Achte Szene

_Stani_ $(steht in der Mitteltür, im Frack)$. Pardon, nur um dir guten

Abend zu sagen, Onkel Kari, wenn man dich nicht stört.

_Hans Karl_ $(war nach rechts gegangen, bleibt jedoch stehen)$. Aber gar

nicht. $(Bietet ihm Platz an und eine Zigarette)$.

_Stani_ $(nimmt die Zigarette)$. Aber natürlich chipotierts dich, wenn

man unangemeldet hereinkommt. Darin bist du ganz wie ich. Ich hass' es

auch, wenn man mir die Tür einrennt. Ich will immer zuerst meine Ideen

ein bißl ordnen.

_Hans Karl._ Ich bitte, genier' dich nicht, du bist doch zu Hause.

_Stani._ Oh pardon, ich bin bei dir ...

_Hans Karl._ Setz dich doch.

_Stani._ Nein wirklich, ich hätte nie gewagt, wenn ich nicht so deutlich

die krähende Stimm' vom Neugebauer ...

_Hans Karl._ Er ist im Moment gegangen.

_Stani._ Sonst wäre ich ja nie ... nämlich der neue Diener lauft mir

vor fünf Minuten im Korridor nach und meldet mir, notabene ungefragt,

du hättest die Jungfer von der Antoinette Hechingen bei dir und wärest

schwerlich zu sprechen.

_Hans Karl_ $(halblaut)$. Ah, das hat er dir ... ein reizender Mann!

_Stani._ Da wäre ich ja natürlich unter keinen Umständen ...

_Hans Karl._ Sie hat ein paar Bücher zurückgebracht.

_Stani._ Die Toinette Hechingen liest Bücher?

_Hans Karl._ Es scheint. Ein paar alte französische Sachen.

_Stani._ Aus dem XVIII. Das paßt zu ihren Möbeln.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Stani._ Das Boudoir ist scharmant. Die kleine Chaiselongue! Sie ist

signiert.

_Hans Karl._ Ja, die kleine Chaiselongue. Riesener.

_Stani._ Ja, Riesener. Was du für ein Namensgedächtnis hast! Unten ist

die Signatur.

_Hans Karl._ Ja, unten am Fußende.

_Stani._ Sie verliert immer ihre kleinen Kämme aus den Haaren, und

wenn man sich dann bückt, um die zusammenzusuchen, dann sieht man die

Inschrift.

_Hans Karl_ $(geht nach rechts hinüber und schließt die Tür nach der

Bibliothek)$.

_Stani._ Zieht's dir, bist du empfindlich?

_Hans Karl._ Ja, meine Schützen und ich, wir sind da draußen rheumatisch

geworden wie die alten Jagdhunde.

_Stani._ Weißt du, sie spricht scharmant von dir, die Antoinette.

_Hans Karl_ $(raucht)$. Ah!...

_Stani._ Nein, ohne Vergleich. Ich verdanke den Anfang meiner Chance bei

ihr ganz gewiß dem Umstand, daß sie mich so fabelhaft ähnlich mit dir

findet. Zum Beispiel unsere Hände. Sie ist in Ekstase vor deinen Händen.

$(Er sieht seine eigene Hand an.)$ Aber bitte, erwähn' nichts von allem

gegen die Mamu. Es ist halt ein weitgehender Flirt, aber deswegen doch

keine Bandelei. Aber die Mamu übertreibt sich alles.

_Hans Karl._ Aber mein guter Stani, wie käme ich denn auf das Thema?

_Stani._ Allmählich ist sie natürlich auch auf die Unterschiede zwischen

uns gekommen. Ça va sans dire.

_Hans Karl._ Die Antoinette?

_Stani._ Sie hat mir geschildert, wie der Anfang eurer Freundschaft war.

_Hans Karl._ Ich kenne sie ja ewig lang.

_Stani._ Nein, aber das vor zwei Jahren. Im zweiten Kriegsjahr. Wie

du nach der ersten Verwundung auf Urlaub warst, die paar Tage in der

Grünleiten.

_Hans Karl._ Datiert sie von daher unsere Freundschaft?

_Stani._ Natürlich. Seit damals bist du ihr großer Freund. Als Ratgeber,

als Vertrauter, als was du willst, einfach hors ligne. Du hättest dich

benommen wie ein Engel.

_Hans Karl._ Sie übertreibt sehr leicht, die gute Antoinette.

_Stani._ Aber sie hat mir ja haarklein erzählt, wie sie aus Angst vor

dem Alleinsein in der Grünleiten mit ihrem Mann, der gerade auch auf

Urlaub war, sich den Feri Uhlfeldt, der damals wie der Teufel hinter ihr

her war, auf den nächsten Tag hinausbestellt, wie sie dann dich am Abend

vorher im Theater sieht und es wie eine Inspiration über sie kommt, sie

dich bittet, du solltest noch abends mit ihr hinausfahren und den Abend

mit ihr und dem Adolf zu dritt verbringen.

_Hans Karl._ Damals hab' ich ihn noch kaum gekannt.

