XII.

Das Jahr 1830, das Frankreich die Julirevolution brachte, veränderte

dadurch in Schweden die politischen Stimmungen und bald die politische

Situation; das Jahr gab dem Liberalismus einen neuen Aufschwung,

modificirte bedeutend seine Zwecke und veränderte die Sprache

seiner Presse. Vor 1830 war das Ideal der schwedischen Liberalen

Freiheit gewesen; jetzt wurde es Demokratie. Selbstverständlich

trieb das Hervorrücken des Liberalismus die conservativen Gruppen

zur entgegengesetzten Aeusserlichkeit. Upsala war das Hauptlager der

reactionären Partei; hier herrschte Geijer, und die loyalen Studenten

folgten ihm so treu, dass sie in einem Ständchen an Karl Johann es als

ihre Pflicht bezeichneten _obéir, mourir et se taire_. Zum Vergelt

nannte die Stockholm'sche liberale Presse Upsala ein faules Torynest

und die Universitätsprofessoren vertrocknete Maulwürfe. Eine neue

Journalistik entwickelte sich, die unter dem herrschenden Absolutismus

nur durch einen persönlichen, ausgelassenen Ton sich Gehör verschaffen

zu können meinte. Der Stil dieser Presse war verwegen und scharf;

sie verletzte mit Nadelstichen und Persiflage. Man schonte weder den

Hof noch die Person Karl Johann's. Gefiel dieser Ton auch in einigen

hauptstädtischen Kreisen, so erregte er in den altväterischen Provinzen

einen lebendigen Unwillen, bei Keinem einen stärkeren, als bei Tegnér,

dessen zerrissenes Gemüth allzu verstimmt war, um das Gute sehen zu

können, das möglicherweise einmal mit der Zeit von all' diesen Sünden

gegen den guten Ton hervorgehen könnte. Er überhörte das Berechtigte in

dem Anspruch auf neue Staatsformen, während er allein für den Mangel an

Ehrerbietung vor dem Ruhm des alten Königs ein scharfes Gehör hatte. Er

legte einen leidenschaftlichen Protest dagegen ein, und die liberalen

Blätter fielen wie Wespen über ihn her. Die Folge war, dass er sich

bald nicht nur gegen die liberale Presse, sondern auch gegen die von

ihr verkündeten Lehren wandte. Geistesaristokrat, wie er war, widerte

das demagogische Wesen ihn an; zum idealen Begriffe vom Volke hatte er

sich kaum sogar in seiner besten Zeit erhoben, und jetzt, nachdem aller

Glaube an menschliche Reinheit und Seelenschönheit in ihm zerstört

worden, konnte er sich weniger als je dazu erheben. Und unter diesen

Umständen musste er als Fach-Politiker auftreten, indem er als Bischof

an den Reichstagsverhandlungen zu Stockholm Theil nahm. Es kann nicht

Wunder nehmen, dass es jetzt in entschieden conservativer Richtung

geschah; ja Tegnér trat sogar als ein wahres _enfant terrible_ des

Conservatismus auf, denn wenn der alte streitbare Geist über ihn kam,

schonte er weder Freund noch Feind. Durch alles, was er jetzt schreibt

oder im Reichstage spricht, ziehen sich die bitteren Ausfälle gegen die

neue Form von Journalistik, die ihm als das sichere Kennzeichen von

Schwedens Verfall erschien. Man höre seine Sprache:

Die schwed'schen Farben waren blau und gelb,

Es kleidete in sie sich Kraft und Ehre.

Schmutz ist jetzt Nationalfarb', und die Lüge

Eu'r Heldenlied, das Schmäh'n ist losgelassen

Sechs Tage, ja wohl sieben in der Woche.

Sein Auge späht in's Leben jedes Hauses,

Es liegt sein Ohr vor jedem Schlüsselloch --

Ihr Männer Schwedens, ist _das_ eure Freiheit?

Seine Krankheit hatte seit dem ersten Ausbruch ihm nicht Ruhe gelassen.

