.#

Ein Blick in die Zukunft.

Erstes Kapitel.

Um mich selbst denjenigen Lesern vorzustellen, welche das von Herrn

Edward Bellamy herausgegebene Buch »_Looking Backward_« (»Ein

Rückblick«)[1] nicht kennen, teile ich hier in Kürze die bemerkenswerten

Ereignisse meines Lebens mit, welche in jenem Werke erzählt worden sind.

Ich wurde am 26. Dezember 1857 in Boston geboren und Julian West

getauft. Ich besuchte eine Schule und eine höhere Bildungsanstalt

meiner Vaterstadt; da ich aber im Besitze eines bedeutenden Vermögens

war, so widmete ich mich keinem Berufe oder Geschäfte. Ich war

mit Fräulein Edith Bartlett verlobt, einer jungen Dame von großer

Schönheit. Wir hegten die Absicht zu heiraten, sobald mein neues Haus

in bewohnbarem Zustande sein würde. Leider wurde aber der Bau vielfach

durch Arbeitseinstellungen der Zimmerleute und Maurer unterbrochen und

ich bewohnte immer noch das altväterliche Gebäude, in welchem drei

Geschlechter meiner Familie gelebt hatten.

Da ich oft durch Schlaflosigkeit litt, hatte ich unter dem Fundamente

meines alten Hauses ein Gewölbe herrichten lassen, in das der Lärm der

Großstadt, meinen Schlummer störend, nicht dringen konnte. Das Gewölbe

war ganz feuerfest und erhielt frische Luft durch eine eiserne Röhre,

welche zum Dache des Hauses hinaufreichte.

Um in Schlaf zu verfallen, war ich oft genötigt, mich der Hilfe eines

Mesmeristen zu bedienen. So auch am 30. Mai 1887. Nachdem ich zwei

Nächte schlaflos verbracht hatte, sandte ich meinen schwarzen Diener

Sawyer zu einem Dr. Pillsbury, welcher sich bei ähnlichen Gelegenheiten

stets hilfreich erwiesen hatte. Der Arzt war gerade im Begriff die Stadt

zu verlassen, um in New Orleans einen Wirkungskreis zu suchen, und es

war daher die letzte Behandlung, die er mir angedeihen lassen konnte.

Ich beauftragte Sawyer, mich am nächsten Morgen um 9 Uhr zu wecken und

fiel dann unter den Manipulationen des Mesmeristen in einen tiefen

Schlaf.

Als ich erwachte, fand ich, daß ich 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage

geschlafen hatte.

Ich entdeckte, daß das alte Haus durch Feuer zerstört worden war und daß

Sawyer in den Flammen seinen Tod gefunden hatte. Dr. Pillsbury hatte

Boston verlassen, die Existenz des unterirdischen Gewölbes war meinen

Freunden unbekannt gewesen, das Haus war nicht wieder aufgebaut worden

und so hatte ich mehr als hundert Jahre in tiefem Schlafe verbracht, bis

ein Dr. Leete, der Bewohner eines Hauses, welches auf einem Teile meines

früheren Grundstückes errichtet worden war, im Jahre 2000 mit dem Bau

eines Laboratoriums begonnen und bei dieser Gelegenheit mein Gewölbe

sowie mich selbst entdeckt hatte.

Ich erfuhr, daß Edith Bartlett mich vierzehn Jahre lang betrauert und

dann geheiratet habe, daß Dr. Leetes Gattin Ediths Enkelin und daß seine

Tochter Edith demnach die Urenkelin der jungen Dame sei, welche ich vor

113 Jahren heiraten wollte.

Meine ungebrochene Manneskraft widerstand dem gewaltigen Eindrucke,

welchen diese Entdeckungen auf mich machten. Ich fühlte mich in dem

Hause des Dr. Leete bald heimisch, um so mehr, als die junge Edith in

meinem Herzen alsbald den Platz einnahm, welcher einst Edith Bartlett

gehört hatte. Und es währte nicht lange, bis Edith Leete, ein romantisch

und mitleidsvoll veranlagtes, liebenswürdiges Mädchen, mit Anmut ihre

Zustimmung gegeben hatte, die Nachfolgerin ihrer Urgroßmutter, das

heißt, meine Braut zu werden.

Aber noch bemerkenswerter als der Wechsel in meinem eigenen Schicksal,

waren die Veränderungen, welche auf socialem Gebiete stattgefunden

hatten.

Dr. Leete erklärte mir die neue Ordnung der Dinge.

