X.

Ich stand auf meines Lebens kühnsten Höhen,

Wo sich die Wasserzüge theilen, wo

Nach beiden Seiten ihre Ströme gehen.

Dort war es schön, die Welt so reich und froh,

* * * * *

Da stieg ein finstrer Dämon auf, und schnöde

Biss mir am Herzen sich der Schwarze ein.

Und siehe, wüst war Alles nun und öde;

Der Mond erlosch, es schwand der Sterne Schein.

Von meinem Eden wich die Morgenröthe,

Die Blume starb, es welkte jeder Hain,

Des Lebens Mark verdorrte mir im Herzen,

Und Muth und Freude kehrten sich in Schmerzen.

Noch während Tegnér beschäftigt war, die letzte Hand an seinen

»Frithiof« zu legen, brachen die Furien, die an seiner Schwelle

gekauert hatten, hinein, schüttelten vor seinen Augen ihre

Schlangenlocken und griffen nach ihm mit ihren mageren. Armen Es waren

die Furien der Krankheit, der Leidenschaft, des Lebensüberdrusses und

des beginnenden Wahnsinnes, und sie gaben einander die Hand und tanzten

um ihn einen Reigen.

Das Jahr 1825, dasselbe, in welchem »Frithiof« erschien und durch alle

Winde seinen Ruhm verkündete, ward das grosse Jahr der Krisis in seinem

Leben. Sowohl körperlich wie geistig war die Krise; sie hat gewiss eine

rein physische Seite; aber selbst davon abgesehen, dass diese auch

einem Arzte dunkel sein würde, ist es doch nur die seelische, die der

Kritiker studiren kann, und diese scheint ausserdem unzweifelhaft die

erste Ursache gewesen zu sein. Diese seelische Katastrophe ist indessen

fast ebenso dunkel, wie die körperliche. Sie ist besonders deshalb

bisher unbeachtet gewesen, weil die Ausgaben der Tegnér'schen Poesien

von seinen überlebenden Verwandten _in usum delphini_ gemacht sind. Die

Periodeneintheilung ist völlig verwirrend, die Gedichte sind sparsam

datirt, ja, wie ich entdeckt habe, sind mehrere Liebesgedichte gegen

fünfundzwanzig Jahre vordatirt worden, um bei dem Leser den Glauben

hervorzubringen, sie wären an Tegnér's Frau als seine Braut gerichtet.

»Die Melancholie«, das Gedicht, von welchem eben anderthalb Strophen

angeführt wurden, ist noch in der letzten Ausgabe undatirt zwischen

einem Gedicht von 1812 und einem anderen von 1813 eingeschoben worden.

Es lässt sich durch Tegnér's Briefe beweisen, dass es aus 1825 stammt.

Dieses Jahr beginnt für Tegnér mit heftiger Krankheit; am Neujahrstag

selbst wird er so krank, dass er glaubt, sterben zu müssen. Im März

schreibt er, dass sein Gemüth mit jedem Tage düsterer wird. »Gott

bewahre mich vor Melancholie und Menschenhass«, heisst es. Im Juli:

»Blindheit kommt mir als das schrecklichste irdische Unglück vor --

nächst einem, das ich selbst erfahren habe«. Alles, was ihn früher

erfreute, ist ihm jetzt verhasst. Die Krankheit dauert als innere

Unruhe, doch ohne eigentliche, körperliche Schmerzen, fort. »Meine

Phantasie, die schon im voraus leicht beweglich war, ist jetzt wie ein

Strudel, der alles, was er ergreift, umdreht und zermalmt«.

Die Aerzte glauben, dass seine Leber angegriffen sei. »Die Thoren! die

Seele ist angegriffen und für sie gibt es kein anderes Heilmittel, als

das, welches von der grossen Universalapotheke jenseits des Grabes

geholt wird«. Er erklärt, seinen Freunden nicht die Ursache seiner

Leiden mittheilen zu können. Im November fängt die Heftigkeit an,

einer gewissen Ruhe zu weichen. Er macht, heisst es, täglich gute

Fortschritte in der Gleichgiltigkeit, in welcher das Glück und die

Weisheit des Lebens bestehe. Die Bestimmung des Weisen sei, immer

mehr Schildkröte zu werden. So lange er einen einzigen entblössten

Gefühlsnerv habe, sei sein Wesen das Eigenthum der Qualen. Er fühlt

»wie ein Bodensatz von Verachtung des zweibeinigen Geschlechts sich

am Boden seines Herzens absetze«. »Ach«, ruft er aus, »das rechte

innere Leid, das starke Seelen angreift, ernährt sich selbst, wie der

Krieg, wenn er richtig organisirt ist, oder wie ein wildes Thier,

wenn es ausgewachsen ist, es thut«. An seinem Geburtstage, dem 13.