Eine Badereise nach Karlsbad im Jahre 1833 brachte keine Linderung,

geschweige denn Genesung. Der wesentliche Nutzen, den die Reise zur

Folge hatte, war der rein geistige, dass Tegnér Deutschland etwas

besser kennen lernte. Er hatte nur wenig Sympathie für dieses Land,

dessen zu jener Zeit so dunkle Philosophie ihn zurückscheuchte,

und das ihm litterarisch in das Aneignen fremder Schöpfungen, ohne

denselben ein eigenes Gepräge geben zu können, aufzugehen schien. Er

vergleicht die Deutschen mit dem kaspischen Meer, das eine Menge Flüsse

aufnimmt, aber keinen Ablauf hat und alles in Nebelform verdunsten

lässt. Auf der Reise, während welcher ihm als dem in ganz Deutschland

berühmten Dichter grosse Aufmerksamkeit sowohl von Privaten wie von

dem König Friedrich Wilhelm IV. erzeigt wurde, erhielt er wenigstens

einen flüchtigen Eindruck der positiven Eigenschaften des Volks. Er

schreibt u. A.: »Deutschland ist seiner tollen Nebelhaftigkeit zum

Trotz unleugbar lange der Lehrstuhl Europa's gewesen, und Preussen ist

unzweifelhaft jetzt die Intelligenz der civilisirten Welt«. Aber er war

zu alt, um auf's neue in die Schule zu gehen, und doppelt lebensmüde,

nachdem die Hoffnung auf Besserung vereitelt worden, kehrte er zu

seinem geistestödenden Beruf und seinem vergeblichen Kampf gegen die

politische Entwicklung in Schweden zurück.

Sein Abscheu gegen die Presse, die er vergeblich zu bekämpfen suchte,

ging so weit, dass sich zuletzt sein Herz sogar von Schwedens Land

und Volk entfremdete. Er schreibt: »O mein armes Vaterland! Ueber die

Publicisten selbst wundere ich mich nicht; sie leben vom Schmähen

wie der Scharfrichter vom Köpfen und der Schinder vom Geisseln; aber

was soll man von einem Volke sagen, von dem ganzen hochlöblichen

schwedischen Volke, das solche Erbärmlichkeit nicht nur duldet, sondern

ermuntert, kauft, liest, bewundert? Es kann nur so erklärt werden,

dass die Nation ganz und gar Pöbel geworden ist, mit sehr wenigen

Ausnahmen. Ich sehe nicht ein, dass anderes übrig bleibt, als Abschied

zu nehmen, wenn nicht von Schwedens Land, so doch von der schwedischen

Sprache, und Finnisch oder Lappisch zu schreiben«. Anderswo heisst

es: »Mein Traum von der Ehre und gesunden Vernunft des schwedischen

Volkes ist längst ausgeträumt und für immer zersplittert«. Und mit

einer Wendung, die interessant ist, weil sie beweist, wie nah verwandt

nach der eigenen Empfindung Tegnér's seine Streitbarkeit den Liberalen

gegenüber mit seiner Bekämpfung der Romantiker war, schreibt er: »Du

kannst dir leicht vorstellen, was ich von dem königlich schwedischen

Publikum denke. Den Gedanken -- ein Traum war es -- dass sich mit einem

solchen Mob etwas ausrichten liesse, hab' ich längst aufgegeben. Sie

sind und bleiben verworfen. In welcher Form auch die Thorheit auftritt,

politisch oder litterär, als Phosphorismus oder als Rabulismus, so ist

die Masse bereit, ihr zuzufallen. Ein so erbärmliches Geschlecht ist

des Pulvers nicht werth«.

Diese Aeusserungen sind alle von 1839 und dem ersten Monat des Jahres

1840. Eine solche Wucht von Hoffnungslosigkeit und Menschenverachtung

konnte den stärksten Geist zum Unterliegen bringen, wie viel mehr

einen, den sechzehnjährige Krankheit untergraben hatte. Als Tegnér

sich während des Reichstags 1840 in Stockholm aufhielt, trat die

Katastrophe ein. Der Wahnsinn brach aus. Er äusserte sich theils

in wilden Ausbrüchen von Sinnlichkeit unter voller Geistesstörung,

theils und am häufigsten im Entwerfen von kolossalen Plänen, riesigen

Finanzoperationen, Plänen zu Völkerwanderungen und Welteroberungen. Der

Stern war erloschen.

