Wir finden den Dichter im niedrigen weissen Hause an der Ecke der
Franciskaner- und Klosterstrasse in Lund, in seinem geräumigen
zweifensterigen Arbeitszimmer auf- und abwandernd, seine Verse vor
sich hin brummend und summend und ab und zu an einer aufgeschlagenen
Schatulle, welche als Pult dient, stille stehend, um die fertigen
Strophen niederzuschreiben. In der Stube zwitschern zwei Kanarienvögel;
begleitet von ihrem Gesange dichtet er seinen »Frithiof«. Er ist
zu dieser Zeit ungefähr vierzig Jahre alt; weder Leidenschaften
noch Krankheit haben seinem Gesichte Spuren aufgedrückt. Die Furien
lauern vor seiner Schwelle; aber es scheint fast, als wollten sie
die Vollendung seines Hauptwerkes abwarten, bevor sie die Schwelle
überschreiten und ihn als Beute ergreifen. Seine Stirn ist klar und
gewölbt, sein Blick hell und frei
Und ernst so wie vom Grund aus ehrlich
Ist jeder Zug im Angesicht
wie es von seinem Axel heisst.
Er hat sich sein Thema gewählt oder richtiger: es ist so anziehend
aus den Erinnerungen seiner Kindheit vor ihm aufgetaucht, dass
er den Rahmen für die Behandlung entworfen und die Ausführung in
der Mitte angefangen hat. Er will ein Bild des Lebens im alten
Norden liefern. Mit voller Ueberzeugung hatte er in früherer Zeit
sich dem »gothischen« Bund angeschlossen; denn er sah in der
nationalgeschichtlichen und dichterischen Richtung des Bundes den
richtigen Mittelweg zwischen der weltbürgerlichen Verstandeskultur
der Akademie und der deutschthümelnden Schwärmerei der Phosphoristen.
Er hatte aber bald die Trauer gehabt zu sehen, wie sein wackerer
und enthusiastischer Verbindungsbruder Pehr Henrik Ling, der in dem
geistigen Leben Schwedens eine ähnliche Stellung einnimmt, wie Arndt
und Jahn in Deutschland, durch seine Kraftsprache und seine kolossale
Formlosigkeit das schwedische Publikum von der Poesie des nordischen
Alterthums zurückscheuchte. Sein linkischer Harfenschlag auf die
nordischen Bärensehnen hatte den prächtigen Stoff verdorben, der
in Dänemark in der Behandlung Oehlenschlägers alle Herzen gewonnen
hatte. Tegnér beschloss, um eine einzelne Sage als Mittelpunkt all'
die eigenthümlichsten Bilder des alten Nordens zu sammeln: Das
Vikingerleben und die Waffenbrüderschaft, die Weisheit des Hawamàls
und die Gelübde auf Frei's Eber zum Julfest, das Heldenlied und die
Königswahl im Thing, die Selbstverwundung mit der Schwertesspitze
und den Runenstein, die Poesie des Lebens und des Todes in alten
Zeiten. Es sollte gute, reine Luft in dem Gedichte sein; ein scharfer,
frischer Wind sollte hindurch sausen; der Skandinave sollte sich
darin heimisch fühlen; aber vor Allem keine Eistemperatur wie in den
altnordischen Dichtungen des ehrlichen Ling! Diese Sage war ja eine
Liebesgeschichte und mit Liebessehnen und Liebesleiden sollte das harte
Gewebe des Stoffes ganz durchdrungen werden. Der Stoff war norwegisch,
aber schwedisch sollte die Behandlung sein; Norwegen und Schweden,
die noch unlängst getrennt waren, wollte er im Gesange verschmelzen.
Es sauste vor seinem inneren Ohre wie Schildgeklirr und Pfeilregen,
Köcherklang und Becherklang, Rossestampfen und Falkenflug, Schläge
auf's Schwert und Hiebe mit dem Schwert, und zwischen all' diesem
lange, schmachtende, girrende, schwärmerische Nachtigallentöne, und
noch mehr ergreifender Wachtelschlag in der Stille der Sommernacht. In
die Scenerie brauchte er wahrlich nicht sich hinein zu versetzen; er
kannte sie ja so genau von seiner Kindheit und Jugend auf dem Lande. Er
kannte sie, diese Bäume mit den weissen Stämmen und hängenden Kronen;
einer von ihnen hatte zwei Schriftzeichen in seinem Birkenstamme;
waren es die Buchstaben »E« und »A« oder stand da ein »F« und »I« in
Runen? Er kannte zwischen den tannenbewachsenen Küsten diese blanke
Eisfläche, über welche der Schlittschuhläufer fuhr und hinter ihm der
vorbeisausende Schlitten, in welchem die schöne Jungfrau sass, die bald
über ihren Namen im Eise hinfahren sollte:
Er ritzt in das Eis viel Runen werth,
Schön Ingeborg den eignen Namen befährt.
