Die lyrische Begeisterung Tegnér's offenbart sich früh als ein
angeborener Hang zum Enthusiasmus für alles, was sich stark vom grauen
und prosaischen Hintergrund des Alltagslebens abhebt; alle persönlichen
Grossthaten, alle leuchtende Ehre, möge sie wie auch immer gewonnen
sein: er wird von ihrem Strahlenglanz angezogen und schwärmt selbst
für ihren Flitter. Eine starke Verehrung vor den grossen Namen der
Geschichte, eine entschiedene Unlust, herabsetzende Verstandeskritik
an einmal erworbenen Ruhm anzulegen, bildet einen der tiefsten und
unveränderlichsten Züge seines Charakters. Es ist die ungewöhnliche
Steigerung dieser Grundneigung, die ihn zum Dichten bringt; ja, sie
ist es, die ihn zum Dichter macht. Um aber diese Neigung besser zu
verstehen, müssen wir zu den Quellen seiner Begeisterung zurückgehen,
prüfen, welche Ideale er sucht, vorfindet oder formt, sehen, in
welcher Art von inneren Spiegelbildern er die Natureigenthümlichkeiten
oder geistigen Eigenschaften darstellt, die dem Besten in ihm
selbst entsprechen. Er träumt nicht wie Oehlenschläger von einer
Aladdinsgestalt; dazu ist er weder naiv noch verwegen genug. Eben so
wenig spiegelt er sich in einem Hamlet oder Faust; die Helden des
Zweifels und des Gedankens sind viel zu abstract für seine kräftige
Knabenphantasie; sie träumt von handfesteren Idealen. Noch weniger
sammeln sich seine Vorstellungen um einen Manfredtypus; die Schuld
lockt ihn nicht, und das Geheimnissvolle hat für seine offene Natur
keinen Reiz. In idyllischen Verhältnissen und unter allgemeinem
Wohlwollen in der kleinen Stadt, die er selbst »ein akademisches
Dorf« genannt hat, erzogen und entwickelt, konnte er schliesslich in
dem weltbürgerlichen Posa-Pathos des lange unterdrückten Schiller's
unmöglich sich ergehen. Das Ideal, das sich langsam in seinem Gemüthe
bildet, ist ein nationales und nordisch-romantisches Ideal.
Es ist ein lichtes Bild offener, vorwärts stürmender und umformender
Kraft, halb kriegerischer, halb civilisatorischer Art. Es nimmt alle
die Gestalten an, die Tegnér im Laufe der Jahre mit Vorliebe gezeichnet
hat.
Er hat z. B. in einer Universitätsrede Luther zu charakterisiren. Um
dies zu thun, stellt er ihn unter den Gesichtspunkt, von welchem aus er
die Männer der That zu betrachten pflegt. Zuerst hebt er hervor, dass
Luther Allem, was er sprach und ausführte, den Stempel »übersprudelnder
Kraft« aufdrückte:
»Es lag etwas _Ritterliches_, ja ich kann fast sagen _Abenteuerliches_
in seinem Wesen, in seinem ganzen Unternehmen .... Seine That war
wie eine ganze, sein Wort wie eine angefangene _Feldschlacht_. Er
war eine der gewaltigen Seelen, die wie gewisse Bäume nur im Sturme
blühen. Sein grosses, _wunderreiches_ Leben kam mir immer vor wie ein
_Heldengedicht_ mit seinen Kämpfen und seinem endlichen Sieg«.
Man fühlt um so stärker die Natur des Redners aus dieser so einseitigen
Charakteristik des vielseitigen Gegenstandes heraus, wenn man bemerkt,
dass Tegnér hier Grundbestimmungen gegeben hat, die er einige Jahre
später mit leicht veränderten Eigenschaften fast Wort für Wort auf eine
von Luther so verschiedene Persönlichkeit wie König Gustav III. von
Schweden anwenden kann. Es bedarf kaum eines Beweises, dass es zwischen
dem derben sächsischen Reformator und dem theatralischen, gallisirten
und ungläubigen Monarchen kein anderes Band gab, als das, welches
Tegnér's Bewunderung für beide schuf. Tegnér sagt von Gustav: »Er
hatte in seinem Wesen nicht nur etwas Grosses, sondern zugleich etwas
_Ritterliches_; die hohe _Heldenkraft_ zeigte sich bei ihm nicht mit
Schild und Schwert, sondern im leichtesten Gewande der Anmuth. Er war
ein grosses _romantisches Heldengedicht_ mit dessen _Abenteuern_ und
Verzauberungen, aber zugleich mit den zärtlichsten Ergüssen des Herzens
und den üppigsten Spielen der Freude«.
Grösse, Kraft und abenteuerliche Romantik sind also die gemeinsamen
Grundbestimmungen für Luther und Gustav; beide sind sie Ritter, und
beider Leben kommt Tegnér wie ein romantisches Heldengedicht vor. Was
konnte er anderes und mehr über _Frithiof_ sagen; was hat er anderes
in Wirklichkeit darüber gesagt, als er in seiner Selbstcharakteristik
auf das Lebensfrische, Trotzige, Uebermüthige dieses Helden und dieses
Heldengedichtes hinwies!
