Das Jahr 1830, das Frankreich die Julirevolution brachte, veränderte
dadurch in Schweden die politischen Stimmungen und bald die politische
Situation; das Jahr gab dem Liberalismus einen neuen Aufschwung,
modificirte bedeutend seine Zwecke und veränderte die Sprache
seiner Presse. Vor 1830 war das Ideal der schwedischen Liberalen
Freiheit gewesen; jetzt wurde es Demokratie. Selbstverständlich
trieb das Hervorrücken des Liberalismus die conservativen Gruppen
zur entgegengesetzten Aeusserlichkeit. Upsala war das Hauptlager der
reactionären Partei; hier herrschte Geijer, und die loyalen Studenten
folgten ihm so treu, dass sie in einem Ständchen an Karl Johann es als
ihre Pflicht bezeichneten _obéir, mourir et se taire_. Zum Vergelt
nannte die Stockholm'sche liberale Presse Upsala ein faules Torynest
und die Universitätsprofessoren vertrocknete Maulwürfe. Eine neue
Journalistik entwickelte sich, die unter dem herrschenden Absolutismus
nur durch einen persönlichen, ausgelassenen Ton sich Gehör verschaffen
zu können meinte. Der Stil dieser Presse war verwegen und scharf;
sie verletzte mit Nadelstichen und Persiflage. Man schonte weder den
Hof noch die Person Karl Johann's. Gefiel dieser Ton auch in einigen
hauptstädtischen Kreisen, so erregte er in den altväterischen Provinzen
einen lebendigen Unwillen, bei Keinem einen stärkeren, als bei Tegnér,
dessen zerrissenes Gemüth allzu verstimmt war, um das Gute sehen zu
können, das möglicherweise einmal mit der Zeit von all' diesen Sünden
gegen den guten Ton hervorgehen könnte. Er überhörte das Berechtigte in
dem Anspruch auf neue Staatsformen, während er allein für den Mangel an
Ehrerbietung vor dem Ruhm des alten Königs ein scharfes Gehör hatte. Er
legte einen leidenschaftlichen Protest dagegen ein, und die liberalen
Blätter fielen wie Wespen über ihn her. Die Folge war, dass er sich
bald nicht nur gegen die liberale Presse, sondern auch gegen die von
ihr verkündeten Lehren wandte. Geistesaristokrat, wie er war, widerte
das demagogische Wesen ihn an; zum idealen Begriffe vom Volke hatte er
sich kaum sogar in seiner besten Zeit erhoben, und jetzt, nachdem aller
Glaube an menschliche Reinheit und Seelenschönheit in ihm zerstört
worden, konnte er sich weniger als je dazu erheben. Und unter diesen
Umständen musste er als Fach-Politiker auftreten, indem er als Bischof
an den Reichstagsverhandlungen zu Stockholm Theil nahm. Es kann nicht
Wunder nehmen, dass es jetzt in entschieden conservativer Richtung
geschah; ja Tegnér trat sogar als ein wahres _enfant terrible_ des
Conservatismus auf, denn wenn der alte streitbare Geist über ihn kam,
schonte er weder Freund noch Feind. Durch alles, was er jetzt schreibt
oder im Reichstage spricht, ziehen sich die bitteren Ausfälle gegen die
neue Form von Journalistik, die ihm als das sichere Kennzeichen von
Schwedens Verfall erschien. Man höre seine Sprache:
Die schwed'schen Farben waren blau und gelb,
Es kleidete in sie sich Kraft und Ehre.
Schmutz ist jetzt Nationalfarb', und die Lüge
Eu'r Heldenlied, das Schmäh'n ist losgelassen
Sechs Tage, ja wohl sieben in der Woche.
Sein Auge späht in's Leben jedes Hauses,
Es liegt sein Ohr vor jedem Schlüsselloch --
Ihr Männer Schwedens, ist _das_ eure Freiheit?
Seine Krankheit hatte seit dem ersten Ausbruch ihm nicht Ruhe gelassen.