Und wenn nun der Frühling kam, wenn die Wellen hinauslockten und das
Meer laut von Thaten sprach, während das Boot am Strande einzuladen
schien, an Bord zu gehen, die Welt kennen zu lernen! Er wusste wohl,
was ein Viking dann gefühlt hatte:
Ellide nicht Ruh auf der Woge hat,
Am Anker rücket sie früh und spat.
Aber es war nicht möglich, zu reisen. Beim Pflegevater, bei Hilding ...
auf dem Gute Rämen bei Myhrmanns, da wohnte die Schönste, die Geliebte,
die zu verlassen unmöglich war. Und alle Jugenderinnerungen, süsse und
kindliche, strömen bei diesem Gedanken ihm zu. Er erinnert sich, wie er
Anna die erste erblühte Anemone, die erste Erdbeere zu bringen pflegte:
Die erste Blume, die er zieht,
Die erste Erdbeer, die er sieht,
und er träumt von so manchem guten Male, wenn er und sie (oder war es
Frithiof und Ingeborg?) auf ihren Wanderungen am brausenden Waldbach
stille standen, und für Ingeborg kein anderer Ausweg blieb, als sich
hinüber tragen zu lassen, und lächelnd schrieb er:
Wie schön, wann Strudel lärmend klingen,
Zwei kleine Arme uns umschlingen!
Und unbewusst mischte sich andere erotische Schwärmerei jüngerer
Herkunft hinein, eine andere Gestalt, die der voll entwickelten
Ingeborg -- nicht Anna Myhrmanns, deren Schritte jetzt vom Zimmer
nebenan gehört wurden; die Schritte der schon in mittleren Jahren
stehenden tüchtigen Hausfrau gehörten nicht hierher; nein, ein
jüngeres, lockendes Gesicht war es, ein schlankerer Wuchs, eine andere
schmelzende Stimme; er darf diese Frau nicht lieben, das ist göttlichen
und menschlichen Gesetzen zuwider; sie ist ja verheirathet -- mit
König Ring, mit Frithiof's Freunde, dessen Zutrauen zu ihm unbegrenzt
ist; nein, Frithiof muss fort, hinaus auf's Meer, seine Sehnsucht durch
Thaten und Siege betäuben. Aber einmal -- spät einmal wird der Tag der
Versöhnung kommen, und das stürmende Herz Frithiof's Ruhe finden.
Die altnordische Frithiofssage ist eine Erzählung, um's Jahr 1300 auf
Island niedergeschrieben; man nimmt an, dass das Geschichtliche in
der Begebenheit schon um das Jahr 800 geschehen ist. Der Bauernsohn
Frithiof, der mit der Königstochter Ingibjörg erzogen worden hält
um ihre Hand an und wird abgewiesen. Um sich an ihren Brüdern zu
rächen, verweigert er ihnen im Kriege gegen König Ring seine mächtige
Hilfe und benutzt ihre Abwesenheit dazu, ein Liebesverhältniss mit
Ingibjörg anzuknüpfen, die von den Brüdern im Baldershage, einer Balder
geheiligten Stätte, in der Hoffnung, Frithiof von jedem Stelldichein
abzuschrecken, eingesperrt worden ist. Denn dort darf kein Mann eine
Frau umarmen. Aber Frithiof trotzt den Göttern, besucht Ingibjörg
und schändet den Tempel. Mit Ring wird unter der Bedingung Friede
geschlossen, dass die Brüder dem alten König ihre Schwester zum Weibe
geben. Von Frithiof fordern sie, dass er in ihrem Auftrag fortreise
und von Angantyr auf den Orkney-Inseln Tribut eintreibe. Während er
fort ist, stecken sie seinen väterlichen Hof in Brand. Frithiof kommt
zurück, trifft die Könige beim Opfer in Baldershage und wirft den
mitgebrachten Geldbeutel so gewaltsam Helge in's Gesicht, dass er
hinstürzt. Durch einen Zufall fällt Balder's Bildniss in's Feuer und
das Haus geräth in Brand. Frithiof flieht, kehrt zurück, besucht König
Ring, rettet das Leben des alten Königs und heirathet nach dessen Tode
Ingibjörg.
