VIII.

»Der Mensch ist die Blüthe des Metallstammes der Erde, und seine

Sprache ist das magnetische Fluidum, welches von diesem Stamme aus

seinen Willen über die Welt ergiesst. Wenn jegliche Sprache also

im Grunde Musik ist (das Ohr der Natur ist aus Metall und was der

Weltgeist hineinflüstert, ist Musik), brauchen wir da lange nach der

Art der Verwandtschaft zu suchen, welche sie zur materiellen Substanz

für die Phantasien des Dichters macht?«

Dieses harte Stück Beredsamkeit stehe hier als Probe des Stils, dessen

sich Atterbom, der Häuptling der romantischen Schule, in seiner Jugend

bediente. Dieser Stil forderte so sehr die Parodie heraus, dass es

nicht Wunder nimmt, wenn Tegnér der Versuchung unterlag, spöttische

Pfeile gegen ihn zu richten.

Die religiösen und politischen Ansichten Tegnér's bestimmten im Verein

seinen litterarischen Standpunkt, einen hohen Punkt über den zwei

streitenden Parteien der alten und der neuen Schule, woher er aber fast

ausschliesslich sein Geschütz gegen die letztere richtete. Er, der

jung in das neue Jahrhundert hinein getreten war, und der nur zwanzig

Jahre alt in Lund den dichterischen Aufschwung jenseits des Sundes

erlebt hatte, konnte unmöglich sein poetisches Bedürfniss durch die

nüchternen Lehr- und Scherzgedichte der alten Gustavianer befriedigt

fühlen. Aber es gab nichts, das zum Kampfe gegen sie aufforderte;

sie starben nur allzu schnell, einer nach dem andern, aus, und bald

war Leopold allein übrig als letzter Vertreter der alten Zeit. Als

Tegnér in seiner Vollkraft stand, wurde Leopold blind, und, hätte es

ihm sonst nicht fern gelegen, den Alten anzugreifen, jetzt war es

ihm unmöglich. Dagegen hatte das erste Auftreten der Phosphoristen

seinen Unwillen in hohem Grad gereizt. Sie redeten ein philosophisches

Idiom, aus dem weder er noch irgend ein anderer Uneingeweihter klug

wurde. Sie bekämpften die Akademie als fremdartig, d. h. französisch,

und waren selbst bis zum äussersten verdeutscht. Dazu kam, dass

Tegnér überhaupt der französischen Tradition viel näher stand als der

deutschen. Nicht einmal seine Vorliebe für die Griechen hatte ihm

die classisch-französischen Geschmacksregeln besonders entfremdet.

Ihm war die Gräcität früh mit der Selbstbeherrschung in der Kunst

gleichbedeutend geworden, und die französische Poesie war in hohem

Grade beherrscht. Nicht zufällig kommt deshalb die Aeusserung bei

ihm vor, dass der französische Nationalgeist »in vielen Fällen mit

demjenigen der Griechen verwandter ist als die Deutschen und ihre

Affen seit Lessing's Zeit haben erkennen wollen«. Seine bewundernde

Haltung den alten Akademikern gegenüber während der scharfen

Polemik gegen die »Phosphoristen« erinnert lebhaft, ja schlagend

an Byron's gleichzeitiges Schwärmen für Pope und leidenschaftliche

Geringschätzung der Seeschule. Sie hatte zum Theil verwandte Ursachen:

Treue gegen Kindheitseindrücke, Lust an Widersprüchen, Vorliebe für

das Verständig-klare und die romanische Rhetorik; aber sie war doch

noch tiefer in dem Verhältniss zur Gräcität und zu den französischen

Studien nach der Antike begründet, einem Verhältniss, das sich nicht

bei Byron findet, sondern Tegnér bezeichnet. Die Kunst Byron's ging

darauf aus, der Leidenschaft ein Organ zu geben; Tegnér wollte, wie die

Alten, dass die Leidenschaft in ein strenges Decorum gekleidet werden

solle, um nicht pathologisch zu wirken. Er hatte nie die Wirklichkeit

gemocht, eben so wenig wie er die Metaphysik litt; er liebte die

ideale Form. Die inneren Spaltungen, die er als Aufgaben für die Kunst

erfasste, waren nicht tief; im Grunde wünschte er keinen heftigeren

Kampf zwischen Leib und Seele, Zustand und Verlangen, Pflicht und Glück

u. s. w. in der Poesie dargestellt zu sehen, als sich mit der Harmonie

der Gesundheit vereinen liess. Es war mehr die reine, glatte Form, als

die naturfrische Naivetät der Griechen, die bezaubernd auf ihn wirkte,

also eben die Eigenschaft, welche der französische Classicismus mit

den Griechen gemein hatte. Alle diese Instinkte näherten ihn der alten

Schule und entfernten ihn von der neuen.