Er entzündete sich wieder, um einige Jahre hindurch mit einem milderen,

schwächeren Schein zu leuchten; aber sein rother Marsglanz kehrte nicht

wieder zurück. Was muss der unglückliche grosse Mann nicht gelitten

haben, bis der Wahnsinn zum entscheidenden Ausbruch kam! Schon 1835

sagte er zu Adlersparre, dass seine Seele brenne und sein Herz blute,

dass aber seine Krankheit, der man den Kosenamen Hypochondrie gebe, mit

seinem wirklichen Namen Tollheit heisse. »Es ist eine Erbschaft«, fügte

er hinzu, »die los zu werden nicht in meiner Macht stand«. Bei seinem

letzten Besuch in Wermeland sagte er: »Ich bin die personificirte

Antisana, ich stehe mit den Füssen im Schnee, aber der Kopf brennt und

speit Feuer«. Er weissagte, nicht lange Zeit vor sich zu haben, sprach

aber mit Trauer über die Weise, in welcher er zu sterben verurtheilt

sei: »Bissen für Bissen von dem tausendmäuligen Ungeheuer der

Hypochondrie verschlungen«. Was hat er nicht gelitten! Ich gebrauchte

den Ausdruck, dass die Furien über seine Schwelle stiegen. Er hat

selbst seinen Jammer in einer ähnlichen Gestalt gesehen: »Du kennst

nicht den Einfluss der Furie, an die ich getraut worden bin, ohne

Pfarrer noch Brautjungfer, ja ohne gefreit zu haben. Sie ist von einem

Alp und einem Vampir im Verein erzeugt, und selbst wenn sie nicht auf

meiner Brust reitet oder mein Herzblut saugt, lässt sie mich verstehen,

dass sie in der Nähe ist und in kurzer Zeit mich mit einem Besuch zu

beehren gedenkt«. Wirkliche Geistesstörung muss nach einem solchen

einleitenden Zustand fast als eine Erlösung gekommen sein. Die Aerzte

befahlen die Reise nach einer damals sehr angesehenen Heilanstalt in

Schleswig.

Der Aufenthalt in dem Irrenhaus währte nicht lange; es ist aber

interessant, selbst dorthin ihm zu folgen, so schön und eigenthümlich

waren die Schwärmereien, die ihn peinigten. Eine Person, die ihn

dorthin begleitete, hat uns folgenden wörtlichen Ausspruch von ihm

während der Krankheit aufbewahrt: »Die ganze Verwirrung kommt von dem

verdammten Eifer her mit dem Diadem, das sie mir auf den Kopf setzen

wollten. Du kannst sonst glauben, dass es ein Prachtstück war: Bilder

in Miniatur, nicht gemalt, sondern leibhaftige und wirklich existirende

Miniaturen von vierzehn der edelsten Dichter bildeten einen Kranz. Da

waren Homer und Pindar, Tasso und Virgil, Schiller, Petrarca, Ariost,

Goethe u. s. w. Zwischen jedem Paar brannte ein strahlender Stern,

nicht von Flittergold, auch nicht von Diamanten, sondern von wirklich

kosmischem Stoff. Mitten vor der Stirn war ein Diadem in Form einer

Lyra angebracht, die etwas vom eigenen Lichte der Sonne geliehen hatte.

So lange diese Lyra still stand, war Alles gut -- aber auf einmal

begann sie sich in einem Kreislauf zu bewegen. Schneller und schneller

wurde die Bewegung, dass jeder Nerv in mir davor erzitterte. Zuletzt

fing sie an sich im Kreise mit solcher Eile zu schwingen, dass sie zu

einer Sonne verwandelt wurde. Da wurde mein ganzes Wesen bewegt und

gebrochen; denn Du musst wissen, nicht um den Kopf, sondern um das

Gehirn selbst war das Diadem geschlungen. Doch jetzt schwang es sich

rings herum mit einer völlig unberechenbaren Gewaltsamkeit, bis es auf

einmal zersprang. Dunkel, Dunkel, Dunkel und Nacht breitete sich über

die ganze Welt aus, wohin ich mich auch wandte. Ich wurde verwirrt und

schwach; ich, der ich immer Weichlichkeit bei Männern gehasst habe, ich

weinte und vergoss brennend heisse Thränen. Alles war vorbei --«.

