_Neugebauer_ $(tritt ein)$. Euer Erlaucht haben befohlen.
_Hans Karl._ Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis
etwas zu Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe -- es sind private
Briefe, versiegelt -- ungefähr zwei Finger dick.
_Neugebauer._ Mit einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum?
Juni 15 bis 22. Oktober 16?
_Hans Karl._ Ganz richtig. Sie wissen --
_Neugebauer._ Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber
ich kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so
verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen --
_Hans Karl_ $(ganz ohne Vorwurf)$. Es ist mir unbegreiflich, wie diese
ganz privaten Briefe unter die Akten geraten sein können --
_Neugebauer._ Wenn ich befürchten müßte, daß Euer Erlaucht den leisesten
Zweifel in meine Diskretion setzen --
_Hans Karl._ Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.
_Neugebauer._ Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde
alle meine Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis
aufzuklären.
_Hans Karl._ Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel
zu viel Gewicht bei.
_Neugebauer._ Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht,
daß etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings
war mein Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich
dabei vielleicht keine tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird
dieser Mangel vielleicht in den Augen eines wohlwollenden Beurteilers
aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu
müssen meinem Charakter allerdings nicht leicht fallen würde.
_Hans Karl._ Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie
machen mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten,
sich abends etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen
Spaziergang mit ihrer Braut.
_Neugebauer_ $(schweigt)$.
_Hans Karl._ Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren,
vielleicht könnte ich in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.
_Neugebauer._ Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem
ausschließlich um das Materielle handeln könnte.
_Hans Karl._ Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie
sind Bräutigam, also gewiß glücklich ...
_Neugebauer._ Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von
Schloß Hohenbühl anspielen?
_Hans Karl._ Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.
_Neugebauer._ Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren
Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben
Jahr gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem
Herzen nahe gestanden -- und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des
Gefallenen betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu
bieten.
_Hans Karl_ $(zögernd)$. Und die frühere langjährige Beziehung?
_Neugebauer._ Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der
vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.
_Hans Karl._ Ah!
_Neugebauer._ Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin
eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die
junge Ehe mitbringen. Allerdings keine Kleinigkeit.
_Hans Karl_ $(schweigt)$.
_Neugebauer._ Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge,
mit welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen
Sphären behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für
schwere Aufgaben noch schwerere einzutauschen.
_Hans Karl._ Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich
darauf.
_Neugebauer._ Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen
Welt nicht maßgebend sein.
_Hans Karl._ Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst
finden.
_Neugebauer._ Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis
Mitternacht. $(Ab.)$
_Hans Karl_ $(vor sich)$. Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen
so tentiert sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz
bestimmt weiß, ob sie nicht das Recht dazu haben.