Geschäftliche Unternehmungen einzelner hatten aufgehört. Der Staat

besorgt am Ende des 20. Jahrhunderts alles, was früher einzelne Leute

oder Gesellschaften und Körperschaften unternommen und geleitet hatten.

Alle gesunden Leute, Frauen wie Männer, im Alter von 21 bis 45 Jahren

gehören dem Heere der Arbeiter an. Leute über 45 Jahre werden nur

ausnahmsweise, in Fällen dringender Notwendigkeit, wieder in Dienst

gestellt.

Geld ist abgeschafft worden; aber jeder Bewohner der Vereinigten

Staaten erhält einen gleichen Anteil an den Ergebnissen der Arbeit

der »industriellen Armee« in Gestalt eines Guthabens-Scheines, eines

Stückes Pappe, auf welchem Dollars und Cents verzeichnet sind. In

jedem Stadtteile und in jedem größeren Landbezirke befindet sich ein

Lagerhaus, in welchem das Volk alles findet, dessen es bedarf. Der

Wert der Waren, welche jemand kauft, wird aus seinem Guthabens-Schein

herausgestochen und sein Guthaben in den Regierungsbüchern wird mit dem

Betrage der gekauften Waren belastet.

Die Mahlzeiten werden von großen Kochhäusern geliefert. Die Wäsche wird

in großen Anstalten gereinigt und ausgebessert. Es steht jedermann frei,

seine Mahlzeiten daheim oder im Speisehause einzunehmen. Die Auswahl der

Gerichte ist groß und man kann im Kochhause auch eigene Speisezimmer

haben. Der Preis der Mahlzeiten richtet sich nach den bestellten

Speisen, so wie nach dem Orte, wo diese genossen werden.

Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus. Die Einrichtung gehört dem

Bewohner. Die Miete richtet sich nach Größe und Einrichtung des Hauses

und wird ebenfalls mit einem Kneifzängchen aus dem Guthabens-Schein

herausgestochen.

Alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind verpflichtet die Schule zu

besuchen, bis sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann

werden sie Mitglieder des Arbeiterheeres. Während der ersten drei Jahre

ihres Dienstes werden sie Rekruten oder Lehrlinge genannt. Sie müssen

die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten unter dem unbedingten Befehle

ihrer Offiziere oder Aufseher. Über ihr Verhalten wird Buch geführt und

die Befähigung wie das Betragen jedes Rekruten angemerkt.

Nach den ersten drei Jahren seines Dienstes kann jeder Rekrut einen

Beruf wählen. So viel wie möglich werden die Rekruten in solche

Beschäftigungszweige eingereiht, denen sie den Vorzug geben. Zuerst

dürfen diejenigen Rekruten wählen, welche die besten Zeugnisse haben.

Manche müssen allerdings eine zweite, oder auch eine dritte Wahl

treffen, wenn nach einzelnen Berufszweigen ein zu großer Andrang

stattfindet. Und noch andere müssen mit solchen Stellungen vorlieb

nehmen, welche ihnen von ihren Vorgesetzten angewiesen werden.

Alle Mitglieder des Arbeiterheeres werden nach ihrer Befähigung und nach

ihrem Betragen in drei Abteilungen geteilt und Lehrlinge mit besten

Zeugnissen können nach dreijähriger Dienstzeit als Rekruten sofort in

die erste Abteilung derjenigen Gilde oder Zunft treten, welcher sie sich

anschließen wollen.

Der General einer Zunft oder Gilde ernennt alle Offiziere derselben. Die

Leutnants müssen den Mitgliedern der ersten Abteilung entnommen werden.

Die Hauptleute erwählt der General aus den Reihen der Lieutenants, die

Obersten aus den Hauptleuten. Der General selbst wird von den früheren

Mitgliedern seiner Zunft erwählt, das heißt, von denjenigen, welche

das fünfundvierzigste Lebensjahr überschritten haben. Die früheren

Mitglieder aller Zünfte wählen auch die Vorsteher der zehn großen

Abteilungen oder Gruppen verwandter Zünfte, in welche das Arbeiterheer

eingeteilt ist. Diese Chefs oder Vorsteher werden aus den Generälen der

Zünfte gewählt. Die früheren Zunftgenossen erwählen auch den Präsidenten

der Vereinigten Staaten, welcher früher Vorstand einer der zehn großen

Abteilungen gewesen sein muß. Der Präsident, die Vorsteher der zehn

großen Abteilungen des Arbeiterheeres und die Generäle aller Zünfte

wohnen in Washington.