November, versinkt er in die tiefste Melancholie: man solle wie die

Aegypter den Todestag feiern. Was ihn besonders verstimmt, ist, dass

dieser Geburtstag der letzte sei, den er in Lund verbringe, wo er 26

Jahre verbracht habe; er solle jetzt zum Bischof ernannt, mit Fremden,

die ihn nicht verstehen werden, verkehren; er werde als Bischof ein

desorganisirtes Stift bekommen und werde als Despot verschrieen werden.

In früherer Zeit sei ihm dies gleichgiltig gewesen; damals kümmerte er

sich nicht um den Mob; jetzt sei er aber nervenschwach, hypochonder und

verstimmt und beginne die Menschenfurcht zu verstehen. »Und doch ist

dies nicht meine einzige, nicht einmal meine grösste Sorge. Doch die

Nacht schweigt und das Grab ist stumm; ihrer Schwester, der Trauer,

gebührt's ebenso zu schweigen«. Als er endlich, am letzten Tage des

Jahres die Bilanz zieht von dem, was er darin gelernt und gewonnen

hat, schreibt er: »Ach! das alte Jahr, was ich in ihm gelitten habe,

weiss Niemand, wenn nicht vielleicht der Protokollist dort oben über

den Wolken. Aber ich bin dem Jahre verpflichtet. Es ist finsterer,

aber auch ernster gewesen als all' die andern zusammen. Ich habe auf

eigene Kosten gelernt, was ein Menschenherz aushalten kann ohne zu

brechen, und welche Kraft Gott unter die linke Brustwarze eines Mannes

niedergelegt hat. Wie schon gesagt, ich bin dem Jahre verpflichtet;

denn es hat mich reich gemacht an dem, was die Grundsumme menschlicher

Weisheit und Selbständigkeit ist, einer kräftigen, tief wurzelnden

Menschenverachtung«. Die Reizbarkeit des Nervensystems lässt ihm keine

Ruhe weder am Tage noch in der Nacht: »Mein Gemüth ist unchristlich,

denn es hat keinen Sabbath ... Mineralwasser kann ich in dem kommenden

Sommer nicht trinken. Aber gibt es nicht ein Mineralwasser, das 'Lethe'

heisst?«

Was ist geschehen? Dass körperliches Leiden und Kränklichkeit selbst

in sehr hohem Grade sich hier finden, ist unzweifelhaft. Esaias Tegnér

hatte einen älteren Bruder, Johannes, gehabt, der geisteskrank war

und neununddreissig Jahre alt im Wahnsinn starb; der jüngere Bruder

brütete immer über dem Gedanken, dass der Wahnsinn ein Familienerbe

sei. Thomander, der spätere Bischof, der im März 1825 Tegnér besuchte,

schreibt über ihn: »Er hat jetzt mehr dunkle Stunden als vorher;

manch' Einer, aber Niemand so sehr wie er selbst, fürchtet für seinen

Verstand; es ist seine fixe Idee, dass er geisteskrank werden wird,

weil sein Bruder und andere Verwandten es geworden sind«. Niemand kann

aber in Zweifel sein, dass die Melancholie, die sich so plötzlich

über Tegnér's heiteres und frisches Gemüth warf, andere Ursachen als

Krankheit hatte; allzuviele Aeusserungen deuten auf ein bestimmtes,

concretes Factum hin, zwar ein Factum, das er nicht mittheilen will,

aber dessen Beschaffenheit er doch bezeichnet. Es ist »das Herz«, das

getroffen worden. Es ist Menschenverachtung, die ihn überwältigt hat.

Es ist Verachtung vor »dem Charakter« eines anderen Menschen, welche

die erste Ursache seines Lebensüberdrusses ist, und dieser Mensch ist

ihm lieb oder »lieb gewesen«. Man braucht nicht Tegnér tief studirt

zu haben, um zu schliessen, dass hinter diesem eine Frau steht, und

dass alle jene Ausbrüche sich auf eine unglückliche oder unbefriedigte

erotische Leidenschaft oder auf eine erotische Enttäuschung

zurückführen lassen.