Eine Badereise nach Karlsbad im Jahre 1833 brachte keine Linderung,
geschweige denn Genesung. Der wesentliche Nutzen, den die Reise zur
Folge hatte, war der rein geistige, dass Tegnér Deutschland etwas
besser kennen lernte. Er hatte nur wenig Sympathie für dieses Land,
dessen zu jener Zeit so dunkle Philosophie ihn zurückscheuchte,
und das ihm litterarisch in das Aneignen fremder Schöpfungen, ohne
denselben ein eigenes Gepräge geben zu können, aufzugehen schien. Er
vergleicht die Deutschen mit dem kaspischen Meer, das eine Menge Flüsse
aufnimmt, aber keinen Ablauf hat und alles in Nebelform verdunsten
lässt. Auf der Reise, während welcher ihm als dem in ganz Deutschland
berühmten Dichter grosse Aufmerksamkeit sowohl von Privaten wie von
dem König Friedrich Wilhelm IV. erzeigt wurde, erhielt er wenigstens
einen flüchtigen Eindruck der positiven Eigenschaften des Volks. Er
schreibt u. A.: »Deutschland ist seiner tollen Nebelhaftigkeit zum
Trotz unleugbar lange der Lehrstuhl Europa's gewesen, und Preussen ist
unzweifelhaft jetzt die Intelligenz der civilisirten Welt«. Aber er war
zu alt, um auf's neue in die Schule zu gehen, und doppelt lebensmüde,
nachdem die Hoffnung auf Besserung vereitelt worden, kehrte er zu
seinem geistestödenden Beruf und seinem vergeblichen Kampf gegen die
politische Entwicklung in Schweden zurück.
Sein Abscheu gegen die Presse, die er vergeblich zu bekämpfen suchte,
ging so weit, dass sich zuletzt sein Herz sogar von Schwedens Land
und Volk entfremdete. Er schreibt: »O mein armes Vaterland! Ueber die
Publicisten selbst wundere ich mich nicht; sie leben vom Schmähen
wie der Scharfrichter vom Köpfen und der Schinder vom Geisseln; aber
was soll man von einem Volke sagen, von dem ganzen hochlöblichen
schwedischen Volke, das solche Erbärmlichkeit nicht nur duldet, sondern
ermuntert, kauft, liest, bewundert? Es kann nur so erklärt werden,
dass die Nation ganz und gar Pöbel geworden ist, mit sehr wenigen
Ausnahmen. Ich sehe nicht ein, dass anderes übrig bleibt, als Abschied
zu nehmen, wenn nicht von Schwedens Land, so doch von der schwedischen
Sprache, und Finnisch oder Lappisch zu schreiben«. Anderswo heisst
es: »Mein Traum von der Ehre und gesunden Vernunft des schwedischen
Volkes ist längst ausgeträumt und für immer zersplittert«. Und mit
einer Wendung, die interessant ist, weil sie beweist, wie nah verwandt
nach der eigenen Empfindung Tegnér's seine Streitbarkeit den Liberalen
gegenüber mit seiner Bekämpfung der Romantiker war, schreibt er: »Du
kannst dir leicht vorstellen, was ich von dem königlich schwedischen
Publikum denke. Den Gedanken -- ein Traum war es -- dass sich mit einem
solchen Mob etwas ausrichten liesse, hab' ich längst aufgegeben. Sie
sind und bleiben verworfen. In welcher Form auch die Thorheit auftritt,
politisch oder litterär, als Phosphorismus oder als Rabulismus, so ist
die Masse bereit, ihr zuzufallen. Ein so erbärmliches Geschlecht ist
des Pulvers nicht werth«.
Diese Aeusserungen sind alle von 1839 und dem ersten Monat des Jahres
1840. Eine solche Wucht von Hoffnungslosigkeit und Menschenverachtung
konnte den stärksten Geist zum Unterliegen bringen, wie viel mehr
einen, den sechzehnjährige Krankheit untergraben hatte. Als Tegnér
sich während des Reichstags 1840 in Stockholm aufhielt, trat die
Katastrophe ein. Der Wahnsinn brach aus. Er äusserte sich theils
in wilden Ausbrüchen von Sinnlichkeit unter voller Geistesstörung,
theils und am häufigsten im Entwerfen von kolossalen Plänen, riesigen
Finanzoperationen, Plänen zu Völkerwanderungen und Welteroberungen. Der
Stern war erloschen.
