IX.

Schon jung fing er an politisch zu wirken, und er hat sein Leben

hindurch in _einer_ Richtung gewirkt. Unermüdet hat er gekämpft, um die

Unabhängigkeit Norwegens in der (fast nur dynastischen) Union mit dem

grösseren Lande Schweden zu sichern. In ganz Europa wird, ausserhalb

der skandinavischen Lande, Norwegen als ein von »dem schwedischen

Könige« regirtes Land betrachtet. Selbst wo man von der Schulzeit

her, eine Art Begriff von Norwegen als Königreich hat, wird das Land

unwillkürlich als eine Provinz von Schweden betrachtet, und so oft aus

irgend einem Grunde zwischen Regierung und König einerseits und dem

norwegischen Storthing andererseits eine Verstimmung herrscht, findet

man in den europäischen Blättern Norwegen als eine Art »aufrührerisches

Irland« besprochen. Diese Thatsache hat ihren natürlichen Grund in

dem Umstande, dass der König in Stockholm residirt und die auswärtige

Politik des Reiches von einem schwedischen Minister geleitet wird.

Allein sie zeigt, wie sehr Norwegen gegen jeden weitergehenden Versuch,

das Land in ein untergeordnetes Verhältniss zu Schweden und dem

Unionskönige zu bringen, auf seiner Hut sein muss.

Bekanntlich hat das Haus Bernadotte, gleich vom Jahre 1814 an,

ruckweise einer natürlichen Neigung gefolgt, das Land mit dem

Nachbarreiche zu amalgamiren und dessen verfassungsmässige Rechte zu

beschränken, während andererseits die Norweger geneigt waren, in jedem

Versuch die beiden Länder politisch enger miteinander zu verknüpfen,

eine Gefahr zu erblicken. Schon als Redacteur 1858 bekämpfte Björnson

die amalgamistischen Pläne und hatte nicht geringen Antheil daran, dass

die Vertreter Bergen's, die für eine nähere Zollverbindung zwischen

Schweden und Norwegen gestimmt hatten, nicht wieder in's Storthing

gewählt wurden. 1859 stritt er als Redacteur von »Aftenbladet« in

Christiania erfolgreich für das Recht Norwegens, keinen schwedischen

Statthalter des Königs zu dulden. 1866--67 war er als Redacteur

des »Norsk Folkeblad« einer der eifrigsten Gegner des sogenannten

»Unionsvorschlags«, d. h. einer Vorlage der Regierung, die darauf

hinausging, eine engere Union zwischen den beiden dynastisch vereinten

Reichen zu bewerkstelligen. Als der Streit über das (bisher nur für

suspensiv erkannte) Veto des Königs zwischen König Oscar und dem

Storthing ausbrach, wurde schliesslich Björnson einer der wichtigsten

politischen Agitatoren. Besonders nach seinem Besuch Nordamerikas im

Jahre 1880 hat er sich als grosser Volksredner entpuppt. Es verdient

ausdrücklich hervorgehoben zu werden, dass er in seinem Kampfe für

Norwegens Unabhängigkeit, sich niemals zu einer unbesonnenen oder

verletzenden Aeusserung über Schweden hinreissen liess, sondern stets

seine warme Sympathie für das Nachbarland betont hat.

Eine Charakteristik, die Björnstjerne Björnson nicht auch als Redner

und Journalisten behandelt, wird immer unvollständig sein. Um sie

liefern zu können, müsste man jedoch eine Gesammtausgabe seiner

Journalartikel und grösseren Reden zur Verfügung haben. Besser noch

als an seinen Dichterwerken würde man an seinen Artikeln alle die

Entwicklungsstadien, die er durchlaufen hat, studiren können, und es

wäre daher wünschenswerth, wenn man eine Sammlung derselben nicht erst

bis nach seinem Tode verschöbe. Viel Unreifes und Unvernünftiges käme

dabei zu Tage, aber auch viel Ausgezeichnetes und Lehrreiches, das

ganze Bände füllen würde. Wenige Männer führen eine polemische Feder

wie Björnson, und wenige haben wie er die Gabe, volksthümlich ohne

Weitschweifigkeit zu schreiben.

Am rückhaltlosesten und vollständigsten legt Björnson als Redner sein

Wesen an den Tag. Er ist als solcher ein grosser, genialer Agitator.

Wenn ich mir ihn in die Situation hineinzudenken versuche, zu welcher

er, seinem innersten Wesen nach, sich am besten eignet, so sehe ich

ihn bei einer Volksversammlung vor mir, wie er sicher, vierschrötig,

über Tausende von norwegischen Bauern emporragend, auf der Rednerbühne

steht, und rings tiefe Stille um sich her, mit dem mächtigen Klang

seiner Stimme die Zuhörer bannt, bis ihn endlich in dem Augenblicke, da

er vollendet, der Jubel umbraust.

Die beiden Länder Norwegen und Dänemark, die so viele Jahrhunderte

politisch vereinigt gewesen, die auf der alten gemeinsamen

Litteratur weiterbauen, denen noch heutigen Tags eine gemeinsame

Schriftsprache, ein gemeinsamer Leserkreis zu eigen, haben in allen

den grossen Kulturfragen gemeinsame Bestrebungen und Ziele. Die

norwegische und die dänische moderne Litteratur, die, unwesentliche

Dialectverschiedenheiten abgerechnet, in einer und derselben Sprache

geschrieben sind, bilden in Wirklichkeit unter zwei Namen nur eine

Litteratur. Derselbe Kampf für Freiheit und neuzeitliche Aufklärung,

den Björnson in Norwegen kämpft, wird in Dänemark von der jüngeren

Schriftstellerschule ausgefochten. Norwegen und Dänemark arbeiten, je

von ihrer Seite, das gemeinsame Sprach- und Litteraturgebiet zu bebauen.

Wer weiss! Vielleicht ergeht es noch damit, wie in Arne mit der

Bekleidung des Felsens.

Als nach vielen fruchtlosen Bemühungen endlich der Tag gekommen war, wo

das Haidekraut über die Felsenkante hinweggucken konnte und die Birke

den ganzen Kopf hinüberbog, da entdeckten sie unter vielen Oh jeh!

Oh jeh! freudiger Bestürzung, dass jenseits ein ganzer grosser Wald

aus Föhren und Haidekraut und Wachholder und Birken auf dem Abhange

stand und wartete. Sie begegneten der Arbeit, die von der andern Seite

gemacht worden, um den Felsen zu bekleiden.

»_Ja, so ist es, wenn man vorwärtsstrebt_«, sagt der Wachholder.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 97 / 110 题