VII.

Aus Tegnér's humanistischer Weltanschauung folgte mit innerer

Consequenz der politische Standpunkt, den er in den ersten fünfzig

Jahren seines Lebens einnahm, und aus seiner religiösen und politischen

Ansicht im Verein folgte mit Nothwendigkeit sein litterarischer

Parteistandpunkt.

Er war nicht, wie die Mehrzahl der damaligen poetischen Geister

in Deutschland und Dänemark (ein Tieck, ein A. W. Schlegel, ein

Oehlenschläger, ein Heiberg), politisch indifferent. Während z. B. eine

Erscheinung, wie die heilige Allianz den genannten Dichtern kaum eine

Stunde ihres Lebens verbittert hat, strömen die Briefe Tegnér's von

einer Entrüstung und einem Hohn gegen diesen Fürstenbund über, welche

sich nur dadurch von den gleichen Empfindungen Byron's unterscheiden,

dass der stolze und selbständige Engländer seinen Zorn öffentlich

in grossen Dichterwerken ausdrückte, deren offene Sprache die

Gewaltherrscher Europa's mit Skorpionen peitschte, während der Beamte

und Professor in Lund sich meistens darauf beschränken musste, seiner

Entrüstung privatim zwischen Mann und Mann freien Lauf zu lassen.

Doch nicht immer. Sein politisches Gefühl kommt seine ganze Jugend

hindurch in zerstreuten Gedichten zu Wort, und selbst wenn es sich in

seinen Poesien nicht breit macht, kann man die Bedeutung desselben

kaum zu hoch anschlagen, denn dies Gefühl war das gährende Element

seiner Seele, das sie erweiterte und ihn daran hinderte, durch die

kleinlichen Verhältnisse, in welche hinein ihn das Schicksal gestellt

hatte, kleinlich zu werden. Hätten nicht Schwedens und Europa's Politik

sein Gemüth in stete Schwingungen zwischen Entrüstung und Begeisterung

versetzt, so hätten seine Gedichte niemals die Grösse des Stils

erreicht, welche ihre Verbreitung über die Grenzen des Landes hinaus

bedingte.

Seine ersten politischen Gedichte sind durch Schwedens Erniedrigung

unter Gustav IV. veranlasst worden; so jenes »Svea«, in welchem es

heisst:

O Finland, Heim der Treu! O Burg, die Ehrnswärd schmückt,

Jüngst wie ein blut'ger Schild vom Herzen uns entrückt!

Ein Thron steht da im Sumpf, dess' Namen kaum wir kannten,

Und Kön'ge knieen dort, wohin wir Heerden sandten.

Doch früh hat sich des Dichters Blick von den besonderen

Angelegenheiten des Vaterlandes zu der grossen Weltpolitik gewandt.

Der fanatische Hass Gustav's IV. gegen Napoleon hatte in des Jünglings

Seele nur Bewunderung für den Gehassten hervorgerufen; die Alliance

Bernadotte's mit den gegen Napoleon verbündeten Heeren vermochte nicht

die Sympathie des Dichters zu brechen, und während die Romantiker sich

schon seit 1813 zu so servilen Freudenausbrüchen über die Thaten des

Kronprinzen hinreissen liessen, wie: »In Karl Johann's Spuren geht

Schwedens Engel« oder diese thörichte Panegyrik über den französisch

sprechenden Gascogner: »An der Spitze des Heeres blitzt Thor mit dem

grossen und leuchtenden Hammer, und Karl Johann wird der Donnergott

genannt«, vertheidigte Tegnér in einer Reihe von Gedichten das

revolutionäre Element in der Mission Napoleon's und schrieb bei seinem

endlichen Fall das von Verzweiflung über den Triumph der Reaction

inspirirte, bittere und scharfe Gedicht »Das Neujahr 1816«. Man höre

das energische Finale desselben:

Juchhe! Religion heisst Jesuit,

Jacobiner das Menschenrecht.

