Diese Höhe erreichte Björnson früh. Nur dreissig und einige Jahre alt
hatte er all' die besten Werke seiner ersten Periode verfasst, und man
fing schon an, sie als ein geschlossenes Ganzes zu betrachten. Niemand
konnte die mächtige Begabung übersehen; es berührte aber schmerzlich,
dass man keine rechte Entwickelung derselben entdecken konnte. Die
schöpferische Kraft hielt sich eine Zeit lang auf demselben Punkt aber
die Lebensansicht erweiterte sich nicht, verblieb kindlich und eng.
Er konnte bisweilen trivial werden. Er schrieb ab und zu Gedichte,
welche einen fast seminaristischen Anstrich hatten. Er konnte zuweilen
einem in seinem Ausdruck geradezu kindischen Optimismus huldigen,
wie in dem Gedichte »Einst und jetzt«, das glücklicherweise in die
zweite Auflage seiner Gedichte nicht mit überging. Keine Hochzeit, kein
Begräbniss, wobei nicht Gott citirt wurde. Er liess ihn in dem Gedichte
an Munch mit doppelt gesperrten Lettern sprechen, führte ihn ein und
nannte seinen Namen in jeder Strophe eitel, der er einen feierlichen
Charakter geben wollte. In seinem Gedichte »An meinen Vater«, das mit
dem etwas übertriebenen Satz beginnt, »Unser Geschlecht, das erste
einst des Landes«, hob er hervor, man müsste seine Eltern kennen, um
»die ruhige Grösse des Glaubens« in seinen Dichtungen zu verstehen. Er
berief sich darauf, dass das Weib bei ihm »im Sonnenglanz des Glaubens
einherschreite«, er freute sich, dass für die alten Leute »das Leben
in der Fülle des Glaubens« seinen Brennpunkt fände. Er besang »das
Kind in unserer Seele«, verherrlichte als Grösstes und Höchstes Kinder
und kindliche Seelen, erklärte (in dem Gedichte an Sverdrup) »auf dem
Boden des Kinderglaubens« zu stehen und von diesem aus, Gleichheit und
Volksfreiheit zu verlangen. Von ihm aus war es denn auch wohl, dass
er in dem Gedichte über Frederik den Siebenten, diesen König als das
wärmste, grösste Herz Dänemarks, als dessen beste Schutzwehr u. s. w.
bezeichnete. Er hielt sich, wie beinahe die ganze damalige nordische
Litteratur, ängstlich in gehöriger Distanz von dem Leben und den Ideen
der aufgeklärten Zeitgenossen. Oder richtiger, wenn er zeitgenössische
Ideen und Menschen zur Darstellung brachte, so war es unfreiwillig;
sie traten in altnordischen oder mittelalterlich schottischen
Theatercostümen auf. In »Sigurd der Böse« erörtern im Jahre 1127 Helga
und Frakark das Verhältniss zwischen der Unsterblichkeit des Einzelnen
und des Geschlechts in Ausdrücken, die allzu stark an das Jahr 1862
erinnern; und dieselben Häuptlinge, die sich hier in fast modernen
politischen Erwägungen bewegen, Ausdrücke gebrauchen wie Beruf,
Grundgesetz, die Ordnung auf ungesetzlichen Grund bauen u. s. w.,
lassen aus Rachsucht den gefangenen Sigurd Glied für Glied rädern,
d. h. sie begehen eine Handlung, die ein weit barbarischeres inneres
Leben voraussetzt. Wenn man sich so gebildet ausdrückt, rädert man
seinen Feind nicht; man verläumdet ihn.