In diesem Stoffe entdeckte das Dichterauge Tegnér's die Grundlinien
zu einem Gegenstande von allgemein menschlichem Interesse und für
verallgemeinernde Symbolik empfänglich. Frithiof kämpft für seine Liebe
mit rücksichtslosem Trotz; er will, unbekümmert um alle bestehenden
Mächte, sich sein Glück im Sturm erobern:
Er setzt die Spitze seines guten Schwerts
Der Norne auf die Brust und spricht: Entweiche!
Er lehnt es ab, einem Königsbefehl zu folgen; er wird auf der Höhe
seiner Manneskraft zuerst Tempelschänder, dann Tempelverbrenner, dann
der vogelfreie geächtete »Wolf im Heiligthume« (_varg i veum_). Er
flieht und büsst, entsagt und wird geläutert, und empfängt zuletzt
die Hand der Geliebten als Lohn, nicht des Kampfes, sondern der
ausdauernden Treue. Nicht die Jungfrau, sondern die Wittwe, nicht das
Glück selbst, sondern den bleicheren Widerschein des Glückes umarmt er
als Braut. War dies nicht schon ein Symbol des menschlichen Lebens?
Noch ein Schritt und das Symbol stand vollendet in seiner ganzen
Klarheit da. Es gab einen Mittelpunkt in der Sage, der unter dem Blicke
des Dichters nothwendig zum fruchtbaren Keimpunkt werden musste. Es war
das Heiligthum Balder's. Um einen Baldertempel drehte sich Alles; hier
wurde Ingeborg eingesperrt; hier begegneten sich Ingeborg und Frithiof;
hier opferten die Könige. Der Tempel wurde geehrt; er wurde geschändet;
er wurde verbrannt.
Balder war ein sonderbarer Gott; in ihm begegneten sich das Heidenthum,
wie man es sich am liebsten vorstellte, mit dem Christenthum, wie
man es gern demselben anpasste -- er war Heidenthum ohne Wildheit,
Christenthum ohne Dogma. Der Jesus, an den Tegnér glaubte, hatte,
gleich dem, zu welchem Oehlenschläger sich bekannte, mehr von einem
Balder als von einem Christus. Und es war der Tempel Balder's, den
Frithiof in seinem jugendlichen Uebermuth verbrannt hatte. Dieser
Tempelbrand musste nothwendig zur Hauptkatastrophe der Sage gemacht
werden; er bestimmte dann auch mit zwingender Nothwendigkeit einen
geistvollen Schluss. Frithiof musste damit enden, den Tempel, den er
verbrannt hatte, wieder aufzubauen.
Denn ist die Jugendkraft in ihrer Unbändigkeit nicht immer ein
Tempelschänder, und enden wir nicht Alle in den Jahren der Reife mit
dem ehrlichen Versuch, die in jugendlicher Leidenschaft begangene
Entweihung zu sühnen? Bauen wir nicht Alle nach Vermögen den Tempel
wieder auf, grösser, schöner und fester, als wir ihn vorgefunden?
Wie jener Kaiser, der eine Hauptstadt von Holz vorfand und eine
marmorne hinterliess, so werden zu jeder Zeit thatkräftige und ernste
Naturen ihre Umgebungen von einem geheiligten Tempel aus schlechtem
Holz beherrscht finden; sie werden ihn verbrennen und einen andern
Baldertempel, der nicht verbrannt werden kann, hinterlassen, und der
stärkste einen wie denjenigen Frithiof's:
Von lauter Riesensteinen war die Wand erbaut,
Die kühne Kunst zusammenband, ein Riesenwerk
Für Ewigkeit ....
So gefasst, sammelte sich das Gedicht um einen grossen einfachen
Grundgedanken; und mit diesem vor Augen, machte sich Tegnér daran, die
letzten Romanzen zuerst zu entwerfen. Jeder Zug in der alten Erzählung
liess sich natürlich nicht gebrauchen; psychologisches Interesse haben
aber nur die für Tegnér eigenthümlichen Veränderungen, die, in welchem
sein poetischer Charakter sich zu erkennen gibt.
