Dreizehnte Szene

_Crescence_ $(und Hans Karl gehen links hinaus)$.

_Helene_ $(mit Neuhoff treten von rechts herein. Man hört eine gedämpfte

Musik aus einem entfernten Salon.)$

_Neuhoff_ $(hinter ihr)$. Bleiben Sie stehen. Diese nichtsnutzige,

leere, süße Musik und dieses Halbdunkel modellieren Sie wunderbar.

_Helene_ $(ist stehengeblieben, geht aber jetzt weiter auf die Fauteuils

links zu)$. Ich stehe nicht gern Modell, Baron Neuhoff.

_Neuhoff._ Auch nicht, wenn ich die Augen schließe?

_Helene_ $(sagt nichts, sie steht links)$.

_Neuhoff._ Ihr Wesen, Helene! Wie niemand je war, sind Sie. Ihre

Einfachheit ist das Resultat einer ungeheuren Anspannung. Regungslos wie

eine Statue vibrieren Sie in sich, niemand ahnt es, der es aber ahnt,

der vibriert mit Ihnen.

_Helene_ $(sieht ihn an, setzt sich)$.

_Neuhoff_ $(nicht ganz nahe)$. Wundervoll ist alles an Ihnen. Und dabei,

wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.

_Helene._ Ist Ihnen das Hohe selbstverständlich? Das war ein nobler

Gedanke.

_Neuhoff._ Vielleicht könnte man seine Frau werden -- das war es, was

Ihre Lippen sagen wollten, Helene!

_Helene._ Lesen Sie von den Lippen wie die Taubstummen?

_Neuhoff_ $(einen Schritt näher)$. Sie %werden mich heiraten%, weil

Sie meinen Willen spüren in einer willenlosen Welt.

_Helene_ $(vor sich)$. Muß man? Ist es ein Gebot, dem eine Frau sich

fügen muß: wenn sie gewählt und gewollt wird?

_Neuhoff._ Es gibt Wünsche, die nicht weit her sind. Die darf man

unter seine schönen rassigen Füße treten. Der meine ist weit her. Er

ist gewandert um die halbe Welt. Hier fand er sein Ziel. Sie wurden

gefunden, Helene Altenwyl, vom stärksten Willen, auf dem weitesten

Umweg, in der kraftlosesten aller Welten.

_Helene._ Ich bin aus ihr und bin nicht kraftlos.

_Neuhoff._ Ihr habt dem schönen Schein alles geopfert, auch die

Kraft. Wir, dort in unserm nordischen Winkel, wo uns die Jahrhunderte

vergessen, wir haben die Kraft behalten. So stehen wir gleich zu gleich

und doch ungleich zu ungleich, und aus dieser Ungleichheit ist mir mein

Recht über Sie erwachsen.

_Helene._ Ihr Recht?

_Neuhoff._ Das Recht des geistig Stärksten über die Frau, die er zu

vergeistigen vermag.

_Helene._ Ich mag nicht diese mystischen Redensarten.

_Neuhoff._ Es waltet etwas Mystik zwischen zwei Menschen, die sich auf

den ersten Blick erkannt haben. Ihr Stolz soll es nicht verneinen.

_Helene_ $(sie ist aufgestanden)$. Er verneint es immer wieder.

_Neuhoff._ Helene, bei Ihnen wäre meine Rettung -- meine

Zusammenfassung, meine Ermöglichung!

_Helene._ Ich will von niemand wissen, der sein Leben unter solche

Bedingungen stellt! $(Sie tut ein paar Schritte an ihm vorbei; ihr Blick

haftet an der offenen Tür rechts, wo sie eingetreten ist.)$

_Neuhoff._ Wie Ihr Gesicht sich verändert! Was ist das, Helene?

_Helene_ $(schweigt, sieht nach rechts)$.

_Neuhoff_ $(ist hinter sie getreten, folgt ihrem Blick)$. Oh! Graf

Bühl erscheint auf der Bildfläche! $(Er tritt zurück von der Tür.)$

Sie fühlen magnetisch seine Nähe -- ja spüren Sie denn nicht,

unbegreifliches Geschöpf, daß Sie für ihn nicht da sind?

_Helene._ Ich bin schon da für ihn, irgendwie bin ich schon da!

_Neuhoff._ Verschwenderin! Sie leihen ihm alles, auch noch die Kraft,

mit der er Sie hält.

