Die erste grössere Arbeit, mit welcher Björnson nach mehrjährigem
Schweigen vor das Publikum trat, war das Schauspiel »Ein Fallissement«.
Es war ein Sprung in's moderne Leben hinein. Die Dichterhand, welche
die Schlachtschwerter der Sigurd's geschwungen hatte, hielt sich
nicht für zu gut, die Gelder Tjälde's zu zählen und seine Schulden
zu summiren. Björnson war der erste skandinavische Dichter, der sich
im vollen Ernst mit der Tragikomödie des Geldes einliess, und dieser
erste Versuch war von entschiedenem Erfolg gekrönt. Gleichzeitig mit
dem »Fallissement« gab er das Schauspiel »Der Redacteur«, eine blutige
Satyre der norwegischen Pressverhältnisse heraus. Und nun erschienen
in rascher Folge »Der König«, »Magnhild«, »Kapitän Mansana«, »Das neue
System«, »Leonarda«, neue Gedichte, republikanische Vorträge, endlich
die tiefsinnige, feine Novelle »Staub«.
Man hat in conservativen norwegischen Kreisen die Poesie Björnsons in
dieser Phase, so gut wie die Ibsens, dadurch herabzusetzen gesucht,
dass man sie als Tendenzdichtung bezeichnete. Wo diese Beschuldigung
berechtigt ist, fällt sie allerdings einigermassen in die Wagschale.
Die Tendenz bezieht sich immer auf Interessen und Bestrebungen des
Augenblicks, veraltet verhältnissmässig schnell und kann daher für
das Fortbestehen des Werkes von Nachtheil sein. Allein theils ist
in einem Werke noch manches Andere dem ausgesetzt, in der Zukunft
veraltet zu erscheinen -- Form, Ideen, Ausdrucksweise können veralten
-- theils thut mitunter auch die Tendenz, wie in »Don Quijote«, der
Lebensfähigkeit eines Werkes nicht den geringsten Abbruch. Endlich
-- und dies ist die Hauptsache -- darf man nicht vergessen, dass das
Wort Tendenz das Schreckbild ist, durch welches es nur allzu lange
glückte, die Dichter von den winkenden Früchten des modernen Baumes der
Erkenntniss zu verscheuchen. Die Warnungen vor der Tendenzdichtung,
die Geringschätzung derselben entstammt der Kantischen Lehre von der
Kunst, die sich Selbstzweck sei, was in Frankreich als die Losung
_l'art pour l'art!_ formulirt wurde. Diese Lehre, welche man --
merkwürdigerweise -- stets auf dem einzigen Gebiet bekämpft hat, wo sie
Sinn und Gültigkeit hat, nämlich als Protest gegen die Einschnürung
der Kunst in der Zwangsjacke einer conventionellen Moral, hat man im
Norden lange dazu gebraucht, alle Ideen der Zeit unter dem Vorwande
fernzuhalten, dass sie Tendenzen, d. h. Bestrebungen nach einem Ziele
hin seien -- und die Poesie hatte kein anderes Ziel als sich selbst.
Einerseits also sagte man: »Die Poesie ist sich _nicht_ Selbstzweck,
sie soll und muss die Moral respectiren«, und die Moral war bekanntlich
der gute Ton.
Andererseits sagte man, sobald ein Werk zum Vorschein kam, das nach den
Gedanken der neuen Zeit schmeckte: »Tendenzpoesie, Tendenzschauspiele!
meine Herren und Damen! Die wahre Poesie hat keinen anderen Zweck als
sich selbst«.
