II.

Ein Schriftsteller gibt sich nicht ganz in seinen Werken, das ist klar.

Zuweilen macht sogar die Persönlichkeit einen Eindruck, der seinen

Schriften einigermassen widerspricht. Das ist bei Ibsen nicht der

Fall. Und dass er die oben besprochenen Ansichten nicht nur zur Schau

trägt oder seinen Büchern zu lieb annimmt, kann ich nach vieljähriger

Bekanntschaft mit ihm durch manchen kleinen Zug erhärten.

Ich will versuchen, durch einzelne seiner mündlich hingeworfenen

Aeusserungen, die in der Form eines Scherzes, eines Paradoxon

oder eines bildlichen Vergleichs das Gedankenleben des Dichters

illustriren, und durch ein paar schriftliche Aeusserungen, in deren

Mittheilung Ibsen eingewilligt hat, einige Hauptumrisse seines Geistes

lebendiger und getreuer zu zeichnen, als die Bücher allein es möglich

machen.

Als im Jahr 1870 Frankreich blutend, verstümmelt vor Deutschlands

Füssen lag, war Ibsen, der mit seinen Sympathien zu jener Zeit eher auf

Frankreichs Seite stand, weit entfernt, die in den nordischen Ländern

herrschende Niedergeschlagenheit über diesen Sachverhalt zu theilen.

Während alle anderen Freunde Frankreichs sich in Klagen des Mitleids

ergingen, schrieb Ibsen (20. December 1870):

».... Die Weltbegebenheiten nehmen übrigens einen grossen Theil meiner

Gedanken in Anspruch. Das alte illusorische Frankreich ist in Stücke

zerschlagen; wenn nun auch das neue factische Preussen zerschlagen

würde, so wären wir mit einem Sprunge drinnen in einem neu beginnenden

Zeitalter. Hei, wie die Gedanken rings um uns rumoren würden! Und es

wäre wahrhaftig auch an der Zeit. All' das, wovon wir bis dato leben,

sind ja doch nur die Brosamen von dem grossen Revolutionstisch des

vorigen Jahrhunderts, und diese Kost ist nun lange genug widergekäut

worden. Die Begriffe verlangen nach einem neuen Inhalt und nach einer

neuen Erklärung. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht

mehr dieselben Dinge, wie zur Zeit der seligen Guillotine. Dies

ist's was die Politiker nicht verstehen wollen, und darum hasse ich

sie. Diese Menschen wollen nur Specialrevolutionen, Revolutionen im

Aeusserlichen, in dem Politischen. Aber das sind lauter Lappalien. Um

was es sich handelt, das ist das Revoltiren des Menschengeistes ....«

Keiner kann in diesem Briefe den historischen Optimismus übersehen, den

ich bei Ibsen angedeutet habe. So düster er auch die Zukunft zu sehen

scheint, so hat er doch die beste Hoffnung, das grösste Vertrauen auf

das neue Leben, welches durch Unglück hervorgerufen wird. Ja mehr als

das: nur so lange das Unglück, welches das Eintreten der Ideen in die

Welt begleitet, die Sinne wach hält, sind die Ideen ihm eine wirkliche

Macht. Selbst das Rasseln der Guillotine schreckt ihn so wenig,

dass es im Gegentheil mit seiner optimistischen und revolutionären

Weltbetrachtung harmonisch zusammenklingt. Nicht die Freiheit als

todter Zustand, sondern die Freiheit als Kampf, als Streben scheint ihm

von Werth. Lessing sagte, dass wenn Gott ihm die Wahrheit in seiner

rechten, das Streben nach Wahrheit in seiner linken Hand böte, so würde

er nach Gottes Linken greifen. Ibsen unterschriebe diesen Satz, wofern

man statt »Wahrheit« das Wort »Freiheit« setzte. Wenn er die Politiker

verabscheut, so beruht dies darauf, dass sie nach seiner Ansicht die

Freiheit als etwas Aeusserliches, Seelenloses auffassen und behandeln.