Zu diesem Mangel an Einheitlichkeit der Leidenschaften und Gedanken
kam das unselige Bedürfniss des Dichters, seine grossen dramatischen
Gestalten so zu gruppiren und zusammen zu fassen, dass der Mantel des
orthodoxen Kirchenglaubens in dem Augenblick, wo das Drama schloss,
um sie geschlagen werden konnte. In »Maria Stuart« steht z. B. die
Gestalt des John Knox nicht unter der dramatischen Ironie, welche
die andern Personen beherrscht; Björnson behält sich die poetische
Ueberlegenheit über ihn nicht vor: denn Knox ist dazu bestimmt, mit
dem Pathos des Dichters auf seinen Lippen zum Schluss aus dem Rahmen
heraus zu treten und die politische Erbschaft Maria's zu übernehmen.
Sowohl die gewaltigen Kämpfe in »Sigurd«, wie die leidenschaftlichen
Empfindungen in »Maria Stuart« münden in eine Psalmenstrophe aus. Die
Handlung ist in beiden Dramen so zugespitzt, dass sie dort in das
Kreuzfahrerlied des frommen dänischen Dichters Ingemann, hier in den
nebelhaft-mystischen Psalm der Puritaner ausläuft.
Allmählig schien es, als sei die einst so reiche Ader Björnsons nahe
daran zu vertrocknen. Die späteren Novellen (»Die Eisenbahn und der
Kirchhof«, »Das Brautlied«) bezeichneten keinen Fortschritt gegen
die früher gedichteten. Eine der letzten »Ein Lebensräthsel« war die
reine Manier. Trotz schönen Einzelheiten hielt das Drama »Sigurd der
Grabespilger« keinen Vergleich mit den älteren norwegischen Dramen
des Dichters aus; endlich standen die letzten nach den übrigen
geschriebenen Gesänge von »Arnljot Gelline« mehrere Jahre hinter den
in dem ersten Feuer der Inspiration verfassten zurück. Es keimten
scheinbar in Björnson's Gemüth keine neuen Ideen. Man frug sich, ob es
mit diesem Dichter wie mit so vielen dänischen Dichtern gehen würde,
die im kräftigsten Mannesalter verstummten, weil ihrer Begabung die
Fähigkeit fehlte, sich zu häuten. Sein ursprüngliches geistiges Capital
hatte Björnson augenscheinlich ausgemünzt. Man frug sich, ob er, wie
jene Dichter keine neuen Reichthümer erwerben könne? Er hatte seiner
Zeit, gleich dem jungen Viking, von dem er eins seiner schönsten
Gedichte geschrieben, nach dem Siege über die alte Zeit und ihrem
Häuptling, am Steuer stehend, den Männern, die erschreckt dastanden
über die Weise, wie er es lenkte, zugerufen: »Werde ich _nun_ dürfen?«
Nun durfte er und wusste selbst nicht, wohin er steuern sollte.
Ich erinnere mich sehr genau jener Jahre. Die Jugend fühlte etwas wie
Qual, wenn sie den litterarischen Zustand in Europa mit demjenigen im
Norden verglich. Man hatte die Empfindung, von dem Kulturleben Europa's
ausgesperrt zu sein. Man sass wie hinter geschlossener Thüre und
vergebens zerbrachen sich Einige den Kopf über das Problem, wie sie die
Thüre aufkriegen sollten. Es schien aussichtslos. Das Jahr 1864 hatte
mit seinem ehernen Knöchel daran gehämmert, und sie ging nicht auf.
1866 hatte vergebens daran gepocht, ja selbst 1870, mit seiner Hand von
Erz, hatte sie nur fester zugeschlagen. -- Sie öffnete sich nach aussen
hin. Es musste von innen aufgemacht werden.
In Dänemark hatte man sich die Jahre her der Kunst befleissigt, die
europäische Litteratur derart zu lesen, dass alles in den europäischen
Büchern, was mit den nationalen Anschauungen über das darin enthaltene
im Widerstreite stand, einfach übersehen wurde. Ganze Gruppen der
ausländischen Litteratur waren dem Bewusstsein der Gebildeten völlig
fremd geblieben, und da man schliesslich in seinem politischen
Unwillen gegen alles Deutsche die geistige Verbindung mit Deutschland
abgebrochen hatte, war der Canal, durch welchen auch Norwegen lange
Zeit hindurch viel von seiner Zufuhr an europäischer Kultur erhalten
hatte, verstopft. Gleichzeitig fürchtete man die französische Bildung
als frivol, und von englischer Sprache, englischem Geiste verstand
man nur blutwenig. In Dänemark blickte man nach Norwegen hin, als zu
dem Lande der litterarischen Erneuerung; in Norwegen richtete man
seine Augen auf Dänemark, als auf das ältere Kulturland, mit seiner
altbewährten, prüfenden Kritik.