Dabei schwebte man, naiv genug, in dem Irrthume, dass die älteren
Werke, die man pries, tendenzlos seien, weil sie die entgegengesetzte
Tendenz der neuern vertraten. Oder lag etwa in den älteren keine
Tendenz? Man betrachte nur »Arnljot Gelline«, mit seiner in der ganzen
neunordischen Litteratur pflichtschuldigen Vikinger-Bekehrung. Kaum
hatte Oehlenschläger, Grundtvig und Hauch diese alten Vikinger entdeckt
und sich ihrer unverbrauchten Kraft zu freuen begonnen, als sie auch
schon mit grösster Beschleunigung daran gingen, sie zu bekehren und
zu taufen. Es war, als wüssten sie gar nichts anderes mit ihnen
anzufangen, so einförmig traten die Bekehrungen ein, und Björnson (wie
Richardt) folgte ihren Spuren.
In den Bauernnovellen hatte sich gleichfalls eine ausgesprochene
kirchliche Tendenz geltend gemacht. Das zweite Capitel von »Synnöve
Solbakken«, das von einer Hymne an die Kirche eingeleitet den
kirchlichen Ton anschlug, bürgte bereits dafür, dass dieser Ton in
allen folgenden Schilderungen des Bauernlebens vorwalten würde.
Was man später bekämpfte, war also nicht die Tendenz an sich,
von der man früher nie der Ansicht gewesen, dass sie der Poesie
irgendwelchen Abbruch thäte. An die älteren Tendenzen hatte man
sich ja so vollständig gewöhnt, wie man sich an die Luft in einem
Zimmer gewöhnt, das man nie verlässt. Was man unter dem Namen der
Tendenz zu bannen strebte, das war der Geist, waren die Ideen des
neunzehnten Jahrhunderts. Diese Ideen sind aber für die epische und
dramatische Poesie dasselbe, was der Blutumlauf durch die Adern für
den menschlichen Körper ist. Was man im eigenen Interesse der Poesie
fordern muss, ist nur, dass diese Adern, die man gern unter der Haut
bläulich schimmern sieht, nicht gespannt und schwarz wie an einem
Verbitterten oder Kranken hervortreten.
Höchst selten, ganz ausnahmsweise nur, trat die Tendenz bei Björnson in
solcher Gestalt hervor. Und selbstverständlich ist eine im Kunstwerke
nicht verkörperte Tendenz, die unpoetisch aus dem Rahmen tritt, bei
ihm um nichts unschuldiger oder besser als bei Andern. Mir sind z.
B. die Angriffe auf die Staatskirche, die stehenden Heere, die ganze
staatliche Ordnung des Königthums, die Björnson in seinem Drama »Der
König« der Hauptperson unmittelbar vor ihrem Selbstmord in den Mund
legt, wenig sympathisch. Man fühlt, das ist etwas, wovon der Dichter
will, dass es gesagt werde. Die Absicht tritt grell und nackt hervor.
So ist auch das anmuthige Gedicht »Staub« zu sehr ein Lehrgedicht.
Ergriffen, wie sich Björnson von der Wahrheit fühlt, lässt er sich
ab und zu hinreissen, ihr einen grellen, allzu direkten Ausdruck zu
geben und übersieht, dass er die poetische Wirkung, die er zu erhöhen
geglaubt, gerade hierdurch vermindert.
Sieht man jedoch von solchen Einzelnheiten ab, kann niemand, der
dichterischen Sinn hat, unempfindlich gegen den Born einer neuen und
eigenthümlichen Poesie sein, der die Werke aus Björnsons zweiter
Periode, zweiter Jugend möchte man sagen, durchströmt. Eine brennende
Wahrheitsliebe hat diesen Büchern ihren Stempel aufgedrückt. Welch'
eine energische Aufforderung darin zur Wahrhaftigkeit gegen sich
und Andere! Welcher Reichthum an neuen Gedanken auf allen Gebieten,
über Staat und Gesellschaft, Ehe und Haus! Endlich welche Milde,
welche Sympathie mit den Menschen, die als Vertreter der vom Dichter
verurtheilten Mächte dastehen, wie mit dem Könige oder mit dem Bischofe
in »Leonarda«, während alle Angriffe auf die Institutionen als solche
gerichtet sind. Nirgends macht sich dies so stark fühlbar, wie in
dem Drama »Der König«, welches den einfachen, an und für sich wenig
neuen Grundgedanken vertritt, dass das constitutionelle Königthum
die Uebergangsform zur Republik bilde, dessen Originalität jedoch
darin besteht, das Problem von der inneren Linie her zu fassen,
die Institution von der Person des Königs aus, kraft des Schadens
anzugreifen, den er durch die Natur dieser Institution nothwendig an
seiner Seele leiden muss. Der König selbst ist im übrigen mit einer
Liebe, einer Innigkeit dargestellt, die ihn im eigentlichsten Sinne des
Wortes zum Helden des Stückes macht.
