Innig mit der lyrischen Begeisterung bei Tegnér vereinigt ist nun die
ergänzende Fähigkeit, die ihn witzig im geselligen Verkehr, glücklich
im Epigramm und Impromptu, hervorragend als Professor, ausgezeichnet
als Briefschreiber, Redner und Prediger macht, und gross vor allem
in der versificirten, dichterisch bewegten und geformten Rede; eine
Fähigkeit, die nicht ohne Weiteres eine Anlage zur Rhetorik genannt
werden kann, aber die ich vorläufig, wenn auch nur undeutlich, als das
Geistreiche bei ihm bezeichnen möchte.
Sein Geist war nicht der französische Esprit. Dieser ist in seiner
eigenthümlichsten Form bei Voltaire reiner, bildloser Verstand. Der
Geist Tegnér's erging sich dagegen fortwährend in Bilder. Er dachte in
Bildern, desshalb sprach er in Bildern. Die Gabe des abstracten Denkens
fehlte ihm, ja ging ihm so vollständig ab, dass er nicht einmal bei
andern an ihre Resultate glaubte: die Metaphysik war ihm ein Greuel
als Hirngespinnst, dessen Fäden er nicht zu unterscheiden vermochte,
die Dogmatik war sein Schrecken als ein Bündel Absurditäten, aus
denen er nichts Verständliches herausfinden könne. Und er hatte einen
guten, gesunden, selbstvertrauensvollen Verstand, der instinctiv alle
Dunkelheit des Denkens und der Rede verabscheute. Er hatte einen so
lebhaften Trieb, sich alles, was er dachte und fühlte, anschaulich zu
machen, dass unaufhörlich Bild auf Bild sich bei ihm drängte. Dies
war es, was seiner Rede das elektrisch Funkelnde und Blitzende gab,
von welchem die Zeitgenossen so stark ergriffen wurden; was seinen
Briefstil so unterhaltend machte und unwillige Kritiker veranlasste,
seine Dichtungen mit prachtvoll bunten, inhaltslosen Seifenblasen zu
vergleichen; dies endlich machte ihn witzig, denn es giebt eine Art von
Witz, die auf dem neuen, überraschenden Aufeinanderplatzen der Bilder
beruht. Dies Geistreiche möchte ich die Fruchtbarkeit der Form bei ihm
nennen. Er hat wenig geschrieben, nie einen poetischen Inhalt erfunden.
Aber die Stimmung, in welche die geistige Productivität ihn versetzte,
sprosste und blühte jeden Augenblick; sie konnte nur ausnahmsweise
grosse, durchgeführte Gestalten oder einfache, von wenigen Hauptlinien
geformte Bilder entwerfen, aber sie brachte unaufhörlich Miniaturbilder
hervor, die antithetisch oder contrastirend gegen einander standen,
in einander überglitten, vereinigt wurden und sich verpflanzten.
Revolverartig war sein Gemüth mit Einfällen geladen, und sie folgten
sich Schuss auf Schuss gegen denselben Punkt gerichtet, treffend, aber
einander verdrängend. Der Gedanke und das Bild waren in seinem Gemüthe
nicht getrennt; sie wurden auch nicht zusammengesucht, wie seine Gegner
es geglaubt und behauptet haben. Und doch waren sie nicht wie bei den
grössten Dichtern ohne weiteres Eins.
In seiner Einbildungskraft verhielt sich der Gedanke zum Bilde
ungefähr, wie sich die Anfangsbuchstaben in alten Mönchsmanuscripten
zu den Miniaturmalereien verhalten, welche mit ihnen verflochten und
um sie herum ausgeführt sind. Man denke sich eine Handschrift, in
welcher nicht nur einzelne, sondern die überwiegende Mehrzahl von
Hauptschriftzeichen auf solche Weise malerisch verziert sind, und man
wird eine Art Vorstellung von den Reihen übereinstimmender Ideen- und
Bilderassociationen erhalten, welche Tegnér's Gehirn unaufhörlich
erzeugte. Oder man erinnere sich einer jener Statuetten aus der
beginnenden italienischen Renaissance, wo der Künstler zu seinem
Vergnügen am grösseren Standbild kleine Bilder ausgeführt hat, wo er
z. B. auf dem von Goliath's Haupt gefallenen Helm, welcher vor den
Füssen David's liegt, ein kleines Basrelief von einer Quadriga im
Galopp ciselirt hat, das zwar einen Theil des Ganzen bildet, aber durch
den losen Zusammenhang damit und durch den selbständigen Anspruch auf
Beachtung das Interesse zersplittert. Man denke sich ein dichterisches
Gemüth, in welchem die Vorstellungen solche kleine Basreliefs bilden,
und einen Vortrag, der diese noch obendrein colorirt, so macht man
sich eine annähernd richtige Idee von der Weise Tegnér's, seine
dichterischen Motive auszuführen. Sein Stil ist eine Art chromatischer
Architektur und Sculptur und hat die anziehenden und abstossenden
Eigenschaften derselben. Die farbige Bildhauerkunst kommt in unseren
Tagen manchem barbarisch vor, und doch haben die Griechen sie angewandt
und nie ganz aufgegeben. Sie kann nicht ungriechisch genannt werden
und erscheint doch vielen jetzt Lebenden geschmacklos und veraltet.
