I.

Esaias Tegnér stammt, wenige Generationen zurück, sowohl väterlicher-

wie mütterlicherseits von schwedischen Bauern ab. Wie so viele

andere hervorragende Talente des Nordens, leitet er seinen Ursprung

vom Bauern durch den Pfarrer her. Dies geschieht gewöhnlich in

folgender Weise: der Grossvater pflügt mit eigener Hand seinen Acker,

der Sohn zeigt Leselust und wird durch Entbehrungen der Eltern und

Unterstützung guter Leute so weit gebracht, dass er Theologie studiren

kann; denn der Pfarrer war Jahrhunderte lang dem Bauern unbedingt der

Vertreter des gelehrten Standes. In diesem Sohne wird die kräftige,

uncultivirte Bauernnatur der ersten groben Behauung unterworfen; der

Prediger pflügt nicht mehr selbst seinen Acker, obwohl er den Anbau

noch beaufsichtigt; der Prediger denkt schon, obwohl er seine letzten

Resultate nicht durch den Gedanken erhält. Im Enkel oder Urenkel ist

endlich der ursprüngliche Naturgrund so verfeinert, dass daraus das

wissenschaftliche, technische oder poetische Talent hervorgeht. Ebenso

hier. Der Vater Tegnér's war Pfarrer und seine Mutter Pfarrerstochter,

und die beiden Geistlichen, von denen er stammt, waren Bauernkinder.

Der vornehm klingende Name wurde gebildet, als der Vater Esaias

Lucasson vom kleinen Dorfe Tegnaby in's lateinische Protokoll des

Gymnasiums als Esaias Tegnerus eingeschrieben wurde.

Dem Predigerhause erwuchsen bald Söhne und Töchter, und den 13.

November 1782 wurde in Kyrkerud als fünfter Sohn des Hauses der

später so berühmte Esaias geboren. Er war nur neun Jahre alt, als das

Haus durch den Tod des Vaters aufgelöst wurde. Dieser hinterliess

nichts, und die Wittwe, der die Zukunft ihrer sechs vaterlosen

Kinder Sorgen genug verursachte, ergriff mit Freuden die sich ihr

bietende Gelegenheit, ihren Jüngsten als Schreiber zu einem in der

Nähe wohnenden angesehenen Beamten zu geben. Der Knabe lernte in dem

Bureau des Hardevoigts Branting ausdauernden Fleiss im Schreiben und

Rechnen, und was noch mehr werth war, der kleine Schreiber, der immer

auf den langen Reisen mitgenommen wurde, die sein wackerer Principal

als Steuereinnehmer in die Kreuz und Quer durch Wermland unternahm,

lernte vom Wagen aus die malerische Naturschönheit der heimathlichen

Gegend schon in dem frühen Alter kennen, wo alle Eindrücke am tiefsten

sind. Obschon lebhaft und fleissig bei seiner Arbeit, war er häufig

vergesslich und zerstreut in sein Buch oder in wache Träumereien

verloren, oder er murmelte Monologe auf einsamen Wegen. Er las Poesien,

Geschichtsbücher, vor allem Sagen, fand eine Sammlung solcher, die

»Kämpadater« Björner's, und in dieser die Sage von Frithiof, dem

Kühnen, welche gegen fünfundzwanzig Jahre in seiner Phantasie ruhte,

ehe sie zu keimen begann.

Diese zwei Eindrücke, von Schwedens Natur und von den alten nordischen

Mythen und Sagen, waren nicht getrennt; sie schmolzen zusammen, glitten

in seiner jungen Seele in einander über. Oft war's ihm, wenn er auf

dem Rücksitze von Branting's Wagen zwischen waldbedeckten Bergen,

durch tiefe Thalstrecken, längs der grossen Gewässer fuhr, die das

Land durchströmen, als ob die Natur mit ihm um die Wette phantasirte.

