III.

Die lyrische Begeisterung Tegnér's offenbart sich früh als ein

angeborener Hang zum Enthusiasmus für alles, was sich stark vom grauen

und prosaischen Hintergrund des Alltagslebens abhebt; alle persönlichen

Grossthaten, alle leuchtende Ehre, möge sie wie auch immer gewonnen

sein: er wird von ihrem Strahlenglanz angezogen und schwärmt selbst

für ihren Flitter. Eine starke Verehrung vor den grossen Namen der

Geschichte, eine entschiedene Unlust, herabsetzende Verstandeskritik

an einmal erworbenen Ruhm anzulegen, bildet einen der tiefsten und

unveränderlichsten Züge seines Charakters. Es ist die ungewöhnliche

Steigerung dieser Grundneigung, die ihn zum Dichten bringt; ja, sie

ist es, die ihn zum Dichter macht. Um aber diese Neigung besser zu

verstehen, müssen wir zu den Quellen seiner Begeisterung zurückgehen,

prüfen, welche Ideale er sucht, vorfindet oder formt, sehen, in

welcher Art von inneren Spiegelbildern er die Natureigenthümlichkeiten

oder geistigen Eigenschaften darstellt, die dem Besten in ihm

selbst entsprechen. Er träumt nicht wie Oehlenschläger von einer

Aladdinsgestalt; dazu ist er weder naiv noch verwegen genug. Eben so

wenig spiegelt er sich in einem Hamlet oder Faust; die Helden des

Zweifels und des Gedankens sind viel zu abstract für seine kräftige

Knabenphantasie; sie träumt von handfesteren Idealen. Noch weniger

sammeln sich seine Vorstellungen um einen Manfredtypus; die Schuld

lockt ihn nicht, und das Geheimnissvolle hat für seine offene Natur

keinen Reiz. In idyllischen Verhältnissen und unter allgemeinem

Wohlwollen in der kleinen Stadt, die er selbst »ein akademisches

Dorf« genannt hat, erzogen und entwickelt, konnte er schliesslich in

dem weltbürgerlichen Posa-Pathos des lange unterdrückten Schiller's

unmöglich sich ergehen. Das Ideal, das sich langsam in seinem Gemüthe

bildet, ist ein nationales und nordisch-romantisches Ideal.

Es ist ein lichtes Bild offener, vorwärts stürmender und umformender

Kraft, halb kriegerischer, halb civilisatorischer Art. Es nimmt alle

die Gestalten an, die Tegnér im Laufe der Jahre mit Vorliebe gezeichnet

hat.

Er hat z. B. in einer Universitätsrede Luther zu charakterisiren. Um

dies zu thun, stellt er ihn unter den Gesichtspunkt, von welchem aus er

die Männer der That zu betrachten pflegt. Zuerst hebt er hervor, dass

Luther Allem, was er sprach und ausführte, den Stempel »übersprudelnder

Kraft« aufdrückte:

»Es lag etwas _Ritterliches_, ja ich kann fast sagen _Abenteuerliches_

in seinem Wesen, in seinem ganzen Unternehmen .... Seine That war

wie eine ganze, sein Wort wie eine angefangene _Feldschlacht_. Er

war eine der gewaltigen Seelen, die wie gewisse Bäume nur im Sturme

blühen. Sein grosses, _wunderreiches_ Leben kam mir immer vor wie ein

_Heldengedicht_ mit seinen Kämpfen und seinem endlichen Sieg«.

Man fühlt um so stärker die Natur des Redners aus dieser so einseitigen

Charakteristik des vielseitigen Gegenstandes heraus, wenn man bemerkt,

dass Tegnér hier Grundbestimmungen gegeben hat, die er einige Jahre

später mit leicht veränderten Eigenschaften fast Wort für Wort auf eine

von Luther so verschiedene Persönlichkeit wie König Gustav III. von

Schweden anwenden kann. Es bedarf kaum eines Beweises, dass es zwischen

dem derben sächsischen Reformator und dem theatralischen, gallisirten

und ungläubigen Monarchen kein anderes Band gab, als das, welches

Tegnér's Bewunderung für beide schuf. Tegnér sagt von Gustav: »Er

hatte in seinem Wesen nicht nur etwas Grosses, sondern zugleich etwas

_Ritterliches_; die hohe _Heldenkraft_ zeigte sich bei ihm nicht mit

Schild und Schwert, sondern im leichtesten Gewande der Anmuth. Er war

ein grosses _romantisches Heldengedicht_ mit dessen _Abenteuern_ und

Verzauberungen, aber zugleich mit den zärtlichsten Ergüssen des Herzens

und den üppigsten Spielen der Freude«.

Grösse, Kraft und abenteuerliche Romantik sind also die gemeinsamen

Grundbestimmungen für Luther und Gustav; beide sind sie Ritter, und

beider Leben kommt Tegnér wie ein romantisches Heldengedicht vor. Was

konnte er anderes und mehr über _Frithiof_ sagen; was hat er anderes

in Wirklichkeit darüber gesagt, als er in seiner Selbstcharakteristik

auf das Lebensfrische, Trotzige, Uebermüthige dieses Helden und dieses

Heldengedichtes hinwies!

