IV.

Björnson ist zwei Mal Theaterdirektor gewesen, 1857 bis 1859 in Bergen,

1865 bis 1867 in Christiania. Im Herbst 1857 übernahm er, einer

Aufforderung Ole Bull's zufolge, die Bühnenleitung in der lebhaften,

politisch und geistig bewegten Provinzialstadt und brachte das ganz

heruntergekommene Theater in die Höhe, während er mit Ole Bull, dem er

später »Arne« zueignete, glückliche Jugendtage verlebte. Als Direktor

der Bühne in Christiania wirkte er erfolgreich, nur allzu kurz. Er hat

selbst so viele von den Eigenschaften eines grossen Schauspielers,

dass er einen vortrefflichen Regisseur abgibt. Hatte er das Seine

dazu beigetragen, die dänische Schauspielkunst aus Norwegen zu

verdrängen, so that er dafür auch wieder das Seine, um eine norwegische

National-Bühne zu gründen. Sehr schade ist es, dass ihm nicht vergönnt

war, auf dieser Grundlage weiter zu bauen. Ungemein schade, um des

norwegischen Theaters wie um seiner selbst willen. Seine Erfahrungen

als Bühnenleiter sind ihm natürlicherweise als Schauspieldichter zu

statten gekommen; doch hat er in dieser Eigenschaft nie das technisch

Vollendete erreicht; vermuthlich weil zwischen ihm und dem Theater

keine stete Wechselwirkung stattgefunden. Seine grosse, schöne Trilogie

»Sigurd der Böse« ist nicht für die Bühne bestimmt, wurde viele Jahre

nur von den Meiningern gespielt und erst spät in Norwegen aufgeführt.

Sie bietet manche Scene von mächtigem theatralischem Effect, wie z.

B. die dem Königsmorde folgende, ist aber als Ganzes genommen, doch

ein Lesedrama. Sein kräftiges und wildleidenschaftliches Jugendwerk

»Hulda« gewinnt durch die Aufführung wenig oder nichts. Doch haben zwei

Schauspiele seiner ersten Periode einen durchschlagenden Bühnenerfolg

gehabt: »Maria Stuart« (1864) und »Die Neuvermählten« (1865).

»Maria Stuart« ist eine reiche, kraftvolle Arbeit, voll dramatischen

Lebens, allein lärmend theatralisch wie ein Melodrama. Die Actschlüsse

sind wahre Katastrophen. Die den zweiten und dritten Act schliessenden

Scenen haben eine Gewalt und hinterlassen eine Spannung, die von ächt

dramatischer Art ist; dagegen ist der Schluss des Stückes schwach,

oder richtiger, es schliesst nicht. Alle Einzelheiten der Handlung,

Rizzio's Ermordung, Darnley's Tod, Maria's Entführung durch Bothwell,

verketten sich vorzüglich und treten als logische Consequenzen hervor.

Ein jugendlich stürmischer Hauch durchweht das Ganze. Ich glaube, dass

das Werk dem Dichter besonders desshalb so gut gelang, weil er sich

auf dem schottischen Boden noch in norwegischer Atmosphäre befand.