Unter den Briefen des Bischofs Thomander finde ich einen von 1827,

worin erzählt wird, dass Tegnér, als er noch in Lund war, für die

schöne Frau eines seiner Freunde warme Gefühle hegte. Von deren

Clavier ging er nie fort, wenn sie sang. »Holde Rose!« von Atterbom

war sein Lieblingsstück. Thomander schreibt, er habe in einem Hause,

in welchem er mit Tegnér zusammentraf, die ältere Tochter gewarnt,

»Holde Rose!« zu singen, weil er wusste, »dass dann der böse Geist

über Saul käme«; durch ein Missverständniss sei aber das Verbotene

geschehen, und von dem Augenblick ab sei die gute Stimmung Tegnér's

auf ganze Tage verschwunden[41]. In einem Briefe Tegnér's vom Mai

1826 heisst er in Uebereinstimmung hiermit: »Gesang zu hören, daran

hatte ich mich besonders in den letzten Jahren in Lund gewöhnt, wo ich

täglich Gelegenheit hatte, eine Frauenstimme zu hören, die noch immer

in meinem Herzen widerhallt«. An die Dame, von welcher hier die Rede

ist, hatte Tegnér schon 1816 für seinen Freund eine Art versificirten

Freierbrief geschrieben, in welchem ihre Schönheit, ihre Herzensgüte

und ihr Gesang verherrlicht wird. Er spricht hier von der Gefahr,

in ihre Augen zu sehen. Es scheint, dass, was damals im Scherz eine

Gefahr genannt wurde, mehrere Jahre später eine wirkliche Gefahr für

Tegnér geworden ist. Es scheint, dass seine Bewunderung für das Wesen

und die Talente der schönen Dame langsam zur Leidenschaft gestiegen,

und dass diese Leidenschaft erwiedert worden ist. Die locale Tradition

weiss über dieses Verhältniss, welches überdies sein häusliches Glück

nicht unberührt gelassen haben kann, nicht wenig zu erzählen. Es hat

ihm jedenfalls die Trennung von Lund sehr erschwert. Noch lebende

Zeitgenossen Tegnér's haben mir ausserdem eine Begebenheit mitgetheilt,

die zu seiner Menschenverachtung, besonders seiner Verachtung des

Weibes einen wesentlichen Beweggrund abgab. Er hatte lange einer

vornehmen und begabten schwedischen Dame gehuldigt, deren Name oft in

seinen Schriften vorkommt. 1824 hörten der Verkehr und der Briefwechsel

plötzlich auf. Das einzige Lebenszeichen, das Tegnér ihr gegenüber

gab, war, dass er ihr »Frithiof« schickte, jedoch mit einer so

vorwurfsvollen Zueignung, dass sie das Blatt aus dem Buche ausschnitt.

Es scheint, als habe Tegnér erfahren, dass diese Dame, die er so

hoch schätzte und der er so nahe stand, sich einem völlig rohen und

ungeschlachten Menschen hingegeben hatte. War er so empört, thierische

Leidenschaft dort zu treffen, wo er die Krone der weiblichen Bildung

und Schönheit verehrt hatte, dass in seinem krankhaften Zustand diese

Entrüstung über ein einzelnes Wesen zum allgemeinen Ekel an den Frauen

und am Leben heranwuchs? Ich kann die Frage nicht entscheiden. Ich sehe

nur, dass die bittere Schwermuth in das vormals so gute Schiff seines

Schicksals das Loch bohrte, durch welches die schwarzen Gewässer der

Misanthropie und des Wahnsinnes hineinströmten und Alles überspülten.

Während des Schiffbruches schrieb er dann die melancholischen Verse:

Dich, mein Geschlecht, fürwahr, dich muss ich preisen.

Dich, Gottes Abbild, strebend himmelan.

Zwei Lügen hast du dennoch aufzuweisen:

Weib heisst die eine, und die andre Mann.

Von Treu' und Ehre singen alte Weisen,

Am besten singt sie, wer betrügen kann.

Du Himmelskind, das Wahre, was dir eigen,

Das ist auf deiner Stirn das Kainszeichen.

Ein deutlich Merkmal, dir von Gott gegeben!

