_Vinzenz_ $(führt Agathe herein. Beide Diener ab)$.
_Hans Karl._ Guten Abend, Agathe.
_Agathe._ Daß ich Sie sehe, Euer Gnaden Erlaucht! Ich zittre ja.
_Hans Karl._ Wollen Sie sich nicht setzen?
_Agathe_ $(stehend)$. Oh, Euer Gnaden, seien nur nicht ungehalten
darüber, daß ich gekommen bin, statt dem Brandstätter.
_Hans Karl._ Aber liebe Agathe, wir sind ja doch alte Bekannte. Was
bringt Sie denn zu mir?
_Agathe._ Mein Gott, das wissen doch Erlaucht. Ich komm' wegen der
Briefe.
_Hans Karl_ $(ist betroffen)$.
_Agathe._ Oh Verzeihung, oh Gott, es ist ja nicht zum Ausdenken, wie
mir meine Frau Gräfin eingeschärft hat, durch mein Betragen nichts zu
verderben.
_Hans Karl_ $(zögernd)$. Die Frau Gräfin hat mir allerdings geschrieben,
daß gewisse in meiner Hand befindliche, ihr gehörige Briefe, würden
von einem Herrn Brandstätter am Fünfzehnten abgeholt werden. Heute ist
der Zwölfte, aber ich kann natürlich die Briefe auch Ihnen übergeben.
Sofort, wenn es der Wunsch der Frau Gräfin ist. Ich weiß ja, Sie sind
der Frau Gräfin sehr ergeben.
_Agathe._ Gewisse Briefe -- wie Sie das sagen, Erlaucht. Ich weiß ja
doch, was das für Briefe sind.
_Hans Karl_ $(kühl)$. Ich werde sofort den Auftrag geben.
_Agathe._ Wenn sie uns so beisammen sehen könnte, meine Frau Gräfin. Das
wäre ihr eine Beruhigung, eine kleine Linderung.
_Hans Karl_ $(fängt an, in der Lade zu suchen)$.
_Agathe._ Nach diesen entsetzlichen sieben Wochen, seitdem wir wissen,
daß unser Herr Graf aus dem Felde zurück ist und wir kein Lebenszeichen
von ihm haben ...
_Hans Karl_ $(sieht auf)$. Sie haben vom Grafen Hechingen kein
Lebenszeichen?
_Agathe._ Von dem! Wenn ich sage, »unser Herr Graf«, das heißt in
unserer Sprache Sie Erlaucht! Vom Grafen Hechingen sagen wir nicht
»unser Herr Graf!«
_Hans Karl_ $(sehr geniert)$. Ah, pardon, das konnte ich nicht wissen.
_Agathe_ $(schüchtern)$. Bis heute nachmittag haben wir ja geglaubt,
daß heute bei der gräflich Altenwylschen Soiree das Wiedersehen sein
wird. Da telephoniert mir die Jungfrau von der Komtesse Altenwyl: Er hat
abgesagt!
_Hans Karl_ $(steht auf)$.
_Agathe._ Er hat abgesagt, Agathe, ruft die Frau Gräfin, abgesagt, weil
er gehört hat, daß ich hinkomme! Dann ist doch alles vorbei und dabei
schaut sie mich an mit einem Blick, der einen Stein erweichen könnte.
_Hans Karl_ $(sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen)$.
Ich fürchte, ich habe die gewünschten Briefe nicht hier in meinem
Schreibtisch, ich werde gleich meinen Sekretär rufen.
_Agathe._ Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das
dürfte meine Frau Gräfin nie erfahren!
_Hans Karl._ Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.
_Agathe._ Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?
_Hans Karl_ $(spricht ins Telephon)$. Lieber Neugebauer, wenn Sie für
einen Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei -- aber
ohne die Akten -- es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich?
Nein, rechnen Sie nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.
_Agathe._ Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!
_Hans Karl._ Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.
_Agathe._ Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf
einmal vorbei ist.
_Hans Karl_ $(im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt
die Stirn)$. Liebe Agathe, da Sie ja von allem informiert sind -- ich
verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der Frau Gräfin aus dem Feldspital
einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.
_Agathe._ Ja, den abscheulichen Brief.
_Hans Karl._ Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher
Brief.
_Agathe._ Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir
ihn gelesen haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!
_Hans Karl._ Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!
_Agathe_ $(sieht ihn an)$. Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen
so herausgestrichen haben -- und gesagt haben, auf die Letzt ist ein
Mann wie der andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden
genommen werden.
_Hans Karl._ Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren
doch niemals meine Gedanken!
_Agathe._ Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und
oft gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das
Resultat der Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief,
wo er mir mit dünnen Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere
Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen --
_Hans Karl._ Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief
gestanden.
_Agathe._ Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir
gut herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden
Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist
eine perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da
klagt er die Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.
_Hans Karl_ $(schweigt)$.
_Agathe_ $(einen Schritt näher tretend)$. Ich habe gekämpft für unsern
Herrn Grafen, wie meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es
sehen, er will die Komtesse Altenwyl heiraten, und nur darum will er
meine Ehe wieder zusammenleimen.
_Hans Karl._ Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?
_Agathe._ Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt
hat. Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen,
hat sie dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht -- denn die
lauft ihm nach; und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon
verloren, und sie verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.
_Hans Karl_ $(richtet etwas)$. Wenn ich Sie überzeugen könnte --
_Agathe._ Aber dann wieder plötzlich die Angst --
_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt --
_Agathe._ Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das
bedeutungsvoll sein sollte --
_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt!
_Agathe._ Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt --
_Hans Karl._ Wie kann nur die Frau Gräfin --
_Agathe._ Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr,
Erlaucht?
_Hans Karl._ Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.
_Agathe._ Oh, küss' die Hände, Erlaucht! $(Küßt ihm schnell die Hand.)$
_Hans Karl_ $(entzieht ihr die Hand)$. Ich höre meinen Sekretär kommen.
_Agathe._ Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für
die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören
soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!
_Hans Karl._ Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und
-- Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.
_Agathe_ $(rechts ab)$.