Ist dies nicht eher die Poesie des Wahnsinnes, als der Wahnsinn

selbst? Und wie tritt das wahre Wesen des Dichters, selbst in diesem

sonderbaren Traum hervor -- dem Jugendtraum von Kränzen und Kronen,

jetzt in der Schmiede des Wahnsinns rothgeglüht! Für den kühlen

Lorbeerkranz, den er um Oehlenschläger's Haupt gewunden, hatten

jetzt seine Nornen ihm diesen glühenden Ring um die Stirn gelegt. --

Glücklicherweise kühlte dieser Ring schnell wieder ab, und im Frühling

1841 war Tegnér wieder in seiner Heimath.

In seiner letzten grösseren Dichtung (»Die Kronenbraut«), in welcher

er sich selbst geschildert hat, sehen wir den alten Bischof als

Dorfpatriarch von einer verehrenden Gemeinde umringt. Die Jahre glitten

hin in der milderen Stimmung, die das Alter mit sich führte; ein

Schlaganfall im Jahre 1843 meldete, dass der Tod nicht fern sei, und

den 2. November 1846 hauchte der müde Dichter seinen letzten Athemzug

aus.

Werfen wir einen Rückblick auf die Entwickelung dieses Geistes, in

dessen reichem Boden die Keime des Genies und des Wahnsinnes dicht

neben einander wie in einer Doppelnuss lagen, so sehen wir dieses

kräftige und heitere Gemüth wie einen Funken aus dem kieselharten

Naturgrund des schwedischen Bauernstandes hervorspringen. Er saugt

Nahrung aus der landschaftlichen Schönheit Schwedens und den alten

Sagen Scandinaviens. Er schwärmt für That und Kampf und drückt seine

Schwärmereien in einer Sprache von flammenvergoldeten Bildern aus. Er

lernt den antiken Geist kennen, und sein angeborener Naturtrotz wird

in einer griechisch-religiösen Harmonie gemildert. Sein religiöser

Freisinn führt ihn zum politischen Freisinn und die religiöse

Versöhnung seines Gemüths führt einen Versuch politischer Versöhnung

der streitenden Tendenzen des Jahrhunderts mit sich. Dieser geistige

Standpunkt bestimmt seinen litterarischen: die Verkündigung des

Evangeliums der Klarheit, des Lichts und des Gesanges als Ausdruck der

geistigen Gesundheit. Auf dieser Höhe führt er das epochemachende Werk

seines Lebens aus, das ideale Bild vom nordischen Alterthum, wie die

Zeitgenossen es sich träumten. Man muss, um gegen dies Werk gerecht zu

sein, den Zeitpunkt festhalten, in welchem er entstand. Vergleicht man

damit ein nordisches Meisterwerk unserer Tage (Björnson's »Bergliot«

z. B.), so findet man es natürlich weder norwegisch noch nordisch; es

ist nur relativ nordisch, aber die schönsten Lieder desselben sind

unbedingt schön. Kaum war dies Werk vollendet, das bestimmt war, das

entscheidende Zeugniss im Kampfe von der Bedeutung der poetischen

Gesundheit zu liefern, so zeigte es sich, dass der Krankheitskeim in

der Seele des Dichters so kräftig gewachsen war, dass es nur einer

einzelnen seelischen Krise bedurfte, um den Lebensmuth, um den sich

die hässliche Schmarotzerpflanze rankte, zum Verwelken zu bringen. Die

Sommerzeit seines Lebens war dahin. Der Spätherbst brachte noch einige

schöne Früchte, und der Stamm war todt.

Der Eindruck, den ich am liebsten hervorbringen möchte, ist der, dass

der Mann, welcher dem Namen Esaias Tegnér Weltruhm gab, vor allem ein

ganzer Mensch war, in Fehlern wie in Tugenden eine grundehrliche,

rechtschaffene Seele, leichtbeweglich, aber mit einer leuchtenden Liebe

zum Schönen und Wahren.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 87 / 110 题