Man sprach in den herrschenden bürgerlichen Kreisen von David Strauss
und Feuerbach, wie nur die spiessbürgerlichsten Kreise Deutschlands
in den vierziger Jahren von ihnen gesprochen hatten; man kannte kaum
dem Namen nach Stuart Mill, Darwin, Herbert Spencer. Positivismus und
Entwicklungslehre waren Mächte, die Skandinavien nicht anerkannte.
Man hatte keine Ahnung von der Entwicklung der englischen Poesie von
Shelley bis Swinburne. In der französischen Litteratur war man über die
Verurtheilung Victor Hugo's und der romantischen Schule, die Heiberg,
der Dictator des Geschmacks, als eine einzige grosse Räuberbande
bezeichnet hatte, noch immer nicht hinausgekommen. Des Verständnisses
völlig bar war man besonders für die Bedeutung der Thatsache, dass
Schauspiel und Roman in Frankreich längst die geschichtlichen und
sagenartigen Stoffe verlassen und Stoffe aus der Gegenwart ergriffen
hatten, aus dem Leben, das den Dichter umgibt, dem einzigen, das er mit
seinen zwei Augen beobachten, das er in der Regel auch leichter und
besser als das entschwundener Zeiten in seinem eigenen Inneren studiren
kann. Selbst wagte man nur selten einen Zipfel des Vorhangs zu heben,
der die zeitgenössische Welt den Blicken verbarg; lange Zeit hatte es
den Anschein, als ob keine der grossen wissenschaftlichen Eroberungen
des Jahrhunderts der Poesie des Nordens zu Gute kommen sollte.
Und während das geistige Leben dahinsiechte, wie eine Pflanze in
einem dunkeln Raume kränkelt, war man selbstgefällig, -- nicht
etwa voll froher, lärmender Selbstgefälligkeit, hatte doch die
Gemüther, nach dem nationalen grossen Unglück tiefe Wehmuth, tiefe
Niedergeschlagenheit ergriffen, wenngleich man dieses Unglück als
ein durchaus unverschuldetes erachtete, als die blosse Folge eines
blutigen himmelschreienden Unrechts. Wohl aber hatte man sich in eine
stille, dumpfe Selbstgefälligkeit hinein verrannt. Man wiegte sich in
der Hoffnung einer baldigen äussern Genugthuung, man freute sich der
Sympathien, welche der tapfere Widerstand dem Volke in Europa errungen
hatte; man ruhte auf seinen Lorbeeren und versank in einen tiefen
Schlaf.
Und in dem Schlaf kamen Träume. Die gebildete und besonders die
halbgebildete Welt Dänemarks und Norwegens träumte, sie wäre das Salz
Europa's. Man träumte die fremden Völker durch seinen Idealismus, seine
Grundtvig'schen, Kierkegaard'schen Ideale, durch seinen wachen Geist
zu verjüngen. Man träumte, dass man die Kraft sei, welche die Welt
beherrschen _konnte_, es aber aus räthselhaften unbegreiflichen Gründen
die Jahre hervorgezogen habe, sich mit den Brocken von fremdem Tische
zu begnügen. Man träumte, das freie mächtige Norden zu sein, das die
Sache der Völker zum Siege führte -- und erwachte unfrei, ohnmächtig,
unwissend. Diese Träume enthält, Wort für Wort so ausgedrückt, das
skandinavische, immer gesungene Volkslied von C. Ploug.