Vierzehnte Szene

_Hans Karl._ Ja, ich habe mit Ihnen zu reden.

_Helene._ Is' es etwas sehr Ernstes?

_Hans Karl._ Es kommt vor, daß es einem zugemutet wird. Durchs Reden

kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl

lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß

Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich

alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert

auf einer indezenten Selbstüberschätzung.

_Helene._ Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde

keiner den Mund aufmachen.

_Hans Karl._ Sie haben einen so klaren Verstand, Helene. Sie wissen

immer in jedem Moment so sehr, worauf es ankommt.

_Helene._ Weiß ich das?

_Hans Karl._ Man versteht sich mit Ihnen ausgezeichnet. Da muß man sehr

achtgeben.

_Helene_ $(sieht ihn an)$. Da muß man achtgeben?

_Hans Karl._ Freilich. Sympathie ist ganz gut, aber auf ihr

herumzureiten, wäre doch namenlos indiskret. Darum muß man doch gerade

auf der Hut sein, wenn man das Gefühl hat, sich sehr gut zu verstehen.

_Helene._ Das müssen Sie tun, natürlich. So ist Ihre Natur. Wer sich

einfallen ließe, Sie fixieren zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer

glaubt, daß Sie ihm für immer Adieu gesagt haben, dem könnte passieren,

daß Sie ihm wieder guten Tag sagen. -- Heut' hat die Antoinette wieder

Charme für Sie gehabt.

_Hans Karl._ Sie bemerken alles!

_Helene._ Sie verbrauchen auf Ihre Art die armen Frauen, aber Sie haben

sie gar nicht sehr lieb. Es gehört viel Contenance dazu oder ein bißl

Gewöhnlichkeit, um Ihre Freundin zu bleiben.

_Hans Karl._ Wenn Sie mich so sehen, dann bin ich Ihnen ja direkt

unsympathisch!

_Helene._ Gar nicht. Sie sind scharmant. Sie sind bei all dem wie ein

Kind.

_Hans Karl._ Wie ein Kind? Und dabei bin ich nahezu ein alter Mensch.

Das ist doch ein Horreur. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran

man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand'.

_Helene._ Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber

bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da, als ein

anständiges, ruhiges Benehmen.

_Hans Karl._ Sie haben so eine reizende Art!

_Helene._ Ich möchte nicht sentimental sein, das langweilt mich. Ich

möchte lieber terre à terre sein, wie Gott weiß wer, als sentimental.

Ich möchte auch nicht spleenig sein, und ich möchte nicht kokett sein.

So bleibt mir nichts übrig, als möglichst artig zu sein.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Helene._ Au fond können wir Frauen tun was wir wollen, meinetwegen

Solfèges singen oder politisieren, wir meinen immer noch was andres

damit. -- Solfèges singen ist indiskreter, Artigsein ist diskreter, es

drückt die bestimmte Absicht aus, keine Indiskretionen zu begehen. Weder

gegen sich, noch gegen einen andern.

_Hans Karl._ Alles an Ihnen ist besonders und schön. Ihnen kann ja gar

nichts geschehen. Heiraten Sie wen immer, heiraten Sie den Neuhoff, nein

den Neuhoff, wenn sich's vermeiden laßt, lieber nicht, aber den ersten

besten frischen Menschen, einen Menschen wie meinen Neffen Stani, ja,

wirklich Helene, heiraten Sie den Stani, er möchte so gern, und Ihnen

kann ja gar nichts passieren. Sie sind ja unzerstörbar, das steht ja

deutlich in Ihrem Gesicht geschrieben. Ich bin immer fasziniert von

einem wirklich schönen Gesicht -- aber das Ihre --

_Helene._ Ich möchte nicht, daß Sie so mit mir reden, Graf Bühl.

_Hans Karl._ Aber nein, an ihnen ist ja nicht die Schönheit das

Entscheidende, sondern ganz etwas anderes: in Ihnen liegt das

Notwendige. Sie können mich natürlich nicht verstehen, ich versteh' mich

selbst viel schlechter, wenn ich red', als wenn ich still bin. Ich kann

gar nicht versuchen, Ihnen das zu explizieren, es ist halt etwas, was

ich draußen begreifen gelernt habe: daß in den Gesichtern der Menschen

etwas geschrieben steht. Sehen Sie, auch in einem Gesicht, wie dem von

der Antoinette kann ich lesen --

_Helene_ $(mit einem flüchtigen Lächeln)$. Aber davon bin ich überzeugt.

_Hans Karl_ $(ernst)$. Ja, es ist ein scharmantes, liebes Gesicht, aber

es steht immer ein und derselbe stumme Vorwurf in ihm eingegraben: Warum

habt's ihr mich alle dem fürchterlichen Zufall überlassen? Und das gibt

ihrer kleinen Maske etwas so Hilfloses, Verzweifeltes, daß man Angst um

sie haben könnte.

_Helene._ Aber die Antoinette ist doch da. Sie existiert doch so ganz

für den Moment. So müssen doch Frauen sein, der Moment ist ja alles.

