VII.

Hierauf fing zu Beginn der 70er Jahre in Dänemark eine moderne geistige

und litterarische Bewegung an, aus der in dem vergangenen Decennium

eine neue poetische und kritische Schule erstanden ist. Das in Dänemark

erregte geistige Leben verpflanzte sich schnell nach Norwegen, wo

geniale Männer der Wissenschaft den aus England und Frankreich

erhaltenen Impulsen folgend, in den Gemüthern der Jugend eine verwandte

Bewegung hervorriefen, und bald offenbarte die Dichtung Björnson's,

dass, wie er es selbst ausgedrückt hat, sich nach seinem vierzigsten

Jahr neue und reiche Quellen in seinem Innern aufgethan hatten.

Plötzlich zeigte es sich, dass seine Productivität neuen Flug und

Schwung erhalten hatte. Die moderne Welt lag offen vor seinen Augen. Er

hatte, wie er in einem Privatbrief einmal schrieb, »die Augen, welche

sahen, die Ohren, welche hörten«, bekommen. Die Ideen des Jahrhunderts

hatten, ihm selbst lange halb unbewusst, seinen empfänglichen Geist

befruchtet. Denn er las in jenen Jahren sehr viel, Bücher in allen

Sprachen und jeglicher Art. Die historische Kritik Norwegens mochte

wohl zuerst Einfluss auf ihn gewonnen haben. Einen tiefen Eindruck

erhielt er von der ruhigen Grösse und dem erhabenen Freisinn Stuart

Mill's; Darwin's mächtige Hypothese erweiterte seinen Gesichtskreis,

die philologische Kritik eines Steinthal's oder Max Müller's lehrte

ihn die Religionen, die litterarische Kritik bei Männern wie Taine die

Litteraturen mit neuen Augen zu sehen. Die Bedeutung des achtzehnten,

die Aufgaben des neunzehnten Jahrhunderts gingen ihm auf. Er hat sich

einmal in einem reizenden Privatbrief über die Verhältnisse, die seine

Jugend bestimmten, und besonders über seine Umwandlung geäussert:

»Mit jenen Voraussetzungen musste ich die Beute Grundtvig's werden.

Aber nichts in der Welt besticht mich, obwohl ich nur zu leicht

verführt werden kann. Desshalb war ich aus diesen Kreisen heraus an

dem Tage, wo ich _sah_. Mein ärgster Feind kann die Wahrheit in Händen

haben; ich bin dumm und stark: aber sehe ich, wenn auch durch einen

Zufall, die Wahrheit, so zieht sie mich unwiderstehlich an. Sagen Sie

nun: ist eine solche Natur nicht leicht zu verstehen? Sollte man nicht

glauben, dass es besonders den Norwegern nahe liege, sie zu begreifen?

Ich bin Norweger. Ich bin Mensch. Ich möchte in der letzten Zeit mich

fast unterzeichnen: Der Mensch. Denn es kommt mir vor, dass dieses

Wort hier bei uns in diesem Augenblick gleichsam neue Vorstellungen

erweckt«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 95 / 110 题