VI.

Tegnér ist Docent an der Universität zu Lund, 22 Jahre alt, und er

verbringt seine Sommerferien auf dem Gute Rämen bei der Familie

Myhrmann, mit deren jüngster Tochter Anna er verlobt ist. Hierhin

kommt eines Tages im September zum Besuch der gleichaltrige, später so

berühmte Geschichtsschreiber und Dichter Erik Gustav Geijer; beladen

mit der neuesten Weisheit des Tages und überströmend von jugendlichem

Drang, sich mitzutheilen und Ideen zu erörtern, macht er einen Versuch

nach dem anderen sich Tegnér zu nähern. Aber er kann nicht recht den

gemeinsamen Boden finden. Der schlanke und blonde Schwiegersohn des

Hauses ist unstät und voller Launen, ein verliebter Träumer, ein

lachlustiger Spötter. Es glimmt in seinen Augen und es blitzt aus

seinen Worten. Man kennt so wenig den Gang seiner Gedanken, wie den Weg

des Sonnenstrahls durch das Laub. Die zwei jungen Leute gehen zusammen

spazieren und discutiren unterwegs. Wir können sie sprechen hören. Der,

welcher das Wort führt, ist Geijer:

»Was Tegnér wohl über die Volksbildung in dieser Gegend meine? ob er

nicht auch glaube, dass alle sogenannte Volksaufklärung vom Uebel

sei? Er, Geijer, sehe die 'gesunde Vernunft' der Massen für das

unglücklichste Blendwerk an, das zu verehren Jemanden einfallen könnte.

Nur die Auserwählten der Menschheit hätten den höheren Sinn, der die

Wissenschaft in ihrer Wahrheit aufzufassen vermöge. Ob das nicht auch

die Meinung des Herrn Docenten sei?«

»Nein, das meine er nicht, das nenne er Mystik«.

»Mystik! was verstehe er unter Mystik«.

»Nun, sich auf den Rücken zu legen, ein Schläfchen zu machen und sich

von der Kraft des Höchsten beschatten zu lassen«.

»Ernst gesprochen -- nehme er keine intellectuelle Anschauung an?«

»Nein, er sei nicht für Deutschthümelei -- desto mehr aber für

Blaubeeren«; und gerade hier wuchsen einige ausgezeichnete, in deren

Genuss er sich gründlich vertiefte. Er zweifle übrigens nicht, dass

Geijer all' das besser verstehe, habe ihn auch immer ein Genie nennen

hören, und dergleichen Leute könnten sich schon mit der Philosophie

einlassen. Er dagegen, welcher von sich selbst wisse, dass nicht mehr

Vernunft als er unumgänglich bedürfe, um durch die Welt zu kommen, in

sein Loos gefallen sei, spiele nicht gern anders Blindekuh als mit

jungen hübschen Mädchen, höchst ungern mit so gelehrten Herren wie Kant

oder Schelling.

»Aber ohne Mysterium und ohne Mystik keine Religion«.

»Ob Geijer die Facultät in Lund anerkenne oder nicht? Diese ehrwürdige

Pedantengesellschaft habe ihm, Tegnér, das wohlverdiente Zeugniss

ausgestellt, dass er ein stilles und 'gottesfürchtiges' Leben geführt,

etwas, das in diesen letzten Zeiten selten genug sei. Was dagegen das

zur Seligkeit so höchst nothwendige Dogma von der Dreieinigkeit angehe,

so liege das völlig über seinem intellectuellen Horizont«.

»Trotzdem lasse es sich doch sehr gut erklären. Es liege kein

Widerspruch im Begriffe der Dreieinigkeit; denn der Gegensatz setze

schon die Einheit voraus. Gott als das absolute Wesen werde nicht,

sondern sei von Ewigkeit her, und sei doch im Werden begriffen, denn

er schaffe Alles und sei in Allem. Dieser Widerspruch werde einfach

dadurch aufgelöst, dass die, welche sich gegenseitig voraussetzen,

in Wirklichkeit Eins seien; der Versöhner und der Vater seien,

speculativ aufgefasst, Eins obwohl nicht Einer .... sei das nicht jedem

edelgeborenen Gemüthe klar?«

Tegnér, der ganz verloren im Anblick einer hüpfenden Bachstelze

dastand, antwortete zerstreut, dass er angeborene Adelsprivilegien

nicht anerkenne.