_Helene._ Die Kraft, mit der ein Mensch einen hält -- die hat ihm wohl

Gott gegeben.

_Neuhoff._ Ich staune. Womit übt ein Kari Bühl diese Faszination über

Sie? Ohne Verdienst, sogar ohne Bemühung, ohne Willen, ohne Würde --

_Helene._ Ohne Würde!

_Neuhoff._ Der schlaffe zweideutige Mensch hat keine Würde.

_Helene._ Was für Worte gebrauchen Sie da?

_Neuhoff._ Mein nördlicher Jargon klingt etwas scharf in ihre

schöngeformten Ohren. Aber ich vertrete seine Schärfe. Zweideutig nenne

ich den Mann, der sich halb verschenkt und sich halb zurückbehält -- der

Reserven in allem und jedem hält -- in allem und jedem Berechnungen --

_Helene._ Berechnung und Kari Bühl! Ja, sehen Sie ihn denn wirklich

so wenig! Freilich ist es unmöglich, sein letztes Wort zu finden, das

bei andern so leicht zu finden ist. Die Ungeschicklichkeit, die ihn so

liebenswürdig macht, der timide Hochmut, seine Herablassung, freilich

ist alles ein Versteckenspiel, freilich läßt es sich mit plumpen Händen

nicht fassen. -- Die Eitelkeit erstarrt ihn ja nicht, durch die alle

andern steif und hölzern werden -- die Vernunft erniedrigt ihn ja nicht,

die aus den meisten so etwas Gewöhnliches macht -- er gehört nur sich

selber -- niemand kennt ihn, da ist es kein Wunder, daß Sie ihn nicht

kennen!

_Neuhoff._ So habe ich Sie nie zuvor gesehen, Helene. Ich genieße

diesen unvergleichlichen Augenblick! Einmal sehe ich Sie, wie Gott Sie

geschaffen hat, Leib und Seele. Ein Schauspiel für Götter. Pfui über die

Weichheit bei Männern wie bei Frauen! Aber Strenge, die weich wird, ist

herrlich über alles!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Gestehen Sie mir zu, es zeigt von etwas Superiorität, wenn

ein Mann es an einer Frau genießen kann, wie sie einen andern bewundert.

Aber ich vermag es: denn ich bagatellisiere Ihre Bewunderung für Kari

Bühl.

_Helene._ Sie verwechseln die Nuancen. Sie sind aigriert, wo es nicht am

Platz ist.

_Neuhoff._ Über was ich hinweggehe, das aigriert mich nicht.

_Helene._ Sie kennen ihn nicht! Sie haben ihn kaum gesprochen.

_Neuhoff._ Ich habe ihn besucht --

_Helene_ $(sieht ihn an)$.

_Neuhoff._ -- Es ist nicht zu sagen, wie dieser Mensch Sie preisgibt --

Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind es, über die er hinweggeht.

_Helene_ $(ruhig)$. Nein.

_Neuhoff._ Es war ein Zweikampf zwischen mir und ihm, ein Zweikampf um

Sie! -- und ich bin nicht unterlegen.

_Helene._ Nein, es war kein Zweikampf. Es verdient keinen so heroischen

Namen. Sie sind hingegangen, um dasselbe zu tun, was ich in diesem

Augenblick tu'! $(Lacht.)$ Ich gebe mir alle Mühe, den Grafen Bühl zu

sehen, ohne daß er mich sieht. Aber ich tue es ohne Hintergedanken.

_Neuhoff._ Helene!

_Helene._ Ich denke nicht, dabei etwas wegzutragen, das mir nützen

könnte!

_Neuhoff._ Sie treten mich ja in den Staub, Helene -- und ich lasse mich

treten!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Und nichts bringt mich näher?

_Helene._ Nichts. $(Sie geht einen Schritt auf die Tür rechts zu.)$

_Neuhoff._ Alles an Ihnen ist schön, Helene. Wenn Sie sich niedersetzen,

ist es, als ob Sie ausruhen müßten von einem großen Schmerz -- und

wenn Sie quer durchs Zimmer gehen, ist es, als ob Sie einer ewigen

Entscheidung entgegengingen.

_Hans Karl_ $(ist in der Tür rechts erschienen)$.

_Helene_ $(gibt Neuhoff keine Antwort. Sie geht lautlos langsam auf die

Tür rechts zu)$.

_Neuhoff_ $(geht schnell links hinaus)$.

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 45 / 60 题