XI.

Kein Zug illustrirt besser die Civilisationsstufe Schwedens zu

Tegnér's Lebzeiten als die Weise, in welcher Wissenschaft und

Religion verknüpft waren. Das Verhältniss zwischen Staat und Kirche

war so intim, ich hätte beinahe gesagt, so naiv, dass ein Professor

schon als solcher zugleich Pfarrer war und dass die natürliche, die

erwartete Beförderung für einen tüchtigen Professor in Griechisch,

Botanik oder Geschichte die war, dass er -- Bischof wurde. Es war ein

Staatshaushalt, der lebhaft an die private Haushaltung bei Moliére's

Harpagon erinnert. Der Universitätslehrer, dessen Katheder in Lund am

Sonntage mit der Kanzel auf dem Lande vertauscht wurde, war eine Art

Maître Jacques mit dem Ornat über dem Professorrock, und musste, wie

der berühmte Diener des Geizigen im Lustspiele, in jedem eintretenden

Falle den Staat fragen: »Bitte, ist es Ihr Kutscher oder ist es Ihr

Koch, mit dem Sie jetzt sprechen wollen? denn ich bin beides«.

Die ursprüngliche Ursache, wesshalb Tegnér die Beförderung wünschte,

war rein ökonomischer Natur; er hatte Schulden und die vermehrte

Einnahme kam ihm sehr zu statten. Er war wie die Gebildeten seiner

Zeit gewohnt, einen bestimmten Unterschied zwischen der esoterischen

und der exoterischen Seite der Religion zu machen, und wenn er auch

seinem Charakter nach sich als Heide fühlte, so waren seine Stimmungen

doch oft fromm; er war zu viel Dichter, um sich nicht oft und leicht

contrastirenden Eindrücken hinzugeben; so kam es, dass er in seinen

Ueberzeugungen ursprünglich kein Hinderniss fand, das Bischofsamt

anzunehmen. Doch kaum zum Bischof ernannt, fühlte er den tiefsten

inneren Widerwillen gegen all' die Zweideutigkeit und Halbheit, in die

er sich verwickelt sah und in der die Pflichten gegen seine Familie

ihn festhielten. So stieg die Misanthropie und die Unlust zu leben,

die im Jahre der Krise entstanden war, immer mehr. Energisch und

pflichtgetreu, wie er war, warf er sich auf die äusseren Seiten seines

Amtes; er wurde der Civilisator und Organisator seines Stiftes, ein

feuriger, unternehmender Schuldirector, ein überlegener rücksichtslos

eingreifender Erzieher seiner Pfarrer. Der rein bürgerliche Standpunkt,

den er in seiner Auffassung der Kirche einnahm, ist ungefähr derselbe,

den gleichzeitig in England der übrigens weit weniger freisinnige

Coleridge einnimmt. »Die frühere religiöse Bedeutung der Kirche«, sagt

Tegnér, »kann natürlich nicht wieder aufgerichtet werden, denn das

System, auf welchem sie beruht, hat drei Jahrhunderte der Geschichte

verschlafen, und es ist zu keinem Nutzen, dass Einer und der Andere

thut, als ob er an die Nachtwandlerin glaube. Aber die Kirche hat auch

eine bürgerliche Bedeutung, und sie kann und muss als integrirender

Theil der menschlichen Gesellschaftsordnung aufrecht erhalten werden.

Will man auch diese ihre Bedeutung der Schlaffheit und der Schlafsucht

preisgeben, so sehe ich nicht ein, wesshalb nicht die Geistlichkeit

mitsammt dem ganzen religiösen Apparat zum Besten der Staatskasse

eingezogen werden sollte«. Um zu begreifen, wie stark er sich in

Anspruch genommen fühlte, muss man wissen, dass der Predigerstand in

Schweden sich damals in Bildung und Sitten auf gleich niedriger Stufe

befand. Es galt, den Pfarrern die Elemente humaner Bildung beizubringen

und die ärgsten Trunkenbolde unter ihnen zu entfernen. Man hatte ihm

einen Augiasstall zu reinigen gegeben.

Die geistlosen Beschäftigungen zehrten an seiner schon im voraus

erschütterten Gesundheit und guten Laune. »Die Examina stehen jetzt

bevor und ich muss acht Tage nach einander im Gymnasium sitzen. Dann

Predigerexamen und Ordination. Dann nicht weniger als acht neue Kirchen

einzuweihen in diesem Sommer. Und bei alledem soll geredet werden, um

Nichts und für Nichts. Words, words, words, sagt Hamlet. Beklage mich,

ich bin todtmüde von Reden, von Missmuth und muss doch immer wieder

daran. Kein Mensch achtet darauf, was ich sage, und ich selbst auch

nicht. Das nenne ich in die Luft reden und sein Leben in Ceremonien

vergeuden«. Es kamen Augenblicke, wo alles Geistliche ihm ein Greuel

war. In einem solchen schrieb er scherzend an einen Freund, den er

bat, ihm ein paar Pferde zu kaufen: »Keine schwarzen; denn ich vertrage

nicht die Pfaffenfarbe«. Es war ein trauriger Missgriff, der einen so

modernen Geist in ein so mittelalterliches Costüm hüllte; das Ornat

vermochte nicht ihn umzuwandeln, wie es so manchen Anderen umgewandelt

hat; aber es peinigte ihn und verzehrte ihn nach und nach wie ein

vergiftetes Nessushemd.