In »Ein Fallissement« erscheint die Forderung der Wahrhaftigkeit in
der niedersten Sphäre. Björnson stellt hier, innerhalb des schlichten
bürgerlichen Alltagslebens, als Wahrheitsideal die einfache Redlichkeit
auf. Allein sein Dichterauge sieht, dass Redlichkeit nicht etwas so
ganz Einfaches ist, wie es den Anschein hat. So ist beim Kaufmann das
Tadelnswerthe das, Anderer Geld zu wagen. Dies ist jedoch bis zu einem
gewissen Grade bei ihm unvermeidlich. Das Moralproblem dreht sich hier
um feine Grenzbestimmungen, um den Punkt, wo das Wagen nicht mehr
zulässig ist. »Der Redacteur« spielt die Forderung der Wahrhaftigkeit
auf ein höheres Gebiet hinüber, wo es gebieterische Pflicht, sich sie
vor Augen zu halten, und noch schwieriger ist, sie zu erfüllen. Wie in
der Kaufmannswelt die Gefahr darin liegt, durch Selbstbetrug Andere
zu betrügen und zu Grunde zu richten, so besteht in der Journalistik
die Versuchung darin, die Wahrheit zu verschweigen oder zu verleugnen.
Auch dies ist bis zu einem gewissen Grade unausweichlich. Ein Politiker
kann nicht alles sagen oder zugestehen. Es dürfte ein Fehler sein,
dass in Björnson's »Der Redacteur«, der Vertreter der Journalistik
allzuwenig die Dialektik seines Faches, den steten, unvermeidlichen
Pflichtenstreit vergegenwärtigt, in den er sich versetzt sieht. Dazu
ist er ein zu grosser Schlingel. Andererseits ist sein Gegner und Opfer
Halvdan zu passiv und leidend, um so recht zu interessiren. Björnson
greift in seinem Stück ausdrücklich das Ideal von Unangefochtenheit
an, das wir uns heutigen Tags aus harter Nothwendigkeit gebildet
und aufgestellt haben. Er protestirt -- um des Kindes willen in
unserem Innern -- gegen die Lehre, dass wir uns »abhärten« müssen und
hat zwar in diesem Proteste nicht ganz Unrecht, allein es ist nun
einmal so, dass wir heutigen Tags nur eine bedingte Sympathie für
solche, der Oeffentlichkeit angehörige Personen hegen, die sich von
Presseverfolgungen über den Haufen werfen lassen. Das christliche Ideal
des duldenden Märtyrers hat in diesem Falle, der Lesewelt und dem
Theaterpublikum gegenüber, faktisch seine Kraft verloren. Man verlangt
Männer zu sehen, an denen das gesprochene und geschriebene Wort der
Widersacher machtlos abprallt, die kein Wortschwall, nicht einmal ein
stürmischer Seegang von Wortschwall, zum Wanken zu bringen vermag. Ich
will nicht behaupten, dass diese Auffassung der Sache natürlich ist,
aber sie hat viel für sich.
