Kein Zug illustrirt besser die Civilisationsstufe Schwedens zu
Tegnér's Lebzeiten als die Weise, in welcher Wissenschaft und
Religion verknüpft waren. Das Verhältniss zwischen Staat und Kirche
war so intim, ich hätte beinahe gesagt, so naiv, dass ein Professor
schon als solcher zugleich Pfarrer war und dass die natürliche, die
erwartete Beförderung für einen tüchtigen Professor in Griechisch,
Botanik oder Geschichte die war, dass er -- Bischof wurde. Es war ein
Staatshaushalt, der lebhaft an die private Haushaltung bei Moliére's
Harpagon erinnert. Der Universitätslehrer, dessen Katheder in Lund am
Sonntage mit der Kanzel auf dem Lande vertauscht wurde, war eine Art
Maître Jacques mit dem Ornat über dem Professorrock, und musste, wie
der berühmte Diener des Geizigen im Lustspiele, in jedem eintretenden
Falle den Staat fragen: »Bitte, ist es Ihr Kutscher oder ist es Ihr
Koch, mit dem Sie jetzt sprechen wollen? denn ich bin beides«.
Die ursprüngliche Ursache, wesshalb Tegnér die Beförderung wünschte,
war rein ökonomischer Natur; er hatte Schulden und die vermehrte
Einnahme kam ihm sehr zu statten. Er war wie die Gebildeten seiner
Zeit gewohnt, einen bestimmten Unterschied zwischen der esoterischen
und der exoterischen Seite der Religion zu machen, und wenn er auch
seinem Charakter nach sich als Heide fühlte, so waren seine Stimmungen
doch oft fromm; er war zu viel Dichter, um sich nicht oft und leicht
contrastirenden Eindrücken hinzugeben; so kam es, dass er in seinen
Ueberzeugungen ursprünglich kein Hinderniss fand, das Bischofsamt
anzunehmen. Doch kaum zum Bischof ernannt, fühlte er den tiefsten
inneren Widerwillen gegen all' die Zweideutigkeit und Halbheit, in die
er sich verwickelt sah und in der die Pflichten gegen seine Familie
ihn festhielten. So stieg die Misanthropie und die Unlust zu leben,
die im Jahre der Krise entstanden war, immer mehr. Energisch und
pflichtgetreu, wie er war, warf er sich auf die äusseren Seiten seines
Amtes; er wurde der Civilisator und Organisator seines Stiftes, ein
feuriger, unternehmender Schuldirector, ein überlegener rücksichtslos
eingreifender Erzieher seiner Pfarrer. Der rein bürgerliche Standpunkt,
den er in seiner Auffassung der Kirche einnahm, ist ungefähr derselbe,
den gleichzeitig in England der übrigens weit weniger freisinnige
Coleridge einnimmt. »Die frühere religiöse Bedeutung der Kirche«, sagt
Tegnér, »kann natürlich nicht wieder aufgerichtet werden, denn das
System, auf welchem sie beruht, hat drei Jahrhunderte der Geschichte
verschlafen, und es ist zu keinem Nutzen, dass Einer und der Andere
thut, als ob er an die Nachtwandlerin glaube. Aber die Kirche hat auch
eine bürgerliche Bedeutung, und sie kann und muss als integrirender
Theil der menschlichen Gesellschaftsordnung aufrecht erhalten werden.
Will man auch diese ihre Bedeutung der Schlaffheit und der Schlafsucht
preisgeben, so sehe ich nicht ein, wesshalb nicht die Geistlichkeit
mitsammt dem ganzen religiösen Apparat zum Besten der Staatskasse
eingezogen werden sollte«. Um zu begreifen, wie stark er sich in
Anspruch genommen fühlte, muss man wissen, dass der Predigerstand in
Schweden sich damals in Bildung und Sitten auf gleich niedriger Stufe
befand. Es galt, den Pfarrern die Elemente humaner Bildung beizubringen
und die ärgsten Trunkenbolde unter ihnen zu entfernen. Man hatte ihm
einen Augiasstall zu reinigen gegeben.
Die geistlosen Beschäftigungen zehrten an seiner schon im voraus
erschütterten Gesundheit und guten Laune. »Die Examina stehen jetzt
bevor und ich muss acht Tage nach einander im Gymnasium sitzen. Dann
Predigerexamen und Ordination. Dann nicht weniger als acht neue Kirchen
einzuweihen in diesem Sommer. Und bei alledem soll geredet werden, um
Nichts und für Nichts. Words, words, words, sagt Hamlet. Beklage mich,
ich bin todtmüde von Reden, von Missmuth und muss doch immer wieder
daran. Kein Mensch achtet darauf, was ich sage, und ich selbst auch
nicht. Das nenne ich in die Luft reden und sein Leben in Ceremonien
vergeuden«. Es kamen Augenblicke, wo alles Geistliche ihm ein Greuel
war. In einem solchen schrieb er scherzend an einen Freund, den er
bat, ihm ein paar Pferde zu kaufen: »Keine schwarzen; denn ich vertrage
nicht die Pfaffenfarbe«. Es war ein trauriger Missgriff, der einen so
modernen Geist in ein so mittelalterliches Costüm hüllte; das Ornat
vermochte nicht ihn umzuwandeln, wie es so manchen Anderen umgewandelt
hat; aber es peinigte ihn und verzehrte ihn nach und nach wie ein
vergiftetes Nessushemd.