_Stani._ Ja das entre parenthèse, das begreift sie gar nicht! Daß du

dich später mit ihm hast so einlassen können. Mit diesem öden Dummkopf,

diesem Pedanten.

_Hans Karl._ Da tut sie ihrem Mann unrecht, sehr!

_Stani._ Na, da will ich mich nicht einmischen. Aber sie erzählt das

reizend.

_Hans Karl._ Das ist ja ihre Stärke, diese kleinen Konfidenzen.

_Stani._ Ja, damit fangt sie an. Diesen ganzen Abend, ich sehe ihn vor

mir, wie sie dann nach dem Souper dir den Garten zeigt, die reizenden

Terrassen am Fluß, wie der Mond aufgeht ...

_Hans Karl._ Ah, so genau hat sie dir das erzählt.

_Stani._ Und wie du in der einen nächtlichen Konversation die Kraft

gehabt hast, ihr den Feri Uhlfeldt vollkommen auszureden.

_Hans Karl_ $(raucht und schweigt)$.

_Stani._ Das bewundere ich ja so an dir: du redest wenig, bist so

zerstreut und wirkst so stark. Deswegen find ich auch ganz natürlich,

worüber sich so viele Leut den Mund zerreißen: daß du im Herrenhaus

seit anderthalb Jahren deinen Sitz eingenommen hast, aber nie das Wort

ergreifst. Vollkommen in der Ordnung ist das für einen Herrn wie du

bist! Ein solcher Herr spricht eben durch seine Person! Oh, ich studier

dich. In ein paar Jahren hab ich das. Jetzt hab ich noch zuviel Passion

in mir. Du gehst nie auf die Sache aus und hast so gar keine Suada, das

ist gerade das Elegante an dir. Jeder andere wäre in dieser Situation

ihr Liebhaber geworden.

_Hans Karl_ $(mit einem nur in den Augen merklichen Lächeln)$. Glaubst

du?

_Stani._ Unbedingt. Aber ich versteh natürlich sehr gut: in deinen

Jahren bist du zu seriös dafür. Es tentiert dich nicht mehr: so leg

ich mir's zurecht. Weißt du, das liegt so in mir: ich denk über alles

nach. Wenn ich Zeit gehabt hätt', auf der Universität zu bleiben -- für

mich: Wissenschaft, das wäre mein Fach gewesen. Ich wäre auf Sachen,

auf Probleme gekommen, auf Fragestellungen, an die andere Menschen gar

nicht streifen. Für mich ist das Leben ohne Nachdenken kein Leben. Zum

Beispiel: Weiß man das auf einmal, so auf einen Ruck: Jetzt bin ich kein

junger Herr mehr? -- Das muß ein sehr unangenehmer Moment sein.

_Hans Karl._ Weißt du, ich glaub', es kommt ganz allmählich. Wenn einem

auf einmal der andere bei der Tür vorausgehen läßt und du merkst dann:

ja, natürlich, er ist viel jünger, obwohl er auch schon ein erwachsener

Mensch ist.

_Stani._ Sehr interessant. Wie du alles gut beobachtest. Darin bist du

ganz wie ich. Und dann wird's einem so zur Gewohnheit, das Ältersein?

_Hans Karl._ Ja, es gibt aber immer noch gewisse Momente, die einen

frappieren. Zum Beispiel, wenn man sich plötzlich klar wird, daß man

nicht mehr glaubt, daß es Leute gibt, die einem alles erklären könnten.

_Stani._ Eines versteh' ich aber doch nicht, Onkel Kari, daß du mit

dieser Reife und konserviert wie du bist, nicht heiratest.

_Hans Karl._ Jetzt.

_Stani._ Ja, eben jetzt. Denn der Mann, der kleine Abenteuer sucht, bist

du doch nicht mehr. Weißt du, ich würde natürlich sofort begreifen, daß

sich jede Frau heut' noch für dich interessiert. Aber die Toinette hat

mir erklärt, warum ein Interesse für dich nie seriös wird.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst

nicht, weil du nicht genug Herz hast.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme

Unterschied zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer

geschmeidig, um loszulassen, das spürt eine Frau, und wenn sie selbst im

Begriff gewesen wäre, sich in dich zu verlieben, so verhindert das die

Kristallisation.

_Hans Karl._ Ah, so drückt sie sich aus?

_Stani._ Das ist ja ihr großer Charme, daß sie eine Konversation hat.

Weißt du, das brauch' ich absolut: eine Frau, die mich fixieren soll,

die muß außer ihrer absoluten Hingebung auch eine Konversation haben.

_Hans Karl._ Darin ist sie delizios.

_Stani._ Absolut. Das hat sie: Charme, Geist und Temperament, so wie sie

etwas anderes nicht hat: nämlich Rasse.

_Hans Karl._ Du findest?

_Stani._ Weißt du, Onkel Kari, ich bin ja so gerecht; eine Frau kann

hundertmal das Äußerste an gutem Willen für mich gehabt haben -- ich

geb' ihr, was sie hat, und ich sehe unerbittlich, was sie nicht hat.

