III.

Dann folgten Dramen und Gedichte. Die grosse Persönlichkeit entwickelte

sich nach und nach als Hauptfigur aus der Hülle des Volksgeistes. In

»Zwischen den Schlachten«, »Sigurd der Böse«, »Arnljot Gelline« immer

derselbe grosse Typus, der geborene Häuptling, zum Wohlthäter des Volks

geschaffen, gleich gewaltsam und edel, dem man sein Recht vorenthält,

und der durch das Unrecht, das er erleidet, gezwungen wird, obschon

das Beste wollend, ein gut Theil Böses auf dem Wege zum Ziel zu thun.

Die Städte stehen in Brand hinter Sverre, wo er dahinfährt. Er erzählt

es mit bitterem Schmerz in »Zwischen den Schlachten«. Sigurd hat

nur das Glück Norwegens gewollt. Doch er wird gehasst und verfolgt,

weil er von dem Throne, der ihm gebührt, ausgeschlossen, »ein König

geworden in der Rüstung der Rache, mit dem Auge der Verzweiflung und

einem flammenden Schwert«. Arnljot, der im Grunde seiner Seele so gut

und so demüthig ist, wird Mordbrenner und Räuber bis zu dem Tage, wo

er als Streiter Olafs bei Stiklestad den Tod findet. Diese Gestalten

wurzeln tief in Björnsons Gemüth. Er selbst war früh »ein Zeichen

des Widerspruchs« geworden. Mit seinem unbändigen Ehrgeiz, mit dem

Gewaltsamen, das seiner Natur, und dem Liebevollen, das seinem Gemüthe

angeboren war, fühlte er sich mit jenen Sagengestalten verwandt, und so

oft er sich von seinem Volke missverstanden und mit Unrecht verschmäht

fühlte, legte er das Gefühl seines Bedürfnisses, dieses Volk zu heben

und mit ihm zu verschmelzen, und die Empfindung, dass er sich dennoch

von Zeit zu Zeit seinem Volke entfremdete, in diese alten Häuptlinge

nieder, in diesen Sigurd z. B., der gereizt »hart wie Stahl« wird,

in seinem Innern aber nichts desto weniger ein Füllhorn voll grosser

Wohlfahrtspläne birgt.

Viel muss Björnson schon in jungen Jahren erfahren haben, um den

Monolog Sigurds in der vorletzten Scene des Werks zu dichten, der

mit den Worten beginnt: »Die Dänen verlassen mich, die Schlacht ist

verloren? Bis hierher -- und nicht weiter?«, wo Pläne, ein Heer zu

sammeln, hinaus zu segeln, Kaufmann, Kreuzritter zu werden, mit

reissender Schnelle entstehen und verworfen werden, bis die Empfindung

der nahen Vernichtung sich wieder aufdringt und das Wort »Bis hierher

-- und nicht weiter!« nicht mehr als Frage, sondern als Antwort

refrainartig wiederkehrt. Doch noch aus der Verzweiflung redet bei

Sigurd die Liebe zum Vaterlande, nach dem er sich in der Ferne sehnte,

wie Kinder, die sich nach Weihnachten sehnen und dem er dennoch Wunde

auf Wunde schlug. Die grosse Persönlichkeit ist bei Björnson nicht

in einsamem Michelangelo-artigen Stolz verschlossen; sie entwickelt

sich aus dem Volksgeiste nur um sich zu demselben zurückzusehnen, sie

will sich mit ihm vereinigen, und erleidet ihre Tragödie, wenn diese

Vereinigung verhindert wird.

Ibsen ist seinem Wesen nach einsam, bleibt »allein, in weiter Ferne«.

Er geht in die Tiefe wie sein Bergmann:

Brich den Weg mir, schwerer Hammer

Zu der Tiefe Herzenskammer!

Björnson's Wesen strebt nicht in die Tiefe, sondern in's Weite. Sein

Genius hat offene Arme.

Ein anderer Gegensatz zwischen den zwei Dichtern lässt sich schon

aus den nordischen Dramen, die sie beide in ihrer ersten Periode

verfassten, heraus empfinden. Als geborener Dramatiker hat Ibsen

keinen Hang und keine Neigung zur Naturbeschreibung; sein einsames

Gemüth schliesst sich wie von den Menschen, so auch von der Natur ab.

Seine Hauptgestalten waren in seiner Jugend häufig Personificationen

eines Gedankens und als solche fast naturlos. Selbst wo Ibsen die

Natur einführt und wo sie mächtig ergreift, wie die Eiskirche in

»Brand«, ist sie mehr Symbol als Wirklichkeit. Der schrankenloser

sich ausdehnende Geist Björnson's verweilt bei den norwegischen

Naturumgebungen und theilt den Eindruck von ihnen auch im Drama mit.

Die Scene zwischen Sigurd und dem Finnenmädchen, eine der schönsten,

die Björnson geschrieben hat, ist ein Beispiel. Wenn das Mädchen

mit ihren Hunden auf die Bühne stürmt, zieht es die ganze Natur der

Nordlande nach sich wie eine Schleppe. Die Tochter des Finnenhäuptlings

offenbart sich in einem Glanz von Nordlicht, ihre Worte haben den

hellen Zauber der Mitternachtssonne, ihre glückliche Liebe zum Leben,

zur Sonne, zum Sommer, ihre unerwiderte Liebe zu Sigurd, der feine und

flüchtige Charakter ihrer Trauer -- das Alles ist ein Stück lebendiger

Naturpoesie, das Sigurd empfindet.

Diesen Natursinn haben alle Norweger Björnson's aus der Vorzeit. Man

lese z. B. den Gesang »Arnljot's Sehnsucht nach dem Meere«, in dessen

Rhythmus man das Meer gleichförmig steigen und sinken fühlt:

Der Mond zieht's an, der Orkan erhebt es

Doch ist kein Halten, es rinnt hernieder.

Andere haben das Meer in seiner Unbändigkeit und Unerbittlichkeit

dargestellt. Björnson malt seine kalte Stirne, welche die Sonne

glättet, sein eisiges Phlegma, seine tiefe Melancholie. Aus seinem

Brausen und Plätschern lässt er uns des Todes Wiegenlied vernehmen. Und

Arnljots Worte, wie die Woge, wenn er nicht mehr ist, »in erhabenen

mondhellen Nächten seinen Namen an den Strand hinrollt«, sind so

wundersam gefügt, dass sie dem Dichter selbst den Nachruf bilden

können. Nach hundert Jahren noch wird ein liebend Paar, wenn es am

Strande steht, und das fluthende Meer unter der Mondscheinbrücke seine

Wasser ihm entgegenrollt, bei diesem Anblick des Namens Björnson

eingedenk sein.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 91 / 110 题