Die Gedichte und Reden, in welchen Tegnér's eigenthümliche Manier
am stärksten und deutlichsten hervortritt, könnte man mit jenen
griechischen oder römischen Statuen vergleichen, die eben so wohl
durch äussere Pracht wie durch ideelle Schönheit wirkten. Die Göttin
hatte goldene Ketten um den Hals, schöne lange Schleier und Ohrringe;
sie besass einen völligen Kleidervorrath und einen vollständigen
Juwelenschrein. Ebenso haben bei Tegnér der Goldschmied und der
Künstler zusammen gearbeitet. Oft mit Erfolg, und das Resultat ist
ein anziehendes Ganzes geworden, das nur ein Pedant oder Doctrinär
verwerfen könnte. Nicht selten jedoch so, dass das Resultat eine recht
starke Uebertreibung geworden ist. Ein Schriftsteller der damaligen
Zeit (der witzige Palmär) tadelte dies einmal mit Worten, die in das
Gleichniss, das ich eben gebrauchte, hineinpassen: »Grüsse deine Muse«,
sagt er, »und bitte sie, sich nicht mit Metaphern zu überlasten, wie
sie es pflegt. Diese Juwelen müssen, selbst wenn sie echt sind, mit
Mass getragen werden. Lass sie sich die Schmucksachen um den Hals
anlegen, in die Ohren und an die Finger, wenn du willst, aber -- an die
Zehe -- pfui Teufel!«
Ich kann mich genauer durch Beispiele erklären. Maria in »Axel«
beschliesst, dem russischen Heere verkleidet als Soldat zu folgen:
Ein Kriegerhut
Verbirgt der schwarzen Locken Fluth.
Den Busen eng ein Koller hüllet,
Pulver und Blei den Ränzel füllet,
Und um die Schulter hängt sie her
_Des Todes Sehrohr_, ein Gewehr.
Der Ausdruck »des Todes Sehrohr« für den Büchsenlauf ist malerisch
und insofern nicht übel; aber das Bild gehört nichts desto weniger
eigentlich nicht hier her; es hat nicht nur nichts mit Maria's
Gestalt zu thun, sondern es entspricht ausserdem nur einem Gewehr im
allgemeinen, nicht dem Gewehr, das um ihre Schulter hängt; denn dieses
würde kaum einen Schweden tödten. Auf mich wirkt dieses Bild, als sähe
ich am Rande des Textes eine sorgfältig ausgeführte Miniatur von dem
unheimlichen Gerippe, das mit der Hand, welche die Sense frei gelassen
hat, zielend die Büchse an's Auge legt.
In den »Abendmahlskindern« bittet der alte Pfarrer seine Confirmanden,
Gebet und Unschuld zu Führern ihres Lebens zu wählen. Beide werden
sofort mit ein paar Strichen personificirt, und dann wird das Bild zu
einem kleinen biblischen Relief ausciselirt, der Art wie man sie in
Italien an den Broncethüren von Kirchen und Baptisterien sieht:
Unschuld, Kinder, sie ist ein Gast aus seligern Welten,
Schön mit der Lilj' in der Hand -- auf den brausenden Wellen
des Lebens
Schwankt sie getrost, sie bemerket sie nicht, sie schlummert
im Schiffe.