Romantische Landschaften gab's in den langen Sommertagen, wo Abend- und

Morgenröthe in Eins zusammenflossen und der rosige Schimmer niemals vom

Horizonte verschwand; altnordische Landschaften zur Winterzeit, wenn

der Schnee hoch lag, wenn die Bächlein in langen Zapfen von den Felsen

herunterhingen, und es dem Knaben vorkam, als sähe er im Mondlichte,

das auf dem Schnee spielte, den Winter selbst in Person als eine

ungeheuere Göttergestalt mit Schneegestöber im Bart und einem Kranz von

Tannen auf dem Haupte.

»Die schwedische Poesie«, sagt Tegnér irgendwo, »ist und bleibt eine

Naturpoesie im eigentlichen Sinne des Wortes; denn sie liegt in unserer

herrlichen Natur, in unseren Seen, Felsen und Wasserfällen«; und als

er, kurz nach der Vollendung des Frithiof's den Ursprung des Gedichts

erklären will, führt er selbst, ausser seiner frühen vertrauten

Bekanntschaft mit den altnordischen Sagen, den Umstand an, dass er in

einem entlegenen Bergbezirk geboren und erzogen war, »wo die Natur

selbst in grossen, aber wilden Formen dichtet, und wo die alten Götter

noch leibhaftig in den Winternächten umherwandeln«. -- »In solcher

Umgebung«, fährt er fort, »völlig mir selbst überlassen, war es nicht

sonderbar, dass ich eine gewisse Vorliebe für das Ungebändigte und

Colossale fasste, welche mich nie vollständig verlassen hat«.

Und nicht nur den Inhalt, sondern zugleich die Grundform seiner wie

aller schwedischen Poesie hat Tegnér in reiferen Jahren auf Eindrücke

der eigenartigen schwedischen Natur zurückzuführen gesucht. Er erstaunt

über die ausschliessliche Vorliebe für das Lyrische bei seinem Volke,

über dessen Neigung, die ganze poetische Welt in wenige Strophen

zusammenzudrängen, und er fragt nach dem Grunde dieses Charakterzuges.

»Liegt er nicht zum grossen Theile in der Natur selbst, die uns

umgibt? Sind nicht die Gebirge mit ihren Thälern und Strömen die Lyrik

der Natur, wie die mildere Ebene mit ihren ruhigen Flüssen ihr Epos

ist? Viele unserer Berggegenden sind wirkliche Natur-Dithyramben,

und der Mensch dichtet gern in derselben Tonart wie die Natur um ihn

her«. Und, indem er mit Kühnheit die letzten Folgen seines Gedankens

zu ziehen versucht, bricht er in die Fragen aus: »Geht nicht durch

die ganze schwedische Geschichte ein lyrischer Zug? Sind nicht die

hervorragendsten Vertreter unserer Nationaleigenthümlichkeit sowohl in

älterer wie in neuerer Zeit eher lyrische als epische Charaktere? Er

hat augenscheinlich an solche Geister wie Schwedens grösste Könige und

grösste Feldherren und wohl nicht am wenigsten an sich selbst gedacht.

Unzweifelhaft ist es, dass die Natur, die er um sich sah, ihn als

Dichter weit mehr durch ihr phantastisches als durch ihr utilitarisches

Element reizte. Ich sage mit Fleiss »als Dichter«; denn als Mensch

hatte er ein gesundes, praktisches Interesse für die Nahrungsquellen

und den Erwerb seines Volkes. Er hat aber nie das Volk in seinem

Arbeiten mit der Natur als Stoff gemalt. Es kommt in seinen Werken

kein Auftritt vor, der eine Vorstellung von der grossen Grubenarbeit

gäbe, wodurch das schwedische Eisen an den Tag gebracht wird; er hat

nie von dem abgehärteten Bergmann oder dem starken Schmied, nie von

dem rauchenden, funkensprühenden Ofen in dem Schnee ein Bild gegeben;

diese realistischen Eindrücke prallten von seiner romantischen (d. h.

abstrahirenden und symbolisirenden) Phantasie zurück. Er sah nicht

Schweden vor sich als die grosse Werkstatt der Nation; er sah Svea

als Schildjungfrau, und das Eisen war ihm weniger die natürliche

Reichthumsquelle des Landes als der breite Gürtel um ihr Mieder und das

einst so starke Schwert in ihrer Hand.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 76 / 110 题