Und doch war seine Glanzzeit noch nicht vorbei. Bevor seine Sonne
unterging, war ihm noch ein prachtvolles Abendroth vorbehalten.
Die vielen zerstreuten Wolken, die sich über seinem Haupte und in
seinem Horizont gelagert hatten, machten, wie es zu gehen pflegt, nur
den Sonnenuntergang glühender und reicher. Die Zeit des lyrischen
Enthusiasmus war für Tegnér für immer vorbei; der Glaube an Zukunft
und Fortschritt, der die Quelle des Lebensmuthes ist, war ja längst
versiegt. Aber noch eine Fähigkeit hatte er in Reserve, ein Talent,
das bisher der schaffenden Phantasie und der lyrischen Begeisterung
untergeordnet gewesen war, die poetisch-rhetorische Gabe. Diese
erreichte in seiner Bischofszeit ihre höchste Blüthe.
Wie das Talent Tegnér's zur Hervorbringung der von ihm selbst
sogenannten »lyrischen« Charaktere in Verbindung mit dem lyrischen
Hang des ganzen schwedischen Volkes steht, so stimmt auch diese
seine zweite Fähigkeit merkwürdig mit Grundeigenschaften seines
Volkes überein. Die schwedische Nation hat eine besondere Gabe, zu
repräsentiren. Der Schwede liebt, was sich gut ausnimmt, und versteht
besser als Dänen und Norweger vortheilhaft zu arrangiren; er hatte
in Sitte, Umgangsleben, Rede mehr Form und zugleich mehr förmliches
Wesen, als die übrigen Skandinaven. Schon die Sprache ist ceremoniell,
indem ihr das Anredewort »Sie« ganz fehlt, so dass Name oder Titel
unaufhörlich wiederholt werden müssen. Kein nordisches Volk versteht
wie das schwedische eine Procession, ein Fest, eine öffentliche
Ceremonie, einen Einzug oder eine Krönung mit dem Zusammenspiel
anzuordnen, das erforderlich ist, um die Wirkung zu sichern. Dieser
nationalen Repräsentationslust, deren Pflanzschulen die Kirche und
die Universitäten aus leichtverständlichen Gründen immer waren,
entspricht eine eigene Art von nationaler, festlicher Beredsamkeit. Die
schwedische Beredsamkeit ist pathetischer und prachtliebender als die
der übrigen skandinavischen Völker. Sie hat etwas von dem geistlichen
Schwung, den die Kirche mitbrachte, etwas von dem professorenartigen
Gepräge, das die Universitäten bewahrten, und nahm endlich nach der
Stiftung der schwedischen Akademie ein eigenes akademisches Element
in sich auf, das man als einen Hang zum Euphemismus, eine Neigung,
die Gedanken zu umschreiben und den Dingen schöne Namen zu geben,
bezeichnen kann. Von den Mängeln dieser Redegabe hatte Tegnér nur
wenige, aber er besass alles, was in dieser Schule entwickelt war
von Kraft und Klang der Sprache, von Klarheit und Bilderpracht des
Vortrags, von Fähigkeit, Stimmungen auszudrücken und eine ganze
Versammlung in Stimmung zu bringen. All' dieses kam in Tegnér's
Festreden und Festgedichten zur feinsten Blüthe. Sein berühmtestes
Festgedicht ist das vom Jahre 1829 geworden.
Studenten aus Lund hatten Oehlenschläger eingeladen, ihrer Promotion
beizuwohnen und als Tegnér dies erfuhr, beschloss er, die Gelegenheit
zu benutzen, mit einem der für die Magister des Tages bestimmten
Lorbeerkränze Adam Oehlenschläger zu krönen. Eine schwedische Idee
und eine poetische; ausserdem die Idee eines edlen, nicht eitlen
Dichters! So entfernt war Tegnér von jedem übertriebenen Streben nach
Anerkennung, dass es ihm ganz natürlich war, einen anderen Dichter als
seinen Meister zu bekränzen. Er hatte eben seine Rede geendet und den
Rector aufgefordert, die Magisterpromotion zu beginnen, als er gegen
Oehlenschläger gewendet, der am Hochaltare in der Domkirche stand, noch
ein Mal das Wort ergriff und den Rector anredete:
Aber bevor du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
Nicht für mich; in dem Einen jedoch will Alle ich adeln.
Nordens Sängermonarch ist hier, der Adam der Skalden,
Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron ist Goethe's.
Wüsste doch Oscar darum, im Namen des Theuren geschäh' es.
Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge,
Dass ich dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien
Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertönen
Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
Drum beut Svea den Kranz dir -- ich sprech' im Namen von Svea:
Nimm von dem Bruder ihn an, und trag' ihn zur Ehre des Tages.
Und unter dem Getöse von Pauken, Trompeten und Kanonen setzte er
den Kranz auf Oehlenschläger's Haupt. Mag die Inscenirung nur
dem Augenblicke gehören, Pauken, Trompeten, Kanonen, die ganze
Janitscharenmusik im Momente verschwinden! Es war doch ein grosser und
schöner Augenblick, und die Erinnerung daran hat, wie wenige andere,
die nordischen Völker mit einander verbrüdert.