Erstens entfernt er alles, was ein Leser oder noch mehr eine Leserin
der damaligen Zeit in erotischer Hinsicht anstössig finden konnte.
Hierdurch öffneten sich alle Familien-Bücherschränke seinem Gedicht.
Nach Tegnér's eigenem Zugeständniss ist sein »Frithiof« eine
Nachahmung von Oehlenschläger's »Helge«, und man hat in Dänemark
nie recht begreifen können, wie es zuging, dass die Nachdichtung so
viel grösseren Ruhm erlangte, als das kräftige Original; aber wie
war es möglich, dass ein Gedicht, welches, wie das Oehlenschläger's,
von Anfang bis zum Ende um eine nordische Vendetta, um Brudermord,
Mordbrand, Trunkenheit, Nothzucht, Entehrung und Blutschande handelte,
jemals in der allgemeinen Gunst mit einem Dichterwerk wie Frithiof
wetteifern könnte, das zu Geburtstags- und Weihnachtsgaben wie
geschaffen war und das factisch in Deutschland mehr als zwanzig Jahre
hindurch das stehende Confirmationsgeschenk für junge Mädchen gewesen
ist? Tegnér spielt zwar unaufhörlich (und zwar mit einer Vorliebe,
die mir persönlich entschieden missfällt) mit solchen Worten und
Redensarten, mit welchen nach litterarischer Convention die Vorstellung
von etwas Sinnlichem sich verknüpft; er vergleicht den Busen Ingeborg's
mit »Lilienhügeln« und anderen Erhöhungen, die übrigens einer
weiblichen Brust so unähnlich wie möglich sein dürften; aber in diesem
Liebeln des _Dichters_ erschöpft sich alles Sensuelle im Gedicht. Seine
alten Skandinaven lieben wie zwei wohlerzogene Verlobte im modernen
Schweden. Doch während sie sich keinen Augenblick vergessen, ist der
Dichter weniger streng und man fühlt mitunter, wie sein Auge sich auf
Ingeborg's weissen Hals richtet. Es wäre gewiss besser gewesen, wenn
das Auge des Dichters keuscher und Frithiof menschlicher wäre. In der
Weise, wie das Geschlechtliche in dieser Liebesgeschichte behandelt
ist, fühlt man stark, dass der Dichter nicht nur ein akademisches,
sondern auch ein geistliches Amt bekleidet, und im Begriff steht, ein
noch höheres zu ersteigen. Deutlich genug hat Tegnér ausdrücklich das
Gedicht modernen Vorstellungen über Heldentugend und Weiberkeuschheit
zurecht legen wollen. Darum lässt er zwar Frithiof die Nächte bei
Ingeborg in Baldershage verbringen, jedoch in aller Zucht und Ehre,
und lässt ihn, als er desswegen im Thinge angeklagt wird, feierlich
erklären, Balder's Frieden nicht geschändet zu haben. Tegnér nimmt
also nicht einmal Anstand, seinem Gedicht den eigentlichen idealen
Schwerpunkt, die bewusst und trotzig ausgeführte Entweihung, zu rauben,
wenn er dadurch erreicht, das Decorum der Erzählung zu retten. Frithiof
erklärt, dass seine Liebe dem Himmel mehr als der Erde angehöre; er
wünscht beim Stelldichein mit Ingeborg, dass er todt wäre und mit
der bleichen Jungfrau in seinen Armen nach Walhall führe, -- gewiss
ein höchst unnatürlicher Gedanke eines leidenschaftlich Liebenden im
Augenblicke des Glücks:
Nicht irdisch ist, vom Himmelsbogen
Stammt meine Liebe; flieh' sie nicht!
Im Himmel ward sie gross gezogen,
Heim sehnt sie sich zum Himmelslicht.