Frei ist die Welt, und der Rabe ist weiss,

Es lebe der Papst und der -- -- sein Knecht!

Zu dir, Germanien, zieh' ich, o lehre

Sonette mich dichten, der Zeit zur Ehre.

Willkommen, o Jahr mit Mystik und Mord,

Mit Lügen und Dummheit und Tand!

Du arkebusirst wohl die Welt noch -- nur fort!

Einer Kugel ist werth sie erkannt.

Unruhig ist sie, voll Gluth im Gehirne;

Doch alles wird still mit dem Schuss vor die Stirne.

Diesen öffentlichen Aeusserungen entsprechen auf's Genaueste die Briefe

Tegnér's aus demselben Zeitraum. 1813 schreibt er: »Wer sich einbildet,

dass Europa von Russen und Consorten befreit werden könne oder dass der

Erfolg der Kosaken ein Vortheil für Schweden sei, hat vielleicht Recht,

er und ich denken aber höchst ungleich. In Hass gegen die Barbaren bin

ich geboren und aufgewachsen und hoffe auch, unbeirrt von modernen

Sophismen, darin zu sterben«. 1814 ist er noch missmuthiger: »Wer kann

an der Wiederaufrichtung des europäischen Gleichgewichts glauben oder

sich über den Sieg der absoluten Erbärmlichkeit über die Kraft und

das Genie erfreuen!« 1817 gibt er endlich mit bewunderungswürdiger

Richtigkeit die Charakteristik der geistigen Reaction in folgenden

Worten: »Die Hauptsache ist das Politische; die innere Umwälzung

der Denkweise ist im Ganzen politisch; die religiöse und die

wissenschaftliche Wandlung, die wir erleben, sind alle beide mehr oder

weniger zufällige Folgen und Reactionsprocesse, deshalb ohne Bedeutung

und Dauer. Wenn das Haus aufgemauert ist, fällt das Gerüst. Es ist

wahr, dass diese Folgen beim ersten Blick ernst genug scheinen; aber

verräth nicht eben das Uebertriebene und Karikaturartige der geistigen

Bewegungen, das Haarfeine in der Wissenschaft und das Mönchische in der

Religion hinlänglich ihre Natur als blosse Reaction gegen den früheren

praktischen und freidenkerischen Geist? Scheint es nicht, als sei

man jetzt sowohl gründlich wie gottesfürchtig _par dépit_, und weil

beides vor zwanzig Jahren für bäuerisch galt ... Am wichtigsten würde

ohne Zweifel eine Veränderung im Religiösen sein, da die Religiosität

immer, wenn ächt, auch praktisch ist, aber woher schliesst man, dass

eine solche Veränderung sich bei der Mehrzahl anders findet denn als

Mode und Grimasse, und bei Vielen vielleicht aus noch schlimmeren

Beweggründen?«

Indessen war diese Reaction mit Nachdruck auf Schwedens eigenem

Grunde aufgetreten. Gegen die alte französisch-schwedische Richtung

in der Litteratur, die durch die schwedische Akademie repräsentirt

wurde, proclamirten die »Phosphoristen« in allem Wesentlichen

die Principien der deutschen romantischen Schule; man lieferte

metaphysische Beweise für die Mysterien des Christenthums, verhöhnte

die Aufklärung, behandelte die Akademie wie eine Sammlung alter

gepuderter Perrückenstöcke und verfolgte die Alexandriner mit Sonetten.

Im Uebrigen Madonna- und Calderon-Cultus, Weihrauch vor den Schlegeln

und Tieck, Schwärmerei für das Königthum von Gottes Gnaden.

