ESAIAS TEGNÉR.

(1878.)

Der litterarische Ruhm ist in den scandinavischen Ländern meistens ein

rein lokaler. Werke, die in Sprachen geschrieben sind, welche nur von

wenigen Millionen gesprochen und nirgends in der Welt als Cultursprache

gelernt oder gelesen werden, haben selbstverständlich alle Chancen

europäischer und amerikanischer Berühmtheit gegen sich. Die wenigsten

poetischen Erzeugnisse werden überhaupt übersetzt, und für ein Werk,

das sich an den Schönheitssinn wendet, für ein metrisches vor allem,

ist die äussere Sprachform, was der Email dem Zahn ist; sie giebt ihm

gleichzeitig Dauer und Glanz.

Trotzdem gelang es bekanntlich einzelnen nordischen Schriftstellern,

mehr Anerkennung im Auslande als daheim zu finden; sie vertreten

so zu sagen der ganzen Lesewelt gegenüber das geistige Leben ihres

Vaterlandes, und ihr Name schmilzt im allgemeinen Bewusstsein mit

demjenigen ihres Landes zusammen. Einen solchen Ruhm hat unter den

Dichtern Schwedens nur ein einziger, _Esaias Tegnér_ erlangt.

Er ist nicht der grösste, der in schwedischer Sprache gedichtet hat;

vor ihm und nach ihm hat ein anderer, grösserer Dichter in dieser

Sprache Gestalten geformt, welche die seinigen durch Anschaulichkeit

und wirkliches Leben übertreffen. Aber mit _Bellman_ und _Runeberg_

muss er zusammengestellt und genannt werden; und während er ihnen

in dichterischer Phantasie nachsteht, übertrifft er als geistvolle

Persönlichkeit beide.

Drei Mal im Laufe der Geschichte ist es dem schwedischen Volke

gelungen, das Classische und das Volksthümliche in seiner Poesie zu

verschmelzen. Das erste Mal geschah es, als Bellman unter Gustav III.

seine Typen aus dem Volks- und Wirthshausleben Stockholms griff und

»Die Lieder Fredman's« mit mimischer Meisterschaft zur Zither sang.

Zum zweiten Male, als Tegnér, fünfzig Jahre später, zum Heldenleben

des alten Nordens zurückkehrte, den Stoff zu einem Romanzencyclus in

einer alten Sage fand, und Schweden ein Bild von Vikingsleben und

Vikingsliebe im Norden gab, wie sich die Zeitgenossen dies vorstellten.

Zuletzt geschah es endlich vor einem Menschenalter, als -- vierzig

Jahre, nachdem Finnland von seinem alten Mutterlande losgerissen wurde

-- der grösste von Finnlands Söhnen, von seinen Kindheitserinnerungen

inspirirt, den ehrenvollen Kampf seines Vaterlandes gegen russische

Uebermacht, und dadurch den Nationalcharakter des finnischen Volkes,

realistischer malte als man es zu jener Zeit noch gewagt hatte.

Runeberg drängte in einer seelenvollen Bivouacpoesie Kriegsidyllen und

Schlachtfeldtragödien auf den knappsten Raum zusammen.

Weder in einem Drama, noch in einem Epos hat also irgend einer der

drei schwedischen Dichter die Möglichkeit gefunden, sein Bestes zu

geben. Alle drei, so verschieden sie auch sind, haben in derselben

Kunstgattung triumphirt, einem der Form nach lyrischen, dem Inhalte

nach epischen Cyclus kurzer Gedichte. Der erste hat burleske

Dithyramben, der zweite altnordische Heldenlieder, der dritte

moderne Kriegsanekdoten geschrieben; aber alle haben sie diese ihre

vorzüglichsten Poesien in eine zusammenhängende Reihenfolge gebracht,

und nichts als diese drei Liedergruppen gibt der Dichtung Schwedens

weltbürgerlichen Rang.

Unter diesen ist die »Frithiofs-Saga« der berühmteste Cyclus, und wenn

Tegnér ausserhalb Schwedens genannt wird, so ist es ausschliesslich als

Autor dieser Sage; das Werk ist die Nationaldichtung des schwedischen

Volkes geworden, und Uebersetzungen in allen europäischen Sprachen,

darunter achtzehn verschiedene deutsche und achtzehn verschiedene

englische, haben es über die Erde verbreitet. Schweden hat sich

nicht undankbar gegen den Mann gezeigt, dem es so Vieles schuldet.

In Schweden ist zur Ehre Tegnér's so hübsch und warm geredet,

geschrieben und gesungen worden, dass es unmöglich ist, hierin die

Kinder des Landes zu übertreffen. Schweden hat die verklärte Gestalt

des Dichters in übernatürlicher Grösse auf ein mächtiges Fussgestell

gehoben, das, näher betrachtet, ein ganz kleiner Berg von massiven

Lobreden, Lebensbeschreibungen und Festliedern ist, und man hat

Weihrauch über Weihrauch am Fusse der Statue verbrannt. Was ist da

noch für einen Kritiker zu thun? Vielleicht nichts anderes als,

mit schonender Hand das schöne Gesicht ein wenig von dem Russe des

Räucherpulvers zu säubern, damit die Züge menschlicher und lebhafter

hervortreten. Vielleicht auch noch, die Statue sorgfältig mit dem

Originale zu vergleichen und auf eigene Hand eine Federzeichnung

desselben zu entwerfen, wo die Bildsäule sich ungenau oder abstract

zeigt. Jedenfalls bringe ich die angeborne Sympathie des Scandinaven,

die Unparteilichkeit des Nichtschweden, und den ehrlichen Vorsatz

des Kritikers mit, die Gestalt im scharfen Sonnenlichte der Wahrheit

darstellen zu wollen.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 75 / 110 题