Tegnér wurde um die Mitte von Gustav's III. Regierungszeit geboren.
Der Königsmord wurde begangen, als er zehn Jahre alt war; er, der in
späteren Jahren sich so gern einen Gustavianer nannte, hatte folglich
nur Kindheitserinnerungen von jenem Zeitalter und keine anderen
persönlichen Eindrücke von Gustav's Wesen, als die aus zweiter Hand
durch eine verschönernde oder idealisirende Legende. Und selbst einer
solchen bedurfte es kaum, um jene Periode als eine Glanzzeit erscheinen
zu lassen im Vergleich mit der bleiernen Zeit, die ihr folgte. Gustav
III. war eine energische Persönlichkeit, mit ausgezeichneten Anlagen,
ungewöhnlichen Tugenden und glänzenden Lastern; ein eitler Despot,
aber ein aufgeklärter Geist, einer der vielen gekrönten Voltairianer
des 18. Jahrhunderts, abergläubisch und freidenkerisch, frivol und
geistreich, in kleinen Sachen kleinlich, aber mit Zügen wahrer Grösse,
tapfer, grossmüthig, ein Theaterheld mit wirklichem Muth in der
Brust. Er zog sein Leben lang durch die Magie seines Geistes alle
litterarisch begabten Männer seines Landes an, besonders die Dichter,
welche in ihm einen Collegen sahen; keiner von ihnen konnte sich
einer so ausgeprägt dramatischen Begabung rühmen, als er sie besass.
So kam es, dass er auf lange Zeit den Sitten, den Gesprächsformen,
der Litteratur das Gepräge der feingebildeten, leichtfrivolen Bildung
aufdrückte, und es ist der Conversationston aus seinen Tagen, der noch
unter Karl Johann den Briefen Tegnér's ihre Anmuth und ihren Schwung
verleiht. Seine Gestalt war in der Geschichte stehen geblieben, wie
eine tüchtige Statue von Bernini; manierirt, coquett, affectirt,
wenn man so will, mit windig brausendem Faltenwurf, aber die Haltung
war kühn und der Eindruck bedeutend; das konnte man nicht leugnen,
wie wenig die Figur auch einem zusagen möchte. Und was war nach ihm
gekommen? Zuerst die Vormundsregierung unter dem Bruder Gustav's, dem
Herzog von Södermanland, die den Zeitraum von Tegnér's zehntem bis zu
seinem vierzehnten Jahre umfasst. Der Regent, ein im Dienste der Venus
früh ergrauter Schwachkopf, zur Beute jeder Phryne und jedes Cagliostro
geschaffen, wurde von seinem Günstlinge Reuterholm, dem Typus brutaler
und unfähiger Herrschsucht, vollständig beherrscht. Nicht aus
Freiheitsliebe, sondern um indirekt einen Tadel gegen den ermordeten
König auszusprechen, führten diese gedankenlosen Männer Pressfreiheit
in Schweden ein, und ohne Vorbereitung oder Uebergang strömten nun
alle die Brandschriften der Revolutionszeit in das Land hinein. Auf
die lange Unwissenheit über das, was in Frankreich und Europa vor sich
ging, folgte jetzt ein empörter und unreifer Freiheitsenthusiasmus.
Unter Gustav war das Wort Republikaner noch mit dem Worte Philosoph
gleichbedeutend gewesen, und ein Hofmann, wie Rosenstein, konnte noch
im Jahre 1789 dem König seinen Neffen mit den Worten empfehlen, dass
der junge Mann zwar von der republikanischen Denkart angesteckt sei,
dass aber diese, innerhalb der gebührenden Grenzen gehalten, »die
Liebe zum _König_, zum Vaterland und zur Ehre nur steigere«. Jetzt
erhielt das Wort, der Erbärmlichkeit auf dem Throne gegenüber, einen
genaueren Sinn. Mit Spannung folgte man dem Vertheidigungskriege der
französischen Republik; ihr Sieg war für die öffentliche Stimmung
entscheidend; die friedlichen Kleinstädter Schwedens sprachen im selben
Tone wie die äusserste Linke des französischen Convents.