Als Karl Johann die Regierung antrat, konnte er, »der Republikaner auf

dem Throne«, wie er sich anfangs nannte, der Marschall Napoleon's mit

all' den Ueberlieferungen der Revolution im Rücken, sich unmöglich

veranlasst fühlen, in nähere Berührung mit den Männern der neuen

Schule zu treten. Sie zeigten _trop de zèle_; sie erkannten die

Volkssouveränität nicht an, auf welche er selbst sich und seine

Dynastie stützen musste; sie hatten ihre auswärtigen Freunde in dem

Lager, in welchem man für die Wiedereinsetzung der alten legitimen

Königsfamilien auf die europäischen Throne arbeitete. Aber die jungen

Romantiker wünschten natürlich nichts sehnlicher, als den König zu

überzeugen, dass seine Zweifel über ihre Loyalität völlig grundlos

waren. Graf Fleming übersetzte dem König, um die Gefahrlosigkeit der

jungen Schule zu beweisen, einen Aufsatz von Geijer in's Französische.

Der König erklärte, dass er sie nicht verstehe. »Was heisst eigentlich

die neue Schule«? Ein Hofmann antwortete: »Nichts anderes, Majestät,

als dies: wenn man Einen aus der alten Schule fragt, was ist zwei

und zwei, dann antwortet er: vier; fragt man aber Einen aus der

neuen Schule, so lautet die Antwort: das ist die Quadratwurzel von

sechzehn oder ein Zehntel von vierzig oder anderes, worüber man

nachdenken muss«. -- »Das ist's eben, was ich mir dachte«, sagte Karl

Johann. Atterbom wurde zum Lehrer des Prinzen Oskar in deutscher

Litteratur ernannt, Geijer wurde für Karl Johann genau dasselbe, was

Chateaubriand eine Zeitlang für Napoleon I. gewesen war. Bald zeigte

sich der unglückliche Einfluss der doctrinär conservativen Jugend;

ihre Doctrinen wurden von den reaktionären Elementen der Gesellschaft

ausgenutzt und bald erhob in Schweden eine zuversichtliche und mächtige

Reaction den Kopf, die am Hofe wohl gesehen Karl Johann von Reformen

abschreckte und ihn in eine Spur hinübertrieb, die mit seiner früheren

Laufbahn schlecht stimmte. Er war z. B. anfangs gegen erblichen Adel

höchst ungünstig gesinnt, um so mehr weil die früheste parlamentarische

Opposition gegen seine Regierung vom Adel ausgegangen war; nach dem

Bund mit Geijer und seinen Genossen wollte er sogar Norwegen, in

welchem der Adel abgeschafft war, einen erblichen Adel aufdrängen.

Unter diesen Verhältnissen fühlte sich Tegnér wie ein Mitglied

der grossen europäischen Opposition. Er meint, dass die heilige

»muhamedanische« Allianz ein todtgeborener Embryo sei, »dessen

Begräbniss auf dem Galgenhügel er alle Hoffnung habe noch zu

erleben«; er nennt die Politik des Zeitalters »infernalisch«; er

schreibt an Franzén: »Ueber die gegenwärtige Politik Europa's

kann kein braver Mann, nicht einmal ein Deutscher, sich anders

als mit Scham und Abscheu aussprechen. In der Poesie kann sie

höchstens der Gegenstand einer Juvenalischen Satire sein. Es ist

eine bittere Ironie, die obscurantistische, wahrhaft teuflische

Tendenz der Zeit, so oft die Rede von etwas Edlem oder Grossem ist,

sei es in Versen oder in Prosa zu nennen«. In der inneren Politik

fordert er Ministerverantwortlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz,