Du verstehst mich: Ich denk' über alles nach, und mach' mir immer zwei

Kategorien. Also die Frauen teile ich in zwei große Kategorien: die

Geliebte und die Frau, die man heiratet. Die Antoinette gehört in die

erste Kategorie, sie kann hundertmal die Frau vom Adolf Hechingen sein,

für mich ist sie keine Frau, sondern -- das andere.

_Hans Karl._ Das ist ihr Genre, natürlich. Wenn man die Menschen so

einteilen will.

_Stani._ Absolut. Darum ist es, in Parenthese, die größte Dummheit, sie

mit ihrem Mann versöhnen zu wollen.

_Hans Karl._ Wenn er aber doch einmal ihr Mann ist? Verzeih', das ist

vielleicht ein sehr spießbürgerlicher Gedanke.

_Stani._ Weißt du, verzeih' mir, ich mache mir meine Kategorien, und da

bin ich dann absolut darin, ebenso über die Galanterie, ebenso über die

Ehe. Die Ehe ist kein Experiment. Sie ist das Resultat eines richtigen

Entschlusses.

_Hans Karl._ Von dem du natürlich weit entfernt bist.

_Stani._ Aber gar nicht. Augenblicklich bereit, ihn zu fassen.

_Hans Karl._ Im jetzigen Moment?

_Stani._ Ich finde mich außerordentlich geeignet, eine Frau glücklich

zu machen, aber bitte, sag' das der Mamu nicht, ich will mir in allen

Dingen meine volle Freiheit bewahren. Darin bin ich ja haarklein wie du.

Ich vertrage nicht, daß man mich beengt.

_Hans Karl_ $(raucht)$.

_Stani_. Der Entschluß muß aus dem Moment hervorgehen. Gleich oder gar

nicht, das ist meine Devise!

_Hans Karl._ Mich interessiert nichts auf der Welt so sehr, als wie man

von einer Sache zur andern kommt. Du würdest also nie einen Entschluß

vor dich hinschieben?

_Stani._ Nie, das ist die absolute Schwäche.

_Hans Karl._ Aber es gibt doch Komplikationen?

_Stani._ Die negiere ich.

_Hans Karl._ Beispielsweise sich kreuzende widersprechende

Verpflichtungen.

_Stani._ Von denen hat man die Wahl, welche man lösen will.

_Hans Karl._ Aber man ist doch in dieser Wahl bisweilen sehr behindert.

_Stani._ Wieso?

_Hans Karl._ Sagen wir durch Selbstvorwürfe.

_Stani._ Das sind Hypochondrien. Ich bin vollkommen gesund. Ich war im

Feld nicht einen Tag krank.

_Hans Karl._ Ah, du bist mit deinem Benehmen immer absolut zufrieden?

_Stani._ Ja, wenn ich das nicht wäre, so hätte ich mich doch anders

benommen.

_Hans Karl_. Pardon, ich spreche nicht von Unkorrektheiten -- aber

du läßt mit einem Wort den Zufall oder nennen wir's das Schicksal

unbedenklich walten?

_Stani._ Wieso? Ich behalte immer alles in der Hand.

_Hans Karl._ Zeitweise ist man aber halt doch versucht, bei solchen

Entscheidungen einen bizarren Begriff einzuschieben: den der höheren

Notwendigkeit.

_Stani._ Was ich tue, ist eben notwendig, sonst würde ich es nicht tun.

_Hans Karl_ $(interessiert)$. Verzeih', wenn ich aus der aktuellen

Wirklichkeit heraus exemplifiziere -- das schickt sich ja eigentlich

nicht ...

_Stani._ Aber bitte ...

_Hans Karl._ Eine Situation würde dir, sagen wir, den Entschluß zur

Heirat nahelegen.

_Stani._ Heute oder morgen.

_Hans Karl._ Nun bist du mit der Antoinette in dieser Weise immerhin

befreundet.

_Stani._ Ich brouillier mich mit ihr, von heut' auf morgen!

_Hans Karl._ Ah! Ohne jeden Anlaß?

_Stani._ Aber der Anlaß liegt doch immer in der Luft. Bitte. Unsere

Beziehung dauert seit dem Frühjahr. Seit sechs, sieben Wochen ist

irgend etwas an der Antoinette, ich kann nicht sagen, was -- ein

Verdacht wäre schon zuviel -- aber die bloße Idee, daß sie sich außer

mit mir noch mit jemandem andern beschäftigen könnte, weißt du, darin

bin ich absolut.

_Hans Karl._ Ah, ja.

_Stani._ Weißt du, das ist stärker als ich. Ich möchte es gar nicht

Eifersucht nennen, es ist ein derartiges Nichtbegreifenkönnen, daß

eine Frau, der ich mich attachiert habe, zugleich mit einem andern --

begreifst du?

_Hans Karl._ Aber die Antoinette ist doch so unschuldig, wenn sie etwas

anstellt. Sie hat dann fast noch mehr Charme.

_Stani._ Da verstehe ich dich nicht.

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 20 / 60 题