Hier haben wir also die tiefste, festeste Grundlage, auf welcher seine

Vorstellungen vom heroischen Ideale sich allmälig ablagern.

Es finden sich einige jugendlich unschuldige Oden aus dem sechzehnten

Jahre Tegnér's, bei Gelegenheit des Gerüchtes von Bonaparte's Tod in

Aegypten verfasst. Er verherrlicht in ihnen Bonaparte als den Helden

der Freiheit, dessen Ehre nicht durch Blut und Thränen erkauft ist,

der aber Aufklärung und Glückseligkeit der ganzen Welt bringen wird.

Es ist ein Echo der Refrains der Humanitätsperiode, das von diesen

Kinderlippen klingt. Sie rufen Napoleon ein kategorisches: »Lebe für

die Menschheit oder falle!« zu. Der erwachsene Mann denkt darüber

anders. In der grossen religiös-politisch-litterarischen Reaction

gegen das Aufklärungszeitalter war die anti-gallische Hauptströmung,

die Walter Scott und Oehlenschläger gewann, Tegnér völlig zuwider.

Die Reaction schlug aber eine ästhetische Saite an, die mit seinem

Naturell übereinstimmte. Das war ihre Geringschätzung des Nutzens

als Massstab für den Werth der That. Die auf die Spitze getriebene

Nützlichkeitslehre und die damit verbundene Menschenliebe hatte sich

ja gegen den Begriff des Ritterlichen und Abenteuerlichen gewandt.

»Der alte, ritterliche Traum«, sagt Tegnér, »von der Ehre der Völker

wurde entweder geradeaus für ein Hirngespinnst erklärt, oder Ehre und

ökonomischer Wohlstand als identisch betrachtet. In der Geschichte

wurde alles wie in einem Geschäftsbureau nach dem, was es eintrug,

berechnet, und ein Spinnhaus oder eine Dreschmaschine höher geschätzt,

als Alexander's abenteuerlicher Zug nach Indien oder die unnützen Siege

Karl's XII.«.

Er übertreibt nicht; der arme Alexander der Grosse war in Schweden

von einem begeisterten Aufklärer weit unter jenen Wohlthäter

der Menschheit gestellt worden, der die billige und nahrhafte

Braunschweiger Mumme erfand. Die jugendliche Vorstellung Tegnér's vom

tugendhaften, nützlichen Helden wurde jetzt polemisch geändert und in

Uebereinstimmung gebracht mit der Einsprache der ganzen romantischen

Geistesrichtung gegen die philiströse Sorge für menschliches

Wohl als eine Hauptsache. Die moralische Betrachtung musste der

romantisch-metaphysischen Vergötterung des Schicksalshelden weichen.

Der Weltgeist allein war verantwortlich.

Was doch schmäht ihr mich ohn' Ende,

Ihr, des Augenblickes Scharen,

Willenlos, der Kraft beraubt?

Fangt den Schmetterling behende,

Aber lasst den Adler fahren

Frei um seiner Berge Haupt!

Fragt der Donner, hergeschicket,

Fragt der Sturmwind, dessen Sausen

Rings die Erde hat gehört,

Ob auch Lilien sind zerknicket,

Ob im grünen Hain das Brausen

Auch ein liebend Paar gestört?

So heisst es im Gedicht »Der Held« (Mohnike's Uebersetzung) 1813.

Diese Ansicht ist zwar weit entfernt, die endgültige Tegnér's zu

sein. Gewohnt, wie er war, zum Persönlichen wie zur höchsten Form

des Daseins emporzusehen, konnte er nur gelegentlich und halbwegs

aus Trotz sich pantheistisch ausdrücken wie hier. Und als ein

bewusst reflectirender Geist war er eher geneigt, an das Unbewusste

nicht zu glauben als es zu überschätzen; so hat er z. B. eine Menge

polemischer Ausfälle gegen die Lehre von einer blinden poetischen

Inspiration gerichtet; so tiefe Wurzel hatte aber die Vorliebe für

ein kriegerisches, sturm- und donnerartiges Vorwärtsstürmen in seinem

Gemüth geschlagen, dass er nicht davor zurückscheute, ihr jenen

verwegenen Ausdruck zu geben.

Noch stärker als in den verschiedenen Gedichten zur Ehre Napoleons

spricht sich die Verachtung der materiellen Ausbeute als Resultat der

Heldenthaten im Gedichte »Alexander am Hydaspes« aus. Tegnér hat den

Augenblick gewählt, als die erschöpften und ängstlichen Truppen den

grossen Alexander anrufen, sie nicht tiefer in Asien hineinzuführen,

sondern den Heereszug zurück nach der Heimath zu leiten. Der

König antwortet höhnend: »Glaubt Ihr, dass ich als Jüngling von

Macedoniens Gebirgen herunterstieg, um Euch Gold und Purpurgewänder

zu verschaffen? Ehre such' ich, nur Ehre und weiter nichts!« -- eine

Antwort, die an Schärfe und Präcision nichts zu wünschen übrig lässt.