Steuerbewilligungsrecht, parlamentarische Repräsentation, kurz das

gewöhnliche Oppositionsprogramm im liberalen Europa. Diese Grundansicht

war es, die der Oeffentlichkeit dargeboten wurde in seiner grossen

Rede bei der Vermählung des Prinzen Oscar 1823 -- ein edler Wein

in einem geschliffenen Krystall. In der neuen Zeit standen nach

seiner Auffassung zwei Mächte einander gegenüber, das persönliche

Verdienst, welches sich nur auf sich selbst stütze, und der von

den Vätern angeerbte Rang, ein plebejisches und ein patrizisches

Princip; in seiner schärfsten Form erschien dieser Contrast damals

als Kampf zwischen der aus der Revolution und der aus der Legitimität

entsprungenen Fürstengewalt. Tegnér hebt hervor, wie die junge

Fürstenbraut, welche kürzlich in Schweden gelandet ist, durch ihre

Geburt die zwei streitenden Elemente vereine und gleichsam die alte

und die neue Zeit verbinde. Denn ihr Vater (der Sohn Josephine's,

Eugène Beauharnais) sei »gleich so manchem anderen ausgezeichneten Mann

ein Sohn seiner eigenen Thaten, dessen Stammbaum aus seinem Schwerte

hervorwachse«, und mütterlicherseits stamme sie aus einem der ältesten

Fürstenhäuser Europa's ab. (Die Mutter der Braut war Amalie von Bayern,

aus dem Hause Wittelsbach.)

Es fällt mir nicht ein, anderes oder mehr in diesem Symbolisiren der

Herkunft der hohen Dame zu sehen als eine geschickt ersonnene und gut

gesagte Artigkeit. Aber in Tegnér's Mund ist sie interessant; denn für

ihn hat die Ehe zwischen dem Sohne des Revolutionsgenerals und der

Tochter des alten Königshauses augenscheinlich eine wirkliche Bedeutung

gehabt. Zu der Zeit, wo er diese Rede hielt, schrieb er gerade an einem

Gedicht, welches darauf angelegt war, mit einer ähnlich versöhnenden

Vereinigung zu enden, der lange verhinderten zwischen dem Bauernsohne

Frithiof, welcher durch Muth und Thaten sich gleichen Rang mit den

berühmtesten Helden erkämpft hat, und der Königstochter Ingeborg, deren

Geschlecht seine Herkunft von den Göttern Walhall's ableitet, und

deren Brüder in ihrem Fürstenhochmuth Frithiof ihre Hand verweigerten.

In der _Frithiofssage_ bildeten dieselben zwei Principien, das

persönliche Verdienst und der Adel des Bluts, die zwei Pole, durch

welche die Achse des Gedichtes geht. Schon im zweiten Gesang, wo

die Freundschaft zwischen dem König Bele und Thorsten Vikingssohn

geschildert wird, sagt der alte Bauer:

Gehorch dem König. _Einem_ gebührt die Macht,

und der alte König spricht entgegnend

von Heldenkraft, die mehr ist als Königsblut.

Im letzten Gesange sagt der alte Balderpriester zu Frithiof:

Du hassest Beles Söhne. Warum hassest du?

Weil sie dem Sohn des Adelsbauern weigerten

Die Schwester, die entsprungen ist aus Seming's Blut,

Des grossen Odinsohnes; ihrer Ahnen Zahl

Steigt bis zu Walhall's Thronen auf; dess sind sie stolz.

»_Geburt ist Glück und kein Verdienst_«, erwiederst du.

»Auf sein Verdienst, o Jüngling, wird der Mensch nicht stolz,

»Glück nur macht stolz die Menschen; denn das Beste ist

»Doch guter Götter Gabe. _Bist du selbst nicht stolz

»Auf deine Heldenthaten, deine höh're Kraft?

»Gabst du dir selbst die Kräfte?_«

Die Rede am Oscartage und der Schlussaccord in der Frithiofssage

bezeichnen im Leben des Dichters einen Zeitpunkt, da seine politische

Weltanschauung in einer mühsam erkämpften, unstäten Harmonie zu Ruhe

gekommen war; wenige Jahre früher -- und die revolutionäre Gährung

siedet mit leidenschaftlicher Ungeduld in seiner Brust; wenige Jahre

später -- und der Unwille über die eben begonnenen Flegeljahre des

schwedischen Liberalismus treibt ihn in's entgegengesetzte Extrem; aber

mitten zwischen diesen Strömungen war ihm auf der Wasserscheide, wo

sie sich trennten, ein, heller und inspirirter Augenblick vergönnt mit

freiem poetischen Horizont nach beiden Seiten hin.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 82 / 110 题