»In welchem Sinne nicht? Im Staate sei Geijer im höchsten Grade für

erblichen Adel«.

»Und ich«, antwortete sein Gegner, den Mund voll Blaubeeren, »ich war

von Kind auf ein Stück von einem Jacobiner«.

Das Wort hatte, wie schon angedeutet, eine weniger Schrecken einjagende

Bedeutung in Schweden als in Frankreich, abgesehen davon, dass es in

Tegnér's Mund halb Scherz war. Aber im Scherz lag der Ernst, dass er

zu den aufrichtigen Freunden der Freiheit im Staatsleben und im Denken

gehört, welche die Blutthaten der Revolution nicht eingeschüchtert

hatten. Mit wirklichem Abscheu verspürte er am Anfang des Jahrhunderts

den Einmarsch der politisch-religiösen Reaction in Schweden vom Süden

her, und es war ein noch nicht einberufener Soldat vom Heere der

Aufklärungscivilisation, der hier auf einen der ersten und am weitesten

vorgeschobenen Vorposten des romantischen Feudalismus stiess.

Tegnér kam früh genug zur Welt, um (gleich all' den hervorragenden

Männern Europa's, deren Jugend in das Ende des achtzehnten Jahrhunderts

fällt) in's Leben hinauszusteuern, die Segel geschwellt von dem grossen

kosmopolitischen Freiheitswind, der damals über die Erde ging. Seine

früheste Lectüre waren natürlicherweise die Gustavianischen Classiker

Schwedens, welche in philosophischer Hinsicht auf Locke, in allgemein

litterarischer auf Voltaire fussten. Sowohl Kellgren wie Leopold waren

Voltairianer, und beide waren politisch freisinnige Männer, die auch

nicht bei Hofe ihre Ueberzeugung verleugneten. Sie hüteten sich, die

religiösen Gefühle der Menge durch Spöttereien zu verletzen; aber sie

bewahrten und verfochten mit Glanz die Traditionen des Jahrhunderts.

Das satirische Gedicht »Die Feinde des Lichts« von Kellgren war eine

Fahne. In derselben Richtung wie die Poesien dieser Männer, nur mehr

dichterisch befruchtend, hat Schiller auf den jungen Tegnér gewirkt. An

der Grenze der Jünglingsjahre besingt er, wie Schiller, die Aufklärung

in einem Gedichte über Rousseau, und schreibt reflectirende Verse über

Gegenstände wie die Religion, die Cultur, die Toleranz, im Geiste der

Zeit.

Weder Familienüberlieferung noch Erziehung leitete den Pfarrerssohn

zur Opposition gegen den christlichen Dogmatismus. Er empfing wie all'

seine aufgeweckten Altersgenossen schon fast als Knabe die kalte Douche

Voltaire's. Sechzehn Jahre alt schreibt er: »Ich lese jetzt Voltaire;

aber sehe nicht, wie ich auch nur das Wichtigste und Nothwendigste zu

Ende lesen kann. Alles ist vortrefflich, und es ist schwierig, unter so

vielem Schönen zu wählen«. Die meisten seiner Zeitgenossen liessen sich

aber mit ähnlichen Voraussetzungen schnell vom veränderten Zeitgeiste

zum äussersten religiösen Conservatismus führen. Dazu war Tegnér zu

ehrlich und zu gross. Was ihn in religiöser Hinsicht dagegen sicherte,

seine Selbständigkeit zu verlieren, war das kräftige, von ihm selbst so

genannte _heidnische_ Element seiner Natur, das durch den soliden Bau

und die gediegene Festigkeit seines Wesens bedingt war. Von doppelter

Art waren die Männer rings um ihn her, welche die Reaction gegen das

achtzehnte Jahrhundert so stark mit sich fortriss, dass sie dadurch

zur Orthodoxie und zum Feudalismus geführt wurden. Theils waren es

Schriftsteller, deren Naturen darauf angelegt waren, in Stimmungen

die mittelalterliche Gefühlsscala zu durchlaufen, das heisst: --

mehr in der Phantasie als in Wirklichkeit -- in Zerknirschung und

Selbstverachtung zusammenzubrechen, um sich durch den übernatürlichen

Beistand der Gnade zur Seligkeit zu erheben; diese zeichneten sich

in der Poesie durch nervöse Ueberreizung in allen Formen aus:

durch mystisch-platonische Andacht, schluchzende Melancholie,

intensiv-sinnlichen Erotismus, abschreckenden Dünkel; sie bildeten die

eigentlich romantische (in Schweden sogenannte »phosphoristische«)