Bothwell sagt: »Seit der Stunde, wo mein Wille in die Begebenheiten

Wurzel schlug, ist er als ein Baum mit blutrothem Stamm und starken

Zweigen gewachsen. Das norwegische Vikinggeschlecht, von dem wir

stammen, war auch ein solcher Willensbaum, der sich in den Felsen

hinein mit seinen Wurzeln festbiss; unter dem Obdach dieses Baumes baut

jetzt das Volk«. In dieser norwegisch-schottischen Welt fühlt sich

der Dichter vollständig zu Hause und die Charaktere, die er schafft,

haben ohne Bruch mit der Localfarbe Züge, welche sie den Gestalten

aus dem norwegischen Mittelalter, die er zu schildern gewohnt war,

nah' verwandt machen. Auch die Schilderung des Puritanimus glückte

ihm. Zu dessen Zeiten zwar war eine entsprechende Erscheinung

in Norwegen nicht zu finden, allein Björnson hatte Gelegenheit,

Puritaner aus nächster Nähe zu studiren. Denn wurde das Christenthum

auch offiziell vor neunhundert Jahren von Olaf Trygveson in Norwegen

eingeführt, so geschah dies thatsächlich doch erst durch Hans Nilsen

Hauge Anfangs des neunzehnten Jahrhunderts. Durch den Haugianismus

und den Pietismus verstand Björnson John Knox. Ausser Knox gelangen

ihm auch Bothwell und Darnley vorzüglich. Der erstere ist eine ächte

Renaissance-Persönlichkeit, der andere in seiner knabenhaften Rachsucht

und unwürdigen Demuth beinahe modern. Maria selbst ist nicht so

vollständig gelungen. Man wird aus ihrem Wesen nicht recht klug. Sie

ist als ein Geschöpf gedichtet, dessen geheimnissvoller Naturgrund

sich in zwei entgegengesetzte Pole, als die ganze Schwäche und die

ganze Stärke des Weiblichen offenbart. Ihr Schicksal hängt insofern

von ihrem Wesen ab, als jene Schwäche ihre Macht über die Männer

bedingt und jene Stärke unter den gegebenen Verhältnissen in einer

so gewaltthätigen Zeit ganz ohnmächtig ist. Es ist jedoch allzuviel

nordischer Idealismus in der Charakterzeichnung. Ich möchte nicht

geradezu behaupten, dass Maria Stuart zu unsinnlich ist, wiewohl ich

es glaube. Solch eine Sphinx an Sinnlichkeit, Grausamkeit und Kälte

wie die Maria in Swinburne's »Chastelard« war die historische Maria

Stuart vielleicht nicht, gleichwohl ist Swinburne der Geschichte nicht

wenig näher gekommen als Björnson. In Björnsons Maria ist nichts

Dämonisches und wenig, das an die Zeit der Renaissance erinnert. Sie

ist weniger durch das geschildert, was sie sagt oder thut, als durch

begeisterte oder herabsetzende Erwähnung und durch die Wirkungen,

die sie unmittelbar durch ihre Persönlichkeit ausübt, obwohl der

Zuschauer nie recht begreift, durch welche Zaubermittel. Sie steht

wie in einer Wolke adjectivischer Bestimmungen, welche die übrigen

Persönlichkeiten des Stücks massenhaft gegen sie heranschleudern.

»Maria Stuart« entstammt einem Zeitraum in dem Entwicklungsgang

Björnson's, wo er (vielleicht durch Kierkegaard beeinflusst) eine

Neigung hatte, seine Charaktere psychologisch zu beschreiben, anstatt

sie ihr Wesen ohne Commentar entfalten zu lassen. Alle Personen in

diesem Drama sind Psychologen, studiren einander, erörtern ihr Naturell

und experimentiren mit einander. Sogar der Page William Taylor kennt

und beschreibt den seelischen Zustand Darnley's, wie ein Arzt eine

Krankheit kennt und beschreibt, Murray und Darnley schildern sich

selbst, Lethington schildert Bothwell und Murray, Maria fragt nach

dem Schlüssel zu Rizzio's, Knox nach dem zu Darnley's Charakter, ja

die Ermordung Rizzio's ist im Grunde ein psychologischer Versuch, den

Darnley mit Maria macht, um sie durch Schrecken zurückzuerobern, da es

ihm nicht gelingen will, sie durch Liebe zu gewinnen. Während aber alle

Personen wie Psychologen denken, sprechen sie alle wie Dichter, und

diese dichterische Shakespeare-artige Pracht der Diction, die insofern

wahr ist, als die Menschen der Renaissancenzeit durchgängig dichterisch

empfanden und sich einer blühend bilderreichen Sprache bedienten,

erhöht den Reiz, den die Originalität der Hauptcharaktere dem Drama

verleiht.

Das kleine Schauspiel »Die Neuvermählten« behandelt ein überaus

einfaches, aber ursprüngliches und allgemein gültiges, menschliches

Grundverhältniss, die Loslösung der jungen Frau vom Elternhaus, den

Zusammenstoss in der Seele des jungen Weibes zwischen der angeborenen

und gewohnheitsmässigen Liebe zu den Eltern und der noch neuen und

schwachen Liebe zum Gatten -- eine Revolution oder Evolution, die mit

der Naturnothwendigkeit und den Qualen einer geistigen Geburt vor sich

geht. Unter gewöhnlichen, normalen Verhältnissen wird die Bedeutung

dieses Bruchs nicht scharf hervortreten, weil er als etwas aufgefasst

wird, das so sein muss, und häufig eher das Gepräge der Befreiung als

der Losreissung hat.

