L. Br. Deinen Brief hat mir Tobler gegeben, der mich nur in Gegenwart
Diodatis gesprochen hat, wo's ihm nicht so von der Brust will, und ich
bin auch nicht so in Gesellschaft mich aufzuknöpfen. Wir ziehen langsam,
bis jetzt noch mit schönem Glück und Vorteil, sind vorgestern in der
^Vallée du lac de Joux^ und auf der ^Dole^ gewesen beym schönsten Wetter
und Umständen. Heut warten wir das trübe in Genv ab.
Noch weis ich nicht wenn wir kommen, du sollst noch mehr von mir hören.
Ich halte sonst viel vom überraschen, diesmal ist das Herumziehen eh wir
uns sehn auch gut. Nicht allein vergnüglich sondern geseegnet uns beyden
soll unsre Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute die Gott auf so
unterschiedne Art dienen sind wir vielleicht die einzigen, und denke wir
wollen mehr zusammen überlegen und ausmachen, als ein ganz ^Concilium^
mit seinen Pfaffen, Huren und Mauleseln. Eins werden wir aber doch wohl
thun daß wir einander unsere Partikular-Religionen ungehudelt lassen. Du
bist gut darinne aber ich bin manchmal hart und unhold, da bitt ich dich
im Voraus um Geduld. Denn z. E. da hat mir Tobler deine Offenb. Joh.
gegeben, an der ist mir nun nichts noch als deine Handschrift, darüber
hab ich sie auch zu lesen angefangen.[3] Es hilft aber nicht, ich kann
das göttliche nirgends und das poetische nur hie und da finden, das
Ganze ist mir fatal, mir ists als röch ich überall einen Menschen durch
der gar keinen Geruch von dem gehabt hat der da ist A und O. Siehst du
l. Br. wenn nun deine Vorerinnerung grade das Gegentheil besagt und
unterm 24 September 1779!! da werden wir wohl thun, wenn wir irgend ein
sittsam Wort zusammen sprechen, ich bin ein sehr irdischer Mensch, mir
ist das Gleichniß vom ungerechten Haushalter, vom verlohrnen Sohn, vom
Säemann, von der Perle, vom Groschen &c. &c. göttlicher (:wenn ie was
göttlich's da seyn soll:) als die sieben Botschafter, Leuchter, Hörner,
Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus der Wahrheit zu seyn, aber
aus der Wahrheit der fünf Sinne und Gott habe Geduld mit mir wie bisher.
Gegen deine Messiade hab ich nichts, sie liest sich gut, wenn man einmal
das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist, drückt sich durch
deinen Mund rein und gut in die Seele, wie mich dünkt. Das willst du da,
wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht sticht und kein
Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt. Du siehst, Bruder, ich
bin immer der alte, dir wieder von eben der Seite wie vormals zur Last.
Auch bin ich in Versuchung gewesen das Blatt wieder zu zerreissen. Doch
da wir uns doch sehn werden so mag es gehn.
[Fußnote 3: In diesem Briefe spricht Goethe -- was zu Verhüthung von
Mißverständnissen nicht unbemerkt gelassen werden darf -- von der
_homiletischen_ Bearbeitung der _Offenbarung Jesu an Johannes_, welche
Lavater bald nach seinem Antritte des Diakonates zu St. Peter in Zürich
(1778) für seine wöchentlichen Abendpredigten zu erklären anfing. Um
eben diese Zeit aber bearbeitete L. in der Vollkraft seines Geistes und
folgend dem Triebe seiner rastlosen, man möchte beynahe sagen,
übermenschlichen Thätigkeit dasselbe Buch auch poetisch in einem
Gedichte, welches im Jahr 1780, unter dem Titel: _Jesus Messias_ oder
_die Zukunft des Herrn_, in vier und zwanzig Gesängen, in _Zürich_ ans
Licht trat. Siehe _Lavaters_ Lebensbeschr. von seinem Tochtermann G.
Geßner, Bd. II. S. 222. u. ff. Auf dieses _poetische Werk_ beziehn sich
die, mit den vorliegenden gar sehr contrastirenden, Aeußerungen Goethes
im 17, 20. u. 21ten Briefe.