Die Angehörigen der Arbeiterarmee haben nicht das Recht bei der Wahl der

Offiziere, von welchen sie befehligt werden, mit zu stimmen. Während

ihrer vierundzwanzigjährigen Dienstzeit haben sie keine Vertretung; aber

wenn sie gegen einen Vorgesetzten Beschwerde führen wollen, so können

sie ihre Klage vor einem Richter anhängig machen, dessen Entscheidung

endgültig ist.

Die Richter werden vom Präsidenten aus den Reihen der Zunftgenossen

gewählt, welche aus dem Arbeiterheere geschieden und mehr als 45 Jahre

alt sind. Die Dienstzeit der Richter dauert fünf Jahre.

Gerichtshöfe, Rechtsanwälte, Gefängnisse, Sheriffs, Steuereinschätzer

und -einnehmer, und viele andere Beamte sind abgeschafft worden.

Verbrecher werden in Heilanstalten als Verstandeskranke behandelt.

Die Bundesregierung regelt alle Thätigkeit. Wenn sie bemerkt, daß

nach irgend einem Berufszweige ein starker Andrang von Freiwilligen

stattfindet, während andere Zünfte über Mangel an Freiwilligen klagen,

so verlängert die Regierung die Arbeitszeit der bevorzugten Gilde und

verringert die Zahl der Arbeitsstunden in denjenigen Berufszweigen,

welche mehr Freiwillige brauchen.

Die Frauen haben ihre eigenen Offiziere, Generale und Richter, und

bilden ein Hilfsheer der Arbeit. Sie erhalten dieselben Guthabensscheine

wie die Männer, und da das Kochen, Waschen, sowie das Ausbessern von

Haushaltungsgegenständen außerhalb besorgt wird, so haben die Frauen des

zwanzigsten Jahrhunderts mehr Zeit für Arbeit, welche Werte erzeugt, als

die Frauen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Rekruten, welche drei Jahre gedient haben, können in technische,

medizinische und andere gelehrte Schulen eintreten; wenn sie aber außer

Stande sind, mit ihren Klassen geistig Schritt zu halten, müssen

sie wieder austreten. Ärzte, welche von Kranken nicht genügend in

Anspruch genommen werden, mithin das Vertrauen ihrer Mitbürger nicht

genießen, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen andere Beschäftigung

zugewiesen wird.

Wenn Leute die Herausgabe einer Zeitung wünschen, so können sie

zusammentreten und gemeinschaftlich genug von ihren Guthabensscheinen an

den Staat abgeben, um diesen für den Verlust der Arbeit der Redakteure,

Setzer und Drucker zu entschädigen.

Wenn jemand ein Buch herausgeben will, kann er es in seinen Mußestunden

schreiben und es drucken lassen, indem er einen Teil seines

Guthabensscheines als Bezahlung für Satz, Druck und Papier an den Staat

aufgiebt. Für die verkauften Bücher erhält er dann ein entsprechendes

Guthaben.

Geistliche werden in ähnlicher Weise wie die Redakteure von solchen

Leuten besoldet, welche deren Predigten zu hören wünschen.

Krüppel oder andere Leute, welche außer Stande sind, die den Mitgliedern

des Arbeiterheeres obliegenden Pflichten ganz zu erfüllen, erhalten

nichtsdestoweniger ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen. Die

Thatsache, daß sie Menschen sind, berechtigt sie zu einem vollen Teil an

den guten Dingen, welche die Erde bietet; gleichviel ob sie selbst wenig

oder gar nichts produzieren können.

Die Staatsregierungen innerhalb des Gebietes der Union sind als nutzlos

abgeschafft worden.

Alle anderen civilisierten Völker haben die Arbeit und den Verbrauch

ihrer Bürger ähnlich geregelt, wie die Vereinigten Staaten und sie

treiben freien Handel miteinander. Am Ende eines jeden Jahres wird das

Guthaben der verschiedenen Länder mit solchen Gegenständen ausgeglichen,

welche überall verwendbar sind.

Die neue Ordnung der Dinge setzt die Völker in den Stand, ohne alle

Sorgen zu leben und die Folge davon ist, daß die meisten Männer und

Frauen von gesunder Körperbeschaffenheit 85 bis 90 Jahre alt werden. --

So lautete die Schilderung, welche mir Dr. Leete von der neuen

Gesellschaftsordnung in einer Anzahl von Unterredungen machte. Der

Doktor spricht sehr begeistert von dem Staate, in welchem er lebt, und

steht nicht an, ihn das tausendjährige Reich zu nennen.