»Der König« behandelt politische Fragen, wie »Ein Fallissement« und
»Der Redacteur« sociale. Das Problem ist seelisch. Der Dichter kämpft
mit dem Könige den inneren Kampf durch und lässt dessen Versuch
scheitern, die Forderungen seines Wesens und die seiner Stellung
miteinander zu versöhnen. Ist die Aufgabe in befriedigender Weise
gelöst? Ist das schlechte Resultat nicht in allzu hohem Grad von der
traurigen Jugend und dem schwachen Charakter des Königs bedingt? Nicht
hierauf beruht der Werth des Stückes. Er liegt in den Tiefen, in die es
eingedrungen, in der frischen Anmuth, die das Liebesverhältniss umweht
-- man denke an die Stelle, wo Alles vor dem Blick des Königs zittert
-- und in dem reichen, sprudelnden Witz, der den Dialog erfüllt.
In »Magnhild« wie in »Leonarda« ist ein neues modernes Problem dem
Bewusstsein des Dichters aufgegangen: Das Verhältniss zwischen der
Moral als Sittlichkeit und der Moral als Institution, als Gebot des
Herzens und als Gebot der Gesellschaft. Die Lehre, die in »Magnhild«
verkündet wird, ist in der bescheidenen Form einer Frage mitgetheilt:
»Giebt es nicht unsittliche Ehen, deren Bande zu zerreissen, höchste
Pflicht ist?« Das von »Leonarda« ausgehende Gebot ist das mildeste
und das für den Augenblick im Norden nothwendigste, das der socialen
und religiösen Toleranz, deren Idee der Dichter selbst sich erst in
reiferen Jahren anzueignen vermochte. Binnen eines kurzen Zeitraums hat
Björnson seiner Poesie einen ganz neuen Boden erobert.
»Magnhild« ist eine Arbeit, die durch ihr Streben nach
Wirklichkeitstreue einen Wendepunkt in Björnsons Novellendichtung
bezeichnet. In der Zeichnung der Charaktere sind hier Partien von einer
Feinheit und Kraft, wie er sie früher nicht erreicht hat. Gestalten,
wie den jungen Musiker Tande, wie die schöne Frau Bang und ihren Mann,
hätte man Björnson kaum zugetraut. Und Magnhild's Verhältniss zu diesen
Hauptfiguren ist ebenso trefflich gegeben, als richtig empfunden
und gedacht. Gleichwohl fühlt man, dass sich der Verfasser hier auf
einem ihm noch einigermassen fremden Boden, auf dem des höheren
Gesellschaftslebens, bewegt. Es ist eigenthümlich, dass Tande's feiges
Verleugnen seiner Geliebten, als diese von einem Pöbelhaufen verhöhnt
wird, vonwegen »der Moral« die Sympathie des Dichters findet.
Die Novelle leidet an einem doppelten Grundmangel. Der eine ist eine
Undeutlichkeit in der Charakterschilderung einer der Hauptpersonen,
Skarlie. Er soll auf den Leser den Eindruck machen, eine Art Ungeheuer
zu sein, und man ist jeden Augenblick versucht, ihm seinem langen,
idealen Weibe gegenüber Recht zu geben. Auf die furchtsamste Weise
von der Welt wird angedeutet, dass Skarlie ein in geschlechtlicher
Beziehung höchst verworfener Mensch sei, und nichtsdestoweniger
verwirklicht dieses Ungeheuer an gemeiner Sittlichkeit im Verhältniss
zu seinem eigenen Weibe, in deren Besitz er durch eine nicht eben
sonderlich hinterlistige Intrigue gelangt ist, das altromantische
Mondschein-Ideal von Platonismus zwischen Ehegatten, in seiner
Bescheidenheit und Genügsamkeit schon froh, wenn er die Gemahlin nähren
und kleiden darf. Der zweite Mangel steckt tief in der Philosophie
der Novelle. Es ist ein gut Theil veralteter Mystik in der Erörterung
jener Lehre von der »Bestimmung« von Mann und Frau, um welche die
Erzählung sich dreht, und, (wie stets bei Björnson und Ibsen) ist die
Mystik seltsam mit Rationalismus verquickt. Björnson scheint, als Facit
seiner Erzählung den Grundsatz aufstellen zu wollen, dass es für das
Weib noch andere Wege zu Glück und wohlthätigem Wirken gibt, als das
Verhältniss zu einem Mann, den es liebt. Das ist eine Ansicht, die
sich hören lässt. Doch es lassen sich aus Magnhild noch mancherlei
andere und widersprechende Resultate ziehen. Die Idee ist nicht klar.