Die Geringschätzung von Menschenleben und Menschenglück wird bei dem

hochbegabten und unverzagten Gewaltherrscher als unbedingt berechtigt

dargestellt.

Daher begreift man leicht, dass Karl XII., die zugleich verrückteste

und imposanteste Gestalt unter den Königen Schwedens, ein Held ohne

Fehl für Tegnér werden konnte. Er legt ihm kaum zur Last, dass er

mit all' seinen glänzenden Eigenschaften Schweden so tief von dessen

europäischer Grossmachtshöhe hinabstürzte, dass es sich nie wieder

zu erheben vermocht hat. Es war kein Zufall, dass Tegnér unter allen

schwedischen Dichtern derjenige wurde, welcher das schöne Gedicht

über den König schrieb, das, obwohl nur als Gelegenheitsgedicht

verfasst, der Nationalgesang Schwedens geblieben ist. Das unnütze

Sich-in-Gefahren-stürzen lockte immer seine Phantasie; die

Halsstarrigkeit, die, mit dem Blicke auf ein selbstgeschriebenes

Gesetzbuch der Ehre geheftet, klug zu handeln verachtet, war in seinen

Augen kaum ein Fehler, und die Gleichgültigkeit dafür, ob die That zum

Siege oder zum Verderben führe, wenn sie nur leuchtet und lärmt, nach

seiner Vorstellung eher eine Tugend:

Nordens Kraft ist Trotz, und Fallen

Gilt als Siegesruhm uns allen

lässt er in seinem Epos »Gerda« den Bischof Absalon sagen.

Die Umsicht des Staatsmannes und des Gesetzgebers begeisterte ihn

nicht: aber er liebte den königlichen Jüngling »vor dessen Wort des

Staatsmanns Netze zerrissen« (Tegnér's »Karl XII.«); die lange voraus

erwogenen Pläne des Feldherrn schienen ihm nicht das rechte Zeugniss

des kriegerischen Genies; aber er bewunderte über alle Massen die

augenblickliche Eingebung auf dem Schlachtfelde und den ungestümen

Muth, der ihr folgt.

Man sieht es, wo Tegnér eine von Karl XII. so verschiedene und ihm so

überlegene Grösse wie den Retter des Protestantismus, Gustav Adolf,

schildert. Was er an ihm preist, sind nicht so sehr seine Verdienste

als Politiker und Heerführer, als vielmehr die Eigenschaften, die ihn

so viel wie möglich in Eine Reihe mit einem Soldatengeneral wie Karl

XII. stellen. Er verweilt mit Begeisterung bei »den plötzlichen und

blitzartigen Einfällen auf dem Schlachtfelde«, die ihn »wie jedes

andere kriegerische Genie« auszeichneten. Er lobt Gustav, dass er

die Gefahr um ihrer selbst wegen liebte, und sich freute, mit dem

Tode zu spielen. Kurz, er hält den engen altnordischen Massstab der

Männlichkeit fest und strebt ihn sogar in den Fällen anzulegen, wo er

von der wirklichen Grösse weit überragt wird. Er betrachtet es z. B.

halbwegs als schmählich für Wallenstein, dass er (aus guten Gründen)

der Schlacht auswich, die Gustav, »sein ritterlicher Gegner« ihm bei

Nürnberg anbot.

Was nun diesem Tegnér'schen Ideale die letzte Retouche gibt, das

ist die Offenheit, die er von seinem Helden verlangt. Seine eigene,

ehrliche und derbe Natur spiegelt sich darin ab. Von Wallenstein sagt

er, dass man ihn einen grossen Mann genannt haben würde, »wenn er edel

und _offen_ gewesen wäre«. Edelmuth ist nicht genug, Offenheit wird

nicht weniger gefordert. Die alten nordischen Berserker warfen in ihrer

kriegerischen Hitze die Schilder auf den Rücken; Tegnér findet an

dieser Kampfesweise so viel Gefallen, dass er sie auch auf das geistige

Feld gern überführt sieht. Ja, die Offenheit scheint ihm sogar eine

Art Bürgschaft für die edle Denkweise und liegt ihm mehr am Herzen als

jene; denn in der herabsetzenden Charakteristik, die er von Wallenstein

gibt, betont er am stärksten sein düsteres, zugeknöpftes Wesen, ohne

ihm eigentlich unedle Züge vorzuwerfen. Ihm gegenüber stellt er dann

Gustav Adolf auf als die lichte und freimüthige Natur, mit einer

Offenheit ausgestattet, die unzweifelhafter bei Tegnér als bei dem in

der Regel verschlossenen und wenig zugänglichen König war.

So empfängt jede Gestalt, die Tegnér besingt oder schildert, einen

kleinen Druck, der sie in die Form des ihm vorschwebenden Heldenideals

hineinpresst.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 78 / 110 题