Sonderbare Worte von einem Dichter, der sonst nie müde wurde, die
platonische Liebe mit Spöttereien zu verfolgen, und zwar mit recht
derben Spöttereien! Er hatte persönlich ein heissblütiges, sinnliches
Naturell. Er war seiner Ehe, seinen Jahren und seinem Amte zum Trotz
ein feuriger, und, wie das Gerücht sagte, oft glücklicher Verehrer der
Frauen. Sein Conversationston Damen gegenüber war häufig so lasciv,
dass er Aergerniss erweckte, und er hat in Briefen, Aphorismen,
Gedichten, die nach seinem Tode gedruckt worden sind, kein Hehl aus
seiner naturalistischen Auffassung der Liebe gemacht. Er huldigte
nicht einmal in der Poesie der spiritualistischen Darstellung des
Verhältnisses zwischen den Geschlechtern. Er schreibt z. B.:
»_Aeneadum genitrix, hominum divumque voluptas_
ist von den Alten nicht nur poetisirt, sondern vergöttert worden.
Unsere sentimental nervenschwache Anschauung der Liebe ist keineswegs
die einzige, noch weniger die kräftigste. Wie bleich und matt ist,
selbst rein poetisch gesehen, die meiste moderne Erotik mit ihren
Wasserfarben gegen die ewigen Frescogemälden der Alten!«
Und doch sträub' ich mich zu glauben, dass Tegnér sich in diesem
Punkte ausschliesslich von conventionellen Rücksichten leiten liess.
Er war in allzu idealistischen Lehren erzogen, um jemals mit vollem
Bewusstsein nach einem Modelle zu zeichnen; ein eigentliches Modell hat
er auch für Ingeborg gar nicht gehabt, was genugsam im Gedichte gespürt
wird, das dadurch an individuellem, realistischem Leben verlor,
was es an typischer Grösse gewann. Doch ganz ohne Modell kann kein
Künstler malen, und ganz ohne Verarbeiten von Wirklichkeitsstimmungen
und Wirklichkeitseindrücken kein Dichter dichten, am wenigsten ein
so subjectiver wie Tegnér. Er hat im Anfang des Gedichts sich von
den Erinnerungen an das Zusammenleben mit seiner Braut auf ihrem
elterlichen Hofe inspiriren lassen; das Idyllische in Frithiof's Liebe
stammt sicher daher, aber ihr schwärmerisches Pathos nicht. Zahlreiche
Indicien deuten darauf hin, dass Tegnér, der wie die meisten Poeten
immer in einer halben Verliebtheit umherging, gerade in den Jahren, da
Frithiof geschrieben wurde, vollständig verliebt war.
Vielleicht war seine Neigung zu der Zeit, wo die Romanzen, in welchen
Frithiof's Liebe ihren höchsten lyrischen Ausdruck erreicht (kurz vor
Januar 1824) verfasst wurden, noch eine begeisterte, halb unbewusste
Schwärmerei, bald von keimendem Verlangen, bald von jenem Schmachten
nach dem Tode durchkreuzt, das bisweilen auch die beglückende Liebe
begleitet, wenn ein Uebermass von leidenschaftlichem Sehnen, welches
die Seele erfüllt und peinigt, den Wunsch hervorruft, das Herz möchte
zerspringen:
O wer doch schon dort oben weilte,
Wer jetzt, mit dir dem Tod geweiht,
Als Sieger zu den Göttern eilte,
Umarmt von seiner blassen Maid!
Vielleicht war er einfach nicht im Stande, seine eigene Poetik
der Liebe in die dichterische Praxis hinüber zu führen. Wie es
unzweifelhaft Dichter giebt, die mit Fug und Recht den Vers
_Vita verecunda est, Musa jocosa mihi_
zu ihrem Wahlspruch machen können, so gab es besonders zur Zeit, wo
der romantische Idealismus die Poesie beherrschte, Dichter, die durch
einen inneren Zwang die entgegengesetzte Formel zu verwirklichen sich
gedrängt fühlten.
Die zweite Modification des Stoffes, in welcher die
Schriftstellerindividualität Tegnér's sich kräftig verräth, ist das
Entfernen des für uns Burlesken in der alten Erzählung. Die burlesken
Züge kamen dem idealistischen Dichter einfach störend und hässlich vor.