Kaum war das Unglück geschehen, als das ein halbes Jahr früher mit so
viel falschem Pathos erlassene Pressfreiheitsgesetz aufgehoben, und
durch ganz Schweden Jagd auf den Jacobinismus gemacht wurde; selbst die
loyale schwedische Akademie wurde, weil sie den völlig ungebildeten
Günstling des Regenten bei der Wahl überging, als Jacobinerclub
behandelt und geschlossen.
Eine Niedrigkeit der schlimmsten Art liess die Verachtung ihren
höchsten Grad erreichen. Die Verschwörung Armfelt's, des schwedischen
Alkibiades, war entdeckt worden, und der Herzog-Regent versuchte bei
dieser Gelegenheit das junge schöne Fräulein Rudenskjöld, eine der
Zierden des Hofes, für die Hartnäckigkeit grausam büssen zu lassen,
mit welcher sie die galanten Anträge des bejahrten, verheiratheten
Lüstlings abgewiesen hatte. Aufgefangene Briefe lieferten den
Beweis, dass sie Armfelt's Geliebte gewesen, sie wurde verhaftet
und der Mitschuld angeklagt; als aber der Herzog durch seinen
Kanzler gerichtlich beanspruchte, dass sie wegen Unsittlichkeit
auf öffentlichem Markte gepeitscht werden sollte, drückte ihm die
Erbitterung des Volkes ein so tiefes Brandmal auf, dass weder die Zeit
es tilgen, noch die weissen Haare des Alters es decken, ja nicht einmal
die, aus Klugheit sohnliche, Haltung Bernadotte's dem späteren Carl
XIII. gegenüber, es in Vergessenheit bringen konnte.
Während all' dieses sich ereignete, war Tegnér noch zu jung, um es
miterleben oder verstehen zu können. Aber die Nachwirkungen in seinem
Gemüthe waren tief und stark. Kein entlegener Winkel auf dem Lande lag
so fern, dass nicht Funken vom Revolutionskrater dahin stoben; kein
aufgeweckter Junge ging in dem Masse in seine Lectionen auf, dass er
nicht Ausbrüche von Verachtung über Hof und Regierung hörte und sich
das Seine dabei dachte. Die verfolgte »Aufklärung« wurde ein magisches,
ein theures Wort für den Jüngling. Die schwedische Akademie, die
unter anderen Umständen leicht ein Gegenstand seines Unwillens hätte
werden können, schon als Akademie, als officielle und altmodische
Vergoldungsanstalt der Mittelmässigkeit, erschien ihm früh ehrwürdig
schön, als eine Ritterwacht des Lichts, die einmal ihre Probe bestanden
hatte. Der herrschende Revolutionsgeist, der Tegnér's harmonische Seele
nicht hinzureissen vermochte, leitete ihn zum bedingten Royalismus, der
sich überall in seinen Schriften kundgibt. Er war königlich gesinnt,
wenn der König des Thrones würdig war, sonst nicht.
Im Jahre 1796 war die vormundschaftliche Regierung zu Ende, und
von da bis 1809 (d. h. von Tegnér's vierzehntem bis zu seinem
siebenundzwanzigsten Jahre) folgte als König Gustav IV. Adolf.
