G.

Wir werden zwar in unserm Leben keine grosse Phisiognomen werden, doch

thust du wohl, wenn du uns auch etwas mittheilest. Bei Gelegenheit von

Wielands Oberon brauchst du das Wort _Talent_ als wenn es der Gegensatz

von Genie wäre, wo nicht gar, doch wenigstens etwas sehr subordinirtes;

wir sollten aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts sein kann

als die Sprache des Genies. Ich will nicht schikaniren, denn ich weiß

wohl, was du im Durchschnitt damit sagen willst, und zupfe dich nur beym

Ermel. Denn wir sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und

schneiden, wenn wir ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite

Freude gemacht, und aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit

der Scheere so grade durch, wie durch einen weisen Bogen Papier. Denn

wenn ich ein solches Werk auch bloß als ein Schnitzbildgen ansehe, so

wird doch der feinsten Scheere unmöglich, alle kleinen Formenzüge und

Linien, worinn der Werth liegt, heraus zu sondern. Es ist nachher noch

eins, was man nicht leicht an so einem Werke schäzt, weil es so selten

ist; daß nemlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat als

was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst und Feinheit so vieles

wegzulassen gebührt ihm freilich der größte Dank, den ihm aber auch nur

der Künstler und Mitgenosse giebt.

Was deine dickhirnschaaligen Wissenschaftsgenossen in Zürich betrift und

was sie von Menschen die unter einem anderen Himmel gebohren sind,

reden, bitt ich dich, ia nicht zu achten. Die größten Menschen die ich

gekannt habe, und die Himmel und Erde vor ihrem Blick frei hatten, waren

demüthig und wußten, was sie Stufenweis zu schäzen hatten. Solches

Kandidaten und Klostergesindel ziert allein der Hochmuth. Man lasse sie

in der Schellenkappe ihres Eigendünkels sich ein wechselseitiges Conzert

vorrasseln. Unter dem republikanischen Druck und in der Atmosphäre

durchschmauchter Wochenschriften und gelehrter Zeitungen würde ieder

vernünftiger Mensch auf der Stelle toll. Nur die Einbildung,

Beschränkung und Albernheit erhält solche Menschen gesund und behaglich.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 30 / 54 题