V.

Ein speculativer dänischer Buchhändler gab in den Sechziger Jahren

einen Kalender heraus, für welchen er sich von den anerkannten Dichtern

kleine Vignet-Gedichte ausbat, Jeder sollte sich einen Monat auswählen.

Als der Mann an Björnson kam, schrieb dieser:

Ich wähl' mir den April,

Wo Altes bricht zusammen,

Und Neues Wurzeln, feste,

Bekommt, bei Krach und Flammen,

Nicht Frieden ist das Beste,

Nein -- dass man etwas will!

Eine Selbstcharakteristik seines Auftretens in jener ersten Periode

war hier gegeben. Ein heftiger Drang nach allen Richtungen hin als

Erneuerer aufzutreten, beseelte ihn. Er ward dies auf manchem Felde,

obwohl er sich nicht gerade immer so ganz klar bewusst war, was er

eigentlich wollte. Auf wenigen Gebieten hat er so Eigenthümliches,

Unvergessliches, Unvergängliches geleistet, als auf dem der Lyrik

und dies, obwohl er durchaus kein correcter Versificator ist.

Seine volksthümlichen Lieder sind von gediegener Echtheit. Seine

vaterländischen Gedichte sind Nationalgesänge geworden, und seine

wenigen altnordischen Schilderungen oder Monologe haben jenen Stil des

alten Nordens getroffen, den Oehlenschläger und Tegnér nie erreichten.

Man lese unter den Volksliedern die Ballade von Niels Finn. Es ist die

einfache Erzählung von einem kleinen Jungen, der seine Schneeschuhe

verliert und von den Mächten der Tiefe hinuntergezogen, in den Schnee

versinkt. Lobedanz hat mit feinem Gefühl diese Ballade neben Goethes

»Erlkönig« gestellt. Sie ist kaum minder werthvoll, wenn auch ganz

anderer Art, nicht pathetisch, sondern burlesk bei ihrer grauenvollen

Stimmung. Sie hat eine Art Humor, wie er dem Pförtner in Shakespeares

»Macbeth« eigen, und eine machtvolle Phantasie waltet in dieser

Bagatelle. Der scherzhafte Schluss, der an die Art und Weise erinnert,

mit der Volks- und Kindermärchen traurige Katastrophen mittheilen,

mildert den unheimlichen Eindruck der Begebenheit:

Zwei Schneeschuh schauten im Schneemeer umher,

Viel konnt' man nicht seh'n und es gab auch nichts mehr.

»Wo ist Niels?« sprach es drunten.

Man braucht nur ein Paar Zeilen von Björnsons vaterländischen Gedichten

genau zu studiren, um zu begreifen, wesshalb sie Nationalgesänge

geworden sind. Ich wähle die Anfangszeilen des beim Volke beliebtesten.

Sie lauten in der metrischen Uebersetzung von Lobedanz:

Ja, wir lieben diese Fluren,

Wie sie aus dem Meer

Steigen auf mit Wetterspuren!

Hütten rings umher!

Wort für Wort heisst es: »Ja wir lieben dies Land, wie es gefurcht,

verwettert, mit den tausend Feuerherden aus dem Meer steigt«. Es ist

unmöglich, genauer, genialer den Eindruck wiederzugeben, den die Küste

Norwegens auf den Sohn des Landes macht, wenn er sich ihr von dem Meer

aus nähert. Ein völlig makelloses, vollendetes Gedicht, von einer

Gattung, die Björnson sonst wenig cultivirte, durchgehends streng

componirt, mit festem, zusammengesetztem Strophenbau, ist das »Gruss

der norwegischen Studenten an Welhaven« betitelte. Es zeichnet sich

besonders dadurch aus, dass die schwierige, sich dreimal wiederholende

Strophe, bei jeder neuen Wiederkehr gleich frisch und melodiös ist.

Man weiss, wie selten, besonders bei Naturdichtern, dies vorkommt. Bei

Wergeland wird man vergebens dergleichen suchen.

Unter den grösseren, lyrischen Compositionen Björnson's ist

unstreitig »Bergliot« die merkwürdigste. Es ist dies die Klage einer

Häuptlingsfrau um ihren meuchlings ermordeten Gemahl Einar Tambarskelve

und ihren einzigen Sohn, der neben ihm erschlagen liegt. Wie schlicht

ist hier die folgende Klage, wie fern liegt ihr der Tragödienstil:

Die grossen Stuben will ich sperren

Weg will ich das Gesinde geben,

Vieh und Pferde will ich verkaufen,

Ziehe fort und leb' für mich.

Weder Oehlenschläger noch Hertz hätten gewagt, ein heroisches Weib

in den Ausbruch ihres Jammers den Verkauf von Kühen und Pferden

einflechten zu lassen.

Ich kenne auch nichts, das in moderner Reproduction altnordischer

Poesie den Eindruck auf mich gemacht hat, wie das refrainartige

Wiederkehren der Worte, mit welchen Bergliot den Kutscher ihres Wagens

anspricht, auf welchen sie die Leichen hat heben lassen:

Fahre langsam; denn so fuhr Einar immer

-- und wir kommen früh genug nach Hause.

Die erste Zeile stellt mit merkwürdiger Einfachheit die ruhige und

stolze Würde des erschlagenen Häuptlings dar; die zweite enthält in

den wenigsten Worten die tiefe Bitterkeit des vereinsamten Lebens, das

bevorsteht.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 93 / 110 题