Wie hatt' ich früher auf das Schild nicht Acht!

Ein Moderduft durchzieht das Erdenleben,

Den Lenz vergiftend und des Sommers Pracht.

Nur aus der Gruft kann dieser Hauch sich heben,

Zwar an den Gräbern hält der Marmor Wacht --

Doch ach! Verwesung heisst des Lebens Seele,

Durch keine Macht gebannt in ihre Höhle.

Die Missstimmung, in welche Tegnér's Seele in der letzten Zeit, während

»Frithiof« in Arbeit war, verfiel, hat selbst in diesem heiteren und

harmonischen Gedichte Spuren hinterlassen. Einer der zuletzt verfassten

Abschnitte ist der, welcher den Titel »Frithiof's Rückkehr« führt. Sein

Inhalt ist ausnahmsweise der altnordischen Sage nicht nachgebildet:

Frithiof kehrt heim, erfährt, dass Ingeborg sich zur Hochzeit mit

König Ring habe überreden lassen und erschöpft sich in seiner ersten

Erbitterung in einem Strom von Zorn über die Treulosigkeit der

Geliebten. Kein kritischer Leser kann übersehen, wie nahe dieser

Ausbruch mit den obenangeführten Strophen der »Melancholie« verwandt

ist:

»O Weiber, Weiber«, nun Frithiof sagte,

»Das Erste, welches bei Loke tagte,

War eine Lüg', und in Weibsgestalt

Trat hin die Falsche zum Mann alsbald.

Mit blauen Augen, die stets berücken,

Mit falschen Thränen, die stets entzücken,

Die Wangen rosig, der Busen weiss,

Mit Treue schwindend wie Frühlingseis.

Es flüstern Falschheit und Trug im Herzen,

Meineide stets auf den Lippen scherzen,

Und theuer war mir die Falsche doch!

Wie theuer war sie! wie ist sie's noch!

* * * * *

In Menschenbrust ist die Falschheit nur --

Seit Ingborg's Stimme den Meineid schwur,

* * * * *

Ich treff' auch wohl in der Streiter Schwarm

Ein Bürschchen an mit verliebtem Harm;

Auf Treu' und Ehr' will der Narr noch bauen?

Aus Mitleid will ich ihn niederhauen;

Ich will ihm sparen, dereinst zu stehn

Beschimpft, verrathen, wie mir geschehn.«

Wir gewahren hier in Frithiof's Innerem denselben geistigen Process,

welchen wir eben im Gemüthe Tegnér's beobachteten. Er verurtheilt nicht

das einzelne Weib allein für ihre Untreue gegen ihn, sondern dehnt

sein Verdammungsurtheil auf das ganze Geschlecht aus. »Das Weib ist

eine Lüge,« sagt er wie der Dichter in der »Melancholie«. Ein Narr ist

der, welcher auf »Treu' und Ehre« baut, das sind seine Worte hier wie

dort. Die einzelne bittere Erfahrung dehnt sich bei Frithiof wie bei

seinem Dichter aus zur Menschenverachtung und zum Lebensüberdruss. Kein

Wunder, da sie noch näher als Vater und Sohn mit einander verwandt

waren.

Von jetzt ab ist das Capitel von der Treulosigkeit des Weibes als Weib

das stehende Capitel bei Tegnér. Seine Briefe variiren dieses Thema.

Es ist ihm z. B. unmöglich eine gute oder schlechte Uebersetzung zu

nennen ohne entweder zu bemerken, dass schöne Uebersetzungen wie schöne

Frauen nicht immer die treuesten, oder dass Treue und Schönheit selten

gute Freunde seien. Er kann nicht von dem Geschenk einer Frau sprechen

ohne ihr Herz die schlimmste, die gefährlichste Gabe zu nennen, die sie

geben könne. Die Frauen im allgemeinen betrachtet er jetzt wie eine

Art »Geselligkeitsmaschinen oder Spieldosen, die recht artig klingen,

wenn sie gehörig aufgezogen werden«. Was die Liebe betrifft, so sei

sie eine solche Selbstmörderin, dass sie, sobald sie nicht vergeblich

seufze, durch sich selber sterbe. Ueber Ingeborg schreibt er: »Ihre

Treulosigkeit gegen ihren Liebhaber ist zwar schon durch die Natur

des weiblichen Herzens motivirt, musste aber doch von einem Poeten,

der sich gegen das schöne Geschlecht gern artig benimmt, auf irgend

eine Weise vergoldet werden«. Ja so hartnäckig wurde nach und nach

bei Tegnér diese Gewohnheit, das Weib als unzuverlässig und unstet

zu schildern, dass er noch viele Jahre später, wenn er als Bischof

seine Schulreden hielt, ausser Stande war, die Schuljungen mit seiner

Theorie zu verschonen. In einer Rede von 1839 preist er die Knaben

glücklich wegen des Reichthums an Hoffnungen, der ihrer Jugend gehört.