Aus Ibsen's optimistischer, sozusagen pädagogischer Auffassung

des Leidens, erklärt sich vornehmlich der Eifer, womit er die

Idee verfolgte, Norwegen sollte Dänemark im Kampf um Schleswig

beistehen. Natürlich ging er wie die übrigen Skandinaven von der

Stammverwandtschaft, von den gegebenen Versprechen, von Dänemarks Recht

als Ausgangspunkt aus; aber sein Optimismus liess ihn den Nutzen eines

solchen Beistandes als untergeordnet betrachten. Auf die Bemerkung:

»Ihr hättet gehörige Prügel bekommen!« antwortete er einmal: »Gewiss.

Aber was hätte es geschadet? Wir wären mit in die Bewegung gekommen,

hätten zu Europa gehört. Nur nicht bei Seite bleiben!«

Ein andermal -- 1874 glaub ich -- pries Ibsen in hohen Tönen Russland:

»Ein prächtiges Land«, sagte er lächelnd, »all' die brillante

Unterdrückung dort drüben!«

»Wieso?«

»Denken Sie nur an all' die herrliche Freiheitsliebe, die dadurch

erzeugt wird. Russland ist eines von den wenigen Ländern auf Erden, wo

Männer die Freiheit noch lieben und ihr Opfer bringen. Darum steht auch

das Land so hoch in Poesie und Kunst. Denken Sie nur, dass es einen

Dichter besitzt wie Turgenjew, und es hat auch Turgenjew's unter den

Malern; wir kennen sie nur nicht, aber ich sah ihre Bilder in Wien«.

»Wenn all' diese guten Dinge eine Folge der Unterdrückung sind,« sagte

ich, »so müssen wir dieselbe freilich preisen. Aber die Knute --

schwärmen Sie auch für sie? Gesetzt, Sie wären ein Russe: Ihr kleiner

Junge da,« (ich deutete auf seinen damals halbwüchsigen Sohn) »sollte

der Knutenhiebe bekommen?« -- Ibsen schwieg einen Augenblick mit

einer undurchdringlichen Miene. Dann erwiderte er lachend: »Bekommen

sollte er sie nicht, geben sollte er sie«. Der ganze Ibsen ist in

dieser humoristischen Ausflucht. Er selbst gibt in seinen Dramen dem

Geschlecht beständig Knutenhiebe. Hoffentlich sollten die eventuellen

Schläge in Russland zur Abwechslung einmal die Unterdrücker treffen.

Man wird sich nicht darüber wundern, dass Henrik Ibsen bei solchen

Anschauungen keineswegs begeistert war, als Rom von den italienischen

Truppen eingenommen wurde. Er schrieb in launigem Missmuth:

».... So hat man denn nun Rom uns Menschen genommen und den Politikern

gegeben! Wo sollen wir jetzt hin? Rom war der einzige geweihte

Ort in Europa, der einzige, welcher wahre Freiheit, die Freiheit

von der politischen Freiheitstyrannei, genoss .... Und der schöne

Freiheitsdrang -- der ist nun auch vorbei; ja ich muss jedenfalls

sagen, das Einzige, was ich an der Freiheit liebe, ist der Kampf für

sie, um den Besitz kümmere ich mich nicht ....«

Mir scheint, dieser Standpunkt gegenüber der Politik hat zwei Seiten:

einestheils alte romantische Reminiscenz -- der Abscheu vor dem

Utilitarismus, welcher den romantischen Schulen aller Länder gemeinsam

ist -- anderntheils etwas Persönliches und Eigenthümliches: der Glaube

an die Kraft des Einzelnen und die Neigung für radicale Dilemmen. Der

Mann, welcher in Brand die Losung formulirte: »Alles oder Nichts!«

kann der Parole des politischen Praktikers »Jeden Tag einen kleinen

Schritt« kein williges Ohr leihen. Ich möchte wissen, ob Ibsen's

obenerwähnte, voreingenommene Stimmung für Russland nicht zum Theil

ihre Ursache darin hatte, dass dort kein Reichstag ist. Seinem ganzen

Naturell zufolge muss Ibsen einen Unwillen gegen Parlamente haben.