Er entzündete sich wieder, um einige Jahre hindurch mit einem milderen,
schwächeren Schein zu leuchten; aber sein rother Marsglanz kehrte nicht
wieder zurück. Was muss der unglückliche grosse Mann nicht gelitten
haben, bis der Wahnsinn zum entscheidenden Ausbruch kam! Schon 1835
sagte er zu Adlersparre, dass seine Seele brenne und sein Herz blute,
dass aber seine Krankheit, der man den Kosenamen Hypochondrie gebe, mit
seinem wirklichen Namen Tollheit heisse. »Es ist eine Erbschaft«, fügte
er hinzu, »die los zu werden nicht in meiner Macht stand«. Bei seinem
letzten Besuch in Wermeland sagte er: »Ich bin die personificirte
Antisana, ich stehe mit den Füssen im Schnee, aber der Kopf brennt und
speit Feuer«. Er weissagte, nicht lange Zeit vor sich zu haben, sprach
aber mit Trauer über die Weise, in welcher er zu sterben verurtheilt
sei: »Bissen für Bissen von dem tausendmäuligen Ungeheuer der
Hypochondrie verschlungen«. Was hat er nicht gelitten! Ich gebrauchte
den Ausdruck, dass die Furien über seine Schwelle stiegen. Er hat
selbst seinen Jammer in einer ähnlichen Gestalt gesehen: »Du kennst
nicht den Einfluss der Furie, an die ich getraut worden bin, ohne
Pfarrer noch Brautjungfer, ja ohne gefreit zu haben. Sie ist von einem
Alp und einem Vampir im Verein erzeugt, und selbst wenn sie nicht auf
meiner Brust reitet oder mein Herzblut saugt, lässt sie mich verstehen,
dass sie in der Nähe ist und in kurzer Zeit mich mit einem Besuch zu
beehren gedenkt«. Wirkliche Geistesstörung muss nach einem solchen
einleitenden Zustand fast als eine Erlösung gekommen sein. Die Aerzte
befahlen die Reise nach einer damals sehr angesehenen Heilanstalt in
Schleswig.
Der Aufenthalt in dem Irrenhaus währte nicht lange; es ist aber
interessant, selbst dorthin ihm zu folgen, so schön und eigenthümlich
waren die Schwärmereien, die ihn peinigten. Eine Person, die ihn
dorthin begleitete, hat uns folgenden wörtlichen Ausspruch von ihm
während der Krankheit aufbewahrt: »Die ganze Verwirrung kommt von dem
verdammten Eifer her mit dem Diadem, das sie mir auf den Kopf setzen
wollten. Du kannst sonst glauben, dass es ein Prachtstück war: Bilder
in Miniatur, nicht gemalt, sondern leibhaftige und wirklich existirende
Miniaturen von vierzehn der edelsten Dichter bildeten einen Kranz. Da
waren Homer und Pindar, Tasso und Virgil, Schiller, Petrarca, Ariost,
Goethe u. s. w. Zwischen jedem Paar brannte ein strahlender Stern,
nicht von Flittergold, auch nicht von Diamanten, sondern von wirklich
kosmischem Stoff. Mitten vor der Stirn war ein Diadem in Form einer
Lyra angebracht, die etwas vom eigenen Lichte der Sonne geliehen hatte.
So lange diese Lyra still stand, war Alles gut -- aber auf einmal
begann sie sich in einem Kreislauf zu bewegen. Schneller und schneller
wurde die Bewegung, dass jeder Nerv in mir davor erzitterte. Zuletzt
fing sie an sich im Kreise mit solcher Eile zu schwingen, dass sie zu
einer Sonne verwandelt wurde. Da wurde mein ganzes Wesen bewegt und
gebrochen; denn Du musst wissen, nicht um den Kopf, sondern um das
Gehirn selbst war das Diadem geschlungen. Doch jetzt schwang es sich
rings herum mit einer völlig unberechenbaren Gewaltsamkeit, bis es auf
einmal zersprang. Dunkel, Dunkel, Dunkel und Nacht breitete sich über
die ganze Welt aus, wohin ich mich auch wandte. Ich wurde verwirrt und
schwach; ich, der ich immer Weichlichkeit bei Männern gehasst habe, ich
weinte und vergoss brennend heisse Thränen. Alles war vorbei --«.
