Erste Szene

_Altenwyl._ Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt

hoch an, weil du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen

Fragmenten von Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage

in einem Salon noch geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer

nur die paar alten Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten

-- die Edine Merenberg ist ja außerordentlich unzufrieden mit dieser

altmodischen Hausführung, aber weder meine Helen noch ich goutieren

das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr Höchstes ist: wo sie

beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert, ob er an

die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir

Bruderschaft getrunken hat.

_Crescence._ Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben

an meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette

Stradonitz mir zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von

dem wir noch nie was gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.

_Altenwyl._ Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große

Zelebrität und mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es

außerordentlich, in einem Salon zu sein, wo er keinen Kollegen aus der

gelehrten Welt findet, sozusagen als der einzige Vertreter des Geistes

in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein Haus diese bescheidene

Annehmlichkeit bieten kann --

_Crescence._ Ist er verheiratet?

_Altenwyl._ Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu

Gesicht zu bekommen.

_Crescence._ Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n

noch ärger. Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für

triviale Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?

_Altenwyl._ Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen

kennt sie.

_Crescence._ Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun

Zehntel von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als

Geschwätz.

_Neuhoff_ $(zu Helene)$. Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?

_Helene._ Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns

vor etwas auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie

Konversation; Worte, die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz

beruhigen.

_Crescence._ Sag, daß du mir recht gibst, Kari!

_Hans Karl._ Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung

darauf, etwas Gescheites zu sagen.

_Altenwyl._ In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch

mehr kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem

andern das Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir

kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die

Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf

der Stiegen mich gescheit finden. -- Heutzutag hat aber keiner, pardon

für die Grobheit, den Verstand zum Konversationmachen und keiner den

Verstand, seinen Mund zu halten -- ah, erlaub', daß ich dich mit Baron

Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.

_Neuhoff._ Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.

_Crescence_ $(zu Altenwyl)$. Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie

der Edine sagen -- bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen

und die gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios:

bedeutende Menschen -- es liegt so eine Präpotenz darin!

_Altenwyl._ Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer

zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und

etwas für ihre Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.

_Helene._ Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme

Frau, die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte,

aber dabei immer die falschen erwischt.

_Crescence._ Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit

nicht mehr Konfusionen anstellt.

_Altenwyl._ Solche Wesen haben einen Schutzengel.

_Edine_ $(tritt dazu durch die Mitteltür)$. Ich seh', ihr sprechts von

mir, sprechts nur weiter, genierts euch nicht.

_Crescence._ Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?

_Edine._ Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner

gegeben haben und nicht mir. $(Setzt sich zu Crescence.)$ Ihr habts

keine Idee, wie ich mich für ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher

von die Leut'. Von diesem Brückner hab' ich erst vor ein paar Wochen ein

dickes Buch gelesen.

_Neuhoff._ Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der

Wissenschaften.

_Edine._ In Paris?

_Neuhoff._ Nein, hier in Wien.

_Edine._ Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.

_Crescence._ Vielleicht war das ein Druckfehler.

_Edine._ Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist

eine Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!

_Helene._ Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.

_Neuhoff._ Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen,

sobald er pausiert.

_Edine._ Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit

Jahren nach ihm fahnde.

_Neuhoff_ $(geht links ab)$.

_Crescence._ Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist

ein ziemlicher --

_Edine._ Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder

Fürstin und Gräfin -- ich hätt' bald was g'sagt.

_Crescence._ Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine! $(Sieht

sich nach Hans Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)$

_Helene_ $(zu Hans Karl)$. Sie haben ihn so gern, den Furlani?

_Hans Karl._ Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.

_Helene._ Macht er so geschickte Tricks? $(Sie setzt sich rechts, Hans

Karl neben ihr.)$

_Crescence_ $(geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich

links gesetzt.)$

_Hans Karl._ Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!

_Helene._ Also ein Wurstel?

_Hans Karl._ Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert

auch nie. Er spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der

allen helfen möchte und dabei alles in die größte Konfusion bringt. Er

macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie kugelt sich vor Lachen, und

dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man merkt, daß er sich

selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt alles

durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter

und drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«

_Edine_ $(zu Altenwyl)$. Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr

Halt! Das geht der Antoinette zum Beispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer:

sie soll ihren Geist kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.

_Altenwyl._ Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die

Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik

gegeben; man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.

_Edine._ Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders

hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch

wohintransportiert werden!

_Hans Karl_ $(zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend)$. Sehen

Sie, Helen, alle diese Sachen sind ja schwer: die Tricks von den

Equilibristen und Jongleurs und alles -- zu allem gehört ja ein

fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich glaub' mehr Geist,

als zu den meisten Konversationen. --

_Helene._ Ah, das schon sicher.

_Hans Karl._ Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine

ganze Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von

einer Absicht leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie

atmen kaum, bis sie ihre Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr

Trick. Er aber tut scheinbar nichts mit Absicht -- er geht immer nur auf

die Absicht der andern ein. Er möchte alles mittun, was die andern tun,

soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von jedem einzelnen

Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen Blumentopf auf der

Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus Höflichkeit.

_Helene._ Aber er wirft ihn hinunter?

_Hans Karl._ Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn

hinunter aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so

schön balancieren kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät,

müßt's von selber gehen.

_Helene_ $(vor sich)$. Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus

und fällt hinunter.

_Altenwyl_ $(zu Edine)$. Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte,

auch zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der

Unterhaltung!

_Edine._ Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine

schöne Art, ein Versteckenspielen --

_Altenwyl._ Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce

mehr wert ist als der Braten -- da herrscht ja eine Direktheit!

_Edine._ Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu

wenig kultivieren! $(Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich

nach links.)$

_Hans Karl_ $(zu Helene)$. Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem

die geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter

Nonchalance -- aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das

Doppelte wie zu den andern ihrer Anspannung.

_Helene._ Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find'

auch alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl

vulgär.

_Hans Karl._ Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese

Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.

_Helene_ $(mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen)$. Oh, Gräfin

Helene! Sie sagen »Gräfin Helene« zu mir?

_Huberta_ $(erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene

mit einem kurzen, aber indiskreten Blick)$.

_Hans Karl_ $(ohne Huberta zu bemerken)$. Nein, im Ernst, ich muß Sie

um fünf Minuten Konversation bitten -- dann später, irgendwann -- wir

spielen ja beide nicht.

_Helene_ $(etwas unruhig, aber sehr beherrscht)$. Sie machen mir Angst.

Was können Sie mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.

_Hans Karl._ Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!

_Huberta_ $(ist verschwunden)$.

_Helene_ $(nach einer kleinen Pause)$. Wann Sie wollen, aber später.

Ich seh' die Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen. $(Steht

auf.)$

_Hans Karl._ Sie sind so delizios artig. $(Ist auch aufgestanden.)$

_Helene._ Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen

guten Abend sagen. $(Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch

stehen.)$ Ich bin nicht artig: ich spür' nur, was in den Leuten vorgeht,

und das belästigt mich -- und da reagier' ich dagegen mit égards, die

ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine Art von Nervosität,

mir die Leut' vom Hals zu halten. $(Sie geht.)$

_Hans Karl_ $(geht langsam ihr nach)$.

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 33 / 60 题