Dann folgten Dramen und Gedichte. Die grosse Persönlichkeit entwickelte
sich nach und nach als Hauptfigur aus der Hülle des Volksgeistes. In
»Zwischen den Schlachten«, »Sigurd der Böse«, »Arnljot Gelline« immer
derselbe grosse Typus, der geborene Häuptling, zum Wohlthäter des Volks
geschaffen, gleich gewaltsam und edel, dem man sein Recht vorenthält,
und der durch das Unrecht, das er erleidet, gezwungen wird, obschon
das Beste wollend, ein gut Theil Böses auf dem Wege zum Ziel zu thun.
Die Städte stehen in Brand hinter Sverre, wo er dahinfährt. Er erzählt
es mit bitterem Schmerz in »Zwischen den Schlachten«. Sigurd hat
nur das Glück Norwegens gewollt. Doch er wird gehasst und verfolgt,
weil er von dem Throne, der ihm gebührt, ausgeschlossen, »ein König
geworden in der Rüstung der Rache, mit dem Auge der Verzweiflung und
einem flammenden Schwert«. Arnljot, der im Grunde seiner Seele so gut
und so demüthig ist, wird Mordbrenner und Räuber bis zu dem Tage, wo
er als Streiter Olafs bei Stiklestad den Tod findet. Diese Gestalten
wurzeln tief in Björnsons Gemüth. Er selbst war früh »ein Zeichen
des Widerspruchs« geworden. Mit seinem unbändigen Ehrgeiz, mit dem
Gewaltsamen, das seiner Natur, und dem Liebevollen, das seinem Gemüthe
angeboren war, fühlte er sich mit jenen Sagengestalten verwandt, und so
oft er sich von seinem Volke missverstanden und mit Unrecht verschmäht
fühlte, legte er das Gefühl seines Bedürfnisses, dieses Volk zu heben
und mit ihm zu verschmelzen, und die Empfindung, dass er sich dennoch
von Zeit zu Zeit seinem Volke entfremdete, in diese alten Häuptlinge
nieder, in diesen Sigurd z. B., der gereizt »hart wie Stahl« wird,
in seinem Innern aber nichts desto weniger ein Füllhorn voll grosser
Wohlfahrtspläne birgt.
Viel muss Björnson schon in jungen Jahren erfahren haben, um den
Monolog Sigurds in der vorletzten Scene des Werks zu dichten, der
mit den Worten beginnt: »Die Dänen verlassen mich, die Schlacht ist
verloren? Bis hierher -- und nicht weiter?«, wo Pläne, ein Heer zu
sammeln, hinaus zu segeln, Kaufmann, Kreuzritter zu werden, mit
reissender Schnelle entstehen und verworfen werden, bis die Empfindung
der nahen Vernichtung sich wieder aufdringt und das Wort »Bis hierher
-- und nicht weiter!« nicht mehr als Frage, sondern als Antwort
refrainartig wiederkehrt. Doch noch aus der Verzweiflung redet bei
Sigurd die Liebe zum Vaterlande, nach dem er sich in der Ferne sehnte,
wie Kinder, die sich nach Weihnachten sehnen und dem er dennoch Wunde
auf Wunde schlug. Die grosse Persönlichkeit ist bei Björnson nicht
in einsamem Michelangelo-artigen Stolz verschlossen; sie entwickelt
sich aus dem Volksgeiste nur um sich zu demselben zurückzusehnen, sie
will sich mit ihm vereinigen, und erleidet ihre Tragödie, wenn diese
Vereinigung verhindert wird.
Ibsen ist seinem Wesen nach einsam, bleibt »allein, in weiter Ferne«.
Er geht in die Tiefe wie sein Bergmann:
Brich den Weg mir, schwerer Hammer
Zu der Tiefe Herzenskammer!
Björnson's Wesen strebt nicht in die Tiefe, sondern in's Weite. Sein
Genius hat offene Arme.
Ein anderer Gegensatz zwischen den zwei Dichtern lässt sich schon
aus den nordischen Dramen, die sie beide in ihrer ersten Periode
verfassten, heraus empfinden. Als geborener Dramatiker hat Ibsen
keinen Hang und keine Neigung zur Naturbeschreibung; sein einsames
Gemüth schliesst sich wie von den Menschen, so auch von der Natur ab.
Seine Hauptgestalten waren in seiner Jugend häufig Personificationen
eines Gedankens und als solche fast naturlos. Selbst wo Ibsen die
Natur einführt und wo sie mächtig ergreift, wie die Eiskirche in
»Brand«, ist sie mehr Symbol als Wirklichkeit. Der schrankenloser
sich ausdehnende Geist Björnson's verweilt bei den norwegischen
Naturumgebungen und theilt den Eindruck von ihnen auch im Drama mit.
Die Scene zwischen Sigurd und dem Finnenmädchen, eine der schönsten,
die Björnson geschrieben hat, ist ein Beispiel. Wenn das Mädchen
mit ihren Hunden auf die Bühne stürmt, zieht es die ganze Natur der
Nordlande nach sich wie eine Schleppe. Die Tochter des Finnenhäuptlings
offenbart sich in einem Glanz von Nordlicht, ihre Worte haben den
hellen Zauber der Mitternachtssonne, ihre glückliche Liebe zum Leben,
zur Sonne, zum Sommer, ihre unerwiderte Liebe zu Sigurd, der feine und
flüchtige Charakter ihrer Trauer -- das Alles ist ein Stück lebendiger
Naturpoesie, das Sigurd empfindet.
Diesen Natursinn haben alle Norweger Björnson's aus der Vorzeit. Man
lese z. B. den Gesang »Arnljot's Sehnsucht nach dem Meere«, in dessen
Rhythmus man das Meer gleichförmig steigen und sinken fühlt:
Der Mond zieht's an, der Orkan erhebt es
Doch ist kein Halten, es rinnt hernieder.
Andere haben das Meer in seiner Unbändigkeit und Unerbittlichkeit
dargestellt. Björnson malt seine kalte Stirne, welche die Sonne
glättet, sein eisiges Phlegma, seine tiefe Melancholie. Aus seinem
Brausen und Plätschern lässt er uns des Todes Wiegenlied vernehmen. Und
Arnljots Worte, wie die Woge, wenn er nicht mehr ist, »in erhabenen
mondhellen Nächten seinen Namen an den Strand hinrollt«, sind so
wundersam gefügt, dass sie dem Dichter selbst den Nachruf bilden
können. Nach hundert Jahren noch wird ein liebend Paar, wenn es am
Strande steht, und das fluthende Meer unter der Mondscheinbrücke seine
Wasser ihm entgegenrollt, bei diesem Anblick des Namens Björnson
eingedenk sein.