G.

Weimar d. 5. Juny 1780.

24.

Mit Verlangen erwart' ich die Fortsezung deiner Briefe über Wasern. Biß

iezt sind nur die zwei ersten angekommen. Es geht mit dieser Sache, wie

mit allen wichtigen Begebenheiten, iedermann spricht davon und urtheilt

drüber und niemand ist davon unterrichtet. Lipsen erwarten wir. Du wirst

wohl thun mir etwas von dem Plane zu schreiben, den du mit ihm hast,

worauf er ausgeht und wohin er geht.

Mochels Urne hab' ich auch gelesen, oder vielmehr etlichemal hin und her

geblättert, denn durchzulesen war ich's nicht im Stande. Dein Lob ist

übertrieben. Wie kannst du sagen: Vortreflich geschrieben? da der

Verfasser weder Freiheit im Begriff noch im Stil hat, es sind Seiten wo

die Perioden so in einander geknüttet sind, dass man sie etliche mal

lesen muß um zu rathen, was er will. Ich will nicht sagen daß es

schlecht geschrieben, aber es ist doch so eng! und an den Hauptpunkten

sind ihm die Gedanken wie weggeschnitten. Die Armseeligkeit sieht, wie

einzelne Felsgen aus einem grossen See, hier aus der weitläuftigen Märte

von Stuben-Experimental-Psychologie heraus, daß man gar wohl schliessen

kann, auf was vor einem Grund und Boden das Gewässer ruht. Kaufmannen

hätte man noch weit treffender schildern können, und was von dir und

seinen übrigen Freunden gesagt ist läßt sich noch sehr halten, ich

wollte allenfalls den Spargel schon tiefer aus der Erde herausgehoben

haben, dieser Ehrenmann ist billig genug, ihn nur so weit er grün ist

und hervorgukt abzuschneiden.

Herder hat wieder einen Preiß in Berlin gewonnen, wie du wohl schon aus

den Zeitungen wissen wirst. Ich hab die Abhandlung noch nicht gelesen.

Es war zu gleicher Zeit in einem andern Fach einer aufgestellt den er

auch hätte gewinnen können wenn er nur gewollt hätte.

Wieland ist gegen dich sehr gut gesinnt. Er hat seine Launen und

bedenkt, sonderlich in Prosa, nicht immer alles was er schreibt. Ich

weis es zwar nicht, aber es ist möglich, daß dir zu Ohren gekommen ist,

er habe in einer und der andern Stelle dich zu necken geschienen, es ist

aber gewiß nichts als höchstens eine Art von humoristischem Leichtsinn,

der sich dieses und ienes ohne Consequenz erlaubt. Ich habe ihn geradezu

selbst drüber gefragt und er hat mich versichert daß er sich keiner als

guter Gesinnungen gegen dich bewußt sey.

Sein Oberon wird, so lang Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall

bleiben wird, als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und

bewundert werden.

Daß der alte Bodmer, der einen grosen Theil des zurückgelegten 18ten

Jahrhunderts durchgedichtet hat, ohne Dichter zu sein, über eine solche

Erscheinung wie der Schuhu über eine Fakel sich entsezt, will ich wohl

glauben. Der arme Alte, der sich bei seinem ewigen Geschreibe nicht

Einmal durch den Beifall des Publici hat anerkannt gesehen, was doch

weit geringern als ihm passirt ist, muß freilich bei allen solchen

Produktionen einen unüberwindlichen Ekel empfinden. Ob Oberon dir etwas

sein wird glaub ich nicht, davon ist aber auch die Rede nicht. Von

Hirzeln hab' ich den zweiten Theil seines philosophischen Weltweisen

nicht erhalten, sag ihm daß ich darüber betrübt bin, es ist aber eine

Lüge, denn es ist mir scheuslich, was dieser Mensch von sich giebt.[5]

Der Prophet der euch den Untergang drohet heißt _Ziehen_ war Pfarrer zu

Zellerfeldt auf dem Harz. Er ist vor kurzem gestorben. Die Erdbeben die

er vorausgesagt hat sind eingetroffen. Was ich noch von ihm gesehen habe

daraus scheint mir ein tiefes Gefühl, aber eine kurzsinnige, durch

ausgebreitete Belesenheit nicht aufgeheiterte Combinationsart

hervorzuscheinen. Er hängt alles an einander, und citirt die Bibel wie

die Evangelisten das alte Testament.

Grüs deine Frau und Kinder. Ich wünsche dir herzlich wieder ein

bleibendes Geschöpf mehr ins Haus, und ihr Gesundheit und guten Muth zur

Schwangerschafft.

[Fußnote 5: _Hans Caspar Hirzel_ + 1803, bekannt durch seine Schriften:

»Wirthschaft eines philosophischen Bauers (Kleinjogg)« und »Hirzel an

Gleim über Sulzer den Weltweisen.«]

Schicke die Zeichnung der Dörrmaschine. Einandermal laß uns akkordiren

eh wir bestellen. Ich dächte wir könnten das gelernt haben.

Grüs Bäben. Sie mag mir ia die Composition von Kaysern auf meine

Wassertropfen schicken. Laß dir Wasers Nachrichten angelegen seyn, auch

eine Silhouette von ihm. Knebeln gönnst du gewiß was du von Zeit

entübrigen kannst.

Wären wir nur um 100 Stunden näher. Schreibe mir oft daß man sich

lebendig bleibt.

Passe ia auf die Dürers auf.

Die Genci ist angekommen leider ein wenig verschoben, laß künftig die

Packer aufmerksamer seyn. Die Kupfer meist verwischt. Auch an den

Füslis. Wofür ich dir danke. Lebe aber und abermal wohl, und laß uns

einander stärken im Edlen, und erhalten im Licht, denn des lumpigen und

dämmrigen ist gar zu viel in der Welt.

d. 3. Juli 80.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 28 / 54 题