Hier haben wir also die tiefste, festeste Grundlage, auf welcher seine
Vorstellungen vom heroischen Ideale sich allmälig ablagern.
Es finden sich einige jugendlich unschuldige Oden aus dem sechzehnten
Jahre Tegnér's, bei Gelegenheit des Gerüchtes von Bonaparte's Tod in
Aegypten verfasst. Er verherrlicht in ihnen Bonaparte als den Helden
der Freiheit, dessen Ehre nicht durch Blut und Thränen erkauft ist,
der aber Aufklärung und Glückseligkeit der ganzen Welt bringen wird.
Es ist ein Echo der Refrains der Humanitätsperiode, das von diesen
Kinderlippen klingt. Sie rufen Napoleon ein kategorisches: »Lebe für
die Menschheit oder falle!« zu. Der erwachsene Mann denkt darüber
anders. In der grossen religiös-politisch-litterarischen Reaction
gegen das Aufklärungszeitalter war die anti-gallische Hauptströmung,
die Walter Scott und Oehlenschläger gewann, Tegnér völlig zuwider.
Die Reaction schlug aber eine ästhetische Saite an, die mit seinem
Naturell übereinstimmte. Das war ihre Geringschätzung des Nutzens
als Massstab für den Werth der That. Die auf die Spitze getriebene
Nützlichkeitslehre und die damit verbundene Menschenliebe hatte sich
ja gegen den Begriff des Ritterlichen und Abenteuerlichen gewandt.
»Der alte, ritterliche Traum«, sagt Tegnér, »von der Ehre der Völker
wurde entweder geradeaus für ein Hirngespinnst erklärt, oder Ehre und
ökonomischer Wohlstand als identisch betrachtet. In der Geschichte
wurde alles wie in einem Geschäftsbureau nach dem, was es eintrug,
berechnet, und ein Spinnhaus oder eine Dreschmaschine höher geschätzt,
als Alexander's abenteuerlicher Zug nach Indien oder die unnützen Siege
Karl's XII.«.
Er übertreibt nicht; der arme Alexander der Grosse war in Schweden
von einem begeisterten Aufklärer weit unter jenen Wohlthäter
der Menschheit gestellt worden, der die billige und nahrhafte
Braunschweiger Mumme erfand. Die jugendliche Vorstellung Tegnér's vom
tugendhaften, nützlichen Helden wurde jetzt polemisch geändert und in
Uebereinstimmung gebracht mit der Einsprache der ganzen romantischen
Geistesrichtung gegen die philiströse Sorge für menschliches
Wohl als eine Hauptsache. Die moralische Betrachtung musste der
romantisch-metaphysischen Vergötterung des Schicksalshelden weichen.
Der Weltgeist allein war verantwortlich.
Was doch schmäht ihr mich ohn' Ende,
Ihr, des Augenblickes Scharen,
Willenlos, der Kraft beraubt?
Fangt den Schmetterling behende,
Aber lasst den Adler fahren
Frei um seiner Berge Haupt!
Fragt der Donner, hergeschicket,
Fragt der Sturmwind, dessen Sausen
Rings die Erde hat gehört,
Ob auch Lilien sind zerknicket,
Ob im grünen Hain das Brausen
Auch ein liebend Paar gestört?
So heisst es im Gedicht »Der Held« (Mohnike's Uebersetzung) 1813.
Diese Ansicht ist zwar weit entfernt, die endgültige Tegnér's zu
sein. Gewohnt, wie er war, zum Persönlichen wie zur höchsten Form
des Daseins emporzusehen, konnte er nur gelegentlich und halbwegs
aus Trotz sich pantheistisch ausdrücken wie hier. Und als ein
bewusst reflectirender Geist war er eher geneigt, an das Unbewusste
nicht zu glauben als es zu überschätzen; so hat er z. B. eine Menge
polemischer Ausfälle gegen die Lehre von einer blinden poetischen
Inspiration gerichtet; so tiefe Wurzel hatte aber die Vorliebe für
ein kriegerisches, sturm- und donnerartiges Vorwärtsstürmen in seinem
Gemüth geschlagen, dass er nicht davor zurückscheute, ihr jenen
verwegenen Ausdruck zu geben.
Noch stärker als in den verschiedenen Gedichten zur Ehre Napoleons
spricht sich die Verachtung der materiellen Ausbeute als Resultat der
Heldenthaten im Gedichte »Alexander am Hydaspes« aus. Tegnér hat den
Augenblick gewählt, als die erschöpften und ängstlichen Truppen den
grossen Alexander anrufen, sie nicht tiefer in Asien hineinzuführen,
sondern den Heereszug zurück nach der Heimath zu leiten. Der
König antwortet höhnend: »Glaubt Ihr, dass ich als Jüngling von
Macedoniens Gebirgen herunterstieg, um Euch Gold und Purpurgewänder
zu verschaffen? Ehre such' ich, nur Ehre und weiter nichts!« -- eine
Antwort, die an Schärfe und Präcision nichts zu wünschen übrig lässt.