Pedantisch-ehrbar, steif-ernst, streng-sparsam, wie er war, musste er
bei seinem ersten Auftreten einen wohlthuenden Gegensatz zu seinem
Oheim bilden. Aber bald zeigte es sich, dass diese junge Erscheinung
völlig unnational war. Es war eher eine spanische, als eine schwedische
Physiognomie. Gustav IV. hat einen hohen Grad von Aehnlichkeit mit
dem Typus spanischer Decadence-Regenten, deren Wesen sich nach dem
grossen, traurigen Schatten Philipp's II. formte, der so lange nach
seinem Tode noch immer Madrid beherrschte. Dasselbe kleinliche Hangen
an der Etiquette, derselbe düstere Hochmuth, dieselbe linkische
Steifheit, die gleiche melancholische Religiosität unter fanatischem
Glauben an das Königthum von Gottes Gnaden. Der Hof, der zehn Jahre
früher sich wie ein festliches Gemälde von Watteau ausgenommen hatte,
war nun so still und ceremoniell, wie der spanische unter Carl II.,
und der grosse Philipp selbst konnte ein Vergehen gegen die Majestät
nicht strenger bestrafen, als Gustav die Schuld, auf der Strasse den
Hut nicht vor ihm abgezogen zu haben. Er hatte an Rosenstein einen
freisinnigen und vortrefflichen Erzieher gehabt. Gustav III. liess
den ehrenhaften Lehrer walten. »Rosenstein«, sagte er, »mag immerhin
meinen Sohn zum Philosophen erziehen; er wird schon Royalist, sobald er
König wird«. Der Vater that selbstverständlich nichts dafür, ihm den
hartnäckigen Offenbarungsglauben beizubringen, der ihn Prophezeiungen
über sein Schicksal in der Apokalypse lesen liess. Aber die Reaction,
die bei dem Wechsel des Jahrhunderts überall in der Luft lag, kam
wie auf Schleichwegen und umspannte das Gemüth des Kronprinzen. Die
Frivolität des Vaters hat wohl abschreckend gewirkt und den ersten
Stoss nach rückwärts gegeben; die Ermordung des Vaters gab den zweiten.
Bald ging er in majestätischem Selbstgefühl weiter, als irgend ein
Bourbon. Er verbot den Zeitungen das Pronomen »Wir« in solchen
Wendungen zu gebrauchen wie: »Wir erwarten mit Ungeduld Nachrichten,
wir haben hier strengen Winter«, weil dieses ihm wie ein Eingriff
vorkam in jenes königliche Prärogativ, welches »Pluralis majestatis«
genannt wird. Er liess alle erscheinenden Schriften auf's genaueste
untersuchen und hegte persönlich einen so grossen Abscheu vor Büchern,
dass er seine Freude äusserte, wenn er hörte, dass eine Buchdruckerei
eingegangen war. Selbst las er niemals anderes, als die Bibel und das
Exercirreglement.
So war der König beschaffen, der in seinem thörichten Krieg gegen
Napoleon nicht rastete, bis er Stralsund und Rügen verloren hatte,
und dessen wahnsinniger Krieg gegen Russland dazu führte, dass ein
russisches Heer (1808) definitiv ganz Finnland eroberte. Runeberg
hat in seinem Gedichte »Der König« in »Fänrik Stal« ihm das Denkmal
gesetzt, das er verdiente. 1809 zwangen ihn ein paar beherzte
Officiere, dem Thron zu entsagen. Der Herzog von Södermanland
folgte ihm als Carl XIII., und als dessen Adoptivsohn bald hernach
starb, geschah es, dass die unrichtige Vorstellung, Napoleon zum
Gefallen zu handeln, und die illusorische Hoffnung, dadurch Finnland
zurückzugewinnen, die französische Partei in Schweden Bernadotte
zum Kronprinzen wählen liess. Seine Gestalt trat aus dem dunklen
Hintergrund der Schatten seiner Vorgänger mit Glanz hervor. Während
eines Zeitraums von dreiunddreissig Jahren leitete der kluge Gascogner
Schwedens Politik, und dieser König, dessen Regierungszeit mit den
kräftigsten Jahren Tegnér's zusammenfällt, theilt mit ihm die Ehre,
der Generation, die er beherrschte, den Namen gegeben zu haben. Der
Zeitraum von 1810 bis 1840 gehört Carl Johann und Tegnér.
Dies sind die Bilder der Regenten, welche damals nach einander Schweden
ihre Physiognomien aufdrückten und deren Profile auf die Münzen geprägt
wurden, welche durch die Finger Tegnér's glitten, während er Kind,
Schreiber, Student und Magister war.