Ich wähle ein Hauptbeispiel:
Das neunte Capitel der Sage, in welchem Frithiof dem opfernden
König den Tribut überbringt, stellt die Balderanbetung auf folgende
anschauliche Weise dar: »Frithiof ging in den Tempel hinein und sah,
dass nur wenig Leute im Disasaal waren; die Könige waren beim Disaopfer
und sassen beim Trunke. Auf dem Boden war Feuer, und die Weiber sassen
bei dem Feuer und wärmten die Götter; aber einige salbten sie, und
trockneten sie mit Tüchern. Frithiof trat vor König Helge und sprach:
'Nun willst du wohl das Sühnengeld haben'. Und alsdann schwang er den
Beutel, in welchem das Silber war, in die Höhe, und schlug damit den
König so hart an die Nase, dass ihm zwei Zähne aus dem Munde sprangen;
der König selbst aber fiel vom Hochsitz und in Ohnmacht. Da griff
Halfdan nach ihm, dass er nicht in's Feuer fiele .... Wie Frithiof nun
wieder den Fussboden betrat, bemerkte er sogleich den guten Ring [den
er Ingeborg gegeben hatte] an der Hand von Helge's Frau wie sie Balder
am Feuer wärmte. Frithiof griff nach seinem Ring aber der sass fest
an der Hand, und er zog sie nun den Fussboden entlang nach der Thür;
Balder aber fiel in's Feuer; Halfdan's Frau griff geschwinde nach ihm;
da fiel auch der Gott, den sie gewärmt hatte, in's Feuer. Das Feuer
fasste nun die beiden Götter, denn sie waren vorher gesalbt, und fuhr
hinauf in's Dach, so dass das Haus in helle Flammen kam. Frithiof nahm
den Ring, ehe er hinaus ging«.
Die Einwendungen, die gegen die geschichtliche Zuverlässigkeit dieser
Darstellung erhoben werden können, sind mir nicht unbekannt. Aber
welch' ein köstliches Stück Prosa in ethnographischer und malerischer
Hinsicht! Wie sieht man durch die Erzählung die ganze naiv-burleske
Scene vor sich! Wer im Berliner Museum das kleine altnordische
Thongebilde von einer Göttin betrachtet hat, kann sich eine lebendige
Vorstellung von diesen kleinen hässlichen Abgöttern bilden, welche
die frommen Weiber auf dem Schosse haben, mit Fett überschmieren
und am Feuer wärmen. Alles ist hier vortrefflich: die altnordische
Gottesfurcht, die einen Balder in der Puppe sieht mit demselben
brennenden Glauben, mit welchem heutzutage im Süden Männer und Frauen
des Volks die Himmelskönigin in einer anderen Puppe sehen, und die
Scenerie rings umher, der rauchende Scheiterhaufen in der Mitte und
die trinkenden Kämpen in der Halle nebenan. Ein moderner Dichter mit
lebhaftem Sinne für Zeit- und Localfarbe würde es nicht über sein Herz
bringen, das Geringste hieran zu verändern; er würde eine solche Scene
wie eine Fundgrube betrachten. Ich spreche nicht von den Realisten;
Realisten schreiben keine Romanzen-Cyclen; aber ich denke an die
grossen Stilisten unter den Dichtern der Neuzeit. Es ist eine Scene
die in Hugo's »La légende des siècles« aufgenommen werden könnte; aber
noch mehr wäre sie für einen so strengen Künstler wie Leconte de Lisle
geeignet: er könnte sie in seine »Poèmes barbares« einflechten. Tegnér
aber erschien diese Scenerie nur roh und hässlich, unbrauchbar für die
Dichtkunst. Der scharfe Contrast zwischen barbarischer und hellenischer
Poesie existirte nicht für ihn; er versuchte seine barbarischen Stoffe
so gut es ging, zu hellenisiren. Er mischte aus Princip nicht das wild
Burleske in ein pathetisches oder schönes Ganzes hinein. Er malt dann
statt dessen, und mit viel Kunst, eine Nacht, wo die Mitternachtssonne
hoch am Himmel steht, wo das Balderfeuer, das Bild der Sonne, auf dem
geweihten Steine brennt, während bleiche Priester mit silberweissem
Bart und mit steinernen Messern in den Händen längs den Tempelwänden
stehen. Die Statue Balder's ragt auf einem Fussgestell mit Frithiof's
Ring am Arm empor, und der König mit seiner Krone auf dem Haupte ist
am Altar beschäftigt. Diese Scenerie ist weit schöner als jene der
Sage; aber sie ist weniger eigenthümlich als theatralisch.
Ausser dem Anstössigen und dem Burlesken im Stoffe gibt es noch ein
Drittes, was Tegnér umgeht und vermeidet. Das ist die Schuld.
