Genf d. 28ten Okt. (1779)

L. Br. Deinen Brief hat mir Tobler gegeben, der mich nur in Gegenwart

Diodatis gesprochen hat, wo's ihm nicht so von der Brust will, und ich

bin auch nicht so in Gesellschaft mich aufzuknöpfen. Wir ziehen langsam,

bis jetzt noch mit schönem Glück und Vorteil, sind vorgestern in der

^Vallée du lac de Joux^ und auf der ^Dole^ gewesen beym schönsten Wetter

und Umständen. Heut warten wir das trübe in Genv ab.

Noch weis ich nicht wenn wir kommen, du sollst noch mehr von mir hören.

Ich halte sonst viel vom überraschen, diesmal ist das Herumziehen eh wir

uns sehn auch gut. Nicht allein vergnüglich sondern geseegnet uns beyden

soll unsre Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute die Gott auf so

unterschiedne Art dienen sind wir vielleicht die einzigen, und denke wir

wollen mehr zusammen überlegen und ausmachen, als ein ganz ^Concilium^

mit seinen Pfaffen, Huren und Mauleseln. Eins werden wir aber doch wohl

thun daß wir einander unsere Partikular-Religionen ungehudelt lassen. Du

bist gut darinne aber ich bin manchmal hart und unhold, da bitt ich dich

im Voraus um Geduld. Denn z. E. da hat mir Tobler deine Offenb. Joh.

gegeben, an der ist mir nun nichts noch als deine Handschrift, darüber

hab ich sie auch zu lesen angefangen.[3] Es hilft aber nicht, ich kann

das göttliche nirgends und das poetische nur hie und da finden, das

Ganze ist mir fatal, mir ists als röch ich überall einen Menschen durch

der gar keinen Geruch von dem gehabt hat der da ist A und O. Siehst du

l. Br. wenn nun deine Vorerinnerung grade das Gegentheil besagt und

unterm 24 September 1779!! da werden wir wohl thun, wenn wir irgend ein

sittsam Wort zusammen sprechen, ich bin ein sehr irdischer Mensch, mir

ist das Gleichniß vom ungerechten Haushalter, vom verlohrnen Sohn, vom

Säemann, von der Perle, vom Groschen &c. &c. göttlicher (:wenn ie was

göttlich's da seyn soll:) als die sieben Botschafter, Leuchter, Hörner,

Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus der Wahrheit zu seyn, aber

aus der Wahrheit der fünf Sinne und Gott habe Geduld mit mir wie bisher.

Gegen deine Messiade hab ich nichts, sie liest sich gut, wenn man einmal

das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist, drückt sich durch

deinen Mund rein und gut in die Seele, wie mich dünkt. Das willst du da,

wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht sticht und kein

Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt. Du siehst, Bruder, ich

bin immer der alte, dir wieder von eben der Seite wie vormals zur Last.

Auch bin ich in Versuchung gewesen das Blatt wieder zu zerreissen. Doch

da wir uns doch sehn werden so mag es gehn.

[Fußnote 3: In diesem Briefe spricht Goethe -- was zu Verhüthung von

Mißverständnissen nicht unbemerkt gelassen werden darf -- von der

_homiletischen_ Bearbeitung der _Offenbarung Jesu an Johannes_, welche

Lavater bald nach seinem Antritte des Diakonates zu St. Peter in Zürich

(1778) für seine wöchentlichen Abendpredigten zu erklären anfing. Um

eben diese Zeit aber bearbeitete L. in der Vollkraft seines Geistes und

folgend dem Triebe seiner rastlosen, man möchte beynahe sagen,

übermenschlichen Thätigkeit dasselbe Buch auch poetisch in einem

Gedichte, welches im Jahr 1780, unter dem Titel: _Jesus Messias_ oder

_die Zukunft des Herrn_, in vier und zwanzig Gesängen, in _Zürich_ ans

Licht trat. Siehe _Lavaters_ Lebensbeschr. von seinem Tochtermann G.

Geßner, Bd. II. S. 222. u. ff. Auf dieses _poetische Werk_ beziehn sich

die, mit den vorliegenden gar sehr contrastirenden, Aeußerungen Goethes

im 17, 20. u. 21ten Briefe.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 18 / 54 题