Phalanx; die angegebenen Merkmale sind in ungleichem Grade bei

Atterbom, Stagnelius, Hammerskjöld u. s. w. hervortretend, finden

sich aber bei Allen. Die zweite Classe von Männern hatte breitere

Schultern und gesundere Seelen; es waren historische Schwärmer, welche

das Nationalgefühl, die Liebe zum Glauben und zu den Institutionen der

Vorzeit blind gemacht hatten für all das Berechtigte und Grosse in der

Kritik des vorhergehenden Jahrhunderts -- Geijer und der um ihn sich

bildende gothische Bund in Upsala, an dessen nationale Bestrebungen

Tegnér sich anschloss, ohne weder auf die religiösen noch auf die

politischen Sympathien und Lehren des Bundes einzugehen.

Das Heidnische, das Tegnér in seiner Natur vorfand, sog aus seinen

frühesten Studien doppelte Nahrung, erst aus dem Verhältniss

zum nordischen Alterthum, dann aus der Beschäftigung mit der

antiken Poesie. In einem Briefe von 1825 schreibt er: »Eine

gewisse Seelenverwandtschaft mit unseren barbarischen Voreltern,

welche keine Cultur ausmerzen kann, trieb mich immer zu ihren

grotesken aber grossartigen Formen zurück«. Das, woran er mit

dieser Seelenverwandtschaft dachte, war jener Eigenwille des alten

Skandinaven, der sich bei ihm in herausforderndem Wesen verrieth,

und jener bei den Alten hervortretende Hang zur Schwermuth, die

sich bei ihm nicht in romantischem Lamentiren, sondern in der

ernsten und bisweilen düsteren Grundstimmung offenbarte, die nach

seinem vierzigsten Jahre so reichliche Nahrung fand, dass sie, zum

Lebensüberdruss und zur Menschenverachtung ausgeartet, sich immer

gewaltsamer äusserte. Er hat sich dichterische Symbole für dies

Titantische in seinem Wesen, für riesenstarke Naturmacht, für innere

Unruhe unter dem Drucke riesiger Schwere bald bei den Skandinaven,

bald bei den Griechen gesucht, und die altnordische und altgriechische

Mythologie sind dabei in seiner Phantasie in einander übergegangen. Der

altnordische Riese spricht bei ihm ganz wie Goethe's Prometheus:

Ich hasse weisse Asen

Und Askur's Söhne,

Sich beugend vor den Göttern,

Die ich verachte.

und seine Klage »Die Asenzeit« ist mit Schiller's »Die Götter

Griechenlands« so verwandt, dass der Dichter unzweifelhaft das Motiv

aus diesem Gedichte entnommen haben muss:

Du hohe Zeit, noch stehst im Gedächtniss du

Als leerer Harnisch; wer füllt ihn noch heut zu Tage?

Die schlaffe Zeit tritt scheu und mit Angst hinzu,

Das Heldenleben im Norden ist nur noch Sage.

Schlaf ruhig, Vorzeit! Umsonst Iduna bringt

Dich noch an's Licht, wie aus Gräbern die rostige Wehre;

Ein ander Geschlecht zu anderen Göttern singt,

Des Sanges Sehne zerbrach mit der Thaten Speere.

Auch hier ist nordisches und griechisches Heidenthum in seiner

Erinnerung zusammengeschmolzen.

In Wirklichkeit bekam das Heidnische in Tegnér's Wesen erst eine

höhere Weihe, als er die althellenische Litteratur kennen lernte.