Ist dies nicht eher die Poesie des Wahnsinnes, als der Wahnsinn
selbst? Und wie tritt das wahre Wesen des Dichters, selbst in diesem
sonderbaren Traum hervor -- dem Jugendtraum von Kränzen und Kronen,
jetzt in der Schmiede des Wahnsinns rothgeglüht! Für den kühlen
Lorbeerkranz, den er um Oehlenschläger's Haupt gewunden, hatten
jetzt seine Nornen ihm diesen glühenden Ring um die Stirn gelegt. --
Glücklicherweise kühlte dieser Ring schnell wieder ab, und im Frühling
1841 war Tegnér wieder in seiner Heimath.
In seiner letzten grösseren Dichtung (»Die Kronenbraut«), in welcher
er sich selbst geschildert hat, sehen wir den alten Bischof als
Dorfpatriarch von einer verehrenden Gemeinde umringt. Die Jahre glitten
hin in der milderen Stimmung, die das Alter mit sich führte; ein
Schlaganfall im Jahre 1843 meldete, dass der Tod nicht fern sei, und
den 2. November 1846 hauchte der müde Dichter seinen letzten Athemzug
aus.
Werfen wir einen Rückblick auf die Entwickelung dieses Geistes, in
dessen reichem Boden die Keime des Genies und des Wahnsinnes dicht
neben einander wie in einer Doppelnuss lagen, so sehen wir dieses
kräftige und heitere Gemüth wie einen Funken aus dem kieselharten
Naturgrund des schwedischen Bauernstandes hervorspringen. Er saugt
Nahrung aus der landschaftlichen Schönheit Schwedens und den alten
Sagen Scandinaviens. Er schwärmt für That und Kampf und drückt seine
Schwärmereien in einer Sprache von flammenvergoldeten Bildern aus. Er
lernt den antiken Geist kennen, und sein angeborener Naturtrotz wird
in einer griechisch-religiösen Harmonie gemildert. Sein religiöser
Freisinn führt ihn zum politischen Freisinn und die religiöse
Versöhnung seines Gemüths führt einen Versuch politischer Versöhnung
der streitenden Tendenzen des Jahrhunderts mit sich. Dieser geistige
Standpunkt bestimmt seinen litterarischen: die Verkündigung des
Evangeliums der Klarheit, des Lichts und des Gesanges als Ausdruck der
geistigen Gesundheit. Auf dieser Höhe führt er das epochemachende Werk
seines Lebens aus, das ideale Bild vom nordischen Alterthum, wie die
Zeitgenossen es sich träumten. Man muss, um gegen dies Werk gerecht zu
sein, den Zeitpunkt festhalten, in welchem er entstand. Vergleicht man
damit ein nordisches Meisterwerk unserer Tage (Björnson's »Bergliot«
z. B.), so findet man es natürlich weder norwegisch noch nordisch; es
ist nur relativ nordisch, aber die schönsten Lieder desselben sind
unbedingt schön. Kaum war dies Werk vollendet, das bestimmt war, das
entscheidende Zeugniss im Kampfe von der Bedeutung der poetischen
Gesundheit zu liefern, so zeigte es sich, dass der Krankheitskeim in
der Seele des Dichters so kräftig gewachsen war, dass es nur einer
einzelnen seelischen Krise bedurfte, um den Lebensmuth, um den sich
die hässliche Schmarotzerpflanze rankte, zum Verwelken zu bringen. Die
Sommerzeit seines Lebens war dahin. Der Spätherbst brachte noch einige
schöne Früchte, und der Stamm war todt.
Der Eindruck, den ich am liebsten hervorbringen möchte, ist der, dass
der Mann, welcher dem Namen Esaias Tegnér Weltruhm gab, vor allem ein
ganzer Mensch war, in Fehlern wie in Tugenden eine grundehrliche,
rechtschaffene Seele, leichtbeweglich, aber mit einer leuchtenden Liebe
zum Schönen und Wahren.