Und doch war seine Glanzzeit noch nicht vorbei. Bevor seine Sonne

unterging, war ihm noch ein prachtvolles Abendroth vorbehalten.

Die vielen zerstreuten Wolken, die sich über seinem Haupte und in

seinem Horizont gelagert hatten, machten, wie es zu gehen pflegt, nur

den Sonnenuntergang glühender und reicher. Die Zeit des lyrischen

Enthusiasmus war für Tegnér für immer vorbei; der Glaube an Zukunft

und Fortschritt, der die Quelle des Lebensmuthes ist, war ja längst

versiegt. Aber noch eine Fähigkeit hatte er in Reserve, ein Talent,

das bisher der schaffenden Phantasie und der lyrischen Begeisterung

untergeordnet gewesen war, die poetisch-rhetorische Gabe. Diese

erreichte in seiner Bischofszeit ihre höchste Blüthe.

Wie das Talent Tegnér's zur Hervorbringung der von ihm selbst

sogenannten »lyrischen« Charaktere in Verbindung mit dem lyrischen

Hang des ganzen schwedischen Volkes steht, so stimmt auch diese

seine zweite Fähigkeit merkwürdig mit Grundeigenschaften seines

Volkes überein. Die schwedische Nation hat eine besondere Gabe, zu

repräsentiren. Der Schwede liebt, was sich gut ausnimmt, und versteht

besser als Dänen und Norweger vortheilhaft zu arrangiren; er hatte

in Sitte, Umgangsleben, Rede mehr Form und zugleich mehr förmliches

Wesen, als die übrigen Skandinaven. Schon die Sprache ist ceremoniell,

indem ihr das Anredewort »Sie« ganz fehlt, so dass Name oder Titel

unaufhörlich wiederholt werden müssen. Kein nordisches Volk versteht

wie das schwedische eine Procession, ein Fest, eine öffentliche

Ceremonie, einen Einzug oder eine Krönung mit dem Zusammenspiel

anzuordnen, das erforderlich ist, um die Wirkung zu sichern. Dieser

nationalen Repräsentationslust, deren Pflanzschulen die Kirche und

die Universitäten aus leichtverständlichen Gründen immer waren,

entspricht eine eigene Art von nationaler, festlicher Beredsamkeit. Die

schwedische Beredsamkeit ist pathetischer und prachtliebender als die

der übrigen skandinavischen Völker. Sie hat etwas von dem geistlichen

Schwung, den die Kirche mitbrachte, etwas von dem professorenartigen

Gepräge, das die Universitäten bewahrten, und nahm endlich nach der

Stiftung der schwedischen Akademie ein eigenes akademisches Element

in sich auf, das man als einen Hang zum Euphemismus, eine Neigung,

die Gedanken zu umschreiben und den Dingen schöne Namen zu geben,

bezeichnen kann. Von den Mängeln dieser Redegabe hatte Tegnér nur

wenige, aber er besass alles, was in dieser Schule entwickelt war

von Kraft und Klang der Sprache, von Klarheit und Bilderpracht des

Vortrags, von Fähigkeit, Stimmungen auszudrücken und eine ganze

Versammlung in Stimmung zu bringen. All' dieses kam in Tegnér's

Festreden und Festgedichten zur feinsten Blüthe. Sein berühmtestes

Festgedicht ist das vom Jahre 1829 geworden.

Studenten aus Lund hatten Oehlenschläger eingeladen, ihrer Promotion

beizuwohnen und als Tegnér dies erfuhr, beschloss er, die Gelegenheit

zu benutzen, mit einem der für die Magister des Tages bestimmten

Lorbeerkränze Adam Oehlenschläger zu krönen. Eine schwedische Idee

und eine poetische; ausserdem die Idee eines edlen, nicht eitlen

Dichters! So entfernt war Tegnér von jedem übertriebenen Streben nach

Anerkennung, dass es ihm ganz natürlich war, einen anderen Dichter als

seinen Meister zu bekränzen. Er hatte eben seine Rede geendet und den

Rector aufgefordert, die Magisterpromotion zu beginnen, als er gegen

Oehlenschläger gewendet, der am Hochaltare in der Domkirche stand, noch

ein Mal das Wort ergriff und den Rector anredete:

Aber bevor du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.

Nicht für mich; in dem Einen jedoch will Alle ich adeln.

Nordens Sängermonarch ist hier, der Adam der Skalden,

Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron ist Goethe's.

Wüsste doch Oscar darum, im Namen des Theuren geschäh' es.

Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im

Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge,

Dass ich dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.

Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien

Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertönen

Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen.

Drum beut Svea den Kranz dir -- ich sprech' im Namen von Svea:

Nimm von dem Bruder ihn an, und trag' ihn zur Ehre des Tages.

Und unter dem Getöse von Pauken, Trompeten und Kanonen setzte er

den Kranz auf Oehlenschläger's Haupt. Mag die Inscenirung nur

dem Augenblicke gehören, Pauken, Trompeten, Kanonen, die ganze

Janitscharenmusik im Momente verschwinden! Es war doch ein grosser und

schöner Augenblick, und die Erinnerung daran hat, wie wenige andere,

die nordischen Völker mit einander verbrüdert.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 86 / 110 题