Was soll denn die Welt mit einer Person anfangen, wie ich bin? Für mich

ist ja der Moment gar nicht da, ich stehe da und sehe die Lampen dort

brennen, und in mir sehe ich sie schon ausgelöscht. Und ich spreche mit

Ihnen, wir sind ganz allein in einem Zimmer, aber in mir ist das jetzt

schon vorbei: wie wenn irgendein gleichgültiger Mensch hereingekommen

wäre und uns gestört hätte, die Huberta oder der Theophil Neuhoff

oder wer immer, und das schon vorüber wäre, daß ich mit Ihnen allein

dagesessen bin, bei dieser Musik, die zu allem auf der Welt besser paßt,

als zu uns beiden -- und Sie schon wieder irgendwo dort zwischen den

Leuten. Und ich auch irgendwo zwischen den Leuten.

_Hans Karl_ $(leise)$. Jeder muß glücklich sein, der mit Ihnen leben

darf, und muß Gott danken bis an sein Lebensende, Helen, bis an sein

Lebensende, sei's, wer's sei. Nehmen Sie nicht den Neuhoff, Helen, --

eher einen Menschen wie den Stani, oder auch nicht den Stani, einen

ganz andern, der ein braver, nobler Mensch ist -- und ein Mann: das ist

alles, was ich nicht bin. $(Er steht auf.)$

_Helene_ $(steht auch auf, sie spürt, daß er gehen will)$. Sie sagen mir

ja Adieu!

_Hans Karl_ $(gibt keine Antwort)$.

_Helene._ Auch das hab' ich voraus gewußt. Daß einmal ein Moment kommen

wird, wo Sie mir so plötzlich Adieu sagen werden und ein Ende machen --

wo gar nichts war. Aber denen, wo wirklich was war, denen können Sie nie

Adieu sagen.

_Hans Karl._ Helen, es sind gewisse Gründe.

_Helene._ Ich glaube, ich habe alles in der Welt, was sich auf uns zwei

bezieht, schon einmal gedacht. So sind wir schon einmal gestanden, so

hat eine fade Musik gespielt, und so haben Sie mir Adieu gesagt, einmal

für allemal.

_Hans Karl._ Es ist nicht nur so aus diesem Augenblick heraus, Helen,

daß ich Ihnen Adieu sage. Oh nein, das dürfen Sie nicht glauben. Denn

daß man jemandem Adieu sagen muß, dahinter versteckt sich ja was.

_Helene._ Was denn?

_Hans Karl._ Da muß man ja sehr zu jemandem gehören und doch nicht ganz

zu ihm gehören dürfen.

_Helene_ $(zuckt)$. Was wollen Sie damit sagen?

_Hans Karl._ Da draußen, da war manchmal was -- mein Gott, ja, wer

könnte denn das erzählen!

_Helene._ Ja, mir. Jetzt.

_Hans Karl._ Da waren solche Stunden, gegen Abend oder in der Nacht, der

frühe Morgen mit dem Morgenstern -- Helen, Sie waren da sehr nahe von

mir. Dann war dieses Verschüttetwerden, Sie haben davon gehört --

_Helene._ Ja, ich hab' davon gehört --

_Hans Karl._ Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen

sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze

Lebenszeit, die ich gelebt hab', und in diesem Stück Leben, da waren Sie

meine Frau. Ist das nicht spaßig?

_Helene._ Da war ich Ihre Frau?

_Hans Karl._ Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine

Frau ganz einfach. Als ein fait accompli. Das Ganze hat eher etwas

Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.

_Helene_ $(schweigt)$.

_Hans Karl._ Mein Gott, ich bin eben nicht möglich, das sag' ich ja der

Crescence! Jetzt sitz' ich da neben Ihnen in einer Soiree und verlier'

mich in Geschichten, wie der alte Millesimo, Gott hab' ihn selig, den

schließlich die Leut' allein sitzen lassen haben, mit seinen Anekdoten

ohne Pointe, und der das gar nicht bemerkt hat und mutterseelenallein

weiter erzählt hat.

_Helene._ Aber ich lass' Sie gar nicht sitzen, ich hör' zu, Graf Kari.

Sie haben mir etwas sagen wollen, war es das?

_Hans Karl._ Nämlich: das war eine sehr subtile Lektion, die mir da eine

höhere Macht erteilt hat. Ich werd' Ihnen sagen, Helen, was die Lektion

bedeutet hat.

_Helene_ $(hat sich gesetzt, er setzt sich auch, die Musik hat

aufgehört)$.

_Hans Karl._ Es hat mir in einem ausgewählten Augenblick ganz eingeprägt

werden sollen, wie das Glück ausschaut, das ich mir verscherzt habe.

Wodurch ich mir's verscherzt habe, das wissen Sie ja so gut wie ich.

_Helene._ Das weiß ich so gut wie Sie?

