A. d. H.]

Vom Herzog sag ich dir nichts voraus, noch haben ihn die gescheutsten

Leute falsch beurtheilt. Du sollst ihm das Haupt salben wie mit

köstlichem Balsam und ich will mich mit dir im stillen über ihn freuen;

denn weil Gott außer der Sonne und dem Mond und den ewigen Sternen, lass

ich neuerdings niemand zu Zeugen des was mich freut oder ängstet.

Du bist ein bescheidener Mensch daß du nur eine Ahndung von meinem Biß

auf das neue ^Systema naturae^ in deinen Gliedern gespürt hast. Sey nur

ruhig, alter Paradiesvogel, man darf dich wohl mit anderm rarem Vieh für

gleiches Geld sehen lassen.

Dein Strumpfwürker ist von Frankfurt aus besorgt und wird sein Geld

haben. Nun leb wohl. Es ist spät verzeih mir mein Wesen, und sieh an dem

Brief wie wohl mir's ist dir nahe zu seyn, und nach der ganzen Schweiz

noch den reinen Eindruck von dir mit fortzunehmen.

Grüs dein Weib, sey hübsch fleisig, vor 14 Tagen kommen wir noch nicht.

Du hörst indeß wieder von mir. Ich liebe dich wie ich lieben kann.

d. 29. früh.

^NB^. In Lausanne habe ich die gar liebliche Br. zwey mal gesehn, und

über sie den Bruder vernachlässigt und den ^Dubois^ vergessen. Sie war

so artig mir wenigstens glauben zu machen, daß ich sie interessire, und

ihr mein Wesen gefalle, und das glaubt man diesen Sirenen gerne. Mir ist

herzlich lieb daß ich nicht an Matthäis Platz bin denn es ist ein

verfluchter Posten das ganze Jahr ^par devoir^ wie Butter an der Sonne

zu stehn.

Grüs mir herzlich die Sch. und Pfenninger und Kaysern. Was von Fueslin

bey dir ist zu sehn verlangt mich sehnlich. Adieu. Schreib mir doch ein

Wörtchen auf Luzern früh oder spat find ich's da.

17.

Genf den 2. Nvbr. 1779.

Eh ich von hier weggehe noch einige Worte lieber Bruder eh wir uns

tiefer in die Gebirge verlieren in die wir unter Garantie des Herrn ^de

Saussure^ einen Versuch wagen, von hier aus gehts in die Savoiischen

Eisgebirge und ins Wallis.

Deine Offenbahrung hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht

und vieles davon mehr als einmal gelesen. Schon da Tobler mir sagte du

habest darüber von Amtswegen gepredigt, gabs mir ein ganz neues

Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du mit diesem Buche

so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber empfunden hast und es in

einem so fremden ^Vehiculo^ ohne fremden, vielmehr eigentlich

heterogenen Zusaz wieder aus dir heraus quellen lassen konntest, denn

nach meiner Empfindung macht deine Ausmahlung keinen andern Eindruk als

die Original Skize macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert,

wo man die Ideen die du hineinlegst selbst von Kindheit an größtentheils

hinein zu legen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von statten

gangen, einige trefliche Züge der Auslegung und Erfindung sind drinne.

Ausgemahlt sind viele Stellen ganz treflich, besonders alle die der

innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, w. z. B. die Verheissung

des ewigen Lebens, das Weiden der Schaafe unter Palmen, das siegende

Gefühl der Engel, eh und indem sie die Schlacht anfangen. In einigen

Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten, nur schwinden

deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf auf, doch ist

auch dies wenn ichs recht bedenke das klügste Theil das du ergreiffen

konntest. Es ist mir leid daß ich die zwölf folgenden Gesänge nicht

gleich habe. Bey dieser Gelegenheit lies ich mir den griechischen Text

wieder geben und sah auch ^Piscators^ Uebersezung an.

Nun noch ein herzlich Wort der Sehnsucht an dich, und der Hoffnung, sie

wird alle Tage stärker. Lass uns ia einander bleiben, einander mehr

werden, denn neue Freunde und Lieben mach ich mir nicht.

Mit Toblern weis ich nicht wies war. Er hat wohl Nähe und Vertrauen zu

mir. Aber leider fühl ich meine 30 Jahr und Weltwesen!! schon einige

Ferne von dem _werdenden_, sich entfaltenden, ich erkenns noch mit

Vergnügen, mein Geist ist ihm nah aber mein Herz ist fremd. Grose

Gedanken die dem Jüngling ganz fremd sind, füllen iezt meine Seele,

beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so komm ich nicht als nur

geborgt nieder ins Thal des Thaus und der Morgenbegattung lieblicher

Turteltauben. Er sagt dir vielleicht wies ihm mit mir war. Wohl ists uns

zusammen nicht worden.

Adieu guter. Meine Seele ist immer bey dir.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 19 / 54 题