Im Gegensatze zu dem in den »Neuvermählten« herrschenden Verhältnisse,
steht die Ausführung der wichtigsten Partien an Klarheit und Leben hoch
über dem Grundgedanken.
»Leonarda«, das als dramatische Arbeit nicht hervorragend ist,
gehört zu den poesiereichsten Werken des Dichters. Es hätte wahrlich
in Dänemark eine bessere Aufnahme verdient, als die burleske,
von der nationalen Bühne zurückgewiesen und unter einfältigen
Missfallens-Aeusserungen auf einem Theater zweiten Ranges aufgeführt
zu werden. Die Zukunft wird Mühe haben eine Beschränktheit zu
begreifen, wie sie ein Theil der dänisch-norwegischen Presse durch die
Besudelung dieses unschuldigen, reinen Kunstwerks an den Tag gelegt.
In »Leonarda« hat Björnson mit bewundernswerther Geistesüberlegenheit
eine ganze Reihenfolge von Generationen der norwegischen Gesellschaft
vorgeführt, ihre Repräsentanten mit Meisterschaft geschildert, und
die Urgrossmutter, welche (nach Art der alten Grossmutter in George
Sand's interessantem Drama »L'autre«) die während der langen Zeit
der nordischen Reaction so geringgeschätzte Kultur des achtzehnten
Jahrhunderts vertritt, das feierliche Amen des Stückes aussprechen
lassen. Es konnte einen Augenblick aussehen, als sei mit »Leonarda«
nicht nur die Zeit der tiefen Gefühle, auch die der kühnen Gedanken
wiedergekehrt.
Die Gegner der neueren Richtung Björnson's haben behauptet, dass
so lange er sich ausserhalb des Kreises der brennenden Fragen und
lebendigen Ideen hielt, sei er als Dichter gross und gut gewesen; seit
er sich aber mit modernen Aufgaben und Gedanken eingelassen habe,
sei er zurückgegangen, leiste jedenfalls nicht länger künstlerisch
Vollendetes. Aehnliche Urtheile sind überall in Europa laut geworden,
sobald ein Dichter, der in seiner Jugend durch neutrale, harmlose
Arbeiten die Gunst eines Publikums gewann, seinen Zeitgenossen
zeigte, dass er sie studire und kenne. Es gibt überall in Europa
Leser, welche Byron's »Childe Harold« über den »Don Juan« stellen. Es
gibt in Russland und anderwärts ein verfeinertes Publikum, das die
ersten kleinen Erzählungen Turgenjew's, das »Tagebuch eines Jägers«
den grossen Romanen »Väter und Söhne« oder »Neuland« vorziehen; es
fanden sich in Deutschland Viele, die in Wehmuth hin sanken, weil
Paul Heyse eine Zeit lang die Liebesnovelle verliess um »Kinder der
Welt« zu schreiben. Es ist zwar richtig, dass Björnson in seiner
zweiten Periode nicht durchgehends die Durchsichtigkeit und Harmonie
der Form erreicht hat, die seine ersten Arbeiten auszeichnen; es ist
aber weder gerecht noch verständig, desshalb von einem Rückschritt zu
sprechen. Ein neuer, reicher und brausender Ideengehalt findet langsam
seine Form, gährt bisweilen über den Rahmen hinaus; starke Gefühle und
Gedanken haben ein gewisses Feuer und einen gewissen Schwung, der sie
weniger geeignet macht, in gefälliger Gestalt zu erscheinen, als die
Gedankenarmuth der Idylle.