Es gehört zu dem poetischen System Tegnér's der scharf ausgesprochenen
Schuld, nicht weniger als dem ausgeprägt Hässlichen oder Barocken aus
dem Wege zu gehen. Sein Held ist zu grundgut, um sich zum Aeussersten
von Leidenschaft, Zorn, Rachsucht oder Wildheit hinreissen zu lassen.
Er macht einen Anlauf und beherrscht sich gleich wieder. Er rächt
sich nicht, wie in der Sage, für die Kränkung, welche ihm die Könige
zugefügt haben; er bohrt nicht bei seiner Heimkehr ihre Schiffe an,
um sie für das ihm angethane Unrecht zu strafen; sein Waffenbruder
versenkt viel später die Schiffe, um Frithiof's Flucht zu erleichtern.
Wir sahen ferner, dass Frithiof in seinem Verhältniss zu Ingeborg
bei Tegnér keine wirkliche Entweihung begeht. Aber am schlagendsten
offenbart sich doch die Sorgfalt des Dichters, nicht bis zur tiefen
Schuld zu gehen, wo das Verhältniss Frithiof's zum Tempelbrand
geschildert wird. In der Sage zeigt Frithiof immer gegen Balder
Uebermuth. Er erklärt, weniger nach Balder's, als nach Ingeborg's Gunst
zu fragen. Als die Rückkehr der Könige ihn zwingt, mit den nächtlichen
Gastereien im Baldershage aufzuhören, sagt er mit einer gewissen Ironie
über Balder zu Ingeborg: »Wohl und lieblich habt ihr uns aufgenommen
und bewirthet, und der Bauer Balder hat sich gegen uns nicht ereifert«.
Und endlich wirft er, als durch seine Unachtsamkeit Feuer im
Baldertempel entstanden ist, in seiner Vernichtungswuth Feuerbrände in
die Dachlatten. Bei Tegnér ist dieses ganz anders: Frithiof's Gesinnung
Balder gegenüber ist fromm; er kniet an Ingeborg's Seite vor ihm nieder
und befiehlt ihre gegenseitige Liebe seinem Schutz; er macht energische
Versuche den Tempelbrand zu löschen, und als es dennoch misslingt,
geht er traurig und _weinend_ fort.
So verwandelt ist der ganze Charakter menschlicher und edler, aber
unleugbar weniger primitiv, und es konnte nicht anders sein, als dass
durch diesen idealisirenden und modernisirenden Process ein gewisser
Streit entstand zwischen dem Charakter, wie er vom Dichter dargestellt
wurde und mehreren der thatkräftigen Züge, die ihm von der Sage
beigelegt waren und die unverändert in's Gedicht übergingen. Während
der Vollendung des Werkes konnte der Dichter dann manchmal nicht
unterlassen, sich selbst zu fragen, ob es denn überhaupt sich lohne,
einen alterthümlichen Stoff zu behandeln, wenn das Antiquarische und
das Poetische sich nicht ohne unaufhörliche und unnütze Compromisse
vereinigen liessen? Seine Briefe sind voll von Zeugnissen dieser
Zweifel; als das Werk nach einem Kampf mit dem Stoffe, der volle
fünf Jahre dauert, endlich fertig vorliegt, beurtheilt er »Frithiof«
auf's strengste; er erinnert die Bewunderer des Gedichts daran, dass
die Poesie »wachsendes Obst nicht Eingemachtes« sein solle; seine
Briefe variiren das Thema, dass »Frithiof« zu viel Sage sei, um ein
modernes Gedicht zu sein und in zu hohem Grade moderne Poesie für
eine altnordische Sage; sie sprechen es aus, dass alle Poesie modern
sein müsse »im selben Sinn, wie die Blumen es im Frühling sind«, und
verurtheilen all' das Archäologische im Gedichte als _neuerbaute
Ruinen_. Trotzdem hat die allgemeine kritische Stimmung sich gewiss
nicht geirrt, wenn sie eher an den allzu modernen als an den allzu
alterthümlichen Elementen des Gedichts Anstoss nahm. Ein strenger
Stilist hätte nicht Frithiof in seinem »Vikingerbalk« die Anwesenheit
der Weiber an Bord verbieten lassen mit einem sentimentalen Wortspiel
wie diesem:
Denn das _Grübchen_ der Wang' ist die falscheste _Grub_', und ein
Netz ist die fliegende Lock'.