Werden aber die Verhältnisse nur ein bischen weniger normal gedichtet,

ist die Liebe der Eltern ungemein egoistisch oder zärtlich, und ist die

Gattenliebe des guten und gehorsamen Kindes weit weniger entwickelt als

das anerzogene Pietätsgefühl gegen Vater und Mutter, so liegt hier eine

Aufgabe, ein dramatischer Zusammenstoss, und ein Kampf mit ungewissem

Ausgang vor. Die Idee ist, wie man sieht vortrefflich, allgemein

menschlich wie sie ist.

Gegen die Ausführung lassen sich verschiedene Einwendungen erheben,

unter denen die folgende die wichtigste ist: Wie kann Axel, wenn er

schon durch eine Kraftanstrengung Laura von dem Elternhaus losreisst,

schwach und dumm genug sein, um das Elternhaus in der Gestalt

Mathildens Laura auf der Reise begleiten zu lassen. Ohne sie würde

ja alles viel leichter und glatter gegangen sein. Es heisst zwar am

Schluss des Stücks, ohne sie hätten die zwei sich nie gefunden; das ist

aber wenig einleuchtend und jedenfalls unglücklich. Die eigentliche,

dichterische Aufgabe würde eben gewesen sein, zu zeigen, wie die

Beiden ohne fremde Hülfe wahre Eheleute wurden; es ist ein schlechter

Ausweg, eine _dea ex machina_ einen anonymen Roman schreiben zu

lassen, der durch die Behandlung ihrer Lage sie erschrickt und sie

einander in die Arme treibt. Ich sehe hierin ein Merkmal der Epoche,

in der diese kleine Dichtung entstand. Die Kierkegaard'schen Ideen

lagen in der Luft. Die Methode der Naturwissenschaften (Beobachtung

und Versuch) auf den Verkehr zwischen Mensch und Mensch angelegt, das

psychologische Experiment, das bei Kierkegaard eine so grosse Rolle

spielt und das schon in »Maria Stuart« sich so breit machte, ist in den

»Neuvermählten« von der Hausfreundin Mathilde vertreten. Doch die ganze

Weise, wie Liebe und Leidenschaft hier behandelt werden, ist für jene

Periode in dem geistigen Leben Björnson's und der norwegisch-dänischen

Litteratur überhaupt eigenthümlich. Man interessirte sich damals im

Norden sehr wenig für Neigung oder Leidenschaft an und für sich, man

studirte und schilderte die Gefühle in ihrem Verhältniss zur Moral und

Religion. Man betrachtete die Darstellung der Liebe vor und ausserhalb

der Ehe als trivial oder frivol, und forderte von dem Dichter die

Poesie der ehelichen Liebe, die Kierkegaard in »Entweder -- Oder« als

die weit höhere gepriesen hatte. Bei dem Streben des Dichters, dem

allgemein um sich greifenden moralischen Bedürfniss entgegenzukommen,

geschah es zuweilen, dass die Leidenschaft, die aus der Taufe gehoben

werden sollte, sich ihm unter den Händen verflüchtigte, wie der Zucker

in den Pfoten des Waschbären verschwindet. Die Liebe, die in »Die

Neuvermählten« grossgezogen wird, ist ein so schwaches, saftloses

Reis, dass sie der verschwenderischen Sorgfalt, mit der sie gehegt

und gepflegt wird, kaum werth erscheint. Sie ist beständig als die

Schuldigkeit der Frau gegen ihren Mann geschildert und wird ihr von

allen Seiten als Aufgabe und Forderung vor Augen geführt. Sie ist

keine frei und wild wachsende Pflanze; sie entfaltet sich im Treibhaus

der Pflicht, von der Zärtlichkeit Axel's umhegt, von der Eifersucht,

der Unruhe, der Furcht vor dem Verlieren, mit welcher Mathilde das

Treibhaus heizt, künstlich in die Höhe getrieben. Es heisst in einem

kleinen französischen Volkslied:

Ah! si l'amour prenait racine,

J'en planterais dans mon jardin,

J'en planterais, j'en semerais

Aux quatre coins,

J'en donnerais aux amoureux

Qui n'en ont point.

Diese Verse sind mir eingefallen, so oft ich »Die Neuvermählten« sah

oder las. Doch der Fehler liegt vielleicht an meiner Einseitigkeit; ich

liebe den schönen, grossen Eros, ich mag nicht sehen, wie man kleine

bleiche Eroten mit der Flasche mühsam ernährt. Das Publikum hat meine

Ansicht nicht getheilt, denn wenige Schauspiele haben einen solchen

Bühnenerfolg gehabt und in Buchform so viele Auflagen erlebt.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 92 / 110 题