_Hans Karl._ Indem ich halt, solange noch Zeit war, nicht erkannt habe,

worin das Einzige liegen könnte, worauf es ankäm'. Und daß ich das

nicht erkannt habe, das war eben die Schwäche meiner Natur. Und so habe

ich diese Prüfung nicht bestanden. Später im Feldspital, in den vielen

ruhigen Tagen und Nächten hab' ich das alles mit einer unbeschreiblichen

Klarheit und Reinheit erkennen können.

_Helene._ War es das, was Sie mir haben sagen wollen, genau das?

_Hans Karl._ Die Genesung ist so ein merkwürdiger Zustand. Darin ist

mir die ganze Welt wiedergekommen, wie etwas Reines, Neues und dabei

so Selbstverständliches. Ich hab' da auf einmal ausdenken können, was

das ist: ein Mensch. Und wie das sein muß: zwei Menschen, die ihr Leben

aufeinander legen und werden wie ein Mensch. Ich habe -- in der Ahnung

wenigstens -- mir vorstellen können -- was da dazu gehört, wie heilig

das ist und wie wunderbar. Und sonderbarerweise, es war nicht meine

Ehe, die ganz ungerufen die Mitte von diesem Denken war -- obwohl es ja

leicht möglich ist, daß ich noch einmal heirat' -- sondern es war Ihre

Ehe.

_Helene._ Meine Ehe! Meine Ehe -- mit wem denn?

_Hans Karl._ Das weiß ich nicht. Aber ich hab' mir das in einer ganz

genauen Weise vorstellen können, wie das alles sein wird, und wie

es sich abspielen wird, mit ganz wenigen Leuten und ganz heilig und

feierlich, und wie alles so sein wird, wie sich's gehört zu Ihren

Augen und zu Ihrer Stirn und zu Ihren Lippen, die nichts Überflüssiges

reden können, und zu Ihren Händen, die nichts Unwürdiges besiegeln

können -- und sogar das Ja-Wort hab' ich gehört, ganz klar und rein,

von Ihrer klaren, reinen Stimme -- ganz von weitem, denn ich war doch

natürlich nicht dabei, ich war doch nicht dabei! -- Wie käm' ich als

ein Außenstehender zu der Zeremonie -- Aber es hat mich gefreut, Ihnen

einmal zu sagen, wie ich's Ihnen mein. -- Und das kann man natürlich

nur in einem besonderen Moment; wie der jetzige, sozusagen in einem

definitiven Moment --

_Helene_ $(ist dem Umsinken nah, beherrscht sich aber)$.

_Hans Karl_ $(Tränen in den Augen)$. Mein Gott, jetzt hab' ich Sie ganz

bouleversiert, das liegt an meiner unmöglichen Art, ich attendrier mich

sofort, wenn ich von was sprech' oder hör', was nicht aufs Allerbanalste

hinausgeht -- es sind die Nerven seit der Geschichte, aber das steckt

sensible Menschen wie Sie natürlich an -- ich gehör' eben nicht unter

Menschen -- das sag' ich ja der Crescence -- ich bitt' Sie tausendmal

um Verzeihung, vergessen Sie alles, was ich da Konfuses zusammengeredt

hab' -- es kommen ja in so einem Abschiedsmoment tausend Erinnerungen

durcheinander -- $(hastig, weil er fühlt, daß sie nicht mehr allein

sind)$ -- aber wer sich beisammen hat, der vermeidet natürlich, sie

auszukramen -- Adieu, Helen, Adieu.

_Der berühmte Mann_ $(ist von rechts eingetreten)$.

_Helene_ $(kaum ihrer selbst mächtig)$. Adieu! $(Sie wollen sich die

Hände geben, keine Hand findet die andere.)$

_Hans Karl_ $(will fort nach rechts)$.

_Der berühmte Mann_ $(tritt auf ihn zu)$.

_Hans Karl_ $(sieht sich nach links um)$.

_Crescence_ $(tritt von links ein)$.

_Der berühmte Mann._ Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, Euer

Erlaucht --

_Hans Karl_ $(eilt fort nach rechts)$. Pardon, mein Herr! $(An ihm

vorbei.)$

_Crescence_ $(tritt zu Helene, die totenblaß dasteht)$. --

_Der berühmte Mann_ $(ist verlegen abgegangen)$.

_Hans Karl_ $(erscheint nochmals in der Tür rechts, sieht herein, wie

unschlüssig und verschwindet gleich wieder, wie er Crescence bei Helene

sieht)$.

_Helene_ $(zu Crescence, fast ohne Besinnung)$. Du bist's, Crescence?

Er ist ja noch einmal hereingekommen. Hat er noch etwas gesagt? $(Sie

taumelt, Crescence hält sie)$.

_Crescence._ Aber ich bin ja so glücklich. Deine Ergriffenheit macht

mich ja so glücklich!

_Helene._ Pardon, Crescence, sei mir nicht bös! $(Macht sich los und

läuft weg nach links.)$

_Crescence._ Ihr habt's euch eben beide viel lieber, als ihr wißt's, der

Stani und du! $(Sie wischt sich die Augen.)$

$Der Vorhang fällt.$

_DRITTER AKT_

$Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die

Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu einer Galerie, von

der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer

führt. Unten neben der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.$

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 46 / 60 题