Die Geringschätzung von Menschenleben und Menschenglück wird bei dem
hochbegabten und unverzagten Gewaltherrscher als unbedingt berechtigt
dargestellt.
Daher begreift man leicht, dass Karl XII., die zugleich verrückteste
und imposanteste Gestalt unter den Königen Schwedens, ein Held ohne
Fehl für Tegnér werden konnte. Er legt ihm kaum zur Last, dass er
mit all' seinen glänzenden Eigenschaften Schweden so tief von dessen
europäischer Grossmachtshöhe hinabstürzte, dass es sich nie wieder
zu erheben vermocht hat. Es war kein Zufall, dass Tegnér unter allen
schwedischen Dichtern derjenige wurde, welcher das schöne Gedicht
über den König schrieb, das, obwohl nur als Gelegenheitsgedicht
verfasst, der Nationalgesang Schwedens geblieben ist. Das unnütze
Sich-in-Gefahren-stürzen lockte immer seine Phantasie; die
Halsstarrigkeit, die, mit dem Blicke auf ein selbstgeschriebenes
Gesetzbuch der Ehre geheftet, klug zu handeln verachtet, war in seinen
Augen kaum ein Fehler, und die Gleichgültigkeit dafür, ob die That zum
Siege oder zum Verderben führe, wenn sie nur leuchtet und lärmt, nach
seiner Vorstellung eher eine Tugend:
Nordens Kraft ist Trotz, und Fallen
Gilt als Siegesruhm uns allen
lässt er in seinem Epos »Gerda« den Bischof Absalon sagen.
Die Umsicht des Staatsmannes und des Gesetzgebers begeisterte ihn
nicht: aber er liebte den königlichen Jüngling »vor dessen Wort des
Staatsmanns Netze zerrissen« (Tegnér's »Karl XII.«); die lange voraus
erwogenen Pläne des Feldherrn schienen ihm nicht das rechte Zeugniss
des kriegerischen Genies; aber er bewunderte über alle Massen die
augenblickliche Eingebung auf dem Schlachtfelde und den ungestümen
Muth, der ihr folgt.
Man sieht es, wo Tegnér eine von Karl XII. so verschiedene und ihm so
überlegene Grösse wie den Retter des Protestantismus, Gustav Adolf,
schildert. Was er an ihm preist, sind nicht so sehr seine Verdienste
als Politiker und Heerführer, als vielmehr die Eigenschaften, die ihn
so viel wie möglich in Eine Reihe mit einem Soldatengeneral wie Karl
XII. stellen. Er verweilt mit Begeisterung bei »den plötzlichen und
blitzartigen Einfällen auf dem Schlachtfelde«, die ihn »wie jedes
andere kriegerische Genie« auszeichneten. Er lobt Gustav, dass er
die Gefahr um ihrer selbst wegen liebte, und sich freute, mit dem
Tode zu spielen. Kurz, er hält den engen altnordischen Massstab der
Männlichkeit fest und strebt ihn sogar in den Fällen anzulegen, wo er
von der wirklichen Grösse weit überragt wird. Er betrachtet es z. B.
halbwegs als schmählich für Wallenstein, dass er (aus guten Gründen)
der Schlacht auswich, die Gustav, »sein ritterlicher Gegner« ihm bei
Nürnberg anbot.
Was nun diesem Tegnér'schen Ideale die letzte Retouche gibt, das
ist die Offenheit, die er von seinem Helden verlangt. Seine eigene,
ehrliche und derbe Natur spiegelt sich darin ab. Von Wallenstein sagt
er, dass man ihn einen grossen Mann genannt haben würde, »wenn er edel
und _offen_ gewesen wäre«. Edelmuth ist nicht genug, Offenheit wird
nicht weniger gefordert. Die alten nordischen Berserker warfen in ihrer
kriegerischen Hitze die Schilder auf den Rücken; Tegnér findet an
dieser Kampfesweise so viel Gefallen, dass er sie auch auf das geistige
Feld gern überführt sieht. Ja, die Offenheit scheint ihm sogar eine
Art Bürgschaft für die edle Denkweise und liegt ihm mehr am Herzen als
jene; denn in der herabsetzenden Charakteristik, die er von Wallenstein
gibt, betont er am stärksten sein düsteres, zugeknöpftes Wesen, ohne
ihm eigentlich unedle Züge vorzuwerfen. Ihm gegenüber stellt er dann
Gustav Adolf auf als die lichte und freimüthige Natur, mit einer
Offenheit ausgestattet, die unzweifelhafter bei Tegnér als bei dem in
der Regel verschlossenen und wenig zugänglichen König war.
So empfängt jede Gestalt, die Tegnér besingt oder schildert, einen
kleinen Druck, der sie in die Form des ihm vorschwebenden Heldenideals
hineinpresst.