Dann heisst es: »Die Hoffnung ist in allen mir bekannten Sprachen

weiblichen Geschlechts und verleugnet auch nicht ihr Geschlecht. Es

ist wahr, dass sie betrügt .... aber glaubt gern, glaubt lange an die

schöne Betrügerin und drückt sie an Euer Herz«. Tegnér muss unleugbar

von seiner Bitterkeit gegen die Frauen sehr erfüllt gewesen sein,

um ihr bei einer so wenig schicklichen Gelegenheit, einem so wenig

passenden Publikum gegenüber, Luft zu machen. Aber nicht diese einzelne

leidenschaftliche Verstimmung allein kann von der Krise im Leben des

Dichters datirt werden; von diesem Zeitpunkt ab beginnt überhaupt ein

heftigerer, leidenschaftlicherer Ton in seinen Briefen und Poesien

hervorzutreten. Es findet sich eine Shakespeareartig tragische

Leidenschaft darin. Die Welt ist aus den Fugen, und wie soll sie durch

Hamlet's Arm wieder in's Geleise gebracht werden können! Auf Ophelia

verlässt er sich nicht mehr, sie gehe in ein Nonnenkloster, wenn sie

sich rein bewahren will. Denn Schwachheit, dein Name ist Weib! Was ist

das Leben? »Galgenfrist«. Und was ist die Weltgeschichte? »Hundetanz«.

Ein widerliches Komödienspiel ist alles, was Hamlet rings um sich sieht

und die Welt »eine gemalte Theaterdecoration mit papiernen Rosen und

Opersonnenschein«. Er könnte wahnsinnig darüber werden, und er wird

möglicherweise zuletzt darüber wahnsinnig; aber erst soll die Lüge und

Jämmerlichkeit des Lebens ohne Gnade und ohne Schonung entlarvt werden.

Es liegt eine wilde Rücksichtslosigkeit über Tegnér's Briefen von

1825, die nie früher bei ihm gespürt wurde. Man frage ihn z. B. nach

seinen Berufsgenossen, den Theologen? Sie sind »Hesekiel's Cherube

mit Ochsenköpfen, doch ohne Flügel«. Und die Bischöfe? »Geborene oder

gewordene Hinfällige«. Und der Apostel Paulus selbst? »Griechische

Sophistik auf jüdische Rohheit geimpft«. Was sagt er über das

Königthum? »Die Macht ist ebenso lächerlich wie abscheulich, wenn sie

in die Hände der Trivialität, der Hilfslosigkeit, der Dummheit fällt

-- siehe den Staatskalender über Europa«. Und über die Vorsehung?

»Die Vorsehung ist ein Begriff ohne jeglichen Halt. Ich weiss recht

wohl, was Lessing und die anderen Deutschen behauptet haben, dass die

Weltgeschichte das Staatsrathsprotokoll der Vorsehung sei; das ist ein

hübsches Gedicht und ich könnte es wohl auch in Versen ausführen; aber

nicht glaub' ich in Ernst daran«.

Mir ist es, als ob ich unter allen diesen verzweifelten Reden über

Menschenwerth und Weibertreue, über Könige und Bischöfe, Christenthum

und Geschichte einen Unterstrom rieseln hörte von dem ergreifenden

Klagegesang der »Melancholie«:

Du, Wächter, sprich: Wie spät ist denn die Stunde?

Wird diese Nacht denn nie zu Ende gehn?

Es weicht und kehrt der Mond mit blut'ger Wunde,

Thränenden Aug's die Sterne niedersehn.

Wie mit der alten Jugendkraft im Bunde

Schlägt stark mein Puls und spottet meinem Flehn.

Wie unermesslich jedes Pulsschlags Schmerzen!

Weh meinem blutigen, zerrissnen Herzen!

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 85 / 110 题