Er glaubt ans Individuum, an die einzelne grosse Persönlichkeit: ein

Einzelner kann Alles ausrichten, und zwar nur ein Einzelner. Solch'

eine Corporation wie ein Parlament ist für ihn eine Versammlung von

Rednern und Dilettanten, was natürlich nicht ausschliesst, dass er für

den einzelnen Parlamentarier als solchen grosse Achtung hegen kann.

Ibsen hat darum sein ewiges Ergötzen, so oft er in einer Zeitung liest:

»Und dann ernannte man eine Commission«, oder: »Dann gründete man einen

Verein«. Er sieht ein Symptom der modernen Entmannung darin, dass,

sobald Einer eine Sache oder einen Plan durchsetzen möchte, sein erster

Gedanke dahin zielt, einen Verein zu stiften oder eine Commission

aufzurufen. Man denke nur an das Hohngelächter, welches durch den »Bund

der Jugend« schallt.

Ich glaube, dass Ibsen in seinem stillen Sinn den Individualismus

bis zu einem Extrem treibt, von dem man aus seinen Werken allein

keinen Eindruck empfangen kann. Er geht in diesem Punkte sogar

weiter als Sören Kierkegaard, an welchem er sonst in diesem Punkte

stark erinnert. Ibsen ist z. B. ein weitgehender Gegner der modernen

strammen Staatsidee. Nicht in dem Sinne, dass er Kleinstaaten wünschte.

Niemand kann einen grösseren Schrecken haben vor der Tyrannei, welche

sie ausüben, und vor der Kleinlichkeit, die sie mit sich führen.

Wenige haben desshalb so warm wie er das Wort dafür ergriffen, dass

die drei nordischen Reiche dem Beispiele Italiens und Deutschlands

folgen und sich zu einem politischen Ganzen verbinden sollten. Sein

werthvollstes historisches Drama »Die Kronprätendenten« behandelt ja

ausschliesslich eine ähnliche historische Zusammenschmelzungs-Idee.

Ibsen geht in diesem Punkte so weit, dass er, nach meiner Ansicht,

die Gefahren übersieht, welche das politische Einheitsstreben für die

Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit des Geisteslebens in sich birgt.

Italien erreichte in künstlerischer Hinsicht seine höchste Blüthe zu

der Zeit, da Siena und Florenz zwei verschiedene Welten bezeichneten,

und Deutschland stand in geistiger Hinsicht niemals höher als zu dem

Zeitpunkt, wo Königsberg und Weimar Centren waren. Aber trotz seines

Schwärmens für Einheit träumt Ibsen's Dichterhirn von einer Zeit, da

ein weit grösseres Maass als nun von individueller und communaler

Freiheit gewährt wird, wo also Staaten, wie wir sie jetzt haben, nicht

mehr existiren. Obschon Ibsen wenig liest und sich durch Bücher nicht

sonderlich über die Gegenwart orientirt, schien es mir doch oft, als

ob er in einer Art heimlicher Uebereinstimmung mit den gährenden und

keimenden Zeitideen stände. In einem einzelnen Fall hatte ich sogar

den bestimmten Eindruck, dass Gedanken, die historisch im Ausbruch

waren, ihn beschäftigten und gleichsam peinigten. Unmittelbar nach

dem Ende des deutsch-französischen Krieges, zu einer Zeit, da alle

Gemüther ganz von diesem Ereigniss erfüllt waren, und der Gedanke an

etwas wie die Commune in Paris kaum in einem einzigen nordischen Hirn

auftauchte, stellte mir Ibsen als politische Ideale, Zustände und

Ideen dar, deren Wesen mir zwar nicht klar durchdacht vorkamen, die

aber unzweifelhaft nahe verwandt mit jenen waren, welche kaum einen

Monat darnach, von der Pariser Commune proclamirt, in stark verzerrter

Form durchbrachen. Durch das Auseinandergehen unserer Ansichten über

Freiheit und Politik veranlasst, schrieb Ibsen (17. Februar 1871):

»Der Kampf für Freiheit ist ja nichts Anderes als die beständige,

lebendige Aneignung der Freiheitsidee. Wer die Freiheit anders besitzt

als wie etwas, wonach er strebt, der besitzt sie todt und seelenlos;

denn der Begriff der Freiheit hat ja gerade das an sich, dass er,

während wir suchen sie uns anzueignen, sich mehr und mehr erweitert.