Oder man nehme ein Beispiel aus Tegnér's Briefstil. Er eifert (1817)
gegen die europäische Reaction: »Blick' auf die Zeichen der Zeit
gen Nord und Süd! Weisst du eine Niedrigkeit, eine Barbarei, ein
wahnsinniges Vorurtheil, dessen Wiedergeburt sie nicht verheissen? Die
Schlange der Zeit häutet sich oft; aber widerwärtiger als jetzt, gerade
jetzt, war sie nie, so weit die Geschichte zurückgeht, zischte sie auch
lauter Psalme, und wäre ihr Rücken auch mit Bibelsprüchen so übermalt
wie ein Grabstein«. Liegt nicht in diesem energischen, aber vollkommen
unaffectirten Streben nach Anschaulichkeit etwas, was an chromatische
Sculptur erinnert? Erblickt man nicht förmlich die Schlange der Zeit
vor sich mit rothen Conturen, und nimmt sich nicht ihr mit wunderlichen
Ziffern bedeckter Rücken aus wie das Bild eines mit Hieroglyphen oder
Keilinschriften bedeckten Gottes in Thiergestalt an einer ägyptischen
oder assyrischen Wand? Und wenn man endlich die Gleichnisse liest,
mit welchen Tegnér in »Frithiof« Frauenschönheit zu malen versucht,
versteht man dann nicht, warum ich an den harten Metallglanz der Farben
an einem antiken Idol erinnerte?
O wie doch Gerda's Wange lacht,
_Gleich frischen Schnee in Nordscheinpracht_.
Ich kenne Wangen, wenn sie blühen,
_Zugleich zwei Morgenröthen glühen_.
Es wäre ungerecht, diese letzte Strophe als angemessenes Beispiel von
Tegnér's malerischem Verfahren anzuführen; aber es liegt auch darin
etwas Typisches. Die meisten der Gleichnisse, welche die Phantasie
Tegnér's hervorbringt, kommen mir durch ihren, die Natur weit
überschreitenden Glanz ungefähr so vor, wie das Bild, das er seine
Ingeborg von Frithiof's Falken weben lässt:
Ihm auf der Hand
Wirk' ich dich hier in des Teppiches Rand,
_Silbern_ die Schwingen zu schauen,
_Golden_ die Klauen.
Etwas Conventionelles und Steifes lässt sich bei einer Vorliebe dieser
Art schwerlich vermeiden. Die Neigung, jeden Begriff in ein Bild zu
verwandeln, verleitet in nichtinspirirten Augenblicken Tegnér zum
gewohnheitsmässigen Benutzen einmal angewandter Gleichnisse, die
dann fast stereotyp zurückkehren. So hat er (um nur bei den Vögeln
zu bleiben) ein paar Vogelgestalten, welche er unermüdlich anbringt:
den Adler, die Nachtigall, die Taube. Sie stehen als Aequivalente
für Kraft, Poesie und Frömmigkeit. Der Adler hat, so verwendet, bei
Tegnér nicht mehr von der Natur des wirklichen Adlers behalten, als die
Adler, welche fürstliche Wappen schmücken; Tegnér's Adler ist ein rein
heraldischer. Man kann in seinen Gedichten Zeilen finden wie diese:
»Die arme Psyche, wie sie auch fliegt, ist auf der Erde ein Adler
mit Schmetterlingsflügeln«, oder Gleichnisse wie folgende von einer
schön singenden Dame: »Sie hatte eine Nachtigall im Halse, und eine
schneeweisse Taube sass Nacht und Tag in ihrem Herzen«. Ein Adler mit
Schmetterlingsflügeln ist ein zu naturwidriges Geschöpf, und wenn die
Nachtigall in einem weiblichen Halse fest angebracht wird, trägt sie
nicht eben dazu bei, die Anschaulichkeit zu vermehren.
Er hat selbst in seiner Antrittsrede als Mitglied der schwedischen
Akademie die Bildersprache vertheidigt. Er betont den Zweck der Poesie,
der Einbildungskraft Erscheinungen, nicht Begriffe, zu bieten, und das
Wesen der Sprache, eine Gallerie verblichener Bilder zu sein, welche
der Dichter nothwendig auffrischen muss. Er hat hierin durchaus nicht
Unrecht, hätte sich aber zu Herzen nehmen sollen, was die griechische
Dichterin Corinna einst zu Pindar sagte, das grundhellenische Wort,
»dass man mit der Hand und nicht mit dem Sacke säen solle«. Zum Glück
für ihn war der Grundmangel seiner schöpferischen Begabung, die
eigenthümliche Mischung von Armuth und Verschwendung so populärer
Natur, dass sie in seinem Lande und zu seiner Zeit ihm den Weg zum Ruhm
eher ebnete als versperrte.