Tegnér selbst parallelisirt seine Arbeit mit Werken wie Goethe's
»Iphigenia« und Walter Scott's »The lady of the lake«. Die letztere
Parallele hat mehr Wahrheit als die erstere, obwohl Tegnér selbst
sagt, dass »der schottische Particularismus bei Scott, wie der
jüdische im alten Testament, alles beschränkt und niederdrückt,
was sonst bei ihm sich freier und höher erheben könnte«. Tegnér
befindet sich auf einer litterarhistorischen Station, die halbwegs
zwischen den zwei Punkten, Walter Scott und Byron, liegt. Ein halbes
Jahrhundert seines Lebens fällt mit den Lebzeiten Goethe's zusammen
und er erlebte Byron ganz. Von dem ersteren, den zu verstehen ihm
schwer wurde, lernte er wenig; am empfänglichsten zeigte er sich dem
Goetheschen Einfluss, wenn derselbe ihm durch Oehlenschläger zukam;
für Byron'sche Eindrücke hatte er ein offeneres Gemüth, hielt sich
jedoch tapfer von jeglicher Ansteckung frei, was ihm in hohem Grad
durch die romantisch-idealistische Vaccine, die ihm früh eingeimpft
worden, erleichtert ward. Er war als Dichter zu erfüllt von seinem
Ich, um das Unpersönliche in der schöpferischen Begabung Goethe's zu
verstehen, andererseits war sein Ich nicht tief genug, um Byron auf
seinen Entdeckungsreisen innerhalb des Ichs zu folgen. Er ist wie Scott
und Oehlenschläger national, genau an sein Land, sein Volk und dessen
heroische Vorzeit gebunden; aber es liegt in seinem Wesen eine Tendenz
zum ausgeprägt Persönlichen; er nähert sich dem Byronschen Typus in
einer gewissen Entfernung.
Sobald im Jahre 1820 der 16. bis 19. Gesang von »Frithiof« erschienen
waren, ging _eine_ Stimme der Bewunderung durch Schweden. Selbst die
Romantiker streckten gerührt die Hand zur Versöhnung aus. Noch bevor
das ganze Werk (1825) fertig vorlag, hatte sich Tegnér's Ruhm in die
Nachbarländer verbreitet, namentlich nach Deutschland, wo Tegnér's
erste Uebersetzerin, die als Goethe's Freundin bekannte Frau Amalia
v. Helvig, den alten Dichter mit Fragmenten von Frithiof bekannt
gemacht und ihn dafür gewonnen hatte. Er leitete die Aufmerksamkeit
der Deutschen darauf hin, und obwohl das, was er in seinem zopfigen
Altersstil über Tegnér geschrieben hat, kaum ein Dutzend Zeilen
ausmacht, begreift man, zu welcher Begebenheit eine Anerkennung von
Goethe's Seite in einem kleinen Lande wie Schweden heranwuchs. Goethe's
Worte lauten: »Wie vorzüglich diese Gedichte seien, dürfen wir unsern,
mit dem Norden befreundeten, Lesern nicht erst umständlich vorrechnen.
Möge der Verfasser aufs eiligste das ganze Werk vollenden und die
werthe Uebersetzerin auch in ihrer Arbeit sich gefallen, damit wir
dieses See-Epos in gleichem Sinn und Ton vollständig erhalten. Nur das
Wenige fügen wir hinzu, dass die alte, kräftige gigantisch-barbarische
Dichtart, ohne dass wir recht wissen wie es zugeht, uns auf eine neue
sinnigzarte Weise und doch unentstellt, höchst angenehm entgegen
kommt«. Noch heute werden die Schweden nicht müde, davon zu sprechen.
Die Bewunderung für Tegnér stieg in seinem Vaterland mit der steigenden
Popularität des Gedichts, ja stieg nach seinem Tode so stark, dass sie
ungefähr alle Kritik ertränkte und zuletzt in solchen Uebertreibungen
gipfelte, wie derjenigen Mellin's, Tegnér als »grössten Dichter der
germanischen Menschenrace« zu proclamiren. _Die_ Huldigung des Mannes
aber ist und bleibt die beste, die zugleich eine Huldigung der Wahrheit
ist.