Hier traf er eine vorchristliche Cultur, die nicht in trotzigem,

persönlichem Kampfe, sondern in versöhnter Schönheit gipfelte. Er

sah hier das Humane auf einmal dichterisch und religiös sich in sich

selbst abrunden. Vom Gesichtspunkt dieser Schönheitswelt gesehen,

gab jenes Uebernatürliche, gegen welches das vorige Jahrhundert

so leidenschaftlich Krieg geführt hatte, nicht mehr dem Gemüthe

Aergerniss, sondern fiel als überflüssig fort. Tegnér's Deismus

sonderte sein polemisches Element aus und nahm eine hellenische

Vernunfts- und Schönheitsanbetung in sich auf. Das rein Humane, das

in der griechischen Poesie die Quelle der Schönheit gewesen, wurde

ihm bald das wesentlich poetische Element überhaupt, und hierin liegt

es, dass er sein Leben hindurch sich weigerte, die Erbauungspoesie

als wahre Dichtung anzuerkennen. Dies zeigte sich bei zahlreichen

Gelegenheiten, z. B. den Dichtungen des alten Franzén gegenüber. Ueber

Franzén schreibt er 1823 an Brinkman: »Das Schöne ruht doch zuletzt auf

dem Vernünftigen, wie das Gewölbe, wie hoch es sich auch erhebt, seine

unsichtbaren Stützpunkte in den Tempelwänden hat. Aber die Tempelwände

unseres lieben Franzén sind etwas zu sehr mit Crucifixen geschmückt,

welche -- den Eindruck verfinstern«. Ueber den »Columbus« desselben

Dichters schreibt er neun Jahre später, also als Bischof: »Wie nahe

lag nicht eine frischere und kräftigere Romantik ohne Legenden und

Bekehrungsversuche und Missionäre. Ich hasse, Gott verzeihe mir, den

gottesfürchtigen Ton sowohl im Leben wie in der Poesie«, und mit

einer verwandten Wendung, drückt er in seinen letzten Jahren (1840)

denselben Gedanken bei Anlass eines Bändchens Gedichte aus: »die viele

Gottesfurcht kommt mir armen Heiden immer ein bisschen krankhaft und

trübe vor«. Desshalb protestirte er auch, ganz gegen die Gewohnheit

geistlicher Männer, Adlersparre gegenüber leidenschaftlich dagegen,

die unchristlichen Züge in den grossen modernen Geisteshelden, wie

Goethe oder Byron, verwischen zu lassen. Die offene, grundehrliche

Natur war gleich auf seiner Hut gegen den frommen Betrug.

Die Poesie an und für sich kam ihm als eine Macht religiöser Natur

vor, oder genauer: er nennt die Poesie den höchsten, reinsten,

menschlichsten Ausdruck der Menschheit und bezeichnet alles, was wir

sonst als hoch und edel verehren, nur als Modifikationen der Poesie.

Die Religion selbst ist ihm »eine praktische Poesie, ein auf den Baum

des Lebens geimpfter Zweig des grossen Dichtungsstammes«. Mit anderen

Worten lässt sich dies so ausdrücken, dass die Religion eine Poesie

ist, woran _geglaubt_ wird, dass also ihr dogmatischer Theil ein

grosses metaphysisches Gedicht bildet, dessen Werth auf dem Werth der

praktischen Lehren beruht, die man aus demselben herleiten kann -- eine

Folgerung, die Tegnér zwar nie ganz ohne Vorbehalt zieht, die man aber

immer zwischen den Zeilen bei ihm herausliest.

