_Neuhoff_ $(und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links
erschienen)$.
_Der berühmte Mann_ $(in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür
rechts blickend)$. Dort in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die
Dame, um deren Namen ich Sie fragen wollte.
_Neuhoff._ Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.
_Der berühmte Mann._ Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in
Schwarz.
_Neuhoff._ Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder
darf ich --
_Der berühmte Mann._ Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber
wir wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten --
_Neuhoff_ $(mit kaum merklicher Ironie)$. Ganz wie Sie befehlen.
_Der berühmte Mann._ Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst
von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung,
meinen Rang in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft
klarzulegen -- so würde ich mich dann sofort nachher durch den Grafen
Altenwyl ihr vorstellen lassen.
_Neuhoff._ Aber mit dem größten Vergnügen.
_Der berühmte Mann._ Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges
nicht darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der
richtigen Weise gekannt und aufgenommen zu werden.
_Neuhoff._ Ohne jeden Zweifel. Hier kommt die Gräfin Merenberg, die
sich besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich --
_Edine_ $(kommt)$. Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges
bitte ich nicht mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu
präsentieren.
_Der berühmte Mann_ $(verneigt sich)$. Ich bin sehr glücklich, Frau
Gräfin.
_Edine._ Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte,
daß ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre.
Ich bin jedesmal hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser
immensen Bildung und diesem schönen Prosastil.
_Der berühmte Mann._ Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine
leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein
Publikum von Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher
Verinnerlichung voraus.
_Edine._ Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher
lesen, damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich
früh und spät der Toinette Hechingen.
_Der berühmte Mann._ Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den
Vorzug gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?
_Edine._ Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller
Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft
man da heraus --
_Der berühmte Mann_ $(eisig)$. Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem
viel geredet wird.
_Edine._ Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das
müßte jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.
_Der berühmte Mann._ Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine
zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.
_Edine._ Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das
Grandioseste --
_Der berühmte Mann._ Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie
gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst
ist das Buch allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich
entschließen, den Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.
_Edine._ Wie? Sie sind nicht der Verfasser?
_Der berühmte Mann._ Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation
ist mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale
Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.
_Edine._ Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so
ähnliche Namen haben.
_Der berühmte Mann._ Das ist allerdings bedauerlich, besonders für
mich. Herr Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er
ist Philologe, ich würde sagen, Salonphilologe, oder noch besser:
philologischer Feuilletonist.
_Edine._ Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe.
Aber ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr
Professor. Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt
hab' ich gerad' ein sehr interessantes Buch über den »Semipelagianismus«
und eins über die »Seele des Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich
einmal in der Heugasse besuchen --
_Der berühmte Mann_ $(kühl)$. Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin.
Allerdings bin ich sehr in Anspruch genommen.
_Edine_ $(wollte gehen, bleibt nochmals stehen)$. Aber das tut mir ewig
leid, daß Sie nicht der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine
Frage nicht vorlegen! Und ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der
Einzige sind, der sie so beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung
fände.
_Neuhoff._ Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?
_Edine._ Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der
andere Herr. $(Zu Neuhoff.)$ Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer
viel an der Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.
_Der berühmte Mann._ Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?
_Edine_ $(sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann
schnell)$. Wie stellen Sie sich das Nirwana vor?
_Der berühmte Mann._ Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten,
dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein. $(Eine kleine
Pause.)$
_Edine._ Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf
Wiedersehen, Herr Professor. $(Ab.)$
_Der berühmte Mann_ $(sichtlich verstimmt)$. Hm. --
_Neuhoff._ Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.
_Der berühmte Mann_ $(kalt)$. Es ist nicht das erstemal, daß ich im
Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit
davon, zu glauben, daß dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf
dergleichen hinarbeitet. Sie können kaum ermessen, welche peinliche
Erinnerung eine groteske und schiefe Situation, wie die, in der wir uns
soeben befunden haben, in meinem Innern hinterläßt. Das erbärmliche
Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer bübischen Presse begleitet,
auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu sehen -- sich mit
dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen Schweigen der
Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte --
_Neuhoff._ Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis
in die kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in
seinem Besten, früh und spät -- das ist das Schicksal --
_Der berühmte Mann._ In seinem Besten.
_Neuhoff._ Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt --
_Der berühmte Mann._ Sein Lebenswerk mit einem journalistischen --
_Neuhoff._ Das ist das Schicksal --
_Der berühmte Mann._ Die in einer bübischen Presse --
_Neuhoff._ -- des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen
Menschheit ausliefert, den Frauen, die im Grunde zwischen einer leeren
Larve und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!
_Der berühmte Mann._ Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den
Salon zu begegnen --
_Neuhoff._ Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges --
Nichts, was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur
entfernt an Sie heran.
_Der berühmte Mann._ Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und
allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich
habe die Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das
geistige Leben anlangt.
_Neuhoff._ Geist und diese Menschen! Das Leben -- und diese Menschen!
Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in
Wirklichkeit gar nicht mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten.
Niemand, der sich in diesen Salons bewegt, gehört zu der wirklichen
Welt, in der die geistigen Krisen des Jahrhunderts sich entscheiden.
Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie die Figur dort im
nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend in der
Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität -- von Frauen und Mädchen
umlagert -- Kari Bühl.
_Der berühmte Mann._ Ist das Graf Bühl?
_Neuhoff._ Er selbst, der berühmte Kari.
_Der berühmte Mann._ Ich habe bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, ihn
kennen zu lernen. Sind Sie befreundet mit ihm?
_Neuhoff._ Nicht allzusehr, aber hinlänglich, um ihn Ihnen in zwei
Worten erschöpfend zu charakterisieren: absolutes, anmaßendes Nichts.
_Der berühmte Mann._ Er hat einen außerordentlichen Rang innerhalb der
ersten Gesellschaft. Er gilt für eine Persönlichkeit.
_Neuhoff._ Es ist nichts an ihm, das der Prüfung standhielte. Rein
gesellschaftlich goutiere ich ihn halb aus Gewohnheit; aber Sie haben
weniger als nichts verloren, wenn Sie ihn nicht kennen lernen.
_Der berühmte Mann_ $(sieht unverwandt hin)$. Ich würde mich sehr
interessieren, seine Bekanntschaft zu machen. Glauben Sie, daß ich mir
etwas vergebe, wenn ich mich ihm nähere?
_Neuhoff._ Sie werden Ihre Zeit mit ihm verlieren, wie mit allen diesen
Menschen hier.
_Der berühmte Mann._ Ich würde großes Gewicht darauf legen, mit Graf
Bühl in einer wirkungsvollen Weise bekannt gemacht zu werden, etwa durch
einen seiner vertrauten Freunde.
_Neuhoff._ Zu diesen wünsche ich nicht gezählt zu werden, aber ich werde
Ihnen das besorgen.
_Der berühmte Mann._ Sie sind sehr liebenswürdig. Oder meinen Sie, daß
ich mir nichts vergeben würde, wenn ich mich ihm spontan nähern würde?
_Neuhoff._ Sie erweisen dem guten Kari in jedem Fall zuviel Ehre, wenn
Sie ihn so ernst nehmen.
_Der berühmte Mann._ Ich verhehle nicht, daß ich großes Gewicht darauf
lege, das feine und unbestechliche Votum der großen Welt den Huldigungen
beizufügen, die meinem Wissen im breiten internationalen Laienpublikum
zuteil geworden sind, und in denen ich die Abendröte einer nicht
alltäglichen Gelehrtenlaufbahn erblicken darf. $(Sie gehen ab.)$