Die Besorgnis und Unsicherheit, welche ich in Bezug auf meine eigene

Thätigkeit in dem Arbeiterheere empfand, wurden von Dr. Leete beseitigt.

Er teilte mir mit, daß mir die Stellung des Professors der Geschichte

des neunzehnten Jahrhunderts am Shawmut Kollege in Boston offen stehe.

Ich habe dieses Anerbieten angenommen und werde am nächsten Montag mein

neues Amt antreten.

Zweites Kapitel.

Als ich zum erstenmale den großen Saal im Shawmut Kollege betrat, in

welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der

Saalthür einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt,

als daß ich ihn hätte für einen Studenten halten können und da ich ihn

nicht gesehen hatte, als Dr. Leete mich den Professoren der Anstalt

vorstellte, so war ich einigermaßen neugierig zu erfahren, in welcher

Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte.

Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu

teil geworden war, die Thatsache, daß die Studenten jeden Platz des

großen Saales füllten, wirkten außerordentlich anregend auf mich und

nachdem Dr. White, der Präsident der Universität, mich mit einigen

schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation

des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste

Vorlesung vom besten Geiste beseelt.

Meine Rede stand naturgemäß unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete

mir in unseren Unterredungen über die vergleichsweisen Vorzüge und

Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten

Jahrhunderts gesagt hatte.

Ich setzte auseinander, daß meine Hörer von mir keine Übersicht der

eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten dürften;

auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich würde

nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als

kennzeichnend gelten können für den Geist der beiden Zeitalter.

Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte

ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der

Mensch gezwungen worden, zu »übervorteilen, verdrängen, unter dem

Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch

welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten

zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht

durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine

Gläubiger hintergehen,«[2] um diejenigen unterhalten zu können,

welche er zu ernähren hatte. Ich zeigte, daß es unter den Leuten am

Ende des neunzehnten Jahrhunderts »viele gegeben habe, welche, wenn

es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben,

als durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt.«[3] Ich

setzte auseinander, daß dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb

beständig an Geist und Körper der Menschheit gezehrt habe und daß dieses

zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die beständige Furcht vor

gänzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit hätte den Menschen

des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es hätte

sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wäre mit ihm zu Bett gegangen und

hätte ihm zugeraunt: »Arbeite noch so tüchtig, stehe früh auf und mühe

dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu -- du wirst

nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst

du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen

Reichtum -- du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn

nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich

nicht um Brot verkaufen muß.«[4]

Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven

bis zur völligen Erschöpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor

Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu können.

Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die

Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glückseligkeit

und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts genieße in

vorzüglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und wähle nach

Durchmachung einer dreijährigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst

während ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze

Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch

bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren

für vereinbar gehalten hätte mit dem Betriebe der Fabriken, der

Landwirtschaft und anderer Berufszweige.

Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den

Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im

Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals

erhört wurde, könnten wir in der That sagen: »Der lange, traurige Winter

der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat

ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.«[5]

Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und

erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur

vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als

ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale

befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung

mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese

Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger

Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige

Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug

sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu

schreiten, während diese den Saal verließen.

Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann

die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem

Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen,

offenbar meinen Weggang erwartend.

»Sie gehören zur Universität,« fragte ich, um meine Befangenheit zu

verbergen.

»Allerdings,« antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu

weiteren Fragen herausforderte.

»Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen

zu lernen,« fuhr ich fort. »Mein Name ist West.«

»Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer

der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der

Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt

gerade diesen Saal zu empfehlen.«

Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende

gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.

Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung

desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt,

klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere

Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht

verbergen konnte.

»Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?« fragte ich.

»In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der

Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen,

als Sie,« antwortete Forest.

»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen

Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,« fragte

ich, gleichzeitig überrascht und neugierig.

»Das ist in der That meine Ansicht,« sagte Forest.

»Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß

Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so

schätzenswert erscheinen,« rief ich aus.

»Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei

geschöpft habe und daß Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die

Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung

geltend machen können,« antwortete Forest. »Dagegen sind Sie wohl nicht

so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer

Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist #ein# Mann: Dr. Leete. Ich

darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation

Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich

mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.«

»Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem

Vortrage entwickelte.«

»Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen

veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,«

entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.

»Sie sprechen von Regierungszeitungen,« fragte ich erstaunt. »Hat die

Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?«

»Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie

unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder

bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.«

»Aber Dr. Leete sagte mir doch: »Wir haben keine Parteien oder

Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft,

so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.«[6]

Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der

letzteren?« Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und

Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.

Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: »Entschuldigen Sie,

bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und

er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen

zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein

Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden

ließ.«

Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr West,« fuhr Herr Forest fort, als ich

seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. »Aber Sie würden mich

entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie

Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er

von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier

erklären,« fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, »daß ich keine

geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser

Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter

Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.«

»Dr. Leete ist ein Politiker?« fragte ich mit neuem Erstaunen.

»Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der

Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß

ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.«

Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten

solle und fügte daher hinzu: »Als ich beim Vergleich der Civilisation

der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich

als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber

der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen

übliche Urteil: »Einsperrung in ein Irrenhaus« wurde gefällt. Denn nach

Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste

gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte.

Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine

Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu

kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen,

indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde

ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren

Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.«

»Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine

Auseinandersetzungen recht kühl auf,« bemerkte ich, um der Unterredung

eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der

Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.

Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend

in die meinigen. Dann sagte er freundlich:

»Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr

West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und

Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der

Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen

Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle

zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn

wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger?

Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten,

bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und

Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften

in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als

ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung

neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen,

stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie

eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die

Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für

Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen

und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar

wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen

keine Entschuldigung vor, wenn sie sich »für Brot verkaufte.« Allerdings

war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein.

In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der

Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben

gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage

nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten

begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil

viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht

so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und

ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen

einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und

Menschen genau so schildere, wie sie sind.«

Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen

veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles,

was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten

gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in

gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen

erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.

Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein

erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet

habe.

Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte

daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner

Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte

auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß

sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich

die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit

erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts

zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte,

erwähnte ich natürlich nicht.

Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen

Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich meine, daß die

rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts

notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, --

in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine

ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß

Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte

zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche

Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen

Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer

Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine

Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre

Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden

Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine

unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld

schwere Proben auf. -- Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt,

daß er Ihr Vorgänger war?«

»Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des

Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen »Ketzerei« entlassen wurde

und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung

verdanke.«

»Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf

demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete

entworfen hat,« sagte mein Gastfreund lächelnd.

Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die

Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte,

zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen

Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen

neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest

sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.

So sagte ich denn: »Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung

wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte

Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der

Regierungspartei und einen braven Mann.«

Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er

antwortete: »Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich

stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker

herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so

habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete;

und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich

noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung

wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben

wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die,

wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale

Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht

den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine

Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.«

Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen

wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. »Thun sie

dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene

Behandlung zu teil wird.« Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß

die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast

immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten?

Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme

unterbrochen: »Ich denke, lieber Vater,« sagte sie, »Herr Forest ist ein

eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten,

seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar

sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden,

daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden

kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine

andere Ansicht zu hören.«

Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand

auf Ediths reiches Haar und sagte: »Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von

Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die

Revolution veranlaßten und vielen der »unterhaltenen« Damen und Herren

ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. -- Gedanken sind Feuerfunken,

die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht

überwacht werden.«

Drittes Kapitel.

Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir

demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze

auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der

Menschheit zuträglicher sei -- diese Frage war mir noch nie in den

Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie

ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung

des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß

diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die

Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir

sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des

gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da

zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung

zufrieden sein müsse.

Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit

Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der

Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige

Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß

bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn

ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz

gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte,

deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.

Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend

mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte

ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den

Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und

vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das

würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende

vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen

Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft

mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen

Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für

mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem

Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die

richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen

Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher

mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten,

die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein

Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.

In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue

Schilderung des »Arbeitsmarktes« in Boston im Jahre 1887. Alle

Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden

Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital

und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener

Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie

solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache.

Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit

Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue

Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.

»Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen

Krittler«, sagte Forest, »und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in

etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung

aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu leben

mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie

gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll

gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe

sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen,

als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte

schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und

demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung

thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.«

»Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?« fragte

ich.

»Können Sie daran zweifeln?« antwortete Forest. »Blicken Sie um

sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder

Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit.

Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den

ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung

fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist

Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist

demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen

Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten

Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter

sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand.

Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle

sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen

und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten

eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein,

zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue

Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen

können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine

Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit

sich da wohl fühlen solle. -- Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung

mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die

Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit

der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die

Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter

Gleichheit dauern kann.«

»Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer

Gesellschaft gebildet habe,« wandte ich hier ein, »so haben Sie das

Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie

jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden;

aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm

zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft

gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der

Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben

so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der

Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.«

Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy · 第 1 / 8 段