Mit um so grösserer Rückhaltslosigkeit hat er seinen vorurtheilsfreien

Humanismus in Aeusserungen der Sympathie für die rein menschliche

Grösse und für jene heidnischen Tugenden, die von den Kirchenvätern

als Laster verurtheilt wurden, zu Worte kommen lassen. An Geijer, der

zwar nicht strikte orthodox, aber doch unbedingt offenbarungsgläubig

war, schreibt er im Jahre 1821: »Was deine Ansicht betrifft, dass eine

besondere Offenbarung, z. B. das Christenthum, für das menschliche

Gemüth theoretisch nothwendig sein solle, so lässt sich darüber wohl

ein Zweifel hegen ... Es wird schwer zu erklären sein, wesshalb die

höchste menschliche Entwickelung, die eigentlichen Jubeljahre des

Geschlechts sowohl im Süden wie im Norden eintreffen, bevor der Name

des Christenthums genannt ist. Lasst uns Gott für unsern reineren

Glauben danken, aber vergessen wir nicht, dass das Adelsverzeichniss

der Menschheit voll heidnischer Namen ist«. Wenn Tegnér einen

Charakter recht verherrlichen wollte, so rastete er nicht, bis er ihm

eine Seite abgewonnen hatte, von welcher derselbe griechisch oder

römisch schien. Um dies unbewusste, rein instinktive Streben in's

schärfste Licht zu stellen, wähle ich zwei Beispiele, wo er christliche

Glaubenshelden als antike Grössen geschildert hat -- um später zu dem

Resultate zu kommen, dass er wegen vorausgefasster Symphatien sich in

seinem Humanisiren geirrt habe. Er hatte, in seiner Reformationsrede,

in Luther's Person alles verkörpert, was die damaligen Ritter der

classischen Bildung, ein Ulrich von Hutten, ein Franz von Sickingen

gewirkt und erkämpft hatten. Sieben Jahre später, als er durch seine

amtliche Stellung zu nachdrücklicheren historisch-theologischen

Studien gezwungen war, schreibt er tief niedergeschlagen: »Die hohen

Vorstellungen, die ich mir vormals von Luther und den Reformatoren

gemacht hatte, sind mir herabgestimmt worden. Wie manchen Luther

brauchten wir noch!« In seiner Festrede von 1832 hatte er von Gustav

Adolf gesagt, er sei »eine Heldennatur von dem grossen und rein

menschlichen Schlage, von welchem Griechenland und Rom so viele

Vorbilder gezeigt haben«, und diese Worte waren, wie eine ganze

Reihe Briefstellen beweist, in polemischer Absicht gewählt, weil er

wusste, dass die anderen Redner den König wesentlich als geharnischten

Theologen und »Märtyrer des Concordienbuches« darstellen wollten.

Fünf Jahre später schreibt er aber selbst über Gustav Adolf: »Zu den

jetzt geltenden kosmopolitischen Ideen hat er sich wohl schwerlich

emporgehoben; als Vorläufer eines neuen Zeitalters betrachtete er sich

kaum. Die Denkfreiheit, für die er kämpfte, war nichts anderes als

Gewissensfreiheit, und es ist sehr zweifelhaft, ob sich ihm jemals

der Protestantismus von anderer Seite als der rein theologischen

gezeigt hat«. Tiefere Forschung hat hier wieder den ehrlichen Dichter

dazu gebracht, die eingenommene Position aufzugeben. Aber dieses

wiederholte Zurückweichen von einem gewagten und doch mit Leidenschaft

behaupteten Versuche, das Reinmenschliche, Heidnischgrosse, aus einem

Gusse Geformte in allen Helden zu finden, selbst bei denen, um deren

Stirn die Orthodoxie ihren Ring so fest geschlagen hatte, dass kein

Platz für Tegnér's freien griechischen Lorbeerkranz übrig blieb,

verräth hinlänglich, wie kräftig ein freier classischer Humanismus

durch alle Poren in die Seele des Dichters gedrungen war.

Er hatte damit angefangen für das Ritterlich-Abenteuerliche, das

Trotzige zu schwärmen, für die Ehre nur als solche, selbst mit ihrem

Flitter. In dieser Schwärmerei, welche sich nie bei ihm verlor, fühlte

er als Naturkind und als Kind seines Volkes. »Denn«, heisst es im

Gedichte Tegnér's an Karl Johann, »allem voran steht im schwedischen

Gemüthe die Ehre, _wahr oder falsch, gleichviel_, sie lebt doch

in der Erinnerung«. Er war aber nicht nur Kind der Natur, sondern

auch der Geschichte, und die Geschichte stellte ihn zwischen die

Aufklärung des achtzehnten und die religiöse Reaction des beginnenden

neunzehnten Jahrhunderts. Er folgt keiner von beiden. Mit kräftiger

Eigenthümlichkeit wählt er unter den Bildungselementen, die sich

ihm darbieten, bis eine selbständige Anschauung des Menschenlebens,

besonders des Verhältnisses zwischen Religion und Poesie, sich in

seinem Gemüthe formt; und wir sehen ihn mit seinem warmen Dichtergefühl

unwillkürliche und bisweilen vergebliche Anstrengungen machen, um die

Wirklichkeit mit dem grossen humanistischen Ideale, das aus jener

Anschauung entsteht, in Uebereinstimmung zu bringen. Wie viel Unrecht

that Runeberg Tegnér, als er im Jahre 1832 über ihn schrieb: »Bei ihm

sieht man kaum den Schimmer von einem Ideale, ja nicht einmal einen

inneren Kampf, der seine Ahnung spüren liesse, dass es ein solches

gebe«. Der grosse finnische Rival Tegnér's hat, vierundvierzig Jahre

später, in einer Note angedeutet, dass diese Behauptung ihm jetzt zu

gewagt vorkomme; aber er hätte mehr thun sollen; es wäre eine That der

Gerechtigkeit gewesen, wenn er sie selbst widerlegt hätte.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 81 / 110 题