Und trotz alledem, wie viele auch technisch vorzügliche Leistungen
hat Björnson in den letzten Jahren hervorgebracht! Die Exposition
im »Fallissement« ist vorzüglich, und die Diction im »Redacteur«,
besonders die der ersten Akte, die beste, die Björnson überhaupt
erreicht hat. Diese beiden Dramen, mit denen Björnson zuerst die Bahn
betrat, die Henrik Ibsen mit seinem Schauspiel »Der Bund der Jugend«
gebrochen hatte, schliessen sich gewissermassen an dieses kräftig
gebaute und beissend witzige Stück an. Im Grunde enthielt »Der Bund der
Jugend« sowohl ein Fallissement wie einen Redacteur. Das Fallissement
war das des leichtsinnigen Erik Brattsberg's, der Redacteur liegt in
schwachen Umrissen in Steinhoff's Verhältniss zur Zeitung Aslaksens
und in dem Artikel gegen den Kammerherrn, der zuerst gedruckt werden
soll und sodann nicht gedruckt werden darf, ganz wie in Björnsons
Schauspiel. Ja sein Redacteur ist gewissermassen der gealterte
Steinhoff, bei dem die weicheren und geschmeidigeren Elemente unter
Anfällen wilder Verachtung seiner selbst und Anderer verknöchert sind,
während als Hauptstamm des Charakters die brutale Rücksichtslosigkeit
allein übrig geblieben ist, die in der Drohung gegen Aslaksen zum
Ausbruch kommt, wenn er sich nicht füge, noch ehe das Jahr um sei, so
solle er der Armenkasse zur Last fallen. Und doch ist der »Redacteur«
seinem ganzen Geiste und Ton nach weit milder und weicher als »Der Bund
der Jugend«. Es ist sogar hie und da ein Anflug von Sentimentalität
darin. Vielleicht fasst man indessen das Stück am richtigsten und
tiefsten als eine grosse Allegorie auf. Der ältere Bruder Halvdan, der
in dem politischen und litterarischen Streit unterliegt, ist Wergeland,
der nach einem in begeisterten Freiheitskämpfen verbrachten Leben so
lange auf dem Krankenlager hingestreckt lag -- eine noch grössere und
noch poetischere Gestalt kurz vor dem Tode, als während der langen
Fehde des Lebens. Der jüngste Bruder Harald, der die Erbschaft Halvdans
übernimmt, ist Björnson selbst (»Es liegt Kraft in Harald«); der dritte
Bruder endlich, der Bauer geworden, und die Frau desselben, die ohne
aufzutreten, eine so grosse Rolle spielt, vertreten das norwegische
Volk. Hier wie in »Leonarda« hat das Drama eine Perspective durch die
Zeiten hin und ein weiter Horizont öffnet sich somit dem Blicke.
Henrik Ibsen ist ein Richter, streng wie einer der alten Richter
Israels, Björnson ist ein Prophet, der verheissende Verkünder einer
besseren Zeit. Ibsen ist in der Tiefe seines Gemüths ein gewaltiger
Revolutionär. In der »Komoedie der Liebe«, in »Ein Puppenheim«, in
»Gespenster« geisselt er die Ehen, in »Brand« die Staatskirche, in den
»Stützen der Gesellschaft« die ganze bürgerliche Gesellschaft seines
Landes. Was er angreift, wird von seiner tiefsinnigen und überlegenen
Kritik zersplittert, und die gesprengten Ruinen bleiben übrig, ohne
dass man hinter ihnen neue Gesellschaftsformen erstehen sähe. Björnson
ist ein versöhnender Geist, er führt ohne Erbitterung Krieg. Es spielt
wie Aprilsonne über seine Dichtungen hin, während die Werke Ibsen's
mit ihrem tiefen Ernst wie im Schatten liegen. Ibsen liebt die Idee,
die logische und psychologische Consequenz, die Brand aus der Kirche,
Nora aus der Ehe heraustreibt. Der Ideenliebe Ibsen's entspricht die
Menschenliebe Björnson's.