Wenn ich also Ibsen eine revolutionäre Natur genannt habe, so brauche
ich mich nun kaum gegen das Missverständniss zu vertheidigen, dass ich
eine Natur damit meinte, welche für äussere, gewaltsame Umwälzungen
schwärmt. Weit entfernt -- ja, im Gegentheil! Denn einsam wie er
ist und sich fühlt, unwillig gestimmt gegen alle Parteien, vornehm,
geschliffen, zurückhaltend, »das Nahen der Zeit abwartend in einem
fleckenlosen Hochzeitskleide«[45], ist er in dem bloss äusseren Sinn am
nächsten conservativ, zwar ein etwas sonderbarer Conservativer, der aus
Radicalismus, weil er von Specialreformen sich nichts erwartet, sich
keiner Fortschrittspartei anschliessen will. In seinem Gedankenleben
ist er entschiedener Revolutionär; aber die Revolution, für welche er
schwärmt und wirkt, ist die rein innere, die ich geschildert habe.
Man wird die Schlussworte der citirten Briefstelle vom December 1870
nicht übersehen haben: Um was es sich handelt das ist _Revoltiren
des Menschengeistes_. Diese Worte sind in meinem Gedächtniss
haften geblieben: denn sie enthalten gewissermassen Ibsen's ganzes
dichterisches Programm -- ein vortreffliches Programm für einen Dichter.
Ich würde indessen mein eigenes Wesen verleugnen, wenn ich sagte,
dass Ibsen's Lebensanschauung mir mehr zu enthalten scheint als ein
kräftiges Wahrheitselement. Es ist eine Lebensanschauung, auf Grund
deren man denken und dichten, aber nicht handeln, ja, streng genommen,
in der Welt, wie sie ist, sich nicht einmal direct aussprechen kann,
denn man fordert bis zu einem gewissen Grade Andere schon dadurch zur
Handlung und das heisst in diesem Falle zu sehr gewagten Unternehmen
auf. Wer aus Sehnsucht nach grossen, entscheidenden, durchgreifenden
Umwälzungen gleichgültig oder verächtlich auf die langsamen, kleinen
Veränderungen des Entwickelungsganges herabsieht, auf die saumseligen,
schrittweise vorsichgehenden Verbesserungen der Politik, auf die
Compromisse, welche der Praktiker schliessen muss, weil er nur so
die theilweise Verwirklichung seiner Ideen erreichen kann, auf die
Associationen endlich, ohne welche es für Jeden, der nicht brutal
zu befehlen vermag, unmöglich ist, einen einzigen Gedanken in die
Wirklichkeit zu übertragen -- der muss im practischen Leben darauf
verzichten, einen Finger zu rühren; der kann, wie Sören Kierkegaard,
wie Brand, niemals etwas Anderes thun, als auf die gähnende Kluft
deuten, welche die Wirklichkeit, in der wir leben, vom Ideale trennt.
Eine dem ersehnten Ziel entsprechende Handlung mit der Hilfe Anderer
zu versuchen, hiesse sein Gefolge über den Rand jenes schwindelnd
tiefen Abgrundes, welcher das Existirende von dem Erwünschten scheidet,
kopfüber springen zu lassen, und sich selbst augenblicklicher
Arrestation auszusetzen. Ja, sogar der Dichter kann eine so abstract
ideale Lebensanschauung nur indirect, andeutungsweise, vieldeutig
aussprechen, in dramatischer Form durch voll verantwortliche
Personen, also mit jedem Vorbehalt, was den Autor selbst anbelangt.
Selbstverständlich waren es nur plumpe Gegner, welche den grausamen
Scherz mit dem Torpedo unter die Arche Legen für buchstäblichen,
blutdürstigen Ernst halten konnten. Diese Lebensbetrachtung bedingt
also und führt mit sich einen Dualismus zwischen Theorie und Praxis,
zwischen dem Individuum und dem Bürger, zwischen der geistigen Freiheit
und jenen praktischen Freiheiten, welche die Form einer Verpflichtung
haben -- einen Dualismus, der sich in der Wirklichkeit nur durchführen
lässt von einem in der Verbannung lebenden Dichter, welcher nach Staat,
Gesellschaft, Politik, Parteien und Reformen gar nichts zu fragen
braucht.
Auch das Ideal von geistiger Vornehmheit, welches dieser
Lebensanschauung entspricht, scheint mir nicht das höchste zu sein.
Gewiss sorgt ein ausgezeichneter Schriftsteller am besten für seine
äussere Würde, wenn er sich nicht in's Handgemenge begibt; gewiss ist
es vornehm, sich zurückzuhalten, sich nie in Tagesstreitigkeiten zu
mischen, niemals einen Zeitungsartikel zu schreiben. Aber vornehmer,
dünkt mich, handelt man, wenn man es macht wie jene legitimistischen
Generäle, die sich als gemeine Soldaten zum Dienst in Condé's Armee
meldeten, und die es trotz ihrer Generalsepauletten nicht verschmähten,
sich zuweilen zu Fusse und in erster Reihe zu schlagen. Von ihrer
innern wirklichen Würde büssten sie dadurch nicht das Geringste ein.