Die Hauptschlacht gegen diese lieferte er in der grossen versificirten

Rede, die er 1820 den jungen Magistern in Lund hielt, dem berühmten

»Epilog«, in welchem er so zu sagen den jungen Akademikern den

Fahneneid zur Fahne des Lichts abforderte. Die Popularität dieses

Gedichts wurde so gross, dass in dem Sommer darauf junge Studenten kaum

zehn Minuten mit einander sprachen, ohne fünf davon zum Citiren und

Auslegen des Epilogs anzuwenden. Gewisse Verse dieser Rede haben eine

fast sprichwörtliche Kraft und Wahrheit:

Glaubt nicht, was euch in's Ohr die Trägheit flüstert,

Es sei der Streit zu hoch für eure Kräfte

Und werde ausgekämpft wohl ohne Euch.

Allein gewinnt der Feldherr nicht die Schlacht,

Für ihn gewinnen sie die tiefen Glieder.

Er endet damit, den Tempel der Wahrheit, wie ihn die Alten sich

vorstellten, dem Babelthurm gegenüber zu stellen, welchen die

Romantiker aufführten, dem schweren, barbarischen Gebäude, »wo das

Dunkel durch enge Fenster hineinguckt«. Aber gibt man recht auf die

Architektur des Pantheon Acht, welches er als dasjenige der Alten

beschreibt, so wird man sehen, dass der Stil dieses Gebäude weit

davon entfernt ist, antik zu sein, und mit seinem sonderbaren Gemisch

von Römischem und Gothischem das persönliche Kunstideal Tegnér's das

eine Furcht so vieler classischen und romantischen Kreuzungen war,

unfreiwillig wiedergibt:

Der Wahrheit

Bauten die Alten einen hellen Tempel:

Leicht wie das Firmament war die _Rotunde_,

Es drang das Licht hinein _von allen Seiten_

In's offne Rund, und Himmelswinde spielten

Melodisch zwischen seinen _Säulenwäldern_.

Jetzt baut man einen Babelthurm dafür.

Doch eine Rotunde, die nicht von oben, sondern von allen Seiten das

Licht bekommt, und welche nicht auf einer einfachen Mauer ruht, sondern

mit Säulenwäldern combinirt ist, erinnert eher an die Peterskirche

mit ihrer Stilmischung, als an irgend etwas, das die Alten gebaut

haben. Es war in Wirklichkeit auch eher ein solcher Tempel der ganzen

Menschheit wie diese Kirche, als das einfache römische Gotteshaus, der

Tegnér als Symbol der Wahrheit vorschwebte. Was er preisen wollte,

war nur die Durchsichtigkeit und Klarheit im Reiche der Dichtung, wie

in dem des Gedankens. Die Anbetung der im Dunkel verborgenen Wurzel

des Lebens, der Nacht als Mutter der Dinge, und des Schattens als

Ursprung der Farbe, die in Deutschland von Novalis, in Dänemark von

Hauch, in Schweden von Atterbom gepredigt wurde, kam ihm verdächtig,

ja hässlich vor: er betrachtete sie mit denselben Augen, mit welchen

ein alter Apollo-Anbeter etwa einem Molochscultus beigewohnt hätte, und

protestirte im Namen des Lichtes.

Im Namen des Lichtes -- und vor Allem im Namen der Dichtkunst, von

deren psychologischem Ursprung er sich früh einen originellen Begriff

gebildet hatte. Von den Romantikern aller Länder war die Poesie als

das theuer erkaufte Erzeugniss von Leiden und Sorgen erfasst, als die

Perle, welche die Krankheit der Muschel absetzt. Für Goethe war sie

die ideale Beichte der Seele, das edelste Mittel zur Selbsterlösung

von Eindrücken und Erinnerungen, welche die Gesundheit des Gemüthes

angreifen. Kierkegaard verglich den Dichter mit dem Unglücklichen, der

im ehernen Stier des Phalaris durch ein gelindes Feuer gepeinigt wurde

und dessen Geschrei dem Ohre des Tyrannen als Musik erklang. Heiberg

liess den Dichter singen, dass er, wenn er gut gewesen wäre, schlecht

gedichtet hätte; da er aber schlecht sei, habe er gute Gedichte

geschrieben, denn _das_ rühre ihn am meisten, was ihm selbst verweigert

sei. Alle diese Auffassungen stimmen darin überein, die Dichtung von

einer Sehnsucht, einem Vermissen, einem Schmerze, kurz gesagt, von

etwas Negativem herzuleiten.