Wenn daher Jemand während des Kampfes stehen bleibt und ruft: »Jetzt

hab' ich sie!« -- so beweist er eben dadurch, dass er sie verloren

hat. Aber gerade dies todte Stehenbleiben auf einem gewissen gegebenen

Freiheitsstandpunkt ist etwas für unsere Staaten Charakteristisches;

und das war's, wovon ich sagte, es sei nicht von dem Guten. Ja,

gewiss kann es ein Gut sein, Wahlrecht, Steuerbewilligungsrecht

u. s. w. zu besitzen, aber wer hat den Gewinn? Der Bürger, nicht das

Individuum. Es ist aber durchaus keine Vernunftnothwendigkeit für

das Individuum, Bürger zu sein. Im Gegentheil. Der Staat ist der

Fluch des Individuums. Womit ist Preussens Staatsstärke erkauft? Mit

dem Aufgehen des Individuums in den politischen und geographischen

Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite

das Judenvolk, der Adel des Menschengeschlechtes. Wie bewahrte es

seine Eigenart, seine Poesie, trotz aller Rohheit von Aussen? Dadurch,

dass es keinen Staat durchzuschleppen hatte. Wär' es in Palästina

geblieben, so würde es längst in seiner Construction untergegangen

sein, ebenso wie alle anderen Völker. Der Staat muss fort. _Die_

Revolution will ich mitmachen. Man untergrabe den Staatsbegriff, man

stelle Freiwilligkeit und geistige Verwandtschaft als das einzig

Entscheidende für eine Vereinigung auf -- das ist der Beginn zu

einer Freiheit, die etwas taugt. Eine Umänderung der Regierungsform

ist nichts anderes als ein Kramen im Detail. Etwas mehr, oder etwas

weniger. -- Erbärmlichkeit alles miteinander! .... Der Staat wurzelt in

der Zeit, er wird in der Zeit gipfeln. Grössere Sachen als er werden

fallen. Jegliche Religionsform wird fallen. Weder die Moralbegriffe,

noch die Kunstformen haben eine Ewigkeit vor sich. An wie Vielem sind

wir im Grunde festzuhalten verpflichtet? Wer bürgt mir dafür, dass 2

und 2 nicht droben auf dem Jupiter 5 machen?«

Henrik Ibsen hat sicher den ebenso sinnreichen wie paradoxen Versuch

des anonymen Schriftstellers _a barrister_ nicht gekannt, der gerade

beweisen will, wie denkbar es sei, dass 2 und 2 auf dem Jupiter

5 ergeben; wahrscheinlich hat er auch nicht gewusst, wie stark

Stuart Mill und alle anderen Anhänger des radicalen Empirismus jene

Schlusszeile applaudiren würden; seine Geistesrichtung hat ihn aber

durch ihren eigenen Hang zu der universellen Skepsis geführt, die bei

ihm so merkwürdig mit thatkräftigem Vertrauen vereint ist. Liess er

doch schon seinen Brand sagen:

»Der Kirche Satzungen und Lehren

Vermag ich füglich nicht zu ehren;

Sie sind entstanden in der Zeit,

Und also kann es wohl gescheh'n,

Dass sie auch in der Zeit vergeh'n.

Erschaff'nes ist dem Tod geweiht:

Was Motten nicht und Würmer fressen,

Weicht einstens, laut Gesetz und Norm,

Einer noch ungebor'nen Form«.

Die angeführte Briefstelle liefert einen energischen Commentar zu

diesen Worten und man kann dieselbe als Beweis von Ibsen's genialen

Ahnungen über das, was in seiner Zeit verborgen vorgeht, wohl

mittheilen, ohne fürchten zu müssen, ihn in den Augen eines geehrten

Publikums herabzusetzen, nachdem ja selbst Fürst Bismarck das »Körnchen

gesunden Vernunft« öffentlich anerkannt hat, welches den Kern bildete

von dem verirrten Streben der Pariser Commune. Am 18. Mai 1871 schrieb

Ibsen:

».... Ist es nicht niederträchtig von der 'Commune' in Paris,

herzugehen und mir meine vortreffliche Staatstheorie oder vielmehr

Nicht-Staatstheorie zu verderben? Nun ist die Idee für lange Zeit zu

Grunde gerichtet, und ich kann sie anständiger Weise nicht einmal

mehr in Versen darstellen. Aber sie hat einen gesunden Kern in sich,

das seh' ich klar, und einmal wird sie schon noch ohne jede Caricatur

practicirt werden ...«

In seinem Behaupten der Selbstherrlichkeit des Individuums gelangt

Ibsen dazu, sich der Staatsidee wie der Idee der Gesellschaft polemisch

gegenüberzustellen. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn in diesem

Punkte völlig verstehe; ich begreife, dass man, wie z. B. Lorenz von

Stein oder nach ihm Gneist, in der Geschichte der neueren Zeit einen

beständigen Kampf zwischen Staat und Gesellschaft sehen und, von

einer neuen energischen Auffassung des Staatsgedankens ausgehend,

sich polemisch gegen die Gesellschaft wenden kann; aber die doppelte

Frontstellung, die ich bei Ibsen finde, versteh' ich nicht recht, und

ich weiss nicht einmal, ob er fühlt, dass hier eine doppelte Front ist.

Doch Ibsen erstreckt seine sorgenvolle Furcht, dass der Stachel der

Persönlichkeit abgestumpft werde und dass sie ihr bestes Eigenthum

zusetze, noch weiter. Er meint, das Individuum müsse, um Alles zu

entwickeln, was in seinem Wesen als fruchtbare Möglichkeit liegt, vor

allen Dingen frei stehen und allein; desshalb hat er einen wachsames

Auge für die Gefahren, welche jede Association, die Freundschaft, ja

selbst die Ehe, in dieser Hinsicht mit sich führt. Ich entsinne mich

seiner Antwort auf einen meiner Briefe, worin ich einmal in einer

jener missmuthigen Stimmungen, denen man in der Jugend so bereitwillig

Ausdruck gibt, geäussert hatte, dass ich wenige oder gar keine Freunde

hätte. Ibsen schrieb (6. März 1870):

».... Sie sagen, dass Sie keine Freunde daheim haben. Das

dachte ich mir längst. Wenn man, wie Sie, in einem innigen

Persönlichkeitsverhältniss zu seiner Lebensaufgabe steht, so kann man

eigentlich nicht verlangen, seine Freunde zu behalten .... Freunde sind

ein kostbarer Luxus; und wenn man sein Capital für einen Beruf und eine

Mission hier im Leben einsetzt, so hat man nicht die Mittel, Freunde

zu halten. Das Kostspielige, Freunde zu halten, liegt ja nicht in dem,

was man für sie thut, sondern in dem, was man aus Rücksicht für sie zu

thun unterlässt. Desshalb verkümmern viele geistige Keime in Einem.

Ich habe dies durchgemacht, und desshalb liegt ein Theil meiner Jahre

hinter mir, wo ich nicht dazu gelangte, ich selbst zu werden ....«

Fühlt man nicht Ibsen's ganzen Unabhängigkeitsdrang und sein Bedürfniss

nach Einsamkeit in diesem ironischen »das Kostspielige, Freunde zu

halten«; und liegt nicht in den angeführten Worten eine Aufklärung

über die Ursache des verhaltnissmässig späten Durchbruchs von Ibsen's

Genialität? Er hat, wie ich oben behauptete, seine Bahn augenscheinlich

ohne überschwängliches Selbstvertrauen begonnen.

Und wie die Freundschaft unter gewissen Umständen ein Hinderniss für

die Selbständigkeit des Individuums werden kann, so auch die Ehe. Darum

weigert Nora sich, die Pflichten gegen ihren Mann und ihre Kinder

als ihre heiligsten Pflichten anzusehen; sie hat eine noch heiligere

Pflicht gegen sich selbst. Darum antwortet sie auf Helmers: »Du bist

vor Allem Gattin und Mutter!«:

»Ich glaube, dass ich zuerst ein Mensch bin -- oder jedenfalls, dass

ich versuchen muss, es zu werden«.

Ibsen theilt mit Kierkegaard die Ueberzeugung, dass in jedem Menschen

eine Riesenseele schlummert, eine unüberwindliche Macht; aber er hat

diese Ueberzeugung in anderer Form als Kierkegaard, für welchen der

Werth der Persönlichkeit ein übernatürlicher ist, während Ibsen auf dem

Grund und Boden des menschlichen steht. Der Mensch soll bei ihm auf

sich allein gestellt sein, nicht um höherer Mächte, sondern um seiner

selbst willen. Und da er vor allen Dingen frei und ganz dastehen soll,

erblickt Ibsen in den Einräumungen, die der Welt gemacht werden, den

Feind, das böse Princip.

Hier stehen wir bei dem Grundgedanken von »Brand«. Man entsinne sich,

wie Brand spricht:

»Und doch, aus diesen Seelenstümpfen,

Aus diesen Geistestorsorümpfen,

Aus diesen Köpfen, diesen Händen,

Soll einst ein Ganzes sich vollenden,

Das Gotteswerk, ein _Mann_ voll Mark,

Der neue Adam, jung und stark«.

Darum muss »Alles oder Nichts« Brand's scheinbar so unmenschliches

Loosungswort werden. Darum ist ihm »der Geist des Vergleichs« im

Augenblick des Todes nichts anderes als eine Versucherin, die seinen

kleinen Finger fordert, um sich der ganzen Hand zu bemächtigen; und

darum kehrt der Geist des Vergleichs in »Peer Gynt« wieder als »der

Biegsame«, das heisst, all' das Feige, Geschmeidige im Menschen, das

ab- und umbiegt:

Schlag' dich!

So dumm ist der Biegsame nicht!

Er schlägt sich niemals.

Kämpfe, du Wicht!«

»Der Biegsame sucht nicht ein Schwert voll Scharten.

* * * * *

Der grosse Biegsame siegt durch Warten.

Das Geschlecht loszureissen aus der erdrosselnden Umarmung des

»Biegsamen«, den Geist des Vergleiches zu fangen, in einen Schrein zu

zwängen, diesen zu versiegeln und in's Meer zu versenken, wo es am

tiefsten -- dies ist das Ziel, welches Ibsen als Dichter vor Augen

hat. Und dies Losreissen des Einzelnen von dem Vergleich und dem

»Biegsamen«, das ist _seine_ Revolution.

Ich fragte Ibsen einmal: »Ist unter allen dänischen Dichtern ein

einziger, um welchen Sie sich auf Ihrer jetzigen Entwicklungsstufe

etwas kümmern?« Er antwortete, nachdem er mich eine Zeit lang

vergeblich hatte rathen lassen: »Auf Seeland war ja einmal ein alter

Mann, der im Bauernkittel hinter seinem Pfluge herging, und auf Welt

und Menschen recht böse geworden war, den mag ich ganz gut leiden«.

-- Es ist bezeichnend, dass Bredahl derjenige dänische Dichter ist,

welcher Ibsens Herzen am nächsten steht. Auch Bredahl war ja ein

Entrüstungspessimist -- gewiss kein sehr tiefblickender Psychologe,

aber doch ein Geist, in dessen Pathos man gleichsam den Donner hat,

welcher Ibsen's Blitz vorausgeht. Bredahl gewahrt annoch nur die

äussere, grobe Tyrannei und Heuchelei, während Ibsen sie in den

verborgenen Falten des Herzens aufsucht; Bredahl ist nur wie Ibsen's

Revolutionsredner:

Er sorgt für den Wasserschwall rings m der Welt.

Sein grosser Nachfolger geht gründlicher zu Werke:

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 101 / 110 题