Tegnér leitet sie aus der Gesundheit selbst her.

Immer und immer wieder verfolgt er in seinen Briefen, was er den

hysterischen Krampf der Romantiker nennt. »Nichts ist mir so widerlich,

wie diese ewige Litanei über die Qual des Lebens, welche der

Wirklichkeit und nicht der Poesie gehört. Ist die Poesie nicht _die

Gesundheit des Lebens_, ist nicht der Gesang der Jubel der Menschheit,

muthig aus frischen Lungen hervorströmend?« Und diese Wendung ist

bei Tegnér nicht Ausdruck einer augenblicklichen Stimmung; sie kehrt

stereotyp als Definition zurück. Er begreift nicht, dass die Poesie,

»_die nichts anderes als die Gesundheit des Lebens_, nichts als ein

Freudensprung aus den Grenzen des Alltagslebens hinaus ist«, sich mit

hektischer Röthe die frischen runden Wangen schminken will.

Die Definition nahm dichterische Gestalt und melodische Form an in dem

schönen übermüthigen Gedicht »Der Gesang«, das durch eine gleichnamige

romantische Elegie hervorgerufen wurde. Es enthält das Programm der

Tegnér'schen Poesie: Zur Klage hat der Dichter keinen Grund, aus Edens

Garten ist er nie vertrieben worden. Mit himmlischer Freude umarmt er

das Leben wie eine Braut:

Denn nicht ein ewiges Verlangen,

Ein ew'ger Sieg nur ist das Lied.

Unauflöslichen Misslaut kennt er nicht:

Das gold'ne Saitenspiel erklinge

Von keiner selbstgeschaff'nen Pein,

Des Sängers Sorgen sind geringe,

Des Liedes Himmel ewig rein.

»Geringe«, sagt die Ueberzeugung, »keine« heisst es im Original.

Es war eine harte und bittere Nemesis, dass der, welcher im Jahre

1819 Lebenskraft und Uebermuth genug besass, um diese Zeilen zu

schreiben, nur 6--7 Jahre später, nachdem er eins der verzweifelsten

Gedichte aller Litteraturen geschrieben hatte, als Dichter so gut wie

verstummte; aber sowohl bevor wie nachdem »Die Melancholie« geschrieben

wurde, ist jene Lehre von dem inneren Gleichgewicht des Dichters und

der Siegesgewissheit der Dichtung in Tegnér's Poesie verwirklicht

worden. Als seine Seele in ihre entscheidende Krise eintrat, als

Enttäuschungen und Sorgen sein heiteres und sanguinisches Temperament

untergruben, schwieg er lieber, als dass er die Verstimmtheit seiner

Seele verstimmend auf seine Kunst wirken liess; und wenn er bisweilen

noch ein Lied anstimmte, war es, um sich in der Dichtung als jene

leichtbewegliche Jünglingsnatur zu offenbaren, die er nicht mehr in

Wirklichkeit war.

Die Poesie Tegnér's hatte nie die wehmüthige Grundstimmung, welche

die Volkspoesie in allen nordischen Ländern hat. Sie hatte überhaupt

nie ein Verhältniss zum Volkslied, nichts von der Naivetät, nichts

von den einfachen Moll-Accorden des Wunderhorns. Tegnér bewunderte

die Volkspoesie: er stand nicht wie die Kunstdichter des vorigen

Jahrhunderts ihr fremd und überlegen gegenüber; aber er betrachtete

sie, und mit Recht, als ein für sich unerreichbares Muster. Der

künstlerische Typus seiner Lyrik ist also nicht das Volkslied, weder

das finnische wie bei Franzén, noch das serbische wie bei Runeberg,

noch das schwedische wie bei Atterbom, sondern die Cantate, bisweilen

das Heldenlied und bisweilen die Bravourarie, das Wort nicht eben im

geringschätzigen Sinne gemeint, als eine Gesangsnummer, die durch

Fiorituren allein glänzen will, sondern als der stark verzierte und

volle Ausbruch eines überströmenden Lebensmuthes. Alle die Kunstformen,

die er anwendet, die Hymne, die Romanze, das Liebeslied, erhalten unter

seiner Behandlung einen Charakter, den ich nicht schärfer zu bezeichnen